Ein fröhlicher Reformvorschlag für telegenes Schweigen

Fünf Polit-Talkshows, hunderte Gäste und unzählige Stunden Debatte – doch die permanente politische Gesprächsproduktion ist lediglich die Simulation demokratischer Meinungsbildung. Ein Plädoyer für eine ungewöhnliche Programmreform. […]

Wer in diesen Runden Platz nimmt, gehört bereits zum „gesellschaftlichen Konsens“ oder hat zumindest bewiesen, dass er ihn nicht ernsthaft gefährdet. In der Regel ist der gute Mitdiskutant nicht zu unbequem, nicht zu randständig oder, im Zweifelsfall, gut eingerahmt von rhetorisch versierten Wohlmeinenden der Mitte. Der gelegentlich geladene Andersdenkende erfüllt dabei eine präzise Funktion: Er darf die These formulieren, die dann von drei Seiten gleichzeitig widerlegt wird, woraufhin der/die Moderator/in zusammenfasst und zum nächsten Thema überleitet.

Das Ergebnis ist ein Format, das aussieht wie Debatte, weil es die konstituierenden Elemente der Debatte realisiert: These, Antithese, Kontradiktion, Expertise, Leidenschaft, gelegentlich sogar eine erhobene Augenbraue, das aber mit einer echten Debatte so viel zu tun hat wie Kaugummi oder eine Käse-Scheiblette mit Ernährung. Ich schlage daher vor, die Zahl politischer Talkshows im deutschen Fernsehen auf maximal zwei pro Woche zu begrenzen. Nein nicht zwei Formate, sondern genau zwei Sendungen. […]

Das ist die eigentliche Leistung des Formats: Es simuliert Demokratie so überzeugend, dass man die echte kaum noch vermisst. Indem suggeriert wird, der politische Entscheidungsprozess laufe öffentlich und transparent ab, werden die eigentlichen Institutionen der Entscheidungsfindung gleich doppelt entwertet: Einmal durch Gleichgültigkeit und das andere Mal durch Kalkül.

Denn das Talkshow-Ritual eignet sich vorzüglich dazu, unliebsame Entscheidungen scheinbar der „gesellschaftlichen Diskussion“ zu überlassen, um sie anschließend ungerührt durchzusetzen, und zwar im Parlament und nicht im Korbsessel. Diese Mischung aus inszenierter Verantwortlichkeit und kalkulierter Erschöpfung ist kein Kollateralschaden, viel eher das Produkt des Formats. Jede Sendeminute, in der wir zuschauen, wie über Reformen geredet wird, ist eine Minute, in der das Ausbleiben von Reformen sich wie Normalzustand anfühlt. Denn die Talkshow macht Stagnation zu Aktivität und das Publikum zum stillen Komplizen.

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