Verbannt ins Nachtprogramm

Studie zu Dokumentarfilmen im Fernsehen: Autoren als Erfüllungsgehilfen eines Konzepts

Fritz Wolf im Gespräch mit Gesa Ufer

Nachts, wenn keiner zuschaut, laufen die anspruchsvollen Dokumentarfilme. Diese Annahme hat der Bundesverband der Dokumentarfilmer, AG Dok, nun in einer Studie genauer untersucht und ist zu dem Ergebnis gekommen: Sie stimmt. Viel bedenklicher aber ist: Die meisten Dokumentationen, die die Öffentlich-Rechtlichen ausstrahlen, gehören zu vorformatierten Sendereihen – etwa „37 Grad“, „Hautnah“ oder Zooserien wie „Elefant, Tiger & Co.“, die die künstlerische und journalistische Freiheit stark einschränkten.

Verbannt ins Nachtprogramm

Eine Studie wirft den öffentlich-rechtlichen Sendern eine Geringschätzung von Dokumentarfilmen vor

Stell dir vor, du gewinnst einen Oscar und versteckst den Film anschließend auf einem späten Sendeplatz. So stiefmütterlich behandelt die ARD ihre Dokumentarfilme seit Jahren. Vor vier Jahren etwa gewann in Los Angeles die Doku »Citizenfour«, ein Porträt über den Whistleblower Edward Snowden, das unter Beteiligung von NDR und BR entstand, eine der begehrten Auszeichnungen in der Kategorie »Dokumentarfilm«. Statt zur besten Sendezeit zeigte das Erste diesen Film jedoch erst um 23 Uhr. … Längst sind die Zeiten vorbei, in denen sich die ARD den regelmäßigen Dokumentarfilmsendeplatz am Montag um 21 Uhr leistete, wie Programmdirektor Volker Herres einst formulierte. Ihre Schätze verstecken die Verantwortlichen heute in den Nachtprogrammen. »More than Honey – Bitterer Honig«, der schon früh auf das Bienensterben aufmerksam machte und Hunderttausende in der Schweiz und Deutschland ins Kino lockte, verschwand 2014 ebenso auf einem unattraktiven Sendeplatz wie der mit dem Prix Europa als bester Europäischer Dokumentarfilm ausgezeichnete »Im Schatten der Netzwelt – The Cleaners« im Vorjahr. … Die attraktiven Sendeplätze in der Primetime sind meist verbrauchernahen Themen oder populären Genres wie der Tierdokuserie »Unsere Erde« vorbehalten. … Der Trend geht zu formatierten Dokumentationen und Reportagen zwischen 30 und 45 Minuten, die in enge dramaturgische Konzepte gepresst werden. Über 85 Prozent der Reportagen und Dokumentationen folgen den engen Korsetts der Sendeplätze.

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