Die Hamas

Die Hamas

Die unterkomplexe Berichterstattung von ARD, ZDF und sonstigem Mainstream reduziert regionale Konflikte regelmäßig auf ein Freund-Feind-Schema, ohne die Belange der Konfliktparteien angemessen zu berücksichtigen. „Die Guten“ sind natürlich die strategischen Partner der westlichen Wertegemeinschaft und die bereits im Vorfeld mit tendenziösen Attributen markierten Gegenspieler unsere ausgemachten Feinde. Hintergründe, Fakten, historische Entwicklungen und emanzipatorische Bestrebungen bleiben für die Rezipienten zumeist im Dunklen. Schnell übernimmt der Medienkonsument unreflektiert die vorgekaute Erzählung, ohne dabei klüger zu werden. Wir werden in Folge drei Organisationen vorstellen, die im Westen als reine Terrorganisationen gelten und ihre Entstehung und Entwicklung beleuchten. Abgearbeitet haben wir die Huthis und die Hisbollah. Zum Abschluss befassen wir uns mit der Hamas. 

Mit freundlicher Genehmigung von Michael Hollister.

Die Hamas wird meist mit einem einzigen Wort erklärt: Terrororganisation. Doch dieses Etikett beschreibt weder ihre Herkunft aus der Muslimbruderschaft, noch ihren Sozialapparat, ihre Rolle als Wahlpartei, De-facto-Regierung, bewaffnete Bewegung und iranisch unterstützter, aber eigenständiger palästinensischer Akteur. Dieses Dossier legt die widersprüchlichen Ebenen nebeneinander: reale Entrechtung und gesellschaftlicher Rückhalt, politische Mobilisierung und autoritäre Herrschaft, Widerstandsnarrativ und Angriffe auf Zivilisten. Das Ergebnis ist keine Reinwaschung, sondern eine präzise Vermessung einer Organisation, die nur verstanden werden kann, wenn man ihre Gleichzeitigkeit ernst nimmt.

Terrorbande, Befreiungsbewegung, Sozialstaat, iranischer Stellvertreter – und warum keine dieser Bezeichnungen allein genügt.

Das Etikett erklärt nichts

Es genügt ein Datum, um die Hamas in westlichen Hauptstädten zu beschreiben: der 7. Oktober. Das Wort, das sofort folgt, lautet Terrororganisation. Beides erspart die Frage, woher eine Bewegung kommt, aus welcher Bevölkerung sie wächst, welche Kriege sie hervorgebracht haben und warum Teile der palästinensischen Gesellschaft ihr über mehr als drei Jahrzehnte folgten. Es ist ein Etikett, kein Befund.

Der Umkehrschluss taugt genauso wenig. Die Hamas ist keine reine Befreiungsbewegung, der man nur das falsche Schild umgehängt hat. Ihre Gründungscharta von 1988 enthält offenen, an die „Protokolle der Weisen von Zion“ anknüpfenden Antisemitismus. Am 7. Oktober 2023 töteten von der Hamas geführte Kräfte gezielt Zivilisten und verschleppten rund 250 Menschen als Geiseln nach Gaza – Handlungen, die eine unabhängige UN-Untersuchungskommission als Kriegsverbrechen bewertete. Wer diese Befunde wegschreibt, beschreibt nicht die Hamas, sondern eine bequemere Erfindung.

Dieses Dossier legt beide Ebenen nebeneinander und löst den Widerspruch nicht auf. Eine Bewegung kann aus realer Entrechtung entstehen, gesellschaftlichen Rückhalt besitzen und zugleich Zivilisten angreifen und eine autoritäre Herrschaft errichten. Das eine widerlegt das andere nicht. Die Etiketten-Demontage ist dabei keine Reinwaschung. Sie sagt nur: Das Wort erklärt die Organisation nicht. Hier ist, was sie ist.

