Nein, der MDR muss nicht still sein, wenn die AfD ihn abschaffen will
Der Sender wollte viel zu lange ignorieren, dass es bei dieser Landtagswahl auch um seine eigene Existenz geht. Jetzt kämpft er, mit wenig subtilen Mitteln. Aber zu Recht. […]
Es ist eine heikle Aktion, insbesondere in einem Wahlkampf. Der MDR ist zur Neutralität verpflichtet. Er riskiert, den Eindruck zu erwecken, gegen die AfD zu kämpfen, was nicht zuletzt ein Vorwurf ist, den ihm die AfD und ihre Anhänger machen.
Aber der MDR kann nicht neutral sein, was seine eigene Existenz angeht. Er hat lange versucht zu ignorieren, in welchem Maße es bei dieser Landtagswahl um ihn selbst geht. Er hat sich selbst ausgeblendet, um sich nicht angreifbar zu machen. Aber das ließ sich nicht weiter durchhalten – dafür ist das Szenario einer AfD-Regierung inzwischen zu realistisch.
Dass das eine Gratwanderung ist, ist den Verantwortlichen bewusst. Es gehe nicht darum, den Menschen zu sagen, was sie wählen sollen, sagte Tim Herden, Direktor des MDR-Landesfunkhauses Sachsen-Anhalt, am Dienstag im eigenen Programm. Aber es brauche „aufgeklärte Wähler“. Vielen sei gar nicht bewusst, was auf dem Spiel steht.
Man kann darin eine bittere Ironie sehen: Wenn die Wähler nicht gut genug informiert sind über eine AfD-Forderung und ihre Konsequenzen, ist das wohl auch ein Versäumnis des MDR. Diese Information zu leisten, auch in eigener Sache, ist nicht nur legitim, sondern selbstverständlich der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Man darf an diese Informationen in eigener Sache besondere Ansprüche stellen an Genauigkeit und Fairness; aber eigentlich sind das nur normale Anforderungen an jede Berichterstattung.
https://www.sueddeutsche.de/meinung/mdr-sachsen-anhalt-afd-wahl-kommentar-li.3537344
So schnell wird der MDR in Sachsen-Anhalt nicht untergehen. Warum nicht?
Und da wollte diese Anstalt doch kein Schwarzfunk mehr sein, der im Geruch einer maßgeblich von der CDU getragenen Herkunft aus den frühen 1990er-Jahren steht. Nun das: Zu Wochenanfang bleibt beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) in Sachsen-Anhalt der Bildschirm kurz schwarz. […]
Wer so deutlich wird, hat den Hochstand der Überparteilichkeit verlassen, um in die Niederungen des Wahlkampfs hinab- oder abzusteigen? Ein Sender wird um seiner selbst willen zur Partei und betreibt Wahlbeeinflussung nach der Devise, gegen die Absicht der AfD, den MDR-Staatsvertrag zu kündigen, ist manches Mittel recht. Muss man aber so aus der Rolle fallen, um in der angestammten Rolle zu bleiben?
Vor allem, ist die Lage so dramatisch, dass öffentlich-rechtliches Fernsehen in Mitteldeutschland der Endlichkeit seines Daseins ins schreckgeweitete Auge blickt? […]
Es gehört allerdings zu den Paradoxien im Verhältnis zwischen Sender und Land, dass der MDR Sachsen-Anhalt seine prekäre Finanzlage bisher nicht der AfD, sondern einer CDU-geführten Landesregierung verdankt, die sich seit 2020 (!) gegen jedes zugegeben unpopuläre Beitragsplus sperrt und in der Person von Ex-Ministerpräsident Reiner Haseloff ein gestörtes Verhältnis zum MDR gepflegt hat. Wer der AfD Populismus ankreidet, sollte ein Gebaren nicht vergessen, dem Macht- vor Sendererhalt geht.
