Die Oligarchenrepublik – Eine Chronik der nicht endenden Korruption in der Ukraine

Als Wolodymyr Selenskyj im April 2019 zum Präsidenten der Ukraine gewählt wurde, versprach er eine neue Ära. Nachdem Oligarchen jahrzehntelang die Politik des Landes geprägt hatten, kam ein Mann zum Zuge, der das Image des integren Überraschungskandidaten pflegte, den er als Hauptdarsteller in der Fernsehserie „Diener des Volkes“ verkörpert hatte.

Beitrag von von Sébastien Gobert

Heute ist Selenskyj mit dem größten Korruptionsskandal seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 konfrontiert. Mitte November 2025 deckte das Nationale Antikorruptionsbüro (Nabu) ein kriminelles System auf, über das mehr als 100 Millionen Euro zulasten des staatlichen Atomenergieunternehmens Energo­atom veruntreut wurden. Diese Gelder fehlen damit für die Instandhaltung des Stromnetzes, das regelmäßig von Russland bombardiert wird.

Als die Sache ans Licht kam, mussten der Justiz- und der Energieminister zurücktreten und am 28. November auch der Leiter des Präsidialamts, Andrij Jermak. Der engste Vertraute Selenskyjs hatte die ukrainische Delegation bei den Verhandlungen über eine Friedenslösung angeführt; seine Entmachtung hat die ohnehin schwierige Position Kyjiws zusätzlich geschwächt.

Während die russische Armee im Donbass langsam, aber stetig vorrückt, fällt es der Ukraine immer schwerer, neue Soldaten zu rekrutieren. Zudem steht das Land unter starkem Druck der Trump-Regierung, die mit dem Ende ihrer Unterstützung droht, falls Kyjiw nicht zu einem Kompromiss auf der Grundlage eines russisch-amerikanischen Plans bereit ist.1

Donald Trump und seine Vertrauten benutzen den Korruptionsskandal als zusätzliches Argument, um sich aus einem Krieg herauszuhalten, der aus ihrer Sicht nicht nur weit weg, sondern auch nicht zu gewinnen ist.2 Der US-Kongress beschloss am 17. Dezember zwar mit großer Mehrheit zusätzliche Militärausgaben von 901 Milliarden US-Dollar, doch für die weitere Unterstützung der Ukraine ist die eher nur symbolische Summe von 900 Millionen US-Dollar vorgesehen. Die Hauptlast der Ukrainehilfe sollen die anderen verbündeten Staaten und insbesondere die Europäer stemmen. Doch auch deren Vertrauen in Kyjiw ist durch den Skandal erschüttert.

Die jüngsten Enthüllungen und Rücktritte rufen in Erinnerung, dass die ukrainische Regierung erst im vorigen Sommer versucht hat, das Nabu dem Generalstaatsanwalt und dem Präsidialamt zu unterstellen. Ende Juli 2025 hatten tausende Demonstrierende in Kyjiw und anderen Großstädten die Umsetzung dieses Vorhabens verhindert. Am 5. Dezember meldete die New York Times zudem, dass die ­ukrainischen Behörden den Antikorrup­tions­kampf auch in den Verwaltungsräten großer staatlicher Unternehmen, die Auslandshilfe erhalten, behindert haben sollen.3

Die politische Generation, die Selenskyj verkörpert, hatte versprochen, dem Einfluss einer Handvoll Milliardäre auf den Staatsapparat und der damit verbundenen Korruption ein Ende zu machen. Um die aktuelle Krise und ihre möglichen Folgen zu verstehen, muss man in die jüngere Vergangenheit zurückgehen, in der es in der Ukraine ständig zwischen zwei Polen hin und her ging: Auf die Kaperung des Staates durch private Akteure folgten Reformversprechen, die immer wieder enttäuscht wurden.

Die Machtübernahme der Oligarchen vollzog sich in drei Phasen. Die erste begann nach 1985, als sowjetische Apparatschiks die durch die Perestroika eröffnete Möglichkeit nutzten, zu Privatunternehmern zu mutieren. Fabrikdirektoren, Kolchosleiter oder Staatsfunktionäre stiegen in den mehr oder weniger legalen Import westlicher Konsumgüter und andere Geschäfte ein. Als sich die UdSSR 1991 auflöste, standen sie in der Poleposition, um sich die staatliche Industrie unter den Nagel zu reißen.

