Patricia Schlesinger: Was ist nur in sie gefahren?
Welchen Status hat Patricia Schlesinger beim rbb?
Wobei man rätseln kann, was der aktuelle Beziehungsstatus denn nun genau ist zwischen Schlesinger und dem Sender, für den sie so große Pläne hatte. Sie „verzichte“, so lasen es die Rundfunkratsmitglieder am Sonntagabend in einem Schreiben von Schlesinger auf die Fortsetzung ihres Dienstverhältnisses, und zwar „gemäß § 8 Ziffer 3 lit. b)“ ihres Dienstvertrages. Und das „gemäß der vorgenannten vertraglichen Regelung unter Beachtung einer Ankündigungsfrist von sechs Monaten“ zum 28. Februar 2023. Bleibt Schlesinger also bis dahin RBB-Chefin?
Eher nicht. Sie sei bereit, diese Ankündigungsfrist im Einvernehmen mit dem RBB zu verkürzen, falls es sich damit um einen „vertragsgemäßen Verzicht im Sinne des § 8 Ziffer 3 lit b) handelt“, schrieb Schlesinger. Ihr Anwalt habe dem Rundfunkrat „hierzu bereits einen Vorschlag unterbreitet“. Die interessante Frage, auf die dieses Paragrafen-Werfen hinausläuft: Verhandelt Schlesinger, die sich in ihrem Schreiben an die Rundfunkräte erneut als Opfer von persönlichen „Anwürfen und Diffamierungen“ darstellt, womöglich gerade über eine Abfindung?
Das könnte eines der brisanten Themen in der Sondersitzung des Rundfunkrats sein, die für Montagnachmittag geplant war. Und manche fragen sich: Wenn Schlesinger formal immer noch Intendantin ist, könnte der Rundfunkrat sie nicht gemäß seiner Befugnisse nicht immer noch ganz ohne Paragrafensalat – und im Zweifel ohne Abfindung – absetzen? Beim Sender selbst gibt man sich bedeckt: Zur Frage, unter welchen Konditionen, mit welcher Abfindung Schlesinger den RBB verlässt, sagt ein Sprecher: „Die Details der Vertragsauflösung werden gerade verhandelt, wir bitten um Verständnis, dass wir aus arbeitsrechtlichen Gründen keinen Einblick in laufende Verfahren geben können.“ …
Die Machtposition von Wolf-Dieter Wolf erscheint dabei immer schillernder: „Die Verhandlungen zum Dienstvertrag mit der Intendantin hat bisher der Verwaltungsratsvorsitzende Wolf-Dieter Wolf allein geführt und den Verwaltungsrat über das Ergebnis informiert“, teilt Dorette König der SZ auf Anfrage mit, die den Verwaltungsrat derzeit führt, seit Wolf sein Amt ruhen lässt. Das Gremium habe dann „auf Grundlage des Ergebnisberichtes über den Abschluss des Dienstvertrages entschieden“.
https://www.sueddeutsche.de/medien/patricia-schlesinger-rbb-ruecktritt-1.5636044
Schlesingers Abgang ist in vielerlei Hinsicht eine Enttäuschung
Patricia Schlesinger ist eine Enttäuschung für alle, die für Reformen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kämpfen. … Dafür gibt es gute Gründe: Die Causa Schlesinger ist ein Skandal, der im öffentlich-rechtlichen Rundfunk an vergangene Zeiten erinnert, an den bestechlichen Sportmoderator Jürgen Emig oder den langjährigen MDR-Unterhaltungschefs Udo Foht mit seinem dubiosen Finanzgebaren. Die Verursacher: fast immer Männer, die sich unangreifbar fühlten, die die Gremien-Politik besser durchschauten als ihr eigenes Programm. Insofern ist Schlesingers Abgang in vielerlei Hinsicht eine Enttäuschung.
Wo bleibt die »Diversität«, wenn der eigene Ehemann sechsstellige Bezüge entgegennimmt?
Sie enttäuschte die Frauen: Sie war erst die dritte auf diesem ARD-Posten. Auf sie folgen nun zunächst kommissarisch, dann regulär mit Tom Buhrow (WDR) und Kai Gniffke ( SWR) erneut zwei Männer. Sie enttäuschte die Journalisten: Als ehemalige Investigativredakteurin hielt man Schlesinger gegen derartige Spesenexzesse gewappnet.
Und sie enttäuschte ihre Kollegen und Kolleginnen: Wenn nun die Privilegien, die Dienstwagen, die hohen Gehälter der ARD-Intendanten genau unter die Lupe genommen warden , liegt das nicht an neuen »moralischen Fragen«, wie Schlesinger vermutete sondern an der Ausgabendisziplin im RBB. (Paid)
Anton Rainer, Spiegel Plus, 5.8.2022,
Patricia Schlesinger, die erst als Vorsitzende der ARD und dann als Intendantin des RBB zurücktrat, hat ziemlich viel dafür getan, als Sonnenkönigin zu erscheinen. Jedes Extra musste sein. Für sie sollte es rote Rosen regnen. Üppige Gehaltserhöhung, Jahresbonus, Hochglanz-Ausstattung des Büros, Dienstwagen mit Chauffeur auch fürs private Kutschieren des Ehemanns, die Steuern zahlt der Sender, Geschäftsessen mit krummer Abrechnung und dann erst der Beratervertragsverschiebebahnhof beim geplanten Bau des „Digitalen Medienhauses“, auf dem der RBB-Verwaltungsratschef Wolf-Dieter Wolf die Signale setzte.
Patricia Schlesinger: Was ist nur in sie gefahren?