Was die Hamas gleichzeitig ist

Die neutralste Kurzbeschreibung lautet: Die Hamas ist eine 1987 aus dem palästinensischen Zweig der Muslimbruderschaft hervorgegangene sunnitisch-islamistische National- und Widerstandsbewegung. Sie verbindet eine politische Partei, einen sozialen Versorgungsapparat, einen bewaffneten Flügel und – von 2007 bis zur weitgehenden Zerschlagung im Krieg ab 2023 – die De-facto-Herrschaft über den Gazastreifen. Ihre gesellschaftliche Verankerung ist palästinensisch; militärisch und finanziell wurde sie in erheblichem Maß vom Iran unterstützt, ohne dessen Befehlsorganisation zu sein.

Sie ist damit nicht nacheinander, sondern zur selben Zeit: eine religiös-politische Bewegung, eine palästinensische Nationalbewegung, ein Wohlfahrtsnetzwerk, eine Wahlpartei, ein militärischer Apparat, eine zeitweilige Regierung, eine Gegnerin Israels und des Oslo-Prozesses, eine Rivalin der Fatah – und eine Organisation, der zahlreiche Anschläge auf Zivilisten, Selbstmordattentate und Geiselnahmen zugerechnet werden. Diese Gleichzeitigkeit ist der Schlüssel. Wer eine dieser Ebenen streicht, beschreibt eine andere Organisation als die wirkliche.

Der Name

Hamas ist das arabische Akronym für Harakat al-Muqawama al-Islamiyya, die „Islamische Widerstandsbewegung“ (حركة المقاومة الإسلامية). Der Name ist bewusst doppeldeutig gewählt: Das Wort hamas bedeutet im Arabischen zugleich Eifer, Begeisterung, Kampfgeist. Er benennt die Organisation und vermittelt zugleich Entschlossenheit. Die geläufige westliche Schreibweise unterscheidet sich nur in der Transkription; gemeint ist stets dieselbe Bewegung.

Woher sie kommt

Die Hamas entstand nicht aus dem Nichts und auch nicht allein aus religiösem Fundamentalismus. Ihre organisatorischen Wurzeln liegen in der Muslimbruderschaft, die 1928 in Ägypten gegründet worden war und seit den 1950er-Jahren im Gazastreifen ein dichtes Netz aus Moscheen, Schulen, Wohlfahrtsvereinen und medizinischer Versorgung aufbaute. Anders als bei der säkularen Fatah und den linken palästinensischen Gruppen stand der bewaffnete Kampf zunächst nicht im Mittelpunkt. Diese langfristige Basisarbeit verschaffte der späteren Hamas ein gesellschaftliches Fundament, das säkulare Konkurrenten in dieser Form nicht besaßen.

Die prägende Gründungsfigur war Scheich Ahmed Yassin, 1936 nahe dem heutigen Ashkelon geboren. Als Zwölfjähriger erlebte er die Nakba von 1948 und die Flucht seiner Familie in das Flüchtlingslager al-Schati am Rand von Gaza-Stadt; ein Unfall in der Jugend lähmte ihn weitgehend. Yassin baute ab 1973 mit dem Verein Mudschama al-Islamiya ein islamisches Netzwerk aus Bildung, Wohlfahrt und religiöser Mobilisierung auf, das die israelische Verwaltung 1979 offiziell als Wohltätigkeitsorganisation zuließ.

Hier sitzt eine der hartnäckigsten Behauptungen: Israel habe die Hamas geschaffen. In dieser Pauschalität ist sie falsch – und sie ist es in beide Richtungen wert, präzise auseinandergenommen zu werden. Belegt ist, dass israelische Zivil- und Militärbehörden islamische Sozial- und Religionsstrukturen im Gazastreifen über längere Zeit weniger repressiv behandelten als die säkulare PLO, die sie aktiv verfolgten. Teile des Sicherheitsapparats betrachteten die islamischen Organisationen als nützliches Gegengewicht zu den Nationalisten und Linken. Historiker wie Jean-Pierre Filiu, Beverley Milton-Edwards und Jeroen Gunning bestätigen diese Duldung. Aber Duldung ist nicht Unterstützung, und Unterstützung ist nicht Gründung. Kein belastbarer Beleg und kein freigegebenes Dokument zeigt, dass Israel die Muslimbruderschaft in Gaza finanziert, bewaffnet, gesteuert oder ideologisch geformt hätte. Die Hamas entstand aus einem jahrzehntealten, eigenständigen islamistischen Milieu – und sie wandte sich gegen Israel.