Einer von ihnen war Jewhen Schtscherban in Donezk. Als Ex-Bergwerksdirektor wusste er genau, was die Unternehmen brauchten. Ein metallurgischer Betrieb hatte nicht genug Rohstoffe? Er besorgte einen Lieferanten. Ein Unternehmen brauchte Gas? Er organisierte die Lieferung aus Russland. Einem Restaurant gingen die Alkoholika aus? Er vermittelte den Kontakt zu Weinproduzenten in Moldawien.

Schtscherban ließ sich von seinen Kunden – mangels Bargeld – mit Industrieprodukten bezahlen, die er meistbietend weiterverkaufte, manchmal auch mit Unternehmensanteilen. Mit wachsendem Vermögen wuchs auch seine moralische Autorität im Donbass.

Die setzte er ein, um einen wilden Kapitalismus zu propagieren. Bei einer Diskussion mit jungen Hochschulabsolventen, von der es ein Video gibt, verkündete Schtscherban, sein Lebensziel sei immer gewesen, „nicht arm zu sterben“. Das habe er geschafft, zuweilen auf illegale Weise, aber das sei „für einen wie mich in einer so geschwächten Gesellschaft wie unserer gar nicht schwer“ gewesen.4

Mit einem Vermögen von schätzungsweise 500 Millionen US-Dollar stieg Schtscherban zum ersten Oligarchen des Landes auf. Und als führender Unternehmer im wichtigsten ukrainischen Industrierevier mischte er alsbald auch in der Politik mit.

Ehemalige Sowjetfunktionäre und clevere Opportunisten machten es ihm nach. In Dnepropetrowsk5 mischte der junge Ingenieur Ihor Kolomojskyj in der Eisen- und Erdölbranche und im Bankensektor mit. Julija Tymoschenko, die 2004 zur Galionsfigur der Orangen Revolution wurde, machte ihr Vermögen zwischen 1995 und 1997 als Chefin des Energiekonzerns EESU – auch dank dubioser Gaslieferverträge mit der russischen Gazprom.

Die schöne „Gasprinzessin“ hatte schon zuvor eines der ersten ukrainischen Joint Ventures in Zypern gegründet, über die eine ganze Generation postsowjetischer Kapitalisten ihr unehrlich erworbenes Geld ins Ausland schafften. Auch Petro Poroschenko, 2014 zum fünften Präsidenten der Ukraine gewählt, war zuvor vom Kakao­händler zum Schokoladenkönig der Ukraine aufgestiegen.

Rinat Achmetow, Herrscher über den Donbass

In den 1990er Jahren formierten sich die Oligarchen zu regelrechten Clans, die durch Leitfiguren und gemeinsame Wirtschafts- und Finanzinteressen zusammengehalten wurden.6 Politischen Einfluss gewannen sie vor allem in den Industrieregionen. Dabei entstand eine spezielle Konkurrenz zwischen Donezk und Dnepropetrowsk, die vom Kyjiwer Clan notdürftig ausbalanciert wurde. Auch die anderen Regionen brachten Oligarchen hervor, deren Einfluss auf nationaler Ebene allerdings begrenzt blieb.

Der Aufstieg der neuen Elite erfolgte vor dem Hintergrund einer brutalen Verarmung der Bevölkerung. Versorgungslücken, die galoppierende Inflation und die Liquidierung der Sozialprogramme führten dazu, dass Millionen von früheren Sowjetbürgern in kürzester Zeit verarmten.

Zwischen 1991 und 1994 sank das BIP der Ukraine um 40 Prozent. Die Intelligenzija, die viel von der Perestroika und der Unabhängigkeit erwartet hatte, sah sich einer radikalen Transforma­tion und zunehmender Straßengewalt machtlos ausgeliefert. Laut Weltbank stieg die Zahl der Tötungsverbrechen pro tausend Einwohner zwischen 1990 und 1996 von 4,96 auf 9,67.

Die Konzentration der ökonomischen Macht in Donezk hatte zur Folge, dass der Donbass zum Zentrum von Schwerverbrechen wurde, die auch die Reichsten nicht verschonte.

