WSR – Nemi El-Hassan: Eine Entscheidung, aber keine Klärung
Nemi El-Hassan: Eine Entscheidung, aber keine Klärung
Die Öffentlich-Rechtlichen beschäftigen hunderte Fernsehmoderatorinnen und -moderatoren – dass die Neubesetzung einer einzigen Sendung es heute zum achten Mal ins Altpapier schafft, ist somit außergewöhnlich. Am Fall Nemi El-Hassan werden gerade Grundsatzdebatten aufgezogen.
https://www.mdr.de/altpapier/das-altpapier-2332.html
Moderieren unter Antisemitismus-Verdacht, das nutzt keinem
Nemi El-Hassan wird das WDR-Wissensmagazin „Quarks“ nicht moderieren. Die WDR-Entscheidung ist akzeptabel.
Nemi El-Hassan wird die Wissensschafts-Sendung „Quarks“ nicht moderieren. WDR-Intendant Buhrow erwägt, sie als Autorin für die Sendung einzusetzen.
Das Problem sei in seinen Augen nicht so sehr ihre Teilnahme an einer Al-Kuds-Demonstration vor sieben Jahren, da sie sich davon klar distanziert habe. Es hätten sich aber auch aus jüngster Zeit problematische Likes von ihr in sozialen Netzwerken gefunden. „Es ist eine schwierige, schwierige Abwägung“, sagte Buhrow. Eine Moderation würde aber in jedem Fall zu einer unangebrachten Politisierung der Sendung führen. Allerdings erwäge man, El-Hassan als Autorin für „Quarks“ arbeiten zu lassen, sagte Buhrow – also nicht vor, sondern hinter der Kamera.
https://taz.de/Debatte-um-WDR-Moderatorin/!5804812/
Man kann diese Aktionen in der Vergangenheit als „Jugendsünden“ bezeichnen, jeder Mensch entwickelt sich, es wäre sehr verkehrt, El-Hassan diesen Reifeprozess abzusprechen. Ein Offener Brief von Kulturschaffenden und Journalisten drückte Solidarität aus, El-Hassan habe ihre Vergangenheit problematisiert, sich von ihnen distanziert, um Entschuldigung gebeten und glaubhaft ihren Wandel dargelegt. Hat sie das? Weitere „Bild“-Recherchen haben aufgezeigt, dass auch aus jüngster Zeit problematische Likes von ihr in sozialen Netzwerken existierten, diese von der Journalistin gelöscht worden seien. …. Nemi El-Hassan wirkt in dem, was ihre Fehlerkultur, sprich ihren Umgang damit angeht, nicht sehr glaubwürdig, es bestehen Restzweifel und mehr als das, wo die Journalistin steht. Vor diesem Hintergrund kann der WDR sie nicht als Moderatorin einsetzen. Würde sie schon, wie eigentlich geplant, im November als „Quarks“-Moderatorin auf dem WDR-Bildschirm erscheinen, wären diese Aufritte stets mit der Frage verbunden, wes Geistes Kind die Moderatorin ist. Das kann der öffentlich-rechtliche Sender, der Antisemitismus in allen Erscheinungsformen strikt ablehnt, nicht riskieren. nicht akzeptieren, wenn er seine eigene Haltung ernst nimmt.
Medienredakteur Christian Meier findet bei der Welt die Entscheidung des WDR, El-Hassan die Quarks-Sendung nicht moderieren zu lassen, richtig und schmerzhaft zugleich. Aus zwei Gründen:
„Zum einen ist jegliches Urteil über eine Person, das aufgrund von Likes in sozialen Medien gefällt wird, problematisch. Das Prinzip der sogenannten Kontaktschuld ist abzulehnen. Gleichzeitig muss jeder Mensch natürlich darauf achten, wen oder was er im Netz unterstützt, und gerade Likes haben selbstverständlich eine Aussagekraft. Medienprofis sollte die Wirkungsmacht auch solcher symbolischer Kommentierungen bewusst und präsent sein. Frau El-Hassan muss sich der Brisanz ihrer Likes bewusst gewesen sein, sonst hätte sie diese nicht wieder entfernt. Dennoch ist die Vorstellung deprimierend, dass eine Karriere, ja ein Lebenslauf von einem Like vielleicht unwiderruflich beschädigt wird.“
Zum anderen ist der Fall aus Sicht von Christian Meier schmerzhaft, „weil die Gesellschaft dringend Vorbilder nötig hätte, die sich glaubhaft von radikalem Gedankengut distanzieren, das sie zu einem früheren Zeitpunkt gutgeheißen oder zumindest toleriert haben“. So ein Vorbild hätte Nemi El-Hassan sein können.
Der WDR hat die richtige Entscheidung getroffen: Ihre Likes für antisemitische Posts gaben den Ausschlag: Der Westdeutsche Rundfunk hat sich entschieden, die Journalistin Nemi El-Hassan die Wissenschaftssendung „Quarks“ nicht moderieren zu lassen. Das ist so richtig wie schmerzhaft.
Antisemitismus-Vorwürfe: WDR Moderatorin El-Hassan wird „Quarks“ nicht moderieren – Interview mit Andrej Reisin [AUDIO]
Wie hat der Sender den Vorwurf des Antisemitismus belegt? Oder hat er sich mit dem Verdacht auf Antisemitismus begnügt? Der Jahre zurückliegende Besuch einer Al-Kuds-Demo, mit dem die „Bild“-Zeitung die Diskussion ins Rollen gebracht hat, war für den WDR wohl nicht ausschlaggebend. Stattdessen ging es um jüngere Likes, vermutlich diese von der „Bild“ erwähnten. Die NZZ hatte außerdem einen Tweet im Mai erwähnt, der eine Rolle gespielt haben könnte. Dass Nemi El-Hassan zu Beginn der Debatte auf ihren Social-Media-Kanälen aufgeräumt hat, macht die Beurteilung nicht leichter und spricht erst einmal gegen sie. Andererseits ist der Vorwurf des Antisemitismus ein schwerwiegender, vor allem, weil ihre Arbeit der vergangenen Jahre für sie spricht. Natürlich kann niemand den WDR zwingen, öffentlich nachzuweisen, warum er sich gegen Nemi El-Hassan entschieden hat. Wenn aber nicht der Eindruck hängen bleiben soll, dass der Sender angesichts öffentlicher Kritik eingeknickt ist, sind Belege für den diagnostizierten Antisemitismus dringend notwendig: Welche der in diversen Medien erwähnten kleinteiligen Vorwürfe waren letztendlich ausschlaggebend? … Welche Außenwirkung hat die Causa auf mögliche junge Nachwuchskräfte für die Öffentlich-Rechtlichen? Einen großen Unterschied hätte es machen können, wenn der WDR nach den ersten Vorwürfen gegen Nemi El-Hassan mit ihr gemeinsam eine Pressemitteilung herausgegeben hätte mit der Ankündigung, die Kritik zusammen sorgfältig zu prüfen – dass sie an der Aufarbeitung interessiert ist, nehme ich ihr nach ihrem „Spiegel“-Interview ab, schon allein deshalb, weil es um ihre persönliche Zukunft geht. So hätte der Sender die Journalistin bis zur endgültigen Entscheidung geschützt und sich deutlicher gegen die Anfeindungen gestellt. Denn von Anfang an haben Rassistinnen und Rassisten die Debatte für ihre Hetze instrumentalisiert. Für junge Medientalente, die die Rundfunkanstalten ja dringend brauchen, war der Fall sicher keine Einladung – besonders für diejenigen unter ihnen, die mit Rassismus schon Erfahrungen gemacht haben.
