Desillusion der Wendezeit
Desillusion der Wendezeit
Schon im März 1990 wurden von den Großverlagen der BRD massiv westdeutsche Presseprodukte auf den DDR-Markt gedrückt. Das gelang mit Hilfe von Preisdumping. Eigentlich war der Umtauschkurs 1 DM zu 3 Mark. Im Bestreben, möglichst früh neue Leser zu gewinnen, wanderten die Presseerzeugnisse zum 1:1-Kurs über die Theke. Das war faktisch ein Minusgeschäft. Es ging aber zunächst vor allem zu Lasten kleinerer westdeutscher Verlage und der DDR-Verlage. Letztere arbeiteten noch unter den Bedingungen der Planwirtschaft. Das heißt, sie waren immer noch auf Subventionen angewiesen. Springer, Burda, Bauer und G+J dagegen teilten das Verbreitungsgebiet DDR unter sich auf und errichteten einen verlagseigenen Pressevertrieb. Am 1. April fielen dann die Subventionen für die DDR-Presse weg. Die DDR-Verlage verfügten über keine Infrastruktur, keine Werbung, kein Marketing. Das knappe Papier mussten sie weiter im Preisverhältnis 1:3 kaufen. Was Vertriebsstrukturen und Qualität anging, waren die DDR-Blätter mit den Produkten der Westverlage nicht konkurrenzfähig. Auch die Neugründungen konnten in diesem Umfeld nicht lange mithalten. Obwohl die DDR zu diesem Zeitpunkt formal noch ein souveräner Staat war, hatte sich faktisch bereits ein gesamtdeutscher Printmarkt etabliert. …
Die Aufteilung der DDR-Medien unter den westdeutschen Großverlagen war im Prinzip spätestens im Mai 1990 schon durch. Es zirkulierten Listen ostdeutscher Zeitungen mit potentiellen Käufern oder mit klaren Kooperationsvereinbarungen. Die reichten von Büroausstattungen über Druckaufträge bis zur Inhalteproduktion im Westen. Allein die Ostsee-Zeitung bekam schon im Dezember 1989 fünf Anfragen innerhalb einer Woche. Hoch im Kurs stand auch der Berliner Verlag, da gaben sich sämtliche Großverlage die Klinke in die Hand. Besonders scharf waren die finanzstarken Großverlage, vor allem Bauer und später Springer, auf die vierzehn SED-Bezirkszeitungen sowie den Berliner Verlag samt Berliner Zeitung. …
Was die Presse angeht, da ist die Treuhand eigentlich nur der Sündenbock. Das eigentliche Problem lag bei der Bundesregierung. Der größte Teil der bestehenden Kooperationen wurde faktisch 1991 von der Treuhand nachträglich nur offiziell genehmigt. Natürlich hätte es die Möglichkeit gegeben, das zu unterbinden. Am Ende bestand aber kein Interesse daran, die Monopolisierung zu verhindern. Birgit Breuel, seit 1991 Präsidentin der Treuhand, sagte später: Die Großverlage wussten um ihre Macht. Die Treuhand hatte kaum Alternativen und keinen politischen Auftrag, für Pressevielfalt zu sorgen.
Verspielt wurde „die große Chance auf eine dicht gewebte, feingliedrige, von unten gewachsene Presselandschaft“, urteilt der Leipziger Kommunikationswissenschaftler Uwe Krüger. Eine Landschaft, die die spezifischen lokalen und regionalen Wahrnehmungen, Bedürfnisse und Interessen mit viel Bürgerbeteiligung hätte ausdrücken, verhandeln und in den gesamtdeutschen politischen Diskurs einspeisen können“. Was wäre, fragt Krüger, wenn die Keime einer solchen Printmedien-Flora nicht „von den mächtigsten Akteuren in einem unregulierten Markt zerstört worden wären?“
Und er gibt selbst die Antwort:
„Vielleicht wäre der Osten heute weniger rechts, weniger anfällig für Demagogen, fühlte sich weniger abgehängt und bedroht, vielleicht wäre er stärker, selbstbewusster, demokratischer.“