Der Funke war die erste Intifada. Im Dezember 1987 tötete ein israelischer Lastwagen im Gazastreifen mehrere palästinensische Arbeiter; das Ereignis traf auf jahrelang angestaute Frustration über Besatzung, wirtschaftliche Abhängigkeit und politische Perspektivlosigkeit. Aus dem Aufstand heraus gründeten Yassin und sechs weitere Aktivisten im Dezember 1987 die Hamas – als eigenständigen palästinensischen Widerstandsarm der Muslimbruderschaft, der sich nicht länger auf Sozialarbeit beschränkte. Im August 1988 folgte die Charta.

Selbstverständnis und Ideologie

Die Hamas ist zugleich islamistisch und nationalistisch. Islamistisch, weil sie den Islam als religiöse Grundlage, gesellschaftliche Ordnung und Legitimation des Widerstands versteht. Nationalistisch, weil sie für ein palästinensisches Gemeinwesen, das Rückkehrrecht der Flüchtlinge, das Ende der Besatzung und politische Selbstbestimmung kämpft. In ihrer Lesart ist Palästina nicht nur Heimat, sondern ein religiös anvertrautes islamisches Land – ein Waqf, von dem keine Generation einen Teil abtreten dürfe. Das unterscheidet ihren Nationalismus vom säkularen der Fatah.

Die Charta von 1988 ist für die frühe Hamas zentral – und sie muss ungeschönt benannt werden. Sie erklärt Palästina zum islamischen Stiftungsgut, stellt den bewaffneten Dschihad als Weg zur Befreiung dar und schließt Verhandlungen mit Israel kategorisch aus. Vor allem aber enthält sie offenen Antisemitismus, der weit über Kritik an Zionismus oder israelischer Politik hinausgeht: Artikel 22 schreibt Juden die Kontrolle über Weltmedien, das Auslösen von Weltkriegen und Revolutionen zu; Artikel 32 beruft sich ausdrücklich auf die „Protokolle der Weisen von Zion“, die antisemitische Fälschung des frühen 20. Jahrhunderts. Das ist religiös und verschwörungsideologisch begründeter Antisemitismus, kein bloßer Antizionismus. Eine objektive Darstellung darf das weder verschweigen noch so tun, als sei deshalb jede Kritik an Israel automatisch antisemitisch.

2017 veröffentlichte die Hamas ein neues Grundsatzdokument, A Document of General Principles and Policies. Es verzichtet auf die antisemitischen Formulierungen und erklärt ausdrücklich, der Kampf richte sich gegen das zionistische Projekt, nicht gegen Juden wegen ihrer Religion. Es akzeptiert einen palästinensischen Staat in den Grenzen von 1967 mit Ostjerusalem als Hauptstadt als „nationalen Konsens“ – allerdings ohne Anerkennung Israels und ohne Aufgabe des Anspruchs auf das gesamte historische Palästina. Die Bewertung dieses Dokuments ist umstritten, und beide gängigen Deutungen tragen einen Teil der Wahrheit: Die einen sehen eine echte ideologische Weiterentwicklung, die anderen taktisch modernisierte Sprache. Die belastbare Formulierung lautet: Das Dokument von 2017 mäßigte Sprache und politische Positionierung erheblich, widerrief die Charta von 1988 jedoch nicht unmissverständlich und beseitigte ihre grundlegenden Widersprüche nicht. Israel erkennt es weiterhin nicht an.

