KI – Anthropics Warnung vor dem Kontrollverlust
Über Jahre galten die Warnungen führender KI-Forscher als Kassandra-Rufe – abgetan als Science-Fiction und technikpessimistisches Randphänomen. In diesen Tagen sind dieselben Warnungen in den wichtigsten Redaktionen angekommen — als ernst zu nehmende Botschaft. Selbst die Tagesschau berichtete. Der Anlass ist ein Papier des KI-Unternehmens Anthropic, das die Nachrichtenagenturen Reuters und AP rund um den Globus aufgriffen. Neu ist nicht der Inhalt der Warnung. Neu ist, wer jetzt zuhört: Wenn ein führender Modellentwickler selbst Zahlen auf den Tisch legt, lässt sich die Sache nicht länger als Hirngespinst abtun. (…)
Das Schweizer Fernsehen SRF fasst die Lage der Branche nüchtern zusammen: Alle großen Akteure — Anthropic, OpenAI, Google, Microsoft — streben RSI an, jeder überzeugt, dass derjenige, der sie zuerst erreicht, ein allen überlegenes Werkzeug besitzt; deshalb bremst niemand, alle geben Vollgas. Die Frage ist also nicht, ob KI beim Bau von KI hilft — das tut sie längst. Die Frage ist, wann der Mensch ganz aus der Schleife fällt. Neu ist der Gedanke ohnehin nicht: Schon 1965 beschrieb der Mathematiker I. J. Good, ein Weggefährte Turings aus Bletchley Park, wie eine Maschine, die bessere Maschinen entwerfen kann, eine „Intelligenzexplosion“ auslöse. Was damals eine Fußnote war, wird heute zur Landkarte. (…)
In Deutschland verschärfen zwei Umstände die Lage. Erstens fehlt in der Politik und in weiten Teilen der Leitmedien das Verständnis für die laufende Entwicklung, verstärkt durch eine starke Wirtschaftslobby ohne Interesse an Regulierung. Zweitens — und selten zugegeben — sitzt die deutsche KI-Kompetenz vor allem in der symbolischen KI, während das Land bei der generativen KI längst abgehängt wurde; diese Abkopplung anzuerkennen, scheint zum Teil eine Frage des Stolzes. Das Ergebnis ist eine Debatte, die der Wirklichkeit hinterherläuft. In den USA klingt das anders: Bernie Sanders nennt KI „die folgenreichste Technologie der Menschheitsgeschichte“, hält den Kongress für „weit, weit zurück“ und stützt sich auf einen Bericht seines Senatsausschusses, der für das kommende Jahrzehnt den Wegfall von fast 100 Millionen US-Arbeitsplätzen für möglich hält. Man muss seine wirtschaftspolitischen Schlüsse nicht teilen, um festzustellen: Dort hat die Politik die Größenordnung wenigstens zu begreifen begonnen.
Quelle: Erhard-Eppler-Kreis
Anmerkung: Es dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben, dass die KI-Rechenzentren einen exorbitanten Energieverbrauch haben. Der Betrieb und das Training von KI-Modellen wie ChatGPT, Gemini oder DeepSeek erfordern gigantische Rechenleistungen. Ein einzelner Hyperscale-Campus verbraucht so viel Strom wie eine mittlere Großstadt, wodurch sich der globale Energiebedarf von Rechenzentren bis 2030 verzehnfachen könnte. In dicht besiedelten Regionen oder Städten mit vielen Rechenzentren (wie dem Rhein-Main-Gebiet) macht dieser Anteil teilweise bis zu 40 % des lokalen Stroms aus.
