Die Rolle der Medien in Pandemien seit 1889

Die Rolle der Medien in Pandemien seit 1889

Seit Beginn der Corona-Pandemie wissen wir auch ein bisschen besser Bescheid über die Spanische Grippe, weil sie in historischen Rückblicken auf Pandemien stets eine starke Rolle spielt. Dass dies auch aus medienhistorischer Perspektive stimmig ist, stellt Mark Honigsbaum in einem Interview heraus, das Philip Sarasin mit ihm für Geschichte der Gegenwart geführt hat

Genau genommen war die erste Pandemie, bei der diese neuen Medientechnologien eine bedeutende soziale und kulturelle Rolle spielten, die russische Grippepandemie von 1889-92, die auf die Verlegung des transatlantischen Telegrafenkabels zwischen den Vereinigten Staaten und England folgte und mit dem Boom billiger, massenhaft verbreiteter Zeitungen und der raschen Expansion von Reuters und anderen Nachrichtenagenturen zusammenfiel, die die neuesten telegrafischen Kommunikationstechnologien nutzten. Das Ergebnis ist eine neue, moderne gesellschaftliche Realität, in der sich Informationen über neue Krankheitserreger schneller verbreiten als die Viren selbst, wodurch biopolitische Diskurse und die Fähigkeit, Pandemien mit rationalen wissenschaftlichen Methoden zu bewältigen, gestört werden.

https://www.mdr.de/altpapier/das-altpapier-2480.html

Der Medizinhistoriker Mark Honigsbaum spricht von einem „Jahrhundert der Pandemien“, das sich von der Spanischen Grippe 1918 bis in unsere Corona-bedingte Gegenwart zieht. Im Gespräch mit Philipp Sarasin erklärt er, warum wir uns immer nur auf die eben erst vergangene Pandemie vorbreiten. …

Wir wissen, dass zwei Drittel der neu auftretenden Krankheitserreger beim Menschen zoonotisch sind und dass davon 70 Prozent von Wildtieren wie Fledermäusen, Nagetieren und wilden Wasservögeln stammen. Es wäre daher für die Pandemievorsorge und -bekämpfung sehr hilfreich, wenn wir einen besseren Überblick darüber hätten, welche Erreger sich in den Reservoirs von Wildtieren befinden und welche das Potenzial haben, „überzuschwappen“ und Epidemien und Pandemien auszulösen.

https://geschichtedergegenwart.ch/das-jahrhundert-der-pandemien-ein-gespraech-mit-mark-honigsbaum/

Was „wir“ ebenfalls schon „wissen“:

„Dass die Globalisierung in Verbindung mit der steigenden Nachfrage nach tierischem Eiweiß und der fraktalen Landwirtschaft am Rande der Regenwälder diese Ausbrüche wahrscheinlicher macht, und dass wir dringend die Laborkapazitäten ausbauen und mehr in die Gesundheitsversorgung an vorderster Front investieren müssen, wenn wir eine Chance haben wollen, in Zukunft schneller zu reagieren (…) Solche Erkenntnisse sind wichtig, weil sie unterstreichen, dass Infektionskrankheiten Teil eines ökologischen Netzes sind, das seinerseits von einer Konstellation wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Faktoren beeinflusst wird, und dass Pandemien wahrscheinlicher werden, wenn unsere Welt aus dem Gleichgewicht mit der Natur gerät.“

Die von Politikern und Journalisten gern beschworene „Rückkehr zur Normalität“ wäre also eine „Rückkehr“ in einen Zustand, in dem wir keine Chance haben, Pandemien zu verhindern.

https://www.mdr.de/altpapier/das-altpapier-2480.html