Im November 1996 wurden Jewhen Schtscherban und seine Frau nach der Landung ihres Privatjets auf dem Flughafen von Donezk von zwei als Polizisten verkleideten Männern erschossen. Nach diesem Mord, dessen Auftraggeber nie ermittelt wurden, stieg Rinat Achmetow zum unumstrittenen Herrscher des Donbass auf – und zum reichsten Mann der Ukraine.

Achmetow bestreitet bis heute jede Beteiligung am Tod seines Rivalen und der anschließenden Mordserie. Über seine Jugend ist wenig bekannt. Bei einer seiner seltenen Pressekonferenzen wurde er 2006 gefragt, wie er seine erste Million verdient habe. Er antwortete: „Ich könnte Ihnen eher erzählen, wie ich meine erste Milliarde verdient habe.“

Die Reaktionen der Kyjiwer Regierung auf die anarchischen Zustände ließen indes auf sich warten. Im Juni 1996 wurde eine neue Verfassung verabschiedet, drei Monate später die nationale Währung Hrywnja eingeführt, worauf die Inflation zurückging.

1994 folgte die Unterzeichnung des Budapester Memorandums und 1997 die eines ukrainisch-russischen Vertrags über Freundschaft, Zusammenarbeit und Partnerschaft. Mit der Anerkennung der neuen Grenzen durch Russland und die anderen Großmächte hatte die Ukraine ihre Souveränität auf internationaler Ebene konsolidiert. In dieses Bild passte nicht so recht, dass sich die Oligarchen seit Beginn der 1990er Jahre als innenpolitische Gegen­macht etabliert hatten.

Als Präsident Leonid Kutschma (1994–2005) die Konzerne krimineller Provenienz legalisierte, gab er den Weg frei für die nächste Entwicklungsetappe der ukrainischen Oligarchen­republik. Um den Anschein staatlicher Autorität wiederherzustellen, schloss Kutschma einen informellen Pakt mit den größten Clans: Statt sie vor Gericht zu stellen, ermunterte er sie zum politischen Mitmachen. Die kriminellen Wirtschaftskonzerne bekamen nicht nur ihre unrechtmäßig erworbenen Vermögen legalisiert, sondern auch Zugang zu staatlichen Aufträgen und – mittels Privatisierungen – Zugriff auf mannigfache Ressourcen des Staates.

Der entscheidende Schachzug im Rahmen dieser Strategie war die von Ach­metow empfohlene Ernennung von Wiktor Janukowitsch zum Gouverneur von Donezk (1999–2001). Das sollte dazu dienen, die Region zu befrieden – und sie dem Geschäftsmann Achmetow auszuliefern.

Die Clans der Milliardäre nahmen Kutschmas Ermunterung, ins politische Tagesgeschäft einzusteigen, dankend an. Bei den Wahlen von 1998 investierten sie kräftig in die Eroberung von Parlamentssitzen, und zwar pro Sitz an die 5 Millionen Dollar, die für Wahlwerbung, Bestechung der Mitglieder der Wahlkommissionen und Stimmenkauf anfielen.

Die Gründung von Medienkonzernen und insbesondere von TV-Sendern flankierten den „demokratischen Aufbruch“. Erst durch ihren Einfluss auf Politik und Medien wurden die post-sowjetischen Unternehmer zu echten Oligarchen.

Mit der Zeit wurden die staatlichen Institutionen quasi vollständig von Interessengruppen unterwandert, was die ohnehin endemische Korruption und die Vetternwirtschaft voll zur Entfaltung brachte. Die alten Industrie­monopole, die mittlerweile voll im Besitz der Oligarchengruppen waren, erwiesen sich jedoch als Hindernis für die Modernisierung der Produktionsstrukturen. Denn durch steuerliche Begünstigungen und staatliche Subventionen wurden die Strukturen einer Rentenökonomie weiter zementiert.

Als die Oligarchen auch die politische Arena eroberten, drohte der öffentliche Diskurs zu verkümmern. Doch die Konkurrenz zwischen ungefähr gleich großen Machtgruppen verhinderte immerhin die Entstehung einer vertikalen Autorität. Und die Medienkonkurrenz förderte sogar eine gewisse Debatten- und Investigativkultur.

