ARD und ZDF: Mir reichts! Ich schreibe Programmbeschwerden!

ARD und ZDF: Mir reichts! Ich schreibe Programmbeschwerden!
© dts Nachrichtenagentur/Imago

Wer die fast stündlichen Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten schaut, auch „Morgenmagazin“, „Kontraste“, „Weltspiegel“ und wie sie alle heißen, der kommt aus dem Schreiben von Programmbeschwerden gar nicht mehr heraus. Doch es bringt scheinbar nichts, obwohl es mich viel Zeit und Mühe kostet, diese Sendungen zu schauen, zu analysieren und schließlich eine Beschwerde sachlich und fundiert zu schreiben.

Warum mache ich das? Mir ist die Berichterstattung in letzter Zeit oft zu einseitig, wichtige Fakten werden nicht genannt. Besonders wichtig ist mir das Thema Krieg, denn ich möchte, dass der Frieden in diesem Land erhalten bleibt. Von Kriegsertüchtigung halte ich gar nichts.

Die Antworten auf meine Programmbeschwerden sind in der Regel immer in wenige Absätze aufgegliedert nach Schema F. Der Beantworter – meist jemand aus der Chefetage von ZDF, ARD und ihren Programmen – bedankt sich zunächst für mein Schreiben, dann wiederholt er zunächst den Inhalt und die Kritik meiner Programmbeschwerde.

Schließlich erfolgt eine Art Einordnung, zum Beispiel des historischen Hintergrunds, gefolgt von einer Aufzählung, warum der Sender oder das Programm bzw. der oder die Journalistin seine Sendung so und nicht anders aufgebaut hat, nur ein Schwerpunkt genannt werden konnte und andere Sendungen oder Gäste diese eine Meinung relativieren, wodurch Vielfalt und Meinungsfreiheit ja gewahrt seien.

Auch die Zuschauer sind in der Pflicht

In der Folge gibt man mir irgendwie recht, bestätigt, dass meine Kritik berechtigt sei. Doch die Schlussfolgerung lautet dennoch oft: „Nach eingehender Prüfung können wir daher keinen Verstoß gegen den öffentlich-rechtlichen Programmauftrag feststellen. Ihre Programmbeschwerde weisen wir aus diesem Grund zurück.“ Allerdings bedankt man sich für mein Interesse und hofft, dass ich weiterhin interessierte Zuschauerin bleibe.

Das bleibe ich, denn nicht nur die Medien sind als vierte Gewalt Wächter über Politik und Politiker, sondern auch wir Zuschauer sind in der Pflicht, wiederum den Journalistinnen und Journalisten auf die Finger zu schauen, ob sie ihrer Verantwortung für eine sachliche, neutrale Berichterstattung gerecht werden im Sinne des Grundgesetzes und der Meinungsfreiheit. Auch Gabriele Krone-Schmalz, die frühere Russland-Korrespondentin für die ARD, hat vor dem Hintergrund der aktuellen Russland-Berichterstattung in den öffentlich-rechtlichen Medien dazu ermutigt.

Immer mehr Programmbeschwerden

So bin ich offensichtlich nicht nur ich eine Beschwerdeführerin. Laut einer Erhebung des Formates „@mediasres“ vom Deutschlandfunk habe sich die Zahl der Programmbeschwerden von 1100 im Jahr 2024 auf rund 5000 im Jahr 2025 erhöht. Auch die Berliner Zeitung berichtete kürzlich darüber. Allerdings sei aus der Sicht der zuständigen Gremien für Programmbeschwerden nur eine einzige der Beschwerden berechtigt gewesen. Nun, das entspricht genau meiner Erfahrung mit diesen Gremien, die meine Beschwerden kontinuierlich abweisen oder zur Bearbeitung an die Chefetagen weiterreichen. Ich selbst halte natürlich jede meiner Programmbeschwerden für berechtigt.

Förmlich geplatzt ist mir der Kragen in der Sendung „heute-live“ des ZDF vom 17. Juni 2026, als der Militärökonom Marcus Keupp im Gespräch mit dem ZDF-Moderator erklärte: „Lustig auch die Russen, die gerade noch weglaufen, bevor die Drohne einschlägt!“ Vielleicht können sich viele Zuschauer noch an die gezeigten Bilder während dieses Kommentars von Militärökonom Keupp erinnern. Auf dem Bildschirm waren ein Militär-Lkw und zwei Männer zu sehen, bevor eine Explosion erfolgte. Vermutlich waren die beiden Männer tot oder schwer verletzt, was für Marcus Keupp ein Grund zur Belustigung war. Warum? Nun, weil es Russen waren.

Eine ZDF-Chefin vom Dienst antwortete mir lediglich dies: „Militärökonom Keupp hat bei ZDFheute live die aktuellen Entwicklungen im Iran- und Ukraine-Krieg analysiert. Dabei erläuterte er unter anderem, wie sich die ukrainische Kriegsführung verändert hat und welche Bedeutung Drohnenangriffe gegen russische militärische Ziele haben. Die Formulierung fiel in einer Live-Gesprächssituation im Rahmen einer längeren fachlichen Einordnung konkreter Kampfhandlungen. Das ZDF sucht Experten nach Kompetenz und Fachkenntnis aus. Einfluss auf konkrete Formulierungen nimmt das ZDF nicht und macht sich diese auch nicht zu eigen.“ Aber: Man habe die Problematik in der Redaktion „nachbesprochen“.

