Analyse: Der gar nicht so geheime Fragebogen der ARD zur Sendung „Die 100“

Analyse: Der gar nicht so geheime Fragebogen der ARD zur Sendung „Die 100“
Screenshot Die 100

Die 100“ ist laut Eigenbeschreibung eine Show, in der „Ihre“ Meinung gefragt ist. Es geht um kontroverse Fragen zu einem gesellschaftlich relevanten Problem.  Zwei Journalisten tragen Pro- und Contra Argumente zu der Frage vor. Anschaulich und unterhaltsam. Einhundert Menschen beziehen dazu Stellung. Mit ihren Füssen. Nach jedem Argument. Eine Seite des Studios steht für „Pro“, die andere Seite für „Contra“. Welche Argumente überzeugen, welche nicht? Wer ändert seine Meinung im Laufe der Sendung und wer nicht?
https://story.ndr.de/die100/index.html

Die ARD-Sendung die „Die 100“ bewegt seit Beginn ihrer Ausstrahlung die Gemüter, teils wegen der Unterstellung der Anwesenheit von Komparsen, teils wegen  des Vorwurfs des Casting der Teilnehmer nach Drehbuch oder auch aufgrund geschmackloser, rassistisch konnotierter Satire und kitschigem Schlagwort-Bingo der zusätzlich vor falschen Tatsachenbehauptungen und Verkürzungen nur so strotzt. Auch die Dämonisierung des politischen Gegners mittels infantilisierter Dramaturgie, welche in der Realität noch nicht mal ansatzweise den Fakten entspricht, sorgte für Empörung.
Kritischer Beitrag im Cicero: https://archive.ph/bdVfB#selection-453.398-453.412
Programmbeschwerde: https://publikumskonferenz.de/forum/viewtopic.php?p=11056#p11056

Die Macher der Show gehen recht transparent mit ihrem Auswahlverfahren um und beschreiben auf ihrer Webseite den Versuch (für die nicht-repräsentativen 100) eine Mischung zwischen Jungen und Alten, Stadt- und Landbewohnern, unterschiedlichen Berufen und unterschiedlichen Regionen zusammenzustellen. Ganz wichtig sei dabei, dass nicht alle die gleiche Meinung vertreten. Deswegen würden in dem Fragebogen, den alle Interessierten erhalten, auch allgemeine politische Fragen gestellt. Das Thema der Sendung kennt der Interessent zum Zeitpunkt seiner Bewerbung noch nicht.
https://story.ndr.de/die100/index.html

Letzteres ist für die Gestaltung der Sendung auch nicht ausschlaggebend. Relevant ist, dass die Macher (Moderatoren, Produktionsfirma, Casting-Agentur) das Thema kennen und somit die Teilnehmer aus einem großen Pool von ca. 1500 Bewerbern strategisch und themengerecht auswählen können.

Ich habe mich über die Webseite des Formates „Die 100“ um eine Teilnahme an einer Sendung beworben, nur um an den Fragebogen zu kommen, der die Themen zu den Aufzeichnungen vom 13. und 15. März 2026 abfragt. In einem früheren Beitrag in der Zeitschrift „Junge Freiheit“ wurde lediglich ein kleiner Teil des Fragebogens veröffentlicht, sodass eine umfassende Analyse nicht möglich war.
Fragebogen Die 100

DER entscheidende Punkt für die Bewertung des Sendekonzeptes ist: Wenn ein Fragebogen bereits im Vorfeld detailliert politische Gesinnungen und Einstellungen abfragt, verändert das den Charakter der Show von einer offenen Debatte hin zu einer kuratieren Inszenierung. Vorselektion statt Zufallsauswahl nach gängigen Kriterien nährt den Verdacht einer inszenierten Bürgernähe und manipulativer Intention, denn der Fragebogen ermöglicht es der Redaktion, die „100“ so zusammenzustellen, dass das Ergebnis (die Bewegung und Meinungsbildung im Raum) bereits vor der ersten Klappe kalkulierbar ist. Man ist so in der komfortablen Lage eine künstliche Mehrheit oder Minderheit zu schaffen, die im Fernsehen als „das Volk“ präsentiert wird. Der Echo-Kammer-Effekt durch die Möglichkeit der Auswahl nach narrativem Raster bewirkt den Eindruck einer Graswurzel-Einigkeit, die in der Realität so nicht besteht. Insbesondere das „nur-Analog-Publikum“ wird nachweislich getäuscht, da ihm wesentliche ausführliche Informationen fehlen.

Durch die Auswahl der Personen anhand ihrer Antworten im Fragebogen kann die Redaktion sicherstellen, dass bestimmte Argumente lautstark vertreten werden und andere – die vielleicht unbequem oder schwerer zu moderieren sind – gar nicht erst im Studio auftauchen. Die Sender argumentieren oft, man müsse „die Breite der Gesellschaft“ abbilden und brauche daher diese Daten. Wenn ein Fragebogen jedoch dazu dient, extreme oder schlichtweg „unpassende“ Meinungen auszusortieren, wird die Sendung eher zu einem politischen Erziehungsformat als zu einer authentischen Diskussionsrunde.

