Potsdamer „Geheimtreffen“: Der Correctiv-Bericht verdient nicht Preise, sondern Kritik – und endlich eine echte Debatte
Potsdamer „Geheimtreffen“: Der Correctiv-Bericht verdient nicht Preise, sondern Kritik – und endlich eine echte Debatte
Eine renommierte Auszeichnung, einhellige Begeisterung, Standing Ovations: Mitte Juli feierte die Elite der deutschen Investigativjournalisten beim NDR in Hamburg die Rechercheplattform Correctiv. Das Team erhielt dort den „Leuchtturm“-Preis des Netzwerk Recherche für seine Reportage „Geheimplan gegen Deutschland“. Der Bericht über ein Treffen von Konservativen und Rechtsextremen in Potsdam hatte Anfang des Jahres wochenlange Proteste von Hunderttausenden Menschen gegen die dort angeblich geschmiedeten Pläne ausgelöst.
Kritische Fragen gab es auch auf einer Podiumsdiskussion nach der Preisverleihung keine. […]
Richtig ist: Der Text ist misslungen, das Verhalten von Correctiv nach der Veröffentlichung fragwürdig und die Berichterstattung vieler Medien eine Katastrophe. […]
Die kritische Auseinandersetzung mit dem Bericht darf daher nicht länger konservativen und vor allem rechten Medien überlassen werden. Und das beginnt angesichts des „Leuchtturm“-Preises und weiterer zu erwartender Auszeichnungen mit der Feststellung, wie schwach er journalistisch ist. Er unterstellt, statt zu belegen, er raunt, statt zu erklären, er interpretiert, statt zu dokumentieren.
Und das Schlimmste: Correctiv erzeugt eine systematische Unsicherheit über das, was eigentlich die Aussage des Artikels ist und worin der Skandal von Potsdam besteht. [..]
Die Reporter von Correctiv versprechen zwar, die Zusammenkunft in Potsdam „genau zu rekonstruieren“. Nur ist kaum etwas an dem Text genau. Zu den vielen Unsicherheiten und Ungenauigkeiten gehören auch die Spekulationen, was Correctiv eigentlich wirklich über das Treffen weiß. […]
Die Recherche fasst also im Ergebnis etwas zusammen, was von den vorherigen Ausführungen nicht getragen ist.
Und es wird noch verrückter: In einem der zahlreichen Gerichtsverfahren hat Correctiv sogar klargestellt, dass es „zutreffend“ sei, dass „die Teilnehmer nicht über eine rechts-, insbesondere grundgesetzwidrige Verbringung oder Deportation deutscher Staatsbürger gesprochen haben“.
Wer von den vielen Leuten, die alarmiert durch die Berichterstattung auf die Straße gegangen sind, weiß, dass Correctiv gar nicht über „Deportationspläne“ berichtet haben will? Wer von ihnen weiß, dass Correctiv vor Gericht sogar ausdrücklich festgestellt hat, solche Pläne seien nicht besprochen worden? […]
Auch in der Begründung für die Verleihung des „Leuchtturm“-Preises heißt es, Correctiv habe herausgefunden, dass Sellner auf dem Treffen „über eine massenhafte Ausweisung von Menschen aus Deutschland, basierend auf rassistischen Kriterien“ gesprochen habe. Doch im Tatsachenteil des Correctiv-Berichts findet sich kein Zitat von Sellner, in dem er von rassistischen Kriterien, Hautfarbe oder Ähnlichem spricht.
