Sei ein Mensch!

Als Twitter (X) sich einen Tag lang die Vize-Chefin der SZ einverleibte

Ein CDU-Politiker erklärte sie für tot, viele schrieben: Julian Reichelt sei schuld. Dass Alexandra Föderl-Schmid lebt, ist ein Glück. Social Media sollte sie lieber nicht lesen. […]

Statt die Nachrichtenlage abzuwarten, schrieb der CDU-Politiker Ruprecht Polenz, ehemaliger Generalsekretär der Partei (und langjähriger Vorsitzender des ZDF-Fernsehrates): „Sei ein Mensch. Ich musste heute an diesen Satz von Marcel Reif denken, als ich die Nachricht vom Tod der stv. Chefredakteurin der Süddeutschen Zeitung, Alexandra Föderl-Schmid, las. Ob das jeder beim Umgang mit dem PlagiatsVERDACHT gegen sie beherzigt hat?“ Später berichtigte er seinen Tweet, doch entschuldigte sich nicht.

Es sind diese Doppelstandards, die sehr unangenehm auffallen – nicht erst in diesem Fall, aber hier besonders. Denn auch der Tod der Journalistin war ja nur ein Verdacht, wie sich später zeigte. Und in der Tat scheinen etwa Plagiate oder andere Ausfälle immer dann besonders schlimm zu sein, wenn sie beim politischen Gegner auszumachen sind. […]

Angesichts all dieser Entgleisungen stellt sich die Frage, warum bei X so viele Leute, auch mit Klarnamen, offensichtlich Krieg gegeneinander führen wollen. Und ob das Ausdruck einer maßlos aufgeheizten Stimmung ist, die sich im Alltag schon hier und da, schier unbegrenzt aber in den sozialen Medien Bahn bricht. […]

Ob rechts, ob links, ob Mitte oder außerhalb: Eine zunehmende Anzahl von Menschen scheint sich so stark in dieses Gedankenkonstrukt verliebt zu haben, man könne mit dem Bekämpfen eines politischen Feindes alle möglichen grundsätzlichen Probleme lösen, dass sie die Realität nicht mehr wahrnehmen.

https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/sz-vizechefin-alexandra-foederl-schmid-als-sich-twitter-x-einen-tag-lang-die-vermisste-journalistin-einverleibte-li.2186034