Pro-israelische Erzählungen dominieren – Verharmlosendes Framing bei tagesschau, ZDF und Deutscher Welle
Zu den Bereichen der Berichterstattung, wo derlei verharmlosendes Framing an der Tagesordnung ist, gehört die über die aktuellen Kriege im Nahen Osten. Qasim Rashid, Journalist, Jurist und mehrmals Kandidat der Demokratischen Partei für Sitze in Kongress und Senat, hat in dem Kontext gerade bei Bluesky auf eine Fehlleistung der „New York Times“ hingewiesen. Während die Zeitung 2022 zur Kriegslage in der Ukraine noch titelte „Russland plant, die von ihm besetzten Gebiete illegal zu annektieren“, ist in einer aktuellen Überschrift über einen nach Rashids Ansicht vergleichbaren Vorgang von „illegalem“ Handeln nicht die Rede. „Wie Israel die Kontrolle über den Südlibanon übernimmt“, lautet sie.
Auf ähnliche Weise gegen journalistische Standards verstießen vor zwei Wochen tagesschau.de und Deutsche Welle mit den Überschriften „Israel will Südlibanon bis zum Litani kontrollieren“ bzw. „Israel will im Libanon Region bis Litani-Fluss kontrollieren“. In den Überschriften hätte deutlich werden müssen, dass es sich hier um die Besetzung eines Teils eines souveränen Landes handelt. Statt dessen wurde die Perspektive der israelischen Armee übernommen.
Ein weiteres Beispiel für irreführendes Framing via Headline lieferte kürzlich das ZDF bei einem Beitrag über eine viel kommentierte Gesetzesverabschiedung in der Knesset. „Todesstrafe für Terroristen“ lautete sie – obwohl die, zurückhaltend formuliert: Besonderheit des Gesetzes ja darin besteht, dass es nur für eine ethnische Gruppe gilt, nämlich die Palästinenser. Das Team von „de:presse“ hat dies bei Substack aufgegriffen.
https://www.mdr.de/altpapier/das-altpapier-zu-viele-fronten-100.html
Welche strukturellen Schwächen die internationale und deutsche Berichterstattung über Palästinenser hat – das ist Thema gleich mehrerer Artikel in der gerade erschienenen Frühjahrsausgabe des linken Vierteljahresmagazins „Jacobin“. Der Themenschwerpunkt der Nummer lautet schlicht „Palästina“.
https://www.mdr.de/altpapier/das-altpapier-zu-viele-fronten-100.html
Scharfschützen haben saubere Hände
Leben und sterben als Palästinenser: Von Siedlern vertrieben, von Soldaten erschossen, von Journalisten entmenschlicht, darf er nur ein Terrorist sein oder ein perfektes Opfer, das keinen Widerstand leistet.
https://jacobin.de/artikel/scharfschuetzen-perfekte-opfer-mohammed-el-kurd
Die Propaganda, die wir nicht Propaganda nennen
Seit Beginn des Gaza-Krieges dominiert eine Sichtweise die deutsche Debatte: die israelische. Wer diese Einseitigkeit verstehen will, muss sich mit dem israelischen Propaganda-Apparat beschäftigen. Und der reicht weit über Youtube-Kampagnen hinaus. […]
Der deutsche Diskurs um Gaza hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Doch bis heute gilt: Pro-israelische Erzählungen dominieren die mediale und politische Debatte. Palästinensische Perspektiven finden zwar vermehrt statt, doch sie bleiben marginalisiert. Der israelische Staat betreibt nämlich massiv Propaganda. Vor zwei Jahren wurde dieser Fakt zumindest in Deutschland routinemäßig als antisemitische Verschwörungstheorie abgetan. Heute dürfte er den meisten Menschen bekannt sein, die sich mit der Situation im Gazastreifen beschäftigt haben.
https://jacobin.de/artikel/gaza-israel-propaganda-idf-hasbara
Gaza bleibt in einem permanenten Ausnahmezustand, in dem willkürliche Erschießungen oder sogar groß angelegte Bombardierungen jederzeit wieder auftreten können (…) In den Medien, zumindest den deutschsprachigen, hat man in den vergangenen Monaten jedoch vergleichsweise wenig darüber erfahren. Seit Oktober ist die Berichterstattung über die Zustände in Gaza deutlich zurückgegangen (…) (B)ei dem Waffenstillstand (ging es) weniger darum (…), die Waffen zum Schweigen zu bringen, als vielmehr die kritischen Stimmen. Und jetzt, da Israel und seine Verbündeten eine weitere Front aufgemacht haben, scheint Gaza erst recht Schnee von gestern zu sein.