Wie sie organisiert ist

Die Hamas besitzt keine rein personelle Führungsstruktur. An der Spitze steht der Vorsitzende des Politbüros als oberste politische Autorität; höchstes kollektives Gremium ist der Schura-Rat, dem regionale Führungen für Gaza, das Westjordanland und die Auslandsorganisation nachgeordnet sind. Zu den prägenden Führungsfiguren gehörten der Gründer Ahmed Yassin (2004 getötet) und sein Nachfolger Abd al-Aziz al-Rantisi (wenige Wochen später getötet), der langjährige Auslandschef Khaled Meshaal, der frühere Ministerpräsident und Politbürochef Ismail Haniyeh (2024 in Teheran getötet), der Gaza-Chef Yahya Sinwar (2024 getötet), der Militärkommandeur Mohammed Deif (2024 getötet) sowie Saleh al-Arouri, Khalil al-Hayya und Musa Abu Marzouk. Die Dichte dieser Liste ist selbst ein Befund: Israel tötete über zwei Jahrzehnte fast die gesamte Führungsgeneration, ohne die Organisation aufzulösen.

Der bewaffnete Arm sind die Izz-ad-Din-al-Qassam-Brigaden, benannt nach dem syrisch-palästinensischen Geistlichen, der in den 1930er-Jahren gegen britische Mandatsmacht und zionistische Besiedlung kämpfte. Aus kleinen Untergrundzellen – Yassin gründete 1986 die Vorläuferstrukturen al-Madsch (innerer Geheimdienst) und al-Mudschahidun (Kommandoarm) – entwickelten sie sich zu einem militärischen Apparat, der vor Oktober 2023 nach Schätzungen palästinensischer und israelischer Quellen rund 30.000 Kämpfer in fünf regionalen Brigaden (Nord, Gaza, Zentral, Khan Yunis, Rafah) umfasste, mit Infanterie, Raketen- und Mörsereinheiten, Drohnen, maritimen Kräften und spezialisierten Angriffseinheiten. Das Herzstück ist das Tunnelsystem, das die israelische Luft- und Aufklärungsüberlegenheit teilweise ausgleicht: Es entstand aus den Schmuggeltunneln nach Ägypten und wurde unter Mohammed Deif und zuvor Ahmed Jabari zu einem militärischen Netz ausgebaut. Ein Hamas-Vertreter bezifferte es 2021 öffentlich auf rund 360 Kilometer – eine Eigenangabe, die unabhängig nicht überprüfbar ist. Militäranalysten unterscheiden drei Typen: Schmuggel- und Versorgungstunnel zur ägyptischen Grenze, defensive Tunnel innerhalb Gazas für Kommandozentren und Waffenlager, und grenzüberschreitende Angriffstunnel nach Israel.

Die Hamas stellt ihre politischen, sozialen und militärischen Bereiche teils als getrennte Funktionsbereiche dar – eine Trennung, die einzelne Vertreter schon 1997 mit dem Verhältnis von Sinn Féin zur IRA verglichen und die der politischen Führung eine gewisse Bestreitbarkeit bewahrt. Eine vollständige organisatorische Trennung ist jedoch kaum haltbar: Es gibt gemeinsame strategische Ziele, übergreifende Führungsgremien, personelle Verbindungen, gemeinsame Finanzierung und die öffentliche Unterstützung bewaffneter Aktionen durch die politische Führung. Sinwar etwa verkörperte beide Seiten zugleich – politischer Gaza-Chef und zentrale militärische Figur. Das bedeutet nicht, dass jeder Politiker jede Operation plant. Es bedeutet: Die Qassam-Brigaden sind kein zufällig danebenstehender fremder Akteur, sondern der bewaffnete Bestandteil derselben Bewegung. Bemerkenswert ist zugleich die Dezentralität: Obwohl hierarchisch organisiert, können die Strukturen in Gaza, im Westjordanland, in israelischer Haft und im Ausland weitgehend eigenständig handeln. Diese Bauweise machte die Organisation widerstandsfähig gegen die israelische Strategie der gezielten Tötungen – und erlaubte ihr, nach dem Verlust fast aller Spitzenfiguren als Bewegung weiterzubestehen.

