Reporterpreis für NDR-SZ-Podcast über Till Lindemann – Von der Justiz gestoppt, von der Jury gefeiert

Der Podcast „Rammstein – Row Zero“ hat den renommierten Reporterpreis gewonnen, obwohl bei allen Folgen Aussagen gerichtlich verboten wurden. Die Jury und Macher vom Reporterpreis stört das nicht.

„Weil wir glauben, dass das gute Beispiel der beste Weg ist zu besserem Journalismus“, lautet der Glaubenssatz des Reporterpreises – eine der wichtigsten Auszeichnungen im deutschen Journalismus. Laut Eigenbeschreibung verfolgt er den Sinn jedes Jahr „vorbildliche“ journalistische Arbeiten zu prämieren. […]

Der Podcast erzählt die „Geschichten junger Frauen, die in das Sex-Rekrutierungssystem eines Weltstars geraten sind“. Ein fraglos gesellschaftlich relevantes Thema zum Machtmissbrauch in der Musikindustrie.

Damit wurde allerdings auch ein Podcast als besonders vorbildlich prämiert, der zunächst komplett aus dem Netz gestellt werden musste, weil massiv Urheberrechte von Rammstein verletzt wurden. Dabei ging es um die Rechte für eingespielte Musik. Dies mag man für die Bewertung journalistischer Leistungen außer Acht lassen können. Doch darüber hinaus setzte Rammstein-Sänger Till Lindemann nicht nur bei einer Folge, sondern bei jeder einzelnen Episode gerichtliche Verbotsverfügungen vor dem Landgericht Hamburg durch. Das Gericht kommt zu dem Schluss, dass in allen Folgen die Persönlichkeitsrechte von Lindemann verletzt wurden. […]

Doch das Landgericht Hamburg verbot wegen unzureichender Belege auch schwerwiegende Vorwürfe gegen Lindemann wegen rechtswidriger Verdachtsberichterstattung: In Folge 1 verbot es den Verdacht, Lindemann habe Sex mit einer Frau ohne ihre Zustimmung gehabt (Beschl. v. 01.08.2024, Az. 324 O 306/24). In Folge 2 untersagte es die Erörterung, Lindemann könnte sexuelle Handlungen an bewusstlosen Frauen vorgenommen haben (Beschl. v. 24.07.2024, Az. 324 O 307/24). In Folge 3 wurde in den Raum gestellt, Till Lindemann könne als DDR-Schwimmer früher gedopt gewesen sein. Ohne Belege, so das Gericht (Beschl. v. 14.08.2024, Az. 324 O 317/24). Und in Folge 4 wurde die diesmal konkrete Verdächtigung untersagt, Lindemann habe sich an einer bewusstlosen Frau ohne deren Zustimmung sexuell vergangen (Beschl. v. 21.08.2024, 324 O 329/24). […]

In der „Podcast-Jury“ entschieden fünf Journalisten: Unter ihnen eine Comedy-Autorin und ein Business Coach, natürlich jeweils mit journalistischem Hintergrund. Außerdem erfolgreiche Podcaster in den Bereichen Interview, Gesundheit und Sex. Eine Jurorin wurde vormals selbst mit dem Podcast-Preis für eine investigative Recherche ausgezeichnet.

Nachfrage bei Jurymitgliedern. War Ihnen der konkrete Inhalt der Verbote bekannt? Wenn ja, warum wurde trotz der Rechtsverletzungen der Preis verliehen? Ist die Rechtmäßigkeit von Berichterstattung kein Qualitätsmerkmal? Die von LTO angefragten Jury-Mitglieder wollen sich zu keiner Frage äußern. Zwei verweisen auf den Ausrichter des Preises, den Verein Reporter:innen-Forum. […]

Man müsse zu dem Eindruck kommen, dass es der Podcast-Jury an kritischer Distanz fehle. Sie habe offenbar weniger die journalistische Qualität, sondern den erzeugten Effekt bewertet. „Sie hat ihren Job nicht gemacht“, so das Jury-Mitglied weiter.

https://www.lto.de/recht/meinung/m/reporterpreis-fuer-ndr-sz-podcast-ueber-till-lindemann