Die Affäre um die RBB-Intendantin Patricia Schlesinger hat eine verheerende Wirkung. Nicht nur auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, auch auf die Branche als solche. (Paid)
https://www.zeit.de/kultur/2022-08/patricia-schlesinger-ard-chefin-ruecktritt
Der RBB in Berlin gerät in größte Turbulenzen, aber die Berliner Landespolitik döst. Die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) meldet sich als Allerletzte zu Wort und fordert „die Wiederherstellung des Vertrauens in den von Berlin und Brandenburg gemeinsam getragenen RBB“.
Wohl kein ARD-Vorsitz hat dem Senderverbund dermaßen geschadet wie der RBB in nur sieben Monaten. Die RBB-Affäre ist auch deshalb ein fataler Rückschlag für das öffentlich-rechtliche System, weil sie Vorurteile bedient und all jene, die ARD und ZDF am liebsten heute als morgen abschaffen würden, in ihrem Glauben bestätigt. Immerhin: Dass der RBB, etwa im eigenen „Medienmagazin“, kritisch über die zweifelhaften Vorgänge im eigenen Haus berichtete, zeigt, dass der Journalismus in der Anstalt funktioniert.
Schlesinger selbst hat übrigens angekündigt, sich vorerst nicht weiter äußern zu wollen – wie das zu ihrem Transparanz-Versprechen passt, bleibt indes offen. Allerdings wird sich nicht nur die zurückgetretene Intendantin kritischen Fragen stellen müssen. Auch die Aufsichtsgremien müssen sich fragen, ob sie ihren Aufgaben vollumfänglich nachgekommen sind.
https://www.dwdl.de/meinungen/89110/ein_fataler_rueckschlag_fuer_das_oeffentlichrechtliche_system/
Riesenarsenal an Argumenten für Gegner
Patricia Schlesinger hinterlässt einen Trümmerhaufen. Der Schaden nach ihrem Doppelrücktritt ist nicht allein in Euro und Cent zu bemessen. … Am Ende ist Patricia Schlesinger an ihrer Hybris gescheitert. Eine öffentlich-rechtliche Senderchefin kann nicht gleichzeitig am Programm sparen bis es knirscht – siehe Kulturradio und TV-Vorabend – und gleichzeitig Beitragsgelder für Prestigeprojekte ausgeben.
Glaubte sie wirklich, dass einer Führungsfigur wie ihr das alles zusteht, oder hoffte sie, dass dies geheim bleibt – in einem Medienunternehmen? Das ist nicht nur vermessen, sondern schlicht weltfremd.
Statt im Alter von 65 Jahren im Jahr 2026 aus dem Sender mit der Eröffnung eines modernen Medienhauses auszuscheiden, endet eine vielversprechende Karriere nun mit einem Knall, der noch lange nachhallen wird. […]
Noch größer, wenn nicht sogar irreparabel ist allerdings der Schaden für das Ansehen des RBB und die Reputation des gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland. Nicht nur den erklärten Gegnern von ARD, ZDF und Deutschlandfunk steht nun ein gewaltiges Arsenal von Beispielen zur Verfügung, was bei den Öffentlich-Rechtlichen im Argen liegt und warum dieses System nicht zu retten ist. […]
Schlesingers Gäste (distanzieren sich)
Schlesinger bewirtete daheim auch gern illustre Gästerunden – aber auf Kosten des Senders und damit der Gebührenzahler. Bewirtet wurden ihr Ehemann Spörl, Ex-Charité-Chef Max Einhäupl mit Frau, Münchens Filmhochschul-Präsidentin Bettina Reitz mit Gatte, der Ex-Chef des Bundespräsidialamts Stephan Steinlein mit Frau, Ex-Botschafter Wolfgang Ischinger, Ex-Senatskanzlei-Chef André Schmitz (SPD), aber auch Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik mit Mann.
Ein Brandenburger Landespolitiker sagt, Schlesingers habe offenbar einen privaten Salon betrieben, finanziert vom Sender. So war es etwa am 12. Februar 2022. An diesem Abend waren neun Personen geladen, neben Schlesingers Mann auch Polizeipräsidentin Slowik nebst Mann, aber auch Charité-Chef Heyo Klaus Kroemer und seine Frau. 1154,87 Euro kostet das üppige Mahl, 127 Euro pro Person.
Polizeipräsidentin Barbara Slowik wusste nach eigenen Angaben nicht, dass das private Treffen mit ihrer Freundin Patricia Schlesinger einen beruflichen Hintergrund hatte. …
Hatten diese Treffen etwa Einfluss auf eine gefällige Berichterstattung über die Polizei? Und wie unabhängig kann der öffentlich-rechtliche gebührenfinanzierte Sender über die Arbeit der Ordnungshüter berichten – etwa über die „Schießstandaffäre“? 2019 kam eine Studie der Charité zu dem Schluss, dass „kein kausaler Zusammenhang“ zwischen häufigem Schießtraining und langfristigen Erkrankungen festgestellt werden konnte. Hunderte Polizisten mussten über Jahre beim Training auf den maroden Trainingsstätten die giftigen Pulverdämpfe einatmen. Viele erkrankten, einige starben.
Über Polizeisprecher Thilo Cablitz ließ Slowik am Montag auf Anfrage ausrichten, dass die Schießstände kein Thema der Treffen gewesen seien.
Rücktritt von RBB-Intendantin Lehren aus dem Fall Schlesinger
Mit ihrem Verhalten hat Ex-RBB-Intendantin Patricia Schlesinger dem ganzen öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland einen Bärendienst erwiesen, glaubt Olaf Steenfadt von der Initiative „Unsere Medien“. Und sieht großen Reformbedarf bei den Kontrollorganen der Landesrundfunkanstalten.
https://www.deutschlandfunk.de/schlesinger-ruecktritt-rbb-steenfadt-100.html