Anhand des mir vorliegenden Fragebogens lässt sich die Kritik an der Sendung  konkretisieren. Die dort gestellten Fragen ermöglichen eine sehr präzise Vorselektion der Teilnehmer, was den Vorwurf einer Inszenierung stützt. Kritische Punkte, die aus dem Dokument hervorgehen sind:

  1. Detailliertes politisches Profiling

Der Fragebogen (Fragen 18 bis 22) verlangt eine Einordnung auf einer Skala von 1 bis 6 zu hochgradig kontroversen Themen, die aktuell wären:

  • Sozialstaat: „Können wir uns unseren Sozialstaat noch leisten?“
  • Außenpolitik: „Ist Trumps Amerika noch unser Freund?“
  • Wirtschaft: „Müssen wir in Deutschland mehr arbeiten?“
  • Parteienpolitik: „Sollte die Brandmauer zur AfD aufrechterhalten werden?“

Durch die zusätzliche Abfrage von Freifeld-Antworten zu diesen Themen erhält die Redaktion ein tiefes Verständnis der Argumentationsweise jedes Bewerbers. Damit lässt sich das Studio-Ensemble exakt so zusammenstellen, dass bestimmte Dynamiken oder Mehrheitsverhältnisse erzielt werden.

  1. Abfrage von Hintergrund und Netzwerken

Die Fragen 13 bis 17 zielen darauf ab, den Hintergrund der Personen zu durchleuchten: Es wird nach Ämtern in Parteien, Gewerkschaften oder Verbänden gefragt. Die Abfrage früherer Fernsehauftritte und die Verlinkung von Social-Media-Profilen erlauben es, die „Außenwirkung“ in Punkto Medienpräsenz und eine eventuelle Radikalität der Ansichten vorab zu prüfen.

  1. Einordnung als eine Art Astroturfing

Wenn man unter Astroturfing das Vortäuschen einer organischen, ungesteuerten Basisbewegung versteht, liefert dieser Fragebogen die methodische Grundlage dafür. Da wäre zunächst Simulation statt Repräsentation. Die Sendung wirkt wie ein zufälliger Querschnitt der Bevölkerung, ist aber in Wahrheit das Ergebnis eines redaktionellen Castings – was die Macher auch unverblümt zugeben. Der Vorwurf einer kontrollierten Debatte steht trotzdem im Raum. Da die Redaktion vorher weiß, wer wie antwortet, ist die „spontane“ Bewegung der 100 im Raum keine echte Überraschung, sondern ein statistisch erwartbares Ergebnis der Auswahl. Der Fragebogen belegt, dass die Teilnehmer nicht zufällig, sondern nach ihrer ideologischen Passfähigkeit und ihrem Argumentationspotenzial ausgewählt werden können. Dies rückt das Format näher an eine inszenierte PR-Veranstaltung als an ein ergebnisoffenes Bürgerforum.

Anhand des Fragebogens lassen sich drei spezifische Ebenen analysieren, die über ein herkömmliches TV-Casting hinausgehen und die Debatte um Astroturfing bzw. inszenierte Öffentlichkeit befeuern:

  1. Die Akteure: „Fernsehgesellen“ & die Redaktion

In den Datenschutzbestimmungen wird neben dem NDR und WDR explizit die „Redaktion von Fernsehgesellen“ genannt. Dabei handelt es sich um eine Produktionsfirma, die auf die Akquise und das Casting von Protagonisten spezialisiert ist. Der Einsatz einer externen Casting-Agentur bei einem Format, das den Anspruch erhebt, „100 Bürger“ – also einen authentischen Querschnitt – zu zeigen, ist der Kern des Vorwurfs: Es handelt sich nicht um eine zufällige Versammlung, sondern um ein professionell zusammengestelltes Ensemble.

https://fernsehgesellen.de/impressum-fernsehgesellen-gmbh/

  1. Das „Fine-Tuning“ durch Freitextfelder

Besonders auffällig sind die Fragen 19 bis 22 („Freifeld Sozialstaatfrage“, etc.). Während die Skala (1–6) eine grobe statistische Einordnung erlaubt, dienen die Freitexte dazu, die Eloquenz und Argumentationslinie der Teilnehmer zu prüfen. Dies ermöglicht es der Redaktion, „Typen“ auszuwählen: Wer formuliert besonders emotional? Wer liefert die perfekten Stichworte für die Moderation? Damit wird die Debatte im Studio steuerbar, da die Redaktion die „Trigger-Punkte“ der Teilnehmer bereits kennt.

