Über die Suche nach Banksy: Ein voyeuristisches Boulevardstück im Deckmantel des investigativen Journalismus

Immer wieder hat es in der Vergangenheit Versuche gegeben, die Identität Banksys zu entschlüsseln. Einige davon kamen bereits zu belastbar wirkenden Ergebnissen, etwa eine Recherche der britischen Daily Mail von 2008, die Gunningham als den Street-Art-Star identifizierte. Zu Massive-Attack-Sänger Robert Del Naja führt wiederum die Spur, dass wiederholt Banksy-Graffitis in Städten auftauchten, in denen die Band gerade ein Konzert gespielt hatte. Und sowohl Gunningham als auch Del Naja kommen wie der Künstler aus Bristol. Ein endgültiger Beweis fehlte aber bisher.

Bis jetzt. Ein dreiköpfiges Investigativ-Team der renommierten Nachrichtenagentur Reuters hat sich auf die Suche nach Banksy begeben und ist aufgrund neuer und sehr überzeugender Belege bei Robin Gunningham gelandet. Dazu flogen die Rechercheure in ukrainische Kriegsgebiete, wo Banksy 2022 Werke hinterlassen hatte. Sie fanden bisher unbekannte Polizeiakten in New York, in denen Gunninghams Name steht. Sie verglichen Fotos und sprachen mit unzähligen Wegbegleitern und Augenzeugen.

Man kann das eine beeindruckende Rechercheleistung nennen. Mir erscheint es hingegen als sinnlose journalistische Selbstdarstellung. Ein voyeuristisches Boulevardstück im Deckmantel des investigativen Journalismus. […]

Banksy äußerte sich nicht gegenüber den Journalisten, ließ aber seinen Anwalt Stellung nehmen. Daraus lässt sich sehr deutlich entnehmen, welche Bedeutung die Anonymität für den Künstler hat. Der Anwalt habe darauf gedrängt, die Recherche nicht zu veröffentlichen, schreibt Reuters. „Dies würde die Privatsphäre des Künstlers verletzen, seine Kunst beeinträchtigen und ihn in Gefahr bringen.“ So sei Banksy – der sich in seinen Werken klar links positioniert und unter anderem ein Rettungsschiff im Mittelmeer finanziert – seit Jahren Bedrohungen ausgesetzt.

https://steady.page/de/uebermedien/posts/e15c81e3-f8ee-46c7-a6cc-b38fec8e2398