Für Kutschma diente die Allianz mit den Oligarchen auch als Schutz des ukrainischen Marktes vor ausländischen Investoren aus Russland wie aus dem Westen. Der Politologe Mykola Ryabtschuk meint im Rückblick sogar, Kutschma habe die schwache nationale Souveränität verteidigt: Er „verkaufte“ das Land zwar an die großen Vermögen, aber wenigstens an ukrainische.7

Der Staatschef spielte den Schiedsrichter, indem er seine weitreichenden Rechte nutzte, die ihm das 1996 etablierte Präsidialregime zugestand, insbesondere die Aufsicht über die Sicherheitsorgane, die neuen Regulierungsbehörden und die Organe der Korruptionsbekämpfung.

Dank dieser Rechte und seiner Kontrolle über die Anti-Monopol-Behörde und die Steuerverwaltung konnte Kutschma die Machtbalance zwischen den rivalisierenden Oligarchengruppen so regulieren, dass keine von ihnen zu mächtig wurde. So ließ er seinen Schwiegersohn Wiktor Pintschuk zwar unter die fünf reichsten Ukrainer aufsteigen, versuchte dabei jedoch nicht, Rinat Achmetow zu entthronen. Und als Ministerpräsident Pawlo Lasarenko zu gierig wurde, entzog ihm der Präsident 1997 das Vertrauen. Jahre später wurde er in den USA wegen Erpressung und Geldwäsche verurteilt.

Eine ähnliche „Oligarchisierung“ der Politik lief Ende der 1990er Jahre auch in anderen postsowjetischen Republiken ab, wo die Oligarchen versuchten, ihr unredlich erworbenes Geld zu legalisieren und in die Politik zu gehen. In Russland wurde diese Entwicklung allerdings zu Beginn der 2000er Jahre jäh unterbrochen, als Boris Jelzins Nachfolger Wladimir Putin unter seiner Präsidentschaft eine vertikale Machtstruktur etablierte, strategische Wirtschaftsbereiche erneut verstaatlichte und die russischen Konzernherren auf Linie brachte oder durch treue Gefolgsleute ersetzte. In der Ukraine dagegen blieb die Oligarchenrepublik länger erhalten und mit ihr die dynamische Konkurrenz ihrer Protagonisten.

Am Ende von Kutschmas zweiter Amtszeit wurde das politische Gefüge erstmals erschüttert. Die meisten der Milliardäre, voran Achmetow und Pin­tschuk, stellten sich hinter Kutschmas designierten Nachfolger Wiktor Janu­ko­witsch. Dessen Gegenkandidat Wiktor Juschtschenko wurde von einer Front aus Millionären und mittelgroßen Unternehmen unterstützt, die ihren Anteil am Kuchen haben wollten.

Diese Gruppe wurde, als ein Wahlbetrug zugunsten von Janukowitsch aufgedeckt wurde, zur treibenden Kraft bei der Organisation der Proteste, die 2004 in die Orange Revolution mündeten. Getragen wurde diese Bürgerbewegung von der Mittelklasse, die Ende der 1990er Jahre mit der wirtschaftlichen Stabilisierung ein neues Selbstbewusstsein entwickelt hatte; doch für ihren Erfolg entscheidend war das Engagement der „kleinen“ Oligarchen. Die Wahl wurde annulliert und Juschtschenko in einer neuen Abstimmung zum Präsidenten gewählt.

Vor seiner Wahl versprach er, die „Banditen ins Gefängnis zu bringen“. Die zur Ministerpräsidentin ernannte Julija Timoschenko machte die Privatisierung eines riesigen metallurgischen Komplexes, den Achmetow und Pintschuk für 800 Millionen Dollar erworben hatten, wieder rückgängig. Demonstrativ nahm sie den Oligarchen das unrechtmäßig erworbene Monopolunternehmen wieder ab, indem sie es live im Fernsehen versteigern ließ. Die Anlage ging für 4,81 Milliarden Dollar an die multinationale Mittal Steel Company (später ArcelorMittal).

Trotz dieser Medienshow erwies sich die „Entoligarchisierung“ am Ende als hohle Phrase. Unter Präsident Jusch­tschenko (2005–2010) war das Land wie gelähmt durch den Dauerstreit mit Timoschenko, Korruptionsskandale und ständig wechselnde Allianzen. Auch Juschtschenko suchte sich Bündnispartner unter den Oligarchen. Einer von ihnen war Dmytro Firtasch, der die Gasgeschäfte dominierte. Zudem ließ sich Juschtschenko von Achmetow und Pintschuk beraten. Als Gegenleistung wurden sie für die Justiz unantastbar, was ihnen erlaubte, ihre Strategie der Legalisierung fortzusetzen. So mündete die Orange Revolution paradoxerweise in das goldene Zeitalter der Oligarchenrepublik.

