Das ZDF will über Frieden sprechen, predigt in der Ukraine jedoch den Krieg

Das ZDF will über Frieden sprechen, predigt in der Ukraine jedoch den Krieg

(Red.) Stefano di Lorenzo, der für Globalbridge üblicherweise aus Moskau berichtet, hat sich die Mühe genommen, eine fast zweistündige Sendung des ZDF anzuschauen, wo sogenannte Experten darüber diskutieren, wie Frieden erreicht werden kann. Und wie kann – die konkrete Frage – Friede in der Ukraine erreicht werden? Die Antwort der ZDF-Sonderkorrespondentin hat ihn veranlasst, in die Tasten zu greifen … (cm)

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Nach vier Jahren Krieg in der Ukraine hätte die Ankündigung des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders ZDF, eine Sendung zum Thema Frieden zu bringen, wie ein Hauch frischer Luft wirken können. Die Sendung trägt den Titel „Iran, Ukraine, Syrien: Wie man Kriege beenden kann“. Ein Titel, der in diesen dunklen Tagen ein wenig Optimismus zu vermitteln scheint. Man kann also wieder daran glauben, Kriege beenden zu können, auch den Krieg in der Ukraine! Nach Jahren, in denen Pazifismus als idiotisch und als Komplize des Bösen angeprangert wurde, nachdem so viel von „Kriegstüchtigkeit“ gesprochen wurde, als sei ein künftiger Krieg zwischen Russland und Europa etwas absolut Unvermeidbares, das in keiner Weise von uns und davon abhängt, wie sich Europa zum Krieg in der Ukraine positioniert — da kommt endlich eine Botschaft der Hoffnung! Nach den Vorwürfen gegen all jene, die es wagten, zu Verhandlungen und Friedensappellen mit Russland aufzurufen, ist nun endlich der Moment gekommen, in dem sich alle beruhigt haben und in der Lage sind, das Problem des Krieges in der Ukraine mit kühlem Kopf zu lösen, rational und ohne sich von den Leidenschaften und der Wut der absoluten Gerechtigkeit sowie dem Wunsch nach Rache mitreißen zu lassen?

Sicherlich gibt es in Deutschland wie auch in anderen Ländern Europas viele, die das Vertrauen in die traditionellen Medien und vor allem in die Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verloren haben, aber wäre eine Sendung über Frieden nicht vielleicht die richtige Gelegenheit für das große Fernsehen, eine wirklich neue, interessante Botschaft zu vermitteln, einen radikal revolutionären Ansatz, der den Kriegen, allen Kriegen, wirklich ein Ende setzen will? Natürlich werden Kriege nicht von den Medien betrieben, aber die Medien tragen zweifellos dazu bei, Kriege zu schüren: Ohne den psychologischen Faktor ist jeder Krieg verloren. In Kriegszeiten sind also auch die Medien ein Instrument des Krieges.

Die Sendung im ZDF ist eine Diskussionsrunde, die im Schlachthof in Wiesbaden vor einem sehr großen Publikum von mehreren hundert Menschen stattfindet und live übertragen wird. Zweifellos befinden sich im Publikum viele Menschen, die am Frieden interessiert sind: Wenn der Krieg, wie manche meinen, aus vielen Gründen — politischen, aber auch anthropologischen und biologischen — tatsächlich der natürliche Zustand der Dinge unter Menschen ist, dann ist auch der Wunsch nach Frieden, vor allem in demokratischen und bürgerlichen Gesellschaften, etwas absolut Normales.

Die Sendung beginnt so: „Wie kommen wir aus dem Krieg heraus? Wie können wir Frieden schaffen? Wie können wir Frieden erhalten? Genau das wollen wir heute tun!“, kündigt die Moderatorin an. Anlass der Diskussion ist ein Dokumentarfilm von zwei ZDF-Journalisten, die viele Kriegsschauplätze besucht haben, Katrin Eigendorf und Carl Gierstorfer, ein zweiteiliger Film mit dem Titel „So geht Frieden“. „Kriege können mit einem Schuss beginnen. Frieden zu schaffen ist eine Aufgabe für Generationen“, verkündet die Journalistin Katrin Eigendorf in einem Ausschnitt aus dem Film. „Frieden bedeutet heute, denen die Hand zu reichen, die gestern noch Feinde waren“, fährt Carl Gierstorfer fort. Die beiden Journalisten sind in acht Länder gereist, um „Rezepte für eine friedlichere Welt“ zu finden. Das klingt sicherlich nach einem guten Vorsatz.

Und zu welchen Schlüssen sind die beiden Journalisten gekommen? Wie soll Frieden konkret funktionieren? Die Frage beginnt sich etwa zwanzig Minuten nach Beginn der Sendung zu klären. Die Moderatorin stellt endlich die Frage aller Fragen: „Wir diskutieren das natürlich sehr theoretisch und landen dann oft bei den zugespitzten Fragen: Sind Waffenlieferungen eigentlich Friedenspolitik oder verlängern sie die Kriege?“ Und was antwortet Katrin Eigendorf, die Star-Kriegskorrespondentin des ZDF?

„Ich erlebe die Diskussion in der Ukraine schon sehr lange nicht mehr differenziert“, sagt Eigendorf mit ernstem und nachdenklichem Gesichtsausdruck. „Ich glaube, das muss man schon vor dem Hintergrund sehen, von was für eine Art Frieden reden wir.“ Das Konzept des Friedens wird also bereits relativiert. Vielleicht ist Frieden also nicht das Wichtigste.

„Für die Ukrainer bedeutet Frieden: Russland beendet diesen Krieg, zieht sich aus ihrem Land zurück, gibt die besetzten Gebiete auf, und es gibt irgendeine Art von Tribunal, wo Russland dazu gezwungen wird, Reparationen zu zahlen. Das ist die Idealvorstellung der Ukraine und die wird sich natürlich nur militärisch erreichen lassen. Und nur mit westlichen Partnern an ihrer Seite, die über Sanktionen, über all die Maßnahmen, die wir hier nennen, natürlich auch über Diplomatie, aber auch mit Waffenlieferungen, das versuchen zu erzwingen. […] Ich argumentiere jetzt hier aus der Sicht der Ukraine, es gibt, um den Frieden zu erreichen, eigentlich keinen anderen Weg.“ Kurz gesagt: Frieden kann und muss nur durch Krieg erreicht werden. Und warum sollte Russland sich auf diese Art von Frieden einlassen?

Das Problem ist: Wenn man wirklich Frieden will, muss man bereit sein, Kompromisse einzugehen, die einem vielleicht nicht ganz gefallen; das bedeutet, mit Menschen zu sprechen, die sich stark von uns unterscheiden können. Friedenswille bedeutet, die Interessen der anderen zu verstehen und maximalistische und universalistische Urteile beiseite zu lassen. Der Wille zum Frieden bedeutet, eine gemeinsame Sprache mit Menschen zu finden, die uns aus vielen Gründen vielleicht nicht gefallen; es bedeutet, unsere Vorurteile als brave besorgte Bürger beiseite zu lassen, die voller guter Ideale und guter Vorsätze sind, aber unfähig, irgendeinen Kompromiss mit dem Anderen zu finden.

 

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