Kein Wort über die Gräueltaten der UPA

Ein paar Tage später, nämlich am 20. Juni 2026, gab es im ZDF-„heute journal“ eine Berichterstattung über die Zurücknahme des Ordens „Weißer Adler“, den Polen dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj überreicht hatte, aber nach der Benennung einer ukrainischen Militäreinheit nach dem Helden einer faschistischen UPA-Einheit aus dem Zweiten Weltkrieg wurde in Polen Widerstand laut. Nun will Polen den höchsten Orden des Landes zurück.

In der ZDF-Sendung hieß es zu der UPA-Einheit lediglich, sie sei in Polen negativ belegt. Kein Wort über deren faschistische Vergangenheit, die Gräueltaten, die diese in Polen begangen hatte, über die Kollaboration mit den deutschen Faschisten im Zweiten Weltkrieg. Doch die UPA war eine Einheit der Ukrainischen Nationalisten und verfolgte das Ziel eines „freien ukrainischen Staates“ von faschistischem Charakter. In Polen, vor allem in Galizien und Wolynien, waren die UPA-Einheiten bei ethnischen Säuberungen beteiligt, bei denen schätzungsweise 100.000 Polen ermordet wurden.

Auch wegen dieser Sendung muss es viele Beschwerden gegeben haben, sodass man alle zu einer Sammelbeschwerde zusammenfasste, wie mir in Beantwortung meiner Programmbeschwerde mitgeteilt wurde. Es gebe eine Leitbeschwerde, hieß es, auf deren Grundlage die Beschwerde schließlich bearbeitet würde, so die Fernsehratsvorsitzende.

Ein Schelm, wer Böses denkt

Ein Link wurde hinterlegt, den ich mir natürlich anschaute und feststellte, dass die Leitbeschwerde zwar die von mir genannte Sendung betraf, jedoch ein völlig anderes Thema behandelte. Also schrieb ich erneut eine Beschwerde zur Bearbeitung meiner ursprünglichen Programmbeschwerde und verlangte eine gesonderte Beantwortung.

Jetzt vor wenigen Tagen, am 27. Juli, erhielt ich darauf eine Antwort und Ablehnung. „Bezüglich Ihrer Eingabe … möchten wir Sie darauf hinweisen, dass neben der Leitbeschwerde … die Stellungnahme des Hauses zu den Beschwerdepunkten auf folgender Seite (Link) veröffentlicht wurde … Eine darüber hinausgehende individuelle Bearbeitung Ihrer Programmbeschwerde ist im Rahmen dieses Verfahrens nicht möglich.“ Was soll ich sagen: Während es mir um ein Ukraine-Polen-Thema ging, wird in der Leitbeschwerde und deren Beantwortung das Thema Israel–Iran behandelt.

Zuletzt ein Thema aus dem täglichen Leben: das neue Rentenpaket. Darum ging es in der ZDF-Sendung „heute“ vom 23. Juni 2023 um 19 Uhr. Wulf Schmiese war damals als ZDF-Wirtschaftsexperte in die Sendung eingeladen. Dabei wurde er vom Moderator auch gefragt, warum nicht auch die Beamten künftig in die Rentenversicherung einzahlen sollen. Schmiese gab neben anderen Ausführungen zwei kurze Erklärungen: Er behauptete, Beamte könnten nicht einbezogen werden, da der Kostenaufwand zu groß sei, wenn sie in das Rentensystem eingegliedert würden. Weiterhin erklärte er, Beamte lebten länger, darum seien langfristig die Ausgaben für deren Rente höher als die Einnahmen.

Ich traute meinen Ohren nicht. Wollte man uns Zuschauer veralbern? Sofort schrieb ich wieder einmal eine Programmbeschwerde. Die Antwort: Das Thema „Rentensystem und Beamte“ sei an diesem Tag gar nicht behandelt worden.

Diese Antwort wunderte mich, da es sich explizit um eine Nachfrage des Moderators an den Experten Schmiese handelte, die allerdings im Streaming-Portal inzwischen tatsächlich nicht mehr abrufbar ist. Moderator-Nachfrage und Experten-Antwort fehlen. Ein Schelm, wer Böses denkt.

Sind Beschwerden letztlich sinnlos? Nein!

Und noch etwas kann ich aus persönlicher Erfahrung zum Thema Programmbeschwerden berichten: Der Wortlaut der Antworten ist bei mehreren Adressaten bis auf Name und Ansprache fast identisch, obwohl es sich zwar um dasselbe Thema bei den „Eingaben“ handelt, aber die Fragestellungen verschieden sind. Das habe ich in einem Abgleich mit mir bekannten Beschwerdeschreibern eindeutig herausfinden können.

Mein Fazit: Programmbeschwerden werden durchaus beantwortet, sachlich, freundlich, aber heraus kommt dabei gar nichts. Nicht einmal habe ich erlebt oder davon gehört, dass eine solche Beschwerde wirklich Veränderungen bewirkt hat. Sind sie deswegen sinnlos? Nein, meine ich. Schweigen wäre der Fehler.

Andrea-Yvonne Müller wuchs im thüringischen Gotha auf, machte ihr Abitur an der Kinder- und Jugendsportschule in Zella-Mehlis und studierte danach in Leipzig Journalistik. Sie arbeitete 34 Jahre bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung.

 

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