Hager & Himmler auf der re:publica: „Wir sind Systemmedien – wir sind Medien des demokratischen Systems“

Wie behauptet sich öffentlich-rechtlicher Rundfunk in einer Welt, in der Netflix Streaming definiert, TikTok Aufmerksamkeit organisiert und Google entscheidet, was sichtbar wird? Darüber diskutierten der ARD-Vorsitzende und HR-Intendant Florian Hager und ZDF-Intendant Norbert Himmler bei der re:publica. […]

Beide öffentlich-rechtlichen Häuser sehen sich längst nicht mehr primär als klassische Fernsehsender. Vielmehr begreifen sie sich als Teil einer digitalen Infrastruktur für Öffentlichkeit und demokratischen Diskurs. […]

Besonders intensiv diskutierten Hager und Himmler die Rolle globaler Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube bei der Herstellung unserer digitalen Öffentlichkeit. Hager und Himmler sehen diese Plattformen durchaus kritisch – gleichzeitig halten sie eine Präsenz dort für unverzichtbar. […]

Es ist ein Dilemma: Einerseits kritisieren Beide die Mechanismen sozialer Plattformen, andererseits sind sie auf diese Plattformen angewiesen, um noch junge Zielgruppen zu erreichen. […]

Hager formulierte es ähnlich: „Unser Auftrag ist nicht zu sagen: Ihr gehört nicht dazu.“ Deshalb müsse man auch dort präsent sein, wo Meinungsbildung stattfinde, selbst wenn diese Räume problematisch seien. Man arbeitet gemeinsam aber auch schon länger an einem „Public Open Space“ – einer öffentlich-rechtlichen Plattformlogik als Gegengewicht zu kommerziellen Tech-Angeboten. ARD & ZDF wollen damit keineswegs ein eigenes Social Network etablieren, viel mehr geht es um Tools, etwa zur Abstimmung und Diskussion auf den eigenen Websites, mit denen der Diskurs im Netz vom Schwarz/Weiß-Denken wegkommen soll. […]

Die AfD sympathisiert mindestens in Sachsen-Anhalt mit dem Gedanken, nach einem Wahlerfolg den Rundfunkstaatsvertrag zu kündigen. Dies komme einer Kampagne zum Rechtsbruch gleich, erklärt der ARD-Vorsitzende und HR-Intendant Florian Hager. […]

„Wir beschäftigen uns jeden Tag damit, ob wir ausreichend ländliche Räume abbilden oder bestimmte soziale Gruppen ausreichend vorkommen“, so ZDF-Intendant Himmler. […]

Für ZDF-Intendant Himmler ist deshalb Medienkompetenz eine der zentralen Zukunftsaufgaben. „Wir müssen den Menschen wieder helfen, Qualitätsjournalismus zu erkennen“, sagte er. Öffentlich-rechtliche Medien müssten stärker erklären, wie Journalismus funktioniere und warum bestimmte Informationen relevant seien.

Irgendwie war das auch der Kern der Diskussion: ARD & ZDF sehen sich längst nicht mehr als Sender bzw. Rundfunk – sondern als Institutionen, die Orientierung schaffen wollen – in einer digitalen Öffentlichkeit, die zunehmend unübersichtlich geworden ist. Und so verteidigen beide Häuser ihre Rolle inzwischen nicht mehr primär mit Reichweiten, sondern mit dem Erhalt der Demokratie und der dafür nötigen Räume. Dass sie dies betonen wollen, ist begrüßenswert. Dass sie dies betonen müssen, besorgniserregend.

https://www.dwdl.de/interviews/106541/wir_sind_systemmedien__wir_sind_medien_des_demokratischen_systems/