Sylt und die Medien: Erst skandalisieren, dann fragen

Sylt, rechte Gesänge und die Medien: Erst skandalisieren, dann fragen

Wieso hören wir seit Tagen von einem Lokal auf Sylt, das die meisten von uns meiden würden? Über gesellschaftliche Relevanz und mediale Echokammern. […]

So bekam der Vorgang in der 20-Uhr-Tagesschau am 24. Mai Platz fünf mit Sprechertext und Filmbeitrag, inklusive Statements von Bundeskanzler Olaf Scholz und Innenministerin Nancy Faeser. Der Einleitungssatz lautet: „Ein Video mit rassistischen Parolen junger Menschen hat bundesweit Entsetzen und Empörung ausgelöst.“

„Entsetzen und Empörung“ sind hier unbestreitbare Tatsachen. Der Anteil der redaktionellen Medien daran dürfte allerdings nicht unerheblich sein. Denn die besondere Aufmerksamkeit konnte der Vorfall nur bekommen, weil er zunächst als singulär hingestellt wurde. […]

Doch mit etwas journalistischer Souveränität (statt Vermarktungsinteresse) hätte die erste Frage natürlich lauten müssen: Soll es wirklich eine absolute Ausnahme sein, dass irgendwo in Deutschland auf einer Party dieser berüchtigte Slogan gerufen wird?

Denn falls nicht, wäre zu begründen, was nun gerade den Sylter Vorgang so berichtens- und kommentierenswert macht. […]

Dann folgte die Entdeckung, dass es sich tatsächlich nicht um einen Einzelfall gehandelt hat, wobei Formulierungen wie „Nach Sylt: Immer mehr rassistische Parolen im Norden“ trotzdem ein neues Phänomen nahelegen. „Weitere Verdachtsfälle“ bekamen eigene Meldungen. […]

Das „Content-Netzwerk“ Funk von ARD und ZDF hat derweil eine Karte mit „30 Vorfälle, bei denen meist Jugendliche – ähnlich wie auf Sylt – rassistische Parolen zu L’amour Toujours von Gigi D’Agostino rufen“ erstellt. Und das seien „nur die Fälle der letzten acht Monate, über die berichtet wurde“.

Musste man sich zuvor schon fragen, in welcher speziellen Welt Politik-Journalisten leben müssen, dass ihnen erst das Mini-Video von Sylt gezeigt hat, wozu gar nicht nach Nazi aussehende Menschen fähig sind, lässt die Sammlung von längst veröffentlichten Meldungen das plötzliche Medieninteresse noch merkwürdiger erscheinen. Nun jedenfalls ist die Agenda gesetzt. […]

Und selbstverständlich fragen hunderte Mediennutzer nach dem Maßstab für die Relevanz, der hier bei Sylt angelegt wurde, angesichts vieler Delikte, die keine große mediale Aufmerksamkeit bekommen. Aber das ist der Witz des Agenda-Settings: Die Relevanz wird mit der überbordenden Berichterstattung selbst begründet.

https://www.telepolis.de/features/Sylt-rechte-Gesaenge-und-die-Medien-Erst-skandalisieren-dann-fragen-9742021.html