Die Sprache der „Tagesschau“ ist nicht neutral

Alexander Teske: Der Sport ist auf dem Vormarsch. Selbst eine U21-WM, Freundschaftsspiele oder ein Bobweltcup sind der „Tagesschau“ Beiträge wert. Männer-Bundesligaspiele sind Pflicht – sogar Kiel gegen Bochum. Dazu gibt es die Tabelle, auch wenn sie an Spieltag zwei keine Aussagekraft hat. Politisch relevante Nachrichten fallen dafür unter den Tisch. Auch zugunsten der Royals. Hochzeiten, Todesfälle und Geburten nehmen breiten Raum ein. Sogar Krankheiten der Frau des Thronfolgers oder das Buch eines Ex-Prinzen erscheinen berichtenswert. Und wozu? Die Quote ist selbst bei der „Tagesschau“ inzwischen heilig – jeden Morgen werden in der Konferenz als Erstes die Zahlen verlesen. […]

Die Sprache der „Tagesschau“ ist nicht neutral. Bolsonaro, der Ex-Präsident Brasiliens, wurde oft als „rechtsextrem“ bezeichnet, sein Nachfolger Lula da Silva als „links“, was sehr unkonkret ist. Venezuelas linksextremer Präsident Maduro dagegen ist ein „Machthaber“. Bei Italiens Regierungschefin Meloni wird auf den Zusatz postfaschistisch verzichtet. Die FPÖ bekommt dagegen oft ein „rechtspopulistisch“ umgehängt, und ihr Chef Kickl ein „rechtsnational“, manchmal muss es auch ein „rechts“ tun, oder die FPÖ wird als „in Teilen rechtsextrem“ bezeichnet wie sonst die AfD. Besser wäre, solche unpräzisen Bezeichnungen in den Nachrichten ganz wegzulassen. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine ist ein „Angriffskrieg“, gern auch „brutal“ oder „verbrecherisch“. Sind Kriege das nicht immer? Weniger wäre mehr. Eine sachliche Sprache angemessener. Die Mehrheit der Staaten wird undemokratisch regiert. Manchen Präsidenten als Machthaber oder Diktator zu bezeichnen, andern dagegen nicht, wirkt willkürlich. (…)

Expertenunwesen

In vielen Beiträgen und Gesprächen tauchen Experten auf. Doch ihre Auswahl beruht weniger auf ihrer Expertise als auf Erreichbarkeit, Prominenz oder Einfluss. Die Organisationen, bei denen sie angestellt sind, werden selten eingeordnet. So ist die Stiftung Wissenschaft und Politik ein Dauergast. Dass ihre Akteure oft gleichzeitig die Bundesregierung beraten, bleibt meist unerwähnt. Zudem werden Experten, die Meinungen vertreten, die den Ansichten der Redakteure widersprechen, nicht mehr eingeladen.

https://taz.de/Probleme-der-Tagesschau/!6059754/