Deutschlandfunk: Die große Reform

Es gab Protest und Angst vor Qualitätsverlust: Nun hat der Deutschlandfunk erklärt, wie sich das Radioprogramm ab Ende November anhören wird. Die Veränderungen im Detail. […]

Susanne Schwarzbach, seit drei Monaten Chefredakteurin des Deutschlandfunks, davor beim WDR tätig und also in die Entwicklung der Reformpläne inhaltlich und strukturell gar nicht involviert, zeigte sich irritiert über die vielen Bedenken, als die Pläne für den neuen Deutschlandfunk nun bei einer Pressekonferenz im Berliner Funkhaus detailliert vorgestellt worden sind. In der ganzen Debatte, so Schwarzbach, „wird zu viel darüber geredet, was vom Bisherigen erhalten bleibt, wo man es künftig denn überhaupt noch findet und was eventuell vielleicht komplett wegfällt“. Wonach jedoch viel zu selten gefragt werde, sei: „Was kommt hinzu, was wird ein Gewinn, eine Verbesserung sein?“ Bettina Schmieding, die den Bereich Wissen und Dialog im Deutschlandfunk verantwortet, berichtete, dass die Aufbruchstimmung in der Redaktion deutlich verbreiteter sei als die Skepsis. Bei einigen aktuellen Themenkomplexen hätten viele Kolleginnen und Kollegen den Eindruck, dass sie diese im neuen Programmschema besser und vertiefter aufbereiten könnten als aktuell noch. […]

Die „Informationen am Morgen“ verschieben sich um eine Stunde auf dann 6 bis 10 Uhr – die Deutschlandfunk-Hörer starten inzwischen später in den Tag als noch vor ein oder zwei Jahrzehnten. Die „Informationen am Mittag“ bleiben unverändert, die „Informationen am Abend“ beginnen eine Stunde früher, bereits um 17 Uhr. Weil, so die Begründung, dann viele Menschen auf dem Weg von der Arbeit nach Hause sind und sich über das Wichtigste vom Tage informieren können. […]

Eine Erkenntnis, die man beim Deutschlandfunk aus der Hörerforschung gewonnen hat, ist: Nur eine Minderheit des Publikums, weniger als 20 Prozent, schaltet gezielt konkrete Sendungen ein. Die überwiegende Mehrheit hört den Sender dann, wenn sie Zeit dazu hat. […]

„Entscheidend ist, wie viele Hörer wir mit welchen Themen erreichen.“ […] Die 15 „Hintergrund“-Sendeplätze pro Woche verteilen sich auf die Ressorts Wirtschaft/Umwelt (drei), Bildung (zwei), Medien (zwei), Länder und Innenpolitik (drei), Europa/Internationales (zwei), Religion, Sport sowie Politisches Buch/Sachbuch. Tägliche magazinartige Sendungen behalten das Wissen (14.10 Uhr) und die Kultur (15.10 Uhr), um aktuell aus diesen Bereichen berichten zu können. […]

Der Deutschlandfunk hat bisher keine repräsentative Untersuchung vorgelegt, wie sich dies für seine Hörerinnen und Hörer darstellt.

Die Programmdirektorin des Deutschlandradios, Jona Teichmann, hob hervor, dass die Reform nicht aus Spargründen erfolge. Es gehe vielmehr darum, dass der Deutschlandfunk im Digitalen genauso eine wichtige Stimme sein müsse wie im linearen Radio – dies aber noch nicht sei. Es gehe auch nicht darum, das eine gegen das andere auszuspielen, sondern gleichermaßen wichtig zu nehmen. Außerdem stießen Redaktionen in Teilen an ihre Belastungsgrenzen, die Reform müsse auch Entlastung schaffen, zumal absehbar die Zahl der festangestellten Redakteure weiter sinken müsse.

https://www.sueddeutsche.de/medien/deutschlandfunk-programm-reform-oeffentlich-rechtlicher-rundfunk-details-li.3506718

Hinweis I: Es gibt viele Bevölkerungsgruppen, deren morgendlicher Arbeitsbeginn sich zeitlich nicht verschoben hat.

Es gibt viele Bevölkerungsgruppen, die nicht mit dem Auto zwischen 17 und 18 Uhr nach Hause fahren.

Wenn der Deutschlandfunk 2,5 Mio. tägliche Hörerinnen und Hörer hat, schalten also fast 500.000 das Programm täglich zielgerichtet ein.

Die Ergebnisse der Hörerforschung wurden bisher nicht veröffentlicht. In einer internen Untersuchung hatte das befragte Panel 48 Personen.

Hinweis II: Die programmverantwortlichen Reformer sollten den Erfolg der Reform mit ihrer beruflichen Perspektive beim Sender verknüpfen. Mögliche Ziele wären u.a.: steigende Stamm-Nutzerzahlen, zunehmende Zitation durch andere Medien, wachsender Beitrag zur Meinungs- und Willensbildung.