Die Berlinale-Direktorin bleibt

Ein Gerücht und seine Folgen: Die „Bild“-Zeitung behauptete diese Woche in einer Schlagzeile, die Berlinale-Intendantin müsse gehen. Eine dürre Nachricht – Tricia Tuttle bleibt im Amt. Das ist gut so. […]

Hinter der Schlagzeile der „Bild“, die auch einen „Antisemitismusskandal“ sehen wollte, stand eine dürre Nachricht: Weimer, der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, hatte für Donnerstagvormittag zu einer Aufsichtsratssitzung der KBB (Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin) geladen, von der aber schon früh am Tag bekannt wurde, dass von einer Ablösung Tricia Tuttles nicht die Rede sein konnte. Man werde mit der Intendantin weitere Gespräche führen. […]

Die Manifestationen waren so stark, dass niemand mehr behaupten konnte, hier zeige sich ein Flügel (ein linker, ein grüner, ein „versiffter“, wie das geläufigste Hasswort lautet) des Kulturbetriebs. Es war die Filmkultur in Deutschland in ihrer ganzen Vielfalt. […]

Die Kampagnen, die sich schon lange an der Berlinale abarbeiten, stoßen sich in Wahrheit wohl vor allem an der Tatsache, dass mit den fast 300 Filmen jedes Jahr und den über 300.000 Besuchern ein kultureller Raum entsteht, in dem das argumentative Ego-Shooting auf den Plattformen verpufft. Die Berlinale ist, gerade auch unter Tricia Tuttle und ihrem Team, eine eminent bereichernde Kulturveranstaltung und eine Ressource für die Demokratie in Deutschland. Dieser Befund muss für Wolfram Weimer zählen, wenn er nicht Verhältnisse haben will, in denen er sich dann auch eine Nachfolge für Tricia Tuttle von den Brüllmedien vorschreiben lassen muss.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/kino/entlassung-von-berlinale-intendantin-tricia-tuttle-war-ein-geruecht-110845012.html

Weimer hatte für Donnerstagvormittag eine Aufsichtsratssitzung anberaumt, und viele Journalisten waren sich sicher, dass am Ende die Ablösung Tuttles stehen wird. Warum es anders kam, beschreiben Ulrike Knöfel, Hannah Pilarczyk und Tobias Rapp in dem erwähnten „Spiegel“-Artikel:

„Es scheint offensichtlich, dass Weimer mit seinen Plänen gegen eine Wand gelaufen ist. Möglicherweise aus handwerklichen, möglicherweise aus inhaltlichen Gründen: Ist er in die Sitzung gegangen, ohne vorher ausverhandelt zu haben, was er erreichen möchte? Wollte er wirklich im Alleingang eine beliebte und erfolgreiche Festivalchefin hinauswerfen?“

Ist Weimer also ein Kulturkämpfer ohne Handwerk? […]

Wir haben es hier also mit einer Berlinale-Leiterin zu tun, für deren Absetzung es keinen nachvollziehbaren Grund gibt. Wir haben es mit einer mit Verspätung erzeugten Aufmerksamkeit für ein bei einer Filmpremiere entstandenes Foto zu tun. Ein Bild, auf dem Personen zu sehen sind, die einen Dresscode pflegen, der einem Minister, seinen Buddies bei Springer und diversen Springer-Jüngern aus der freien Wildbahn nicht gefällt. Problematisch ist: Die mediale Aufmerksamkeit, die durch all das entsteht, steht in einem auffälligen Missverhältnis zur Berichterstattung über den Krieg gegen die Bevölkerung in Gaza in den vergangenen Monaten.

https://www.mdr.de/altpapier/das-altpapier-4560.html