Finanzierung

Die Geldquellen der Hamas verschoben sich im Lauf der Zeit, und ihr Verhältnis zueinander ist der eigentliche Befund. Früh stützte sie sich auf private Spenden, religiöse Abgaben und islamische Wohlfahrtsnetzwerke in der arabischen und muslimischen Welt; palästinensische Auswanderer und Spender am Golf trugen einen großen Teil bei. Mit dem Iran trat ab den späten 1980er-Jahren ein bedeutender Geldgeber und Waffenlieferant hinzu – wegen der geografischen Abriegelung Gazas weniger durch direkte Waffenlieferungen als durch Geld, Technologie und Bauteile. Der damalige Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden, Mohammad Ali Jafari, erklärte 2012 offen, Teheran liefere Technik und Komponenten durch die Tunnel, mit deren Hilfe die Qassam-Brigaden eine eigene Version der iranischen Fadschr-5-Rakete fertigten, die bis Tel Aviv reichte.

Als De-facto-Regierung erschloss sich die Hamas nach 2007 eigene Einnahmen, die ihre Abhängigkeit vom Iran relativierten: Einfuhrabgaben, Unternehmenssteuern, Gebühren – und vor allem die Besteuerung der Schmuggeltunnel nach Ägypten, durch die unter der Blockade ein großer Teil des Warenverkehrs, des Treibstoffs und der Baumaterialien lief. Diese Tunnelökonomie machte die Hamas zur Zollbehörde ihres eigenen Schmuggels. Nach dem Sturz des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi 2013 schloss das ägyptische Militär 2014 und 2015 viele dieser Tunnel und entzog der Organisation damit eine zentrale Einnahmequelle.

Katar finanzierte über Jahre Projekte und Zahlungen in Gaza – der damalige Emir sagte bei seinem Besuch 2012 rund 400 Millionen Dollar für Wohnungsbau und Straßen zu -, teils mit Zustimmung oder Duldung Israels, das sich damit eine gewisse Stabilität unter der Hamas-Herrschaft erkaufte. Dabei ist zu unterscheiden: Diese Zahlungen stützten die Zivilverwaltung und die Bevölkerung, stabilisierten objektiv aber auch die Hamas-Herrschaft; Katar als direkten Finanzier jeder militärischen Aktivität darzustellen, wäre zu pauschal. Die Vereinigten Staaten werfen der Hamas zudem vor, über Unternehmen, Immobilien und internationale Investitionsnetzwerke erhebliche Vermögen zu verwalten; das US-Finanzministerium und die EU sanktionierten ab 2024 entsprechende Mittelsmänner und Frontfirmen. Bei solchen Angaben ist Sorgfalt geboten: Sie beruhen zum Teil auf staatlichen Sanktions- und Geheimdiensterkenntnissen, die nicht in jedem Detail öffentlich überprüfbar sind, und sind als solche zu kennzeichnen – nicht als feststehende Buchführung.

Steuerung und Autonomie – der eigentliche Unterschied

Hier liegt der analytische Kern des Dossiers, und hier unterscheidet sich die Hamas grundlegend von der Hisbollah. Die Hisbollah ist schiitisch, vom Iran konstitutiv aufgebaut und ideologisch an die Wilayat al-Faqih gebunden, die Herrschaft des obersten iranischen Rechtsgelehrten. Die Hamas ist sunnitisch, aus der Muslimbruderschaft hervorgegangen, und erkennt keine iranische religiöse Oberinstanz an. Für sie ist der Iran ein Unterstützer, kein Erbauer.