  1. Die Überprüfung der „digitalen Vita“

Frage 17 verlangt die Verlinkung von Social-Media-Profilen. Dies ist ein mächtiges Filterwerkzeug. Die Redaktion kann so prüfen, ob ein Teilnehmer in der Vergangenheit Positionen vertreten hat, die dem gewünschten Sendungskonzept widersprechen oder zu radikal sind. Im Kontext von Astroturfing ist dies relevant, weil so eine „bereinigte“ Öffentlichkeit geschaffen werden kann, in der kritische oder unvorhersehbare Stimmen bereits im Vorfeld aussortiert werden. Zusammenfassend kann man die Sendung als „kontrollierte Partizipation“ bezeichnen. Der Fragebogen belegt, dass kein Querschnitt der Bevölkerung gesucht wird, sondern eine kuratierte Gruppe, die spezifische Kriterien (politische Meinung, mediale Tauglichkeit, Hintergrund) erfüllt. Wenn das Ergebnis dieser Auswahl dem Zuschauer als „Stimme des Volkes“ verkauft wird, erfüllt dies Merkmale von Astroturfing, da die scheinbar spontane Dynamik im Studio das Resultat einer zentralen Steuerung ist.

Ende Analyse Teil 1.

Anmerkung: In der jüngsten Sendung ging es um die Frage, ob Trumps Amerika noch unser Freund ist. Abgesehen von der reichlich infantilen Fragestellung, fielen bei der Sichtung der Sendung einige Merkwürdigkeiten auf, die sowohl der sponaten Dynamik, als auch dem Einsatz „multiperspektivischer“ Stimmen widersprachen.

Charles de Gaull wurde das Zitat zugeschrieben: „Zwischen Staaten gibt es keine Freundschaft, sondern nur Allianzen.“ – oder Interessen. Der Dealmaker Trump ist genausowenig ein Freund, wie es Biden oder Obama war. Letzerer, der als Messias startete und als Präsident mit den meisten völkerrechtswidrigen Kriegen endete, ließ gar das Handy seiner „Freundin“ Angela M. abhören. Der Satz „Ausspähen unter Freunden, das geht gar nicht“ ist ein zentrales Zitat von Angela Merkel aus dem Jahr 2013, nachdem bekannt wurde, dass der US-Geheimdienst NSA ihr Handy abgehört hatte. Merkel betonte damit, dass Vertrauen unter Partnern notwendig ist und Spionage inakzeptabel sei. Soviel zu den angeblichen Freunden. Besonders ärgerlich fand ich die exzessiv synonyme Verwendung des Kontinents „Amerika“ als Bezeichnung für die USA. Amerika ist soviel mehr als der waffenstarrende Kraftprotz, der die Welt von einem Chaos ins Nächste stürzt.

Unter den Teilnehmern der Show waren im Vergleich zu vorangegangenen Sendungen ungewöhnlich viele Personen mit Migrationshintergund, was durch die Einblendung der Gesichter bei einer gewissen Fragestellung nochmal hervorgehoben wurde. Insbesondere die harte Migrationspolitik und Abschiebepläne von Trump stoßen auf Kritik und erzeugen Angst, was auch in Deutschland lebende Migranten und Menschen mit ausländischen Wurzeln stark ablehnen. Es geht eben auf der psychologischen Ebene auch um unseren Umgang mit der Migration in Deutschland und Europa. So spreche Trump „unbequeme Wahrheiten“ aus, was mit einem eingeblendeten Zitat des US-Präsidenten verdeutlicht wurde. Demnach zerstöre Europa durch Zuwanderung „sein kulturelles Erbe“.

Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel: Ein Teilnehmer mit Migrationshintergrund, der mehrfach zu Wort kam, hatte eben auch einen CDU-Hintergrund.

Mehrere meinungsstarke Personen kamen mehrfach zu Wort, der überwiegende Teil der 100 konnte nur mit den Füßen abstimmen. Obwohl einige erhobene Hände die gewünschte Wortmeldung signalisierten, kamen sie nicht zum Zug. „Multiperspektivisch“ kann nicht bedeuten, dass lediglich einem kleinen Teil der Anwesenden Statements ermöglicht werden und der Fokus übertrieben auf Einzelpersonen gerichtet wird.

Das Ergebnis musste bei dem heiklen Thema im Rahmen dessen bleiben, was eine halbwegs diplomatische Note simuliert. Und das blieb es auch. Ein wahrhaft deutliches Ausschlagen des Pendels in die eine oder andere Richtung konnte die Redaktion im eigenen Interesse nicht riskieren.

Es folgen in kurzen Abständen Teil 2 der Analyse und ein Erfahrungsbericht eines Mitstreiters, der sich für die nächste Sendung „Die 100“ qualifiziert hat, in der es um die Frage geht, ob wir uns unseren Sozialstaat noch leisten können.

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