Produktionsallianz warnt vor Folgen für Mitteldeutschland durch Aussetzung der Neuproduktion von „Tatort“ und „Polizeiruf 110“
Zu Beginn der Woche hatte der MDR angekündigt, infolge der ausbleibenden Erhöhung der Rundfunkgebühren u.a. in den kommenden drei Jahren auf Neuproduktionen der Krimireihen „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ zu verzichten. Michelle Müntefering, CEO und Sprecherin des Gesamtvorstands der Produktionsallianz bezeichnete diese Entscheidung als falsch und forderte den MDR auf, diese noch einmal zu überdenken. […]
Die Produktionsallianz sieht die geplante Aussetzung von Tatort Dresden und Polizeiruf 110 mit Sorge. Denn: Diese Formate sind herausragende Beispiele des öffentlich-rechtlichen Programms, die seit Jahrzehnten nicht nur für kreative Vielfalt, sondern auch für Beschäftigung und regionale Wertschöpfung in der Region sorgen. Sie bilden dazu Lebensrealitäten ab und stoßen Debatten an. Gerade darin liegt ihre besondere gesellschaftliche Bedeutung.
Für uns ist klar: Menschen zu erreichen über Kopf und Herz ist Teil des öffentlich-rechtlichen Auftrags, dazu gehören Information wie gute Unterhaltung gleichermaßen auch in Zukunft: Reformfähigkeit ist notwendig – der ÖRR darf dabei aber nicht unter die Räder kommen.
Für Mitteldeutschland wären die Folgen eines Produktionsstopps zudem erheblich, denn sie bedeuten den Abbau von Produktionsstrukturen und den dauerhaften Verlust tausender Arbeitsplätze. Zahlreiche mittelständische Unternehmen in der Region wären davon betroffen. Die geplante Aussetzung ist auch deswegen die falsche Entscheidung.
Ein Dominoeffekt auf weitere fiktionale Formate muss verhindert werden. Die Produktionsallianz erwartet, dass diese Entscheidung überdacht wird – und im Gespräch mit den Produzentinnen und Produzenten tragfähige Lösungen entwickelt werden.“
Verband der Agenturen besorgt über MDR-Kürzungen bei „Tatort” und „Polizeiruf 110”
Auch der Verband der Agenturen (VdA) beobachtet wie schon der BVR, der BFFS oder die Produktionsallianz die angekündigten Kürzungen des Mitteldeutschen Rundfunks mit großer Sorge.
In einem Statement am Freitag heißt es vom Vorstand des Verbandes der Agenturen (VdA) zu den angekündigten MDR-Kürzungen bei den Krimi-Reihen „Tatort” und „Polizeiruf 110”: „Die geplante dreijährige Aussetzung neuer Produktionen von ‚Tatort‘ und ‚Polizeiruf 110‘ ist weit mehr als eine einzelne Programmentscheidung.”
Sie treffe den Produktionsstandort Deutschland in einer ohnehin angespannten Lage der Film- und Fernsehbranche massiv. „Betroffen sind Schauspieler*innen, Regisseur*innen, Autorinnen und Autoren sowie zahlreiche weitere Gewerke vor und hinter der Kamera. Für den VdA ist klar: Hier wird nicht an der Peripherie gespart, sondern im Kern des kulturellen Auftrags.” […]
Besonders problematisch sei dabei, dass der private Produktionsmarkt die entstehenden Lücken derzeit nicht auffangen kann. „Weder private Sender noch internationale Streamingplattformen werden kurzfristig jene kulturellen und wirtschaftlichen Strukturen ersetzen können, die durch den Rückzug öffentlich-rechtlicher Produktionen verloren gehen”, schreibt der Vorstand um Ulrich Meinhard (Vorsitzender), Marcel Fechenbach und Tim Koller. […] „Wer heute die fiktionale Produktion schwächt, spart nicht an Unterhaltung. Geschwächt wird ein Teil der kulturellen Identität, der demokratischen Substanz und der Wirtschaftskraft der Regionen und unseres Landes.“
Hinweis: Während die Beitragseinnahmen der ARD von 2021 bis 2025 insgesamt um 170 Mio. Euro gestiegen sind, sind es beim MDR ca. 4 Mio. Euro.
Michael Hanfeld: Was da strukturell im Argen liegt, kann man gerade beim Mitteldeutschen Rundfunk erkennen. Der Sender produziert drei Jahre lang keine neuen „Tatort“- und „Polizeiruf“-Filme mehr mit der Begründung, wegen der ausgebliebenen Erhöhung des Rundfunkbeitrags fehle das Geld. Wäre der Beitrag zum 1. Januar 2025 um 60 Cent erhöht worden, hätte der MDR bei einem Etat von 616 Millionen Euro knapp 20 Millionen mehr in der Tasche. Gespart werden mussten beim MDR aber schon vom Jahr 2024 an mehr als 160 Millionen. Der Sender hat in dem Vertrauen, dass sich das Geld der Beitragszahler schon vermehrt, über seine Verhältnisse gelebt (und ist keine Ausnahme). Vielleicht fällt das auch in Karlsruhe auf.
