Die „Tagesschau“ als beruhigende Welterzählung
Kurzandacht in der Wohnzimmerkapelle: Die „Tagesschau“ als beruhigende Welterzählung
Die „Tagesschau“ gilt als vertrauenswürdigstes Nachrichtenangebot der deutschen Medien. Die Forschung zur Nachrichtennutzung verweist allerdings auf merkwürdige Diskrepanzen. Beispielsweise ergaben die JIM-Studien, dass nur gut fünf Prozent der 12- bis 19-Jährigen die „Tagesschau“ gern sehen, aber 84 Prozent ihre Nachrichten für glaubwürdig halten. Wie schafft es ein Medienformat, Vertrauen zu erzeugen, ohne überhaupt nennenswert rezipiert zu werden? Interessant wäre im Übrigen eine Differenzierung zwischen den Fernsehnachrichten und den Social-Media-Formaten, die von der „Tagesschau“-Redaktion beschickt und betreut werden. Gibt es bereits Anzeichen dafür, dass sich die Erfahrungen aus diesen dialogischen Umgebungen auf das althergebrachte monologische Fernsehformat auswirken?
Empirisch arbeitende Kommunikationswissenschaftler untersuchen die „Tagesschau“-Nachrichten recht häufig. Inhaltsanalysen oder Themenstrukturanalysen (siehe zum Beispiel „Media Perspektiven“ 3/2021 und 12/2022) analysieren allerdings gar nicht die Inhalte der Sendungen, sondern programmatisch nur deren Extrakt:
Themen, Orte und Akteure. „Themen“ sind eine Art Hülle, die den Berichtsinhalten übergezogen wird. Sie sind immer das Resultat von Auswahlentscheidungen der Forscher. Ein Bericht über die geforderte Verschiebung eines Gebäudeenergiegesetzes kann sehr verschieden etikettiert werden, etwa mit Klimawandel oder Koalitionskrise. […]
Von den Themen und Losungen des Tages bleibt regelmäßig nicht viel haften. Wiederholt durchgeführte eigene Experimente mit studentischen Gruppen ergaben eine halbe Stunde nach der Präsentation einer „Tagesschau“-Aufzeichnung zutreffende Erinnerungen an etwa ein Drittel der Beiträge. Regelmäßig kamen Verwechslungen und sogar hinzuerfundene Ereignisse vor. Die heute gegenüber den Jahren um 2010 geringere Anzahl von Beiträgen und die höhere Redundanz innerhalb jedes einzelnen Beitrags mag die Erinnerungsquote etwas erhöhen. […]
Durch den selbst auferlegten Formatzwang werden letztlich alle Ereignisse nivelliert. Auch echte Katastrophen können durch die mit Stereotypen gesättigten Aufarbeitungen ihren Schrecken verlieren. Fraglich ist, ob standardisierte Berichte, die durch Reisen und Treffen von Politikern, durch Konferenzen, Messen und andere Veranstaltungen veranlasst werden, überhaupt eine Informationsqualität im strengen Sinne besitzen. Im Grunde liefern sie keine Neuigkeiten, sondern eher die Bestätigung der unermüdlichen Tätigkeit der ins Bild gerückten Akteure und damit der von ihnen vertretenen Institutionen. Sie vermitteln den Eindruck, dass die Welt nicht völlig in Unordnung sein kann, solange diese Rituale funktionieren. […]
Die „Tagesschau“-Berichte bilden eine stabile kulturelle Form, die für das Informationsbudget steht, das die Allgemeinheit zur Orientierung im politischen und kulturellen Alltag benötigt. Die Berichte arbeiten hochgradig mit Stereotypen und Redundanzen, sie zeigen Charaktere und Situationen, die dem Publikum vertraut sind. Auch wenn sie selten mit einer Lösung enden, sind sie Teilelemente einer charakteristischen Erzählform, einer prinzipiell auf Unendlichkeit angelegten Fernsehserie. In Serien schaffen zu viele überraschende Elemente Unsicherheit, wenn nicht gar Verstörung.
Hermann Rotermund, epd medien, 22.2023, nicht online