Die Präsidentenwahl von 2010 gewann mit Wiktor Janukowitsch der Verlierer von 2005, den Juschtschenko jedoch bereits im August 2006 zum Ministerpräsidenten berufen hatte und der seinen Wahlsieg der politischen Instabilität und den Absprachen mit den Oligarchengruppen zu verdanken hat.

Unter Janukowitsch dominierte der Donezk-Clan erneut das öffentliche Leben und konnte so Vergeltung für die Orange Revolution üben. 2011 wurde dessen Gegenspielerin Timoschenko zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Auch die Clans von Dnepropetrowsk und Kyjiw verloren an Einfluss, was sich in den Parlamentswahlen von 2012 niederschlug.

Schokokönig und Gasprinzessin

Die Konzentration der Ressourcen bei einem immer kleineren Kreis widersprach allerdings dem Funktionsmodus eines „Regimes durch Konkurrenz“. Ab 2012 verschanzte sich Janukowitsch in „der Familie“, wie Kritiker und Gegner seine mafiöse Clique nannten. Sein Sohn Oleksandr, von Beruf Zahnarzt, wurde ebenso schnell zum Multimillionär wie sein Freund Serhij Kurtschenko, der größere Mengen an undurchsichtig erworbenen Geldern in die Gasbranche, in Medien und andere Geschäfte investierte. Er fungierte als „Brieftasche“ der „Familie“.

Der laut Verfassung „unparteiische“ Präsident mischte über seine Clique bei Unternehmen mit, deren Profite auf 40 Milliarden Dollar geschätzt werden.8 Die Geschäftstüchtigkeit der „Familie“ störte jedoch die anderen Oligarchen; selbst Achmetow fühlte sich benachteiligt. Ende 2013 protestierten immer mehr Menschen gegen die Polizeigewalt, die systemische Korruption und die Weigerung des Präsidenten, das Assoziierungsabkommen mit der EU zu unterzeichnen. Janukowitsch fand sich zunehmend isoliert.

Während die Orange Revolution eine „Revolte der Millionäre gegen die Milliardäre“ war, ist der zweite Maidan als breitere, vom Volk getragene Mobilisierung zu verstehen. Vor allem im Westen und in der Zentralukraine war das Misstrauen gegen die von Oligarchen gepäppelten Parteien weit verbreitet.

Zwar traten die Oligarchen bei der Organisation der Demonstrationen nicht in Erscheinung, aber ihre Medien berichteten durchaus wohlwollend über die Bewegung. Nach dem Massaker auf dem Maidan von Ende Februar 2014, das im Einzelnen immer noch nicht aufgeklärt ist, floh Janukowitsch aus der Ukraine.

Diese „Revolution der Würde“ beschnitt die Macht des Präsidenten und stoppte den Aufstieg der Oligarchen, deren Einfluss damit aber nicht gebrochen war. Das Ende des Monopols der „Familie“ bedeutete vielmehr die Rückkehr zur Oligarchenrepublik in ihrer alten Gestalt.

Nach den Wahlen im Oktober 2014 schafften es die Clans erneut ins Parlament und in die staatlichen Institutionen. Mit Petro Poroschenko gelangte ein klassischer Oligarch ins Präsidentenamt – auch dank der Unterstützung von Dmytro Firtasch. Der Multimilliardär war zwar im März 2014 auf Verlangen der USA in Wien festgenommen worden, hatte aber in Kyjiw noch erheblichen Einfluss.

Rinat Achmetow wiederum nutzte seinen Einfluss in seiner Heimatregion Donbass, um Druck auf die Regierung auszuüben. Er schürte in Donezk den ersten Unmut gegen Kyjiw, verlor dann aber die Kontrolle über die Entwicklung, die bald von separatistischen Gruppen sowie russischen Söldnern und Spezialeinheiten übernommen wurde. Dennoch behielt er seine Rolle als „Herr des Donbass“ zumindest bis 2017.

