„Wir sind Anwalt der Wirklichkeit – nicht der Schwachen“: Gniffkes provokante These zum Qualitätsjournalismus
SWR-Intendant Kai Gniffke nimmt im KNA-Interview kein Blatt vor den Mund – und kein Medienhaus aus. Er kritisiert despektierlichen Ton, fehlende Tiefe und zu viel kritisierenden statt kritischen Journalismus. Und er fordert mehr „Technikfröhlichkeit“ beim Einsatz von KI. […]
Damit stellt Gniffke einen verbreiteten Ansatz im Journalismus in Frage. Die klassische Dramastruktur – Schwache gegen Starke, David gegen Goliath – sei eine wunderbare Geschichte, „die immer funktioniert – aber leider nicht das, was ich unter Perspektivenvielfalt verstehe“. Unternehmen etwa, die mit Bürokratie, Fachkräftemangel und internationaler Konkurrenz zu kämpfen hätten, bräuchten eine stärkere journalistische Einordnung aus ihrer Perspektive.
Gniffke unterscheidet dabei scharf zwischen kritischem und kritisierendem Journalismus: „Wir haben uns angewöhnt, etwas für kritischen Journalismus zu halten, wenn man möglichst viele Gegenstimmen findet.“ Das berge die Gefahr der False-Balance-Falle. Sein Plädoyer: Erst verstehen, dann debattieren. Als Beispiel nennt er die Rentendiskussion – Journalisten hätten alle Protagonisten aufmarschieren lassen, bevor irgendjemand verstanden hatte, worum es inhaltlich eigentlich ging.
Beim Thema KI sieht Gniffke den ÖRR zu zögerlich: „Ich glaube, wir brauchen ein bisschen mehr Technikfröhlichkeit.“ Der Fokus liege zu stark auf Risiken und Nebenwirkungen, die Chancen würden zu wenig beachtet. KI könne wertvolle Dienste leisten – etwa beim Fact-Checking oder der Analyse großer Datenmengen. Am Ende aber bleibe immer ein Mensch, der draufschaut.
Zur Fehlerkultur bekennt sich Gniffke klar: Der SWR mache Fehler transparent und veröffentliche sie auf einer eigenen Korrekturen-Seite. „Wir sind nicht unfehlbar.“
Die Qualitätsmedien müssten hier auch ihre Perspektive überdenken. „Wir sind Anwalt der Wirklichkeit und nicht Anwalt der vermeintlich Schwachen, der Machtlosen, oder der Opfer“, so der SWR-Intendant. Deren Perspektive abzubilden, sei wichtig. „Aber genauso wichtig ist die Perspektive aus der Wirtschaft.“ Journalisten erzählten gerne in der Dramastruktur „David gegen Goliath“, so Gniffke weiter. „Das ist eine wunderbare Geschichte, die immer funktioniert – aber leider nicht das, was ich unter Perspektivenvielfalt verstehe.“
Die ARD und seinen SWR sieht der Intendant mit Blick auf mehr Transparenz und eine bessere Fehlerkultur auf einem guten Weg.
Hinweis I: SWR-Korrekturenseite
https://www.swr.de/unternehmen/korrekturen-swr-programm-102.html
Hinweis II: „Deshalb ist dem Postulat der Vielfaltssicherung nur dann Rechnung getragen, wenn die Tiefe und Qualität der Informationen und Hintergründe von Meinungsverschiedenheiten in einer Weise aufgearbeitet werden, die ihrer Komplexität gerecht wird. Je schwieriger, komplexer also eine Frage ist, umso notwendiger ist die inhaltliche Aufbereitung – und zwar – in der Vielfalt der in der Gesellschaft bestehenden Wertungen, Erfahrungen etc.“ (Paul Leo Giani. In: Marc Jan Eumann, Frauke Gerlach, Tabea Rößner, Martin Stadelmeier (Hg.): Medien, Netz und Öffentlichkeit. Klartext-Verlag, 2013, S. 286 f.)
