Causa Professor Michael Meyen: Wer aus der Reihe tanzt, zahlt einen hohen Preis
Die polarisierte Gesellschaft bricht auseinander, doch der konformistische Zeitgeist erlaubt keine echte Diskussion. Das stößt vor allem im Osten bitter auf.
Der 1967 auf Rügen geborene Wissenschaftler, noch in der DDR zum Journalisten ausgebildet, hat sich „radikalisiert“ – neudeutsch für einen Grenzgänger an der Peripherie des Meinungskorridors. Meyens „Radikalisierung“ ist aus verschiedenen Gründen von Interesse. Sein Schicksal steht exemplarisch für viele ehemalige DDR-Bürger, denen seit den Nullerjahren, seit Ende des schockstarren Jahrzehnts, das im Osten auf die deutsche Vereinigung folgte, deutlich wird, dass nicht nur die Teilung ohne Mauer und Stacheldraht fortbesteht, sondern dass der Westen sich mit den Ostdeutschen den Anspruch einverleibt hat, diesen ihr Selbstverständnis vorzugeben.
In vier Büchern aus Meyens Feder wird die stufenweise Erkenntnis greifbar: einem Lehrbuch mit Biografien zur Kommunikationswissenschaft der Nachkriegszeit (2006), einer 2013 erschienenen Auseinandersetzung mit der westlichen Deutung der DDR-Geschichte („‚Wir haben freier gelebt‘. Die DDR im kollektiven Gedächtnis der Deutschen“), 2020 dann mit „Das Erbe sind wir. Warum die DDR-Journalistik zu früh beerdigt wurde. Meine Geschichte“ und 2021 mit dem Spiegel-Bestseller „Die Propaganda-Matrix“.
Es waren die Erfahrungen während der Pandemie ab 2020, die auch bei Meyen zum Bruch mit dem westdeutschen Mainstream führten. Die Auseinandersetzung um die Corona-Maßnahmenpolitik war im Kern eine zwischen Staatsapologeten und Staatsskeptikern. Die willige Bereitschaft (im Westen), dem Staat die besten Absichten zu unterstellen, kollidierte im Osten mit einem über Generationen eingebrannten Misstrauen jedem Apparat und seinen Institutionen gegenüber.
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