In der Kritik: „Tagesschau“-Podcast „15 Minuten“: Supermond, Sex-Gags, Katzenfutter
Seit anderthalb Jahren püriert die ARD nachrichtenmüden Zielgruppen Tagesaktualität in personalisierter Podcast-Form weg und steckt zur Deko ein Kuriositätenschirmchen drauf. Kann man darauf „stolz“ sein? Peer Schader über eine spektakuläre Markendehnung. […]
Allzuoft werden private Anekdoten als vermeintlich journalistisches Material benutzt […] Vor allem aber gibt es keinerlei Hierarchisierung zwischen wirklich wichtigen Themen, die wie von tagesschau.de vorgelesen wirken, und bloßen Banalitäten, weswegen der Podcast mit seiner Mischung aus Weltgeschehen, Service-Beiträgen, Polizeimeldungen und Kuriositäten oftmals deutlich näher dran an „Brisant“ ist als an der „Tagesschau“. […]
Im Grunde genommen ist der „Tagesschau“-Morgenpodcast der Versuch, einer Zielgruppe, die sich eigentlich nicht für Nachrichten interessiert, das Gefühl zu geben, trotzdem welche konsumiert zu haben. […]
Nicht mal den selbst gesetzten Anspruch, Hörer:innen konkreten Nutzwert für ihr Leben zu liefern, kann man erfüllen. […]
Statt komplexe Themen verständlich zu machen, wie es Aufgabe der vielleicht wichtigsten Nachrichtenmarke im deutschen Fernsehen sein müsste, werden sie trivialisiert.
Das ist auch deshalb problematisch, weil die „Tagesschau“ bislang für präzise, faktenbasierte Berichterstattung, Neutralität und Sachlichkeit, Priorisierung nach Relevanz sowie verlässliche, benannte Quellen steht. „15 Minuten. Der tagesschau-Podcast am Morgen“ ist das exakte Gegenteil davon: eine täglich produzierte Gurkenlasterzusammenstoß-Meldungsanalogie, der die Marke „Tagesschau“ auf Formatradioniveau kleinfaltet. Und die ARD ist „stolz“ drauf.
Passend zum Thema:
„Der Journalismus produziert sinnleere Geschichten“ – Professor Michael Haller im Gespräch
Michael Haller hat Heerscharen von Journalisten ausgebildet. Als Professor an der Uni Leipzig oder Hamburg Media School. Und als Verfasser von Büchern wie „Die Reportage“, „Das Interview“ oder „Recherchieren“. Sie sind Standardwerke und werden seit Jahrzehnten überarbeitet neu aufgelegt und von Redakteuren benutzt. Haller wusste wovon er schreibt, denn er hat selbst als Journalist gearbeitet: Bei der Basler Zeitung, der Weltwoche, der Zeit und dem Spiegel. Nach seiner Emeritierung hat er Studien verfasst. Zum Beispiel untersucht wie die Medien über die Flüchtlingskrise berichtet haben. Das Ergebnis hat vielen nicht gepasst, es gab Gegenwind. Gerade hat Haller einen Preis für sein Lebenswerk erhalten. Doch auch mit 80 Jahren beobachtet er die Entwicklung der Medien genau. Leider machen ihn seine Beobachtungen oft nachdenklich: Viele Journalisten produzieren oft unter ihrem Niveau, wollen vor allem unterhalten und verfehlen ihren Auftrag. Auch beim ÖRR. So seine Beobachtung. Annekatrin Mücke, Alexander Teske und Peter Welchering reden in dieser neuen Folge des Medien-Podcasts „Sachlich richtig“ mit Haller auch über Merkels Satz „Wir schaffen das“, Gespräche von Gaus und Troller, die Journalismus-Ausbildung, Selfie-Journalismus und alternative Medien.
