Zukunft der Literaturkritik im Rundfunk

27.02.2021

Eine Diskussion über die Zukunft der Literaturkritik im Rundfunk verfehlt in vielsagender Weise ihr Thema. Die Erkenntnis des Abends: Die Selbstauflösung des Kulturradios ist in vollem Gange.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/warum-die-selbstaufloesung-des-kulturradios-begonnen-hat-17214471.html

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist nicht kapitalismuskonform gedacht

Medienmanager des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erklären Verlegerinnen, dass Literaturkritik nur eine linksliberale Blase anspricht. Ernsthaft? Über eine Diskussion im Literaturhaus Köln, die unzufrieden stimmt. … Der Konflikt zwischen gesellschaftspolitischem und plattformkapitalistischem Denken, das um die eigentlich im Rundfunkstaatsvertrag kaum kapitalismuskonform gedachten Rundfunkanstalten gerade tobt, liegt jetzt also offen zutage: Auf der einen Seite war vor allem von Allgemeinheit, Öffentlichkeit und Demokratie die Rede. Auf der anderen von Communitys und spitzen Zielgruppen. Im Literaturhaus Köln verlief der Konflikt entlang der Geschlechterlinien: Wenn Wilke und Gleba von „Öffentlichkeit“ sprachen, hatten sie eine Zivilgesellschaft vor Augen, die über die sozialen Zusammenhänge, denen sie ausgesetzt ist, im Bilde sein muss, um politisch handlungsfähig zu sein. Wenn Mentzer und Schaeffer von „Öffentlichkeit“ sprachen, ging es um Zielgruppen, die es mit optimiertem Content zu erreichen gelte.

Dieses Denken steht einem sicher gut zu Gesicht, wenn man zum Beispiel eine Sonnencreme verkaufen will. Der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist aber ein anderer. Den Umbau der Gesellschaft, den der Rundfunk auf diese Weise zwangsläufig vorantreibt, während er vorgibt, ihm nur zu folgen, sollte man sich genau vor Augen führen: Rousseaus Gemeinwohl, Kants Vernunftidee, Habermas‘ Diskursbegriff werden dort nicht mehr als Fundament der Republik verstanden, sondern als Spleen einer linksliberalen Sieben-Prozent-Blase.

Es ist vor diesem Hintergrund unverschämt, wie selbstgerecht und aufgekratzt die Medienmanager des öffentlich-rechtlichen Rundfunks die deutschen Verlegerinnen und Verleger, Kritikerinnen und Kritiker und Intellektuellen immer wieder über die sensationelle Neuigkeit in Kenntnis setzen, dass übrigens das digitale Zeitalter begonnen habe. Als sei die Auflösung der Gesellschaft in Zielgruppen und Kundenprofile unabwendbar und werde nicht von ihnen selbst vorangetrieben. Etwas Antidemokratisches liegt in dieser Naturalisierung von Gesellschaft. Literatur und Kritik gehören in der Vorstellungswelt dieser Entscheider in das 20. Jahrhundert. Man hatte derlei neudeutschen Entscheiderunsinn schon vermutet …. Die deutschen Literaturverlage melden in der Pandemie steigende Verkäufe, und sie bauen ständig Autoren auf, die aus dem Digitalen in die Verlagswelt kommen und damit den umgekehrten Weg gehen wie die Rundfunkanstalten.

https://www.sueddeutsche.de/kultur/literaturkritik-oeffentlich-rechtliche-insa-wilke-1.5216814

Über die Streichung von Literaturformaten im Radio wurde im Literaturhaus Köln gestritten. Dabei nervte die Arroganz, das Publikum zu unterschätzen. …. Der Hessische Runkfunk (hr) soll hier als Beispiel für die Umstrukturierung eines öffentlich-rechtlichen Senders fungieren. Alf Mentzer, der die Kultur beim hr verantwortet, spricht sich für Massenwirkung aus: Der Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen sei es, den größtmöglichen Teil der Bevölkerung zu erreichen. Und Radio sei heute eben ein Begleitmedium, dem niemand mehr „in Pfötchenstellung“ zuhöre, sagt Schaeffer. Die Zu­schaue­r:in­nen im Chat sind unterdessen erbost. Diese Arroganz, das Publikum ständig zu unterschätzen, nerve. …. Aufgabe einer Kultursendung sei es, Denkanstöße zu geben und nicht nur abzubilden, was Hö­re­r:in­nen angeblich hören wollen. Sie kritisiert auch die vage Sprache der Reform und will genau wissen: „Wie ist der Plan?“

Dieser Plan werde gemeinsam entwickelt, verspricht Schaeffer, und auch Mentzer weiß maximal unkonkret: Der Plan sei ein Prozess. Inhalte scheinen in diesem Prozess erst mal zweitrangig zu sein, der Fokus liegt auf der Digitalisierung.

https://taz.de/Debatte-um-Literaturkritik-im-Radio/!5750574/

Dass die Literaturvermittlung neue Formate brauche, galt den Radioleuten als ausgemacht, auch um damit – das ist etwa die Aufgabe der von Mentzer geleiteten „Kultur-Unit“ – in sozialen Medien zu verstreuten, nicht unbedingt gebildeten Subkulturen durchzudringen. „Wir müssen das so gestalten, dass wir bei denen in die Timeline gespült werden“, assistierte Schaeffer. Was aber über die Schlagworte „bunt“ und „vielfältig“ hinaus denn nun der Plan sei, wollte Wilke, nun schon halb verzweifelt, wissen. Schließlich würden die klassischen Formate ja bereits eingestellt. Mentzers Antwort: Der Plan sei ein Prozess mit bestimmten Konkretionen, wobei die gegenwärtigen Produkte noch nicht das Endportfolio darstellten. Das Ziel sei, Publika zu gewinnen, die man linear nicht mehr erreiche. Warum man dafür dem kulturinteressierten Radiopublikum die Literaturbesprechung streichen muss, erklärte das nicht. …. Die (ganz bewusste) Selbstauflösung des Kulturradios, so die Erkenntnis des Abends, ist in vollem Gange. Das Analytische in seiner alten, fordernden Form hat an der Spitze der Häuser immer weniger Fürsprecher, weil die Jugend, so stellt man es sich offenbar vor, eher Leichtverdauliches wolle.

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