Deutschlandfunk: Der lange Marsch in die Irrelevanz
Deutschlandradio-Intendant Raue: „Wenn jemand viel Herzblut in ein Format setzt, hängt er daran“
Der Deutschlandfunk verändert sein Programm. Es gibt viel Unruhe. Wird das Programm jetzt seicht? Der Intendant Stefan Raue erklärt die Revolution, die keine sein soll.
Seit zwei Jahren basteln die DLF-Hierarchen an einer Programmreform. Zum 30. November soll das Radioprogramm umgestellt werden. Flachfunk statt Fachjournalismus ist dann angesagt. […]
Von der „Durchhörbarkeit“ des Programms war die Rede. Also gefälliges Geplapper statt Information.
Podcasts statt Magazinsendungen – so lautete eine Losung, die damals die Runde machte. Den eigensinnigen Mitarbeitern in den Fachredaktionen müsse man mal zeigen, wo der Hammer hänge, so wurde es kolportiert. Man wolle der Digitalisierung gerecht werden, hieß es. Nur wusste schon damals niemand auf der DLF-Brücke, was unter Digitalisierung genau zu verstehen sei. Der „Redakteur am Mikrofon“, der eine Sendung moderiert, sollte vom „Host“ abgelöst werden. Das sei modern, hieß es damals. Senden am Informationsminimum. […]
Die kontinuierliche Berichterstattung in den Fachmagazinen sorgte bisher dafür, dass die DLF-Fachjournalisten ein Thema über lange Zeit verfolgen und darüber berichten konnten.
Genau diese Fachmagazine werden jetzt abgeschafft. Wo bisher Fachredaktionen für ihre Fachmagazine eigenständig das Programm geplant haben, soll demnächst top-down vom Planungstisch durchregiert werden. […]
Die Konsequenz wird sein: Der – in der Regel freiberuflich arbeitende – Fachjournalist besucht solche wissenschaftlichen Konferenzen nicht mehr regelmäßig. Denn wenn er nicht darüber berichten kann, verdient er auch kein Geld. […]
Mit der beim DLF jetzt angestrebten Podcastisierung unterhält sich ein Host mit seinen Gästen, wie sie sich bei einem bestimmten Thema fühlen. Eine Podcast-Produktion ist zudem in der Regel deutlich billiger als die Produktion eines halbstündigen Fachmagazins. Für das Fachmagazin müssen Fachjournalisten Fachleute interviewen, sie in ihren Labors oder anderen Arbeitsstätten aufsuchen. Auf der Basis werden Manuskripte erstellt. Die werden unter den beteiligten Fachjournalisten diskutiert, oftmals verbessert. Erst dann wird produziert. […]
Der „Redakteur am Mikrofon“ hat also ausgedient, sprich: Viele Fachjournalisten, die bisher Fachsendungen moderiert haben, werden eingespart. Podcasts brauchen keine Fachjournalisten. Angelernte Kräfte tun es da auch. Und die sind billiger. Deshalb fürchten jetzt zahlreiche Kollegen um ihre Zukunft beim Deutschlandfunk. […]
Vom Planungstisch aus kann besser durchregiert werden, was gesendet wird. So bleiben bei dieser Reform viele Fragen unbeantwortet: die nach Auswahlkriterien, die nach journalistischen Standards, die nach der ominösen Digitalisierung, die ja die Reform so nötig macht – angeblich. Mir ist bei allen diesen Veranstaltungen, in vielen Gesprächen vor allen Dingen eines aufgefallen: Wenn ich mit Führungskräften des öffentlich-rechtlichen Hörfunks nicht über Auswahlkriterien, Standards oder Digitalisierungsprozesse diskutieren kann, weil inhaltlich von diesen hochbezahlten Führungskräften nichts kommt, dann kann eine Reform nicht gelingen.
https://www.berliner-zeitung.de/article/deutschlandfunk-der-marsch-in-die-irrelevanz-10272309
