Presserat legt Zahlen für 2020 vor: So viele Beschwerden wie nie und deutlich mehr Rügen, ein Drittel der Rügen nicht veröffentlicht
24.02.2021
Presserat legt Zahlen für 2020 vor: So viele Beschwerden wie nie und deutlich mehr Rügen, ein Drittel der Rügen nicht veröffentlicht
4085 Beschwerden.Das ist Rekord! Da die meisten Beschwerden aber unbegründet waren, wurden nur 530 vom Beschwerdeausschuss behandelt. Die Zahl der Rügen stieg auf 53.
Vor allem einige Massenbeschwerden treiben die Zahlen nach oben. Beim Thema Corona hat sich die große Mehrheit allerdings an die ethischen Grundsätze gehalten. …. Insgesamt 4085 Personen wandten sich 2020 an die Freiwillige Selbstkontrolle der Print- und Onlinemedien, fast doppelt so viele wie im Jahr zuvor mit 2175 Beschwerden, meldete der Presserat am Dienstag.
Verantwortlich für die Steigerung waren insbesondere Massenbeschwerden, etwa zu Artikeln über die Kindstötungen in Solingen oder zur Polizeikolumne in der „taz“. Der wohl prominenteste Fall des vergangenen Jahres bezog sich allerdings nicht auf die Pandemie, sondern hatte eine Satire zum Gegenstand. …. 53-mal erteilte der Presserat eine öffentliche Rüge, ebenfalls deutlich öfter als im Vorjahr mit 34 Rügen. ….. Über die Corona-Berichterstattung in Print- und Onlinemedien beschwerten sich 581 Leserinnen und Leser. Die meisten von ihnen hielten den Redaktionen falsche Tatsachenbehauptungen oder unzureichende Recherche vor. Von den 321 bereits geprüften Fällen wurden vier gerügt.
Häufigster Grund: Eine mangelnde Trennung von Werbung und Berichterstattung. „Wir stellen einen Trend fest: Das Problem der Schleichwerbung. Die klare Trennung zwischen redaktionellen und werblichen Inhalten weicht in manchen Bereichen auf. Da versuchen wir, ein klares Zeichen zu setzen, weil es zur Glaubwürdigkeit der Medien gehört“, sagte Borowski.
Laut Presserat hat sich der Großteil der Presseverlage in Deutschland verpflichtet, öffentliche Rügen des Rats zu veröffentlichen. Dem Jahresbericht zufolge kamen dieser Selbstverpflichtung 2020 jedoch weniger Medien nach als im Vorjahr, jede dritte Rüge blieb demnach unveröffentlicht. …. Borowski schränkte zwar ein, dass teilweise Medien bei der Veröffentlichung zeitlich hinterher hinkten – und damit eine Veröffentlichung theoretisch noch folgen kann. Er betonte aber zugleich zu den unveröffentlichten Rügen: „Es ist natürlich höchst bedauerlich, weil die freiwillige Selbstkontrolle davon lebt, dass die Medien, die sich dieser Kontrolle unterwerfen, dann auch tatsächlich den Regeln folgen.“ Wenn ein Medium sage, man veröffentliche eine Rüge nicht, dann sei das bedauerlich, „weil es das ganze System dann auch sprengt“. Borowski ergänzte: „Ich kann nur appellieren, die Rügen zu veröffentlichen.“
14 Rügen bezogen sich auf verletzten Opferschutz in der Berichterstattung. Fünf Rügen hatten mit nicht offengelegten Interessenskonflikten von Autoren zu tun. Im Zusammenhang mit Corona kam es nur viermal zu einer Rüge. Die Rügen müssen von den an der freiwilligen Selbstkontrolle teilnehmenden Zeitungen, Zeitschriften und Online-Medien veröffentlicht werden, was bisher aber in 19 Fällen nicht geschehen ist.
Den prominentesten Beschwerdefall des Jahres, die taz-Kolumne, erkannte der Presserat als Satire und Gedankenspiel, und wies die 382 Beschwerden dazu ab.
https://www.sueddeutsche.de/medien/presserat-ruegen-2020-1.5215318
Die mit Abstand meisten Rügen erhielt, wie schon in den Vorjahren, die „Bild“-Zeitung. Auf einige Rügen sei die Redaktion sogar stolz, erklärte Chefredakteur Julian Reichelt Anfang 2020 auf einer Diskussionsveranstaltung des Hamburger Margaretha-Rothe-Gymnasiums: „Wir sind durchaus schon für Punkte gerügt worden, die wir für journalistisch gegeben, geboten halten.“
So habe „Bild“ etwa bereits die Herkunft von Straftätern genannt, als der Pressekodex das noch kritisch gesehen habe. Der Presserat bestätigte nun, dass „Bild“ seit 2018, wie eigentlich vorgesehen, keine Rüge mehr in ihrer Print-Ausgabe und auch online noch nicht alle Rügen für 2020 veröffentlicht hat.
Auf der Veranstaltung vor einem Jahr warf Reichelt dem Presserat vor, er entwickle sich in eine falsche Richtung: Die Organisation nehme sich zu wichtig und handle dabei ideologisch.
Auf die Frage, ob härtere Sanktionen eingeführt werden sollten, sagte Borowski: „Der Presserat ist so, wie er jetzt ist, richtig aufgestellt. Wir sind ein Kollegengremium und kein Gericht.“ Darum sei es auch nicht am Rat, etwa finanzielle Strafen zu verhängen. „Wir appellieren an und wir beraten Medien und wir machen deutlich, wenn eine Berichterstattung nicht unseren ethischen Normen entspricht. Das ist die Rolle des Presserats.“
