Öffentlich-rechtliches Kulturradio: Der Abholservice
Über die Reform des Kultursenders Bayern 2 wurde vorab heftig gestritten. Was ist da eigentlich inzwischen zu hören? Eine Programmbeobachtung. […]
Zehn Monate ist es nun her, dass die Kulturwelle des Bayerischen Rundfunks generalüberholt wurde. Zuvor hatte es erhebliche Kritik an den Reformplänen gegeben, intern wie extern. Aufgrund der angestrebten Regionalisierung und Popularisierung der Berichterstattung fürchteten Teile der Redaktion ebenso wie Kulturinteressierte und Künstler eine Verflachung des kulturellen Anspruchs. Die Befürworter argumentierten hingegen, es gebe zu viel Dünkel im Programm. Das müsse sich auch an jene wenden, die kein Abo an den Münchner Kammerspielen haben und sich im Kino eher nicht die Filme ansehen, die bei der Berlinale die Bären gewinnen. Jünger, niederschwelliger, unterhaltsamer solle Bayern 2 werden. Als regelmäßiger Hörer stellt man seither fest, dass diese Maßgabe im Kulturradio-Programm des BR verlässlich umgesetzt wird. Und dass sich das nicht nur positiv auswirkt. […]
Die Frage ist, wie groß die Zugeständnisse sein dürfen in einem Medium, das zwar unter Rechtfertigungszwang steht, aber eben nicht nur in Hinsicht auf Masse, sondern auch auf Klasse, und dessen wirtschaftliches Überleben nicht allein von Hörerzahlen abhängt. Und zu dessen politisch formuliertem Kernauftrag die Kultur an erster Stelle gehört. […]
Das Publikum wird jetzt jedenfalls abgeholt, wie es auf Managerdeutsch heißt. Bayern 2, muss man leider sagen, hat sich in einen besonders fleißigen Abholservice verwandelt. Kultur findet seither kaum noch gebündelt in erkennbaren Sendungen statt. Es gibt sie vor allem über den Tag verteilt in verschiedenen Magazinen, in denen auch etliche andere Themen verhandelt werden. Der Bayerische Rundfunk verspricht sich davon, mehr Menschen mit Kultur in Kontakt zu bringen – auch jene, die früher bei den reinen Kulturmagazinen abgeschaltet haben. Die will der Sender sichtlich nicht verschrecken, weshalb die Kultur, wenn sie in den Magazinflächen vorkommt, speziell in den Anmoderationen oft einen neuen, ziemlichen simplen Sound hat. […]
Die ständigen Selbsterklärungen von Künstlerinnen und Künstlern zu ihrem Werk sind eine bemerkenswerte Auffälligkeit im neuen Bayern-2-Programm. In Vorberichten ohnehin, die es zuhauf gibt, aber sogar in Kritiken. Kaum eine Ausstellung, ein Festival oder ein Film, zu dem nicht der Kurator, die Leiterin oder der Regisseur ihre jeweiligen Absichten erklären dürfen. Die Grenze zwischen Kulturjournalismus und Kultur-PR wird so ziemlich fließend. […]
Mitunter erscheint es relevanter, wo etwas stattfindet, als was eigentlich veranstaltet wird. Der regionale Proporz ist zu einem wesentlichen Maßstab bei der Programmauswahl geworden. Und wer in Mundart rappt, kann sich sicher sein, über kurz oder lang als Gast in die einstündige Gesprächssendung „Eins zu Eins. Der Talk“ eingeladen zu werden, im Wechsel mit Schriftstellerinnen und Felskletterern. […]
Die Kultur dient bei Bayern 2, dieses Bild verfestigt sich beim Zuhören, in erster Linie der Unterhaltung und nicht der Reibung. Sie hat wenige eigene Sendeplätze wie das „Büchermagazin“ am Montag, das „Bayerische Feuilleton“ am Samstagmorgen oder das Hörspiel am Wochenende. Ansonsten wird sie immer wieder einmal hereingebeten ins Programm, dann aber auch wieder hinauskomplimentiert.
