Mediensenator Brosda vermisst medienpolitische Debatte
Mediensenator Brosda vermisst medienpolitische Debatte
Der Hamburger Mediensenator Carsten Brosda vermisst eine fundierte medienpolitische Debatte in Deutschland. Es gebe „kaum eine medienkritische Öffentlichkeit“, sagte der SPD-Politiker dem Evangelischen Pressedienst (epd): „Wir diskutieren nicht regelhaft darüber, wie wir uns demokratisch verständigen wollen, obwohl sich das gesamte strukturelle Gefüge momentan in einer atemberaubenden Geschwindigkeit und Dramatik verändert. Aus demokratiepolitischer Sicht haben wir kaum ein wichtigeres Thema: Wie bekommen wir es hin, auch in fünf oder zehn Jahren noch über alle Belange kommunikationsfähig zu sein?“
Der Medienpolitiker forderte, ARD und ZDF sollten „Formate und Ventile für den Austausch mit Publikum und Machern“ schaffen. Seiner Meinung nach sollten die öffentlich-rechtlichen Sender „mehr ausprobieren und lernen, was das Publikum eigentlich will“. Die Nutzung des Feedback-Kanals sei seiner Beobachtung nach im Journalismus noch nicht stark ausgeprägt: „Journalisten hängen immer noch der Haltung an: Ich habe was publiziert, jetzt setzt euch damit auseinander, ich habe meine Markierung gesetzt.“ An der Frage zu arbeiten, wie „aus dem Distributionsapparat ein Kommunikationsapparat werden kann, wäre ein schönes Projekt für öffentlich-rechtliche Anstalten“, sagte Brosda.
Quelle: Epd-Medien
https://twitter.com/turi2/status/1677603438836719616
Hinweis I: „Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen.“ (Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. In: Bertolt Brecht: Gesammelte Werke in 20 Bänden. Bd. 18, 133.-137. Tsd., Frankfurt a. M., S. 127-134)
Hinweis II: „… dann erhebt sich doch ununterdrückbar die Frage, ob es denn gar keine Möglichkeit gibt, den Mächten der Ausschaltung durch eine Organisation der Ausgeschalteten zu begegnen. Jeder kleinste Vorstoß auf dieser Linie müsste sofort einen natürlichen Erfolg haben, der weit über den Erfolg aller Veranstaltungen kulinarischen Charakters hinausgeht. Jede Kampagne mit deutlicher Folge, also jede wirklich in die Wirklichkeit eingreifende Kampagne, die als Ziel die Veränderung der Wirklichkeit hat, wenn auch an Punkten bescheidenster Bedeutung, etwa bei der Vergabe öffentlicher Bauten, würde dem Rundfunk eine ganz andere unvergleichlich tiefere Wirkung sichern und eine ganz andere gesellschaftliche Bedeutung verleihen als seine jetzige rein dekorative Haltung. Was die auszubildende Technik aller solcher Unternehmungen betrifft, so orientiert sie sich an der Hauptaufgabe, dass das Publikum nicht nur belehrt, sondern auch belehren muss.
Es ist eine formale Aufgabe des Rundfunks, diesen belehrenden Unternehmungen einen interessanten Charakter zu geben, also die Interessen interessant zu machen.“
(Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. In: Bertolt Brecht: Gesammelte Werke in 20 Bänden. Bd. 18, 133.-137. Tsd., Frankfurt a. M., S. 127-134)
