„Berliner Zeitung“: Chefreporterin kehrt Verleger Friedrich den Rücken

Die Journalistin Anja Reich-Osang arbeitete drei Jahrzehnte lang für die „Berliner Zeitung“. Jetzt nimmt sie Abschied – auch von Verleger Holger Friedrich. […]

Der von Holger Friedrich vorangetriebene Umbau liest sich wie der Gegenentwurf zu dem, was Anja Reich-Osang in ihrer Mitteilung an die Redaktion als „das Besondere an der Berliner Zeitung“ beschreibt: „Dass man eigentlich immer alles schreiben konnte, sich alles in Bewegung befand, ständig neue Leute mit neuen Ideen kamen, die Redaktion ein Spiegelbild der Gesellschaft war, im Guten wie im Schlechten“. Mit Reich-Osang geht die Reporterin Wiebke Hollersen, seit 2021 bei der Zeitung – eine weitere Ost-Frau.

https://taz.de/Berliner-Zeitung/!6167759/

Anmerkung:

Ich hatte mit Anja Reich mehrere Kontakte, insbesondere was ein gemeinsames Anliegen betraf. Sie war für mich ein Aushängeschild der Berliner Zeitung, da sie das verkörperte, was meiner Meinung nach Journalisten ausmacht. Sie legte Interviewpartner nicht mit faulen Tricks herein, so wie ich es in zahlreichen Interviews mit Journalisten des Mainstream erleben musste. Das eingangs erwähnte gemeinsame Anliegen waren die Recherchen der „Berliner Zeitung“ zum Fall Diogo.

Vielleicht haben Sie über die Ostertage Zeit und Muße sich den verlinkten Podcast zum Thema anzuhören. Zur Erinnerung: „1986 stirbt der Mosambikaner Manuel Diogo bei einer Zugfahrt in Brandenburg. Für die DDR-Behörden ist es ein Unfall. Aber dann, 30 Jahre nach dem Ende der DDR, taucht Manuels Name plötzlich wieder auf. Plötzlich heißt es: Das mit dem Unfall sei erfunden, die Wahrheit sei von der Staatssicherheit vertuscht worden. In Wirklichkeit hätten Neonazis den Mosambikaner brutal ermordet. Die Staatsanwaltschaft Potsdam rollt den Fall neu auf. Wir fragen uns: Wie kann das sein? Wie können zwei so gegensätzliche Darstellungen in die Welt gesetzt werden. Welche ist die richtige? Was ist damals geschehen? Und vor allem: Wer entscheidet, wie Geschichte geschrieben wird?“

Wir hatten damals Programmbeschwerde eingereicht und vom Rundfunkrat „in einem Punkt“ recht bekommen. Wer sich der Causa ergebnisoffen widmet, wird schnell dahinterkommen, wieviele Interessen diese Story tangiert. Recherchen dieser Art brauchen mutige und integre Journalisten, denen ihr Berufsethos wichtiger ist als die Rücksicht auf interessengeleitete Seilschaften.

Ich wünsche Anja Reich für Ihren weiteren Weg alles Gute.

Der Berliner Zeitung und der Ostdeutschen Allgemeinen wünsche ich aktuell ein glückliches Händchen für die Besetzung ihrer redaktionellen Sparten. Einstellungskriterium sollte nicht der gemeinsame „Feind“ im medialen Raum sein, über den man episch raunen kann, sondern ethische Leitplanken wie Unabhängigkeit (Unparteilichkeit), Wahrheitssuche, kritische Distanz und die Wahrung der Menschenwürde.

Maren Müller