Andere Magnaten finanzierten bewaffnete Milizen, die sich den prorussischen Bataillonen in Odessa, Charkiw und im Donbass entgegenstellten, die vom Kreml unterstützt wurden. Nach der russischen Annexion der Krim im März 2014 wurde der Oligarch Ihor Kolomojskyj als „Retter der Nation“ gefeiert. Er finanzierte zum Beispiel das Bataillon Ajdar und das Asow-Regiment, dem sich auch Neonazis anschlossen.

In der Amtszeit von Poroschenko (2014–2019) waren „Heldentaten“ dieser Art nicht selten. Allerdings sah der Präsident seine Rolle als Primus inter Pares durch Figuren wie Kolomojskyj bedroht, der als Gouverneur seiner Heimatregion Dnipropetrowsk auch politische Macht ausübte. Diesen Konkurrenten wurde Poroschenko los, nachdem Kolomojskyj nach der Verstaatlichung seiner Privatbank im Dezember 2016 das Land verlassen hatte.

Ab 2014 wurden die öffentlichen Einrichtungen von Reformkräften übernommen, deren Initiativen eine erstarkte Zivilgesellschaft, aber auch ausländische Partner unterstützten, die ihr finanzielles Engagement nach dem Ende der Wirtschaftskrise verstärkten.

Der Schock über die Annexion der Krim verstärkte sogar den Impuls des „revolutionären“ Aufbruchs: Das Steuer­system und das öffentliche Beschaffungswesen wurden saniert und die territoriale Dezentralisierung sowie eine bürokratische Digitalisierung eingeleitet. Damit wollte man der Korruption den Kampf ansagen. In den Schlüsselbereichen Justiz, Sicherheit und Zoll sind jedoch tiefgreifende Reformen liegen geblieben.

Wolodymyr Selenskyj profitierte von diesem Gefühl des Unvollendeten, aber auch von einer gewissen Kriegsmüdigkeit. Als der Comedian im Mai 2019 zum Präsidenten gewählt wurde, stand er für die „Entoligarchisierung“ der Politik und als russischsprachiger und proeuropäischer Ukrainer für die Überwindung der sprachlichen und politischen Spaltung wie für eine mögliche Einigung mit Moskau.

Der Krieg und der Niedergang der Oligarchenmacht

Doch schon nach wenigen Monaten stagnierten die Reformen, desgleichen die Verhandlungen mit Moskau. Selenskyjs Regierung von „Amateuren“ wurde durch den Einfluss konkurrierender Interessengruppen gelähmt. Nach dem Ausbruch der Coronapandemie forderte der Präsident die reichsten Konzernchefs auf, sich finanziell zu engagieren – womit er sie freilich auch als respektable Philanthropen legitimierte. Überdies widersprachen die engen Bande seiner Regierung zu einigen Oligarchen seinem Anspruch, die politische Kultur zu erneuern und damit transparenter zu machen.

Anfang 2021 trat eine Wende ein. Der neue US-Präsident Joe Biden setzte Kolomojskyj, den Produzenten der TV-Serie „Diener des Volkes“, die Selenskyj berühmt gemacht hatte, auf seine Sanktionsliste. Auf Druck der USA wurde im ukrainischen Parlament ein Gesetz über „den unangemessenen Einfluss von Wirtschafts- oder politischen Persönlichkeiten auf das öffentliche Leben (Oligarchen)“ eingebracht, das für den Begriff Oligarch vier Kriterien festlegte: Einfluss auf Massenmedien, Besitz von mindestens einem Unternehmen mit Monopolcharakter, Kapitalbesitz, der mehr als das Millionenfache des Mindestlohns ausmacht, und Teilnahme am politischen Leben.

Dieses Gesetz sollte gewährleisten, dass große Vermögen und politische oder publizistische Aktivitäten streng getrennt bleiben. Allerdings trat es nie vollständig in Kraft. Als es im November 2021 verabschiedet wurde, waren die russischen Truppen bereits an den Grenzen zur Ukraine aufmarschiert.

Der russische Angriff am 24. Februar 2022 zwang die Oligarchen, sich für eine Seite zu entscheiden. Pintschuk war eindeutig für die militärische Mobilisierung. Andere zogen das Exil an der französischen Côte d’Azur oder in Dubai vor. Eine dritte Gruppe, die einer prorussischen Haltung verdächtigt wurde, geriet unter Druck der ukrainischen oder westlichen Justiz. Zu ihr gehörte Wiktor Medwetschuk, der 2014 noch zwischen der Regierung in Kyjiw und den Donbass-Separatisten vermittelt hatte. Seine drei Fernsehsender waren schon seit 2021 geschlossen; im April 2022 wurde er verhaftet und fünf Monate später im Rahmen eines Gefangenenaustauschs an Russland übergeben.

