Kritik an ARD-Doku: Experten fühlen sich missbraucht, Aussagen „aus dem Kontext gerissen“
Nach der Veröffentlichung von „Being Jérôme Boateng“ in der ARD-Mediathek sagen Interviewpartner, ihre Aussagen seien von der Produktion massiv beschnitten und aus dem Kontext gerissen worden. […]
Die Investigativjournalistin Gabriela Keller, die seit Jahren zu Fällen häuslicher Gewalt recherchiert, bezeichnet es als „sehr irritierend“, in einer Art „Krisen-PR der ARD“ aufzutauchen, und sagt, sie habe „dafür niemals ihr Einverständnis gegeben“. Aus ihrem Interview seien lediglich „drei, vier sehr allgemeine Sätze“ verwendet worden, die kaum etwas mit ihrer eigentlichen Analyse zu tun hätten.
„Ich frage mich natürlich: Welche Rolle spiele ich da? Ein Feigenblatt?“, sagt Keller. Ihr zufolge sei ihre wesentliche Einordnung des Falls Boateng in der Doku „praktisch nicht vorgekommen“, was am Ende dazu führe, dass „alles nebulös“ bleibe. […]
Auch die Creatorin und Podcasterin Gizem Celik kritisiert das Projekt. Sie erklärt nach Veröffentlichung der Doku, sie habe bei ihrem Interview „nicht gewusst, dass Boateng selbst darin vorkommen werde“. Am Set wurde der Eindruck vermittelt, dass er kein Teil der Produktion sei. Hätte sie gewusst, dass Boateng ausführlich seine Sicht darstellen darf, hätte sie nach eigener Aussage nicht mitgewirkt. […]
Für wie gelungen die ARD selbst die redaktionelle Einordnung des Falls Boateng und Kasia Lenhardt hält? Darauf antwortet der Sender, die Doku wolle keine vollständige juristische Aufarbeitung leisten. Sie solle zeigen, wie der Fall Boateng und seine Karriere öffentlich diskutiert wurden. Gleichzeitig habe man versucht, sensibel mit Persönlichkeitsrechten und dem Wunsch der Familie Lenhardt umzugehen.
Das „Frauennetzwerk“ im Bayerischen Rundfunk will die kontrovers besprochene Doku „Being Jérôme Boateng“ aufarbeiten. An einer internen Diskussionsrunde nächste Woche sollen Kulturleiterin Ellen Trapp und die beteiligten Redaktionsmitglieder teilnehmen, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“. Nach Erscheinen der Doku haben sich in den vergangenen Tagen mit Investigativjournalistin Gabriela Keller, Podcasterin Gizem Celik und Anwalt Alexander Stevens schon mehrere Personen, die in dem Projekt vorkommen, von ihm distanziert.
https://www.turi2.de/aktuell/boateng-doku-bringt-intern-und-extern-wirbel-fuer-den-br/
Der Medienanwalt von Boatengs Ex-Partnerin, der Mutter seiner Kinder, mit der er sich bis heute in rechtlichen Auseinandersetzungen befindet, hat nun angekündigt, im Namen der minderjährigen Zwillinge gegen die Doku vorzugehen. Weil deren Fotos, die Gesichter durch Emoticons verdeckt, gezeigt werden, seien Persönlichkeitsrechte verletzt. Da die Eltern sich das Sorgerecht teilen, hätten beide einer Verwendung zustimmen müssen, doch nur Boateng habe seine Zustimmung erteilt.
Nun haben sich zwei Wochen nach Veröffentlichung drei Beteiligte von dem Film distanziert: die Investigativjournalistin Gabriela Keller, die Podcasterin und Tiktokerin Gizem Celik und der Münchner Rechtsanwalt Alexander Stevens. […]
Bereits vor einem halben Jahr kursierte intern die Meldung, die Kultur- und die Dokumentationsredaktion planten eine Boateng-Doku. Die ersten kritischen Nachfragen und Warnungen ließen nicht lange auf sich warten, heißt es aus der Redaktion.
Für die Kritik nach der Veröffentlichung wappnete man sich beim BR mit einer 29 Seiten langen „Community Management Strategie“, wie der Spiegel berichtete. Eine Anleitung, was man aufgebrachten Zuschauern in den Kommentarspalten entgegnen solle: „Der Opferperspektive kann man in so einer Sendung praktisch nicht gerecht werden“, heißt es dort, oder: „Wir ordnen alle Aussagen ein, indem wir andere Perspektiven durch Interviewpartner aufzeigen und Widersprüche sichtbar werden lassen.“
Im „Frauennetzwerk“, einer internen Gruppe von BR-Redakteurinnen, hat man die Aufarbeitung inzwischen selbst in die Hand genommen. Kommende Woche soll es eine intern organisierte Diskussionsrunde geben, zu der auch an der Dokumentation beteiligte Redakteurinnen und Redakteure sowie Kulturleiterin Ellen Trapp kommen sollen. Teile der BR-Redaktion fordern nun eine journalistische Aufarbeitung. Im Kommentar eines ARD-Teams heißt es auf Instagram: „Wir haben uns für dieses Format entschieden und stehen auch erst mal dazu.“
https://www.sueddeutsche.de/medien/ard-jerome-boateng-doku-kritik-br-li.3347601
Klaus Raab: Ein Fernsehformat ist wie ein Gefäß. Egal mit welchem Inhalt man es befüllt, das Gefäß wird der Füllung die Form geben und seine Wirkung mitprägen. Handelt es sich um ein Gefäß aus blau gefärbtem Glas, wird das, was darin ist, bläulich aussehen, egal ob es Wasser, Wein oder Milch ist. So ähnlich ist es mit Fernsehformaten: Ein Stoff wird unter den Vorgaben eines Reihenkonzepts auch immer zu einem Inhalt aus dieser Reihe.
Das hat Vorteile. Erwartungshaltungen des Publikums können leichter erfüllt werden. Es wird Einschaltanreize bekommen. Wem ein anderer Inhalt eines Formats gefallen hat, der wird vielleicht auch für diesen empfänglich sein. Der „Tatort“ wird gewiss auch deshalb gern eingeschaltet, weil die Dachmarke so gut eingeführt ist. Dieselben Krimis unter anderen, je eigenen Namen – und viele derer, die sie sich anschauen, würden sie wohl gar nicht erst entdecken.
Das hat aber auch Nachteile, die etwa ein formatfreier Dokumentarfilm nicht hat. Eine Redaktion, die bestimmte Formate oder Gefäße befüllt, wird Stoffe auch danach beurteilen, ob sie dazu passen. Formate verlangen bestimmte Festlegungen. Sie haben vielleicht immer die gleiche Anzahl an Protagonisten. Oder eine definierte Länge. Oder sie entscheiden über die Erzählperspektive. Und das hat Konsequenzen für den Inhalt.
https://www.mdr.de/altpapier/das-altpapier-4446.html