So kam es zum Niedergang der ukrainischen Oligarchie insgesamt, die durch Kriegszerstörungen, russische Besatzung und ökonomische Sanktionen geschwächt wurde. Achmetows Fabrik Asowstahl in Mariupol wurde im Frühjahr 2022 von russischen Bomben plattgemacht. Auch Pintschuks Konzern Interpipe, der Stahlteile und Achsen für Eisenbahnwagen herstellt, wurde stark geschädigt.

Die „Entoligarchisierung“ der Ukraine wurde sowohl durch die russischen Bomben als auch das ukrainische Kriegsrecht vorangetrieben, das den Medien der Oligarchen kriegsbedingte Einschränkungen verordnete. Zudem hatte Selenskyj, dessen Amtszeit eigentlich im Mai 2024 abgelaufen war, die Präsidentschaftswahlen entsprechend ausgesetzt. Also hatten die Oligarchen auf absehbare Zeit keine Chance, Wahlen und die anschließende Machtverteilung zu beeinflussen.

Damit ist die ukrainische Oligarchenrepublik an einem entscheidenden Punkt angelangt. Das System der persönlichen Bereicherung hat nichts mehr mit dem der Janukowitsch-Ära gemein. Und der Krieg hat die Macht des Präsidenten deutlich gestärkt.

Wie die jüngsten Skandale zeigen, ist die Korruption jedoch weiterhin tief verwurzelt.9 Allerdings können die Anti­korruptionsbeamten heute entschiedener durchgreifen, weil sie ihre Unabhängigkeit gegenüber der Exekutive bewahrt haben – dank einer starken Zivilgesellschaft und ausländischer Geldgeber.

Letztere werden aber auch dafür sorgen, dass sich die Ukraine für ihr Kapital öffnet, insbesondere das US-amerikanische. Klare Anzeichen dafür sind die Unterzeichnung des Abkommens über die Gewinnung seltener Erden vom Mai 2025 wie auch die Klausel über die Beteiligung der USA an den Gewinnen künftiger Wiederaufbauprojekte, die Trump der Ukraine aufzwingen möchte.

Auch diese Perspektive dürfte den Einfluss der nationalen Oligarchen auf längere Sicht einschränken. Allerdings sind durch den Krieg neue Interessengruppen entstanden, die sich am Präsidentenamt anlagern. Sollte die Erneuerung des Justizwesens scheitern, könnte die alte Logik neuen Auftrieb bekommen. Dann könnte eine neue Generation von Oligarchen entstehen, etwa im militärisch-industriellen Komplex oder in der Agro-Industrie.

Quellen:

https://www.monde-diplomatique.fr/2026/01/GOBERT/69171

1 Siehe Anatol Lieven, „Was der Donbass bedeutet“, LMd, Dezember 2025.

2 Siehe „In Conversation with Donald Trump Jr and Omeed Malik“, Youtube, 7. Dezember 2025.

3 Kim Barker und Constant Méheut, „Zelensky’s government sabotaged oversight, allowing corruption to fester“, New York Times, 5. Dezember 2025.

4„Erbe, eine Dokumentation von Hromadske“ (auf Ukrainisch), Youtube, 3. Dezember 2020.

5 Im Mai 2016 umbenannt in Dnipro.

6 Siehe Klaus Müller, „Die Clans der Ukraine“, LMd, Oktober 2014.

7 Mykola Rijabstchouk, „Das Dilemma des ukrainischen Faust. Zivilgesellschaft und Staatsentwicklung“ (auf Ukrainisch), Kyjiw (Kritika) 2000.

8 Tanya Kozyreva und Jason Leopold, „Here’s how Ukraine’s ousted government got away with $40 billion“, Buzzfeed News, 12. Juli 2018.

9 Siehe Hélène Richard, „Arbeiten, kämpfen, durchhalten“, LMd, November 2023.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz.

Sébastien Gobert ist Journalist und Autor u. a. von „L’Ukraine, la République et les oligarques“, Paris (Tallandier) 2024.