Für erheblichen iranischen Einfluss sprechen Finanzierung, Waffen- und Technologietransfer, militärische Ausbildung, die gemeinsame Gegnerschaft zu Israel und die Einbindung in die sogenannte Widerstandsachse. Gegen die reine Stellvertreterthese sprechen die eigenständige Entstehung, die sunnitische Ideologie, die palästinensische Basis, eigene Führungsgremien und eigene Entscheidungen, die nicht immer mit Teherans Interessen übereinstimmen.

Der härteste Beleg für diese Eigenständigkeit ist der Bruch um Syrien. Die Hamas-Führung hatte ihr Auslandszentrum seit den späten 1990er-Jahren in Damaskus. Als sich der Aufstand gegen Baschar al-Assad ab 2011 zu einem Krieg zwischen überwiegend sunnitischen Rebellen und der alawitisch geführten Regierung entwickelte, stellte sich die Hamas nicht hinter Assad – anders als die Hisbollah, die auf Seiten des Regimes in den Krieg eintrat. Im Januar 2012 verließ Khaled Meshaal Damaskus und ging nach Doha; wenige Wochen später erklärte Ismail Haniyeh in Kairo öffentlich seine Solidarität mit der syrischen Opposition. Teheran reagierte verärgert und reduzierte zeitweise Geld und Waffen; Katar sprang ein. Eine vollständig ferngesteuerte Organisation hätte diesen Bruch nicht vollzogen.

Dasselbe zeigt der 7. Oktober von der anderen Seite: Der Iran unterstützte über Jahre den militärischen Aufbau der Hamas, doch ein öffentlich belastbarer Beweis, dass Teheran den konkreten Angriffsbefehl gab oder den genauen Zeitpunkt kannte, wurde nicht vorgelegt. Die saubere Einordnung lautet deshalb: Die Hamas ist ein eigenständiger palästinensischer Akteur mit erheblicher iranischer Unterstützung und strategischer Kooperation – aber keine iranische Befehlsorganisation. Diese Differenzierung ist der eigentliche Mehrwert, wenn man die Hamas im Iran-Kontext einordnen will.

Der Sozialapparat als Machtquelle

Einer der häufigsten Fehler ist, die Sozialarbeit als bloße Tarnung abzutun. Hamas-nahe und islamische Netzwerke boten reale Leistungen: medizinische Versorgung, Schulen und Kindergärten, Armutshilfe, Lebensmittel, Unterstützung für Waisen und für die Familien getöteter oder inhaftierter Mitglieder, Moscheen, Sport- und Jugendangebote. Diese Strukturen entstanden, weil staatliche Versorgung fehlte, und sie waren für viele Menschen der erste Berührungspunkt mit der Organisation – nicht der bewaffnete Widerstand, sondern die bezahlte Behandlung, die unterhaltene Schule, die versorgte Witwe.

Die Leistungen waren real – und sie waren zugleich politische Bindung, Rekrutierungsinstrument und Legitimationsquelle gegenüber der Fatah. Wer Hilfe erhält, muss kein überzeugter Anhänger sein. Aber das System schuf Loyalität, Abhängigkeit und gesellschaftlichen Einfluss. Beide Ebenen gehören zusammen: echte Hilfe und politische Kontrolle waren hier dasselbe Instrument. Man sollte den Sozialapparat deshalb weder als reine Fassade noch als neutrale Wohltätigkeit beschreiben.

Der De-facto-Staat: Gaza 2007 bis 2023

Im Januar 2006 trat die Hamas unter dem Listennamen „Wandel und Reform“ zu den palästinensischen Parlamentswahlen an und gewann 74 von 132 Sitzen; die Fatah erhielt 45. Die Wahl wurde von internationalen Beobachtern, darunter das National Democratic Institute und das Carter Center, weitgehend als frei und fair bewertet. Wichtig für das Verständnis ist die Differenz zwischen Sitzen und Stimmen: Die Hamas erhielt 44,45 Prozent der Stimmen, keine überwältigende Mehrheit. Ihre klare Sitzmehrheit von 56 Prozent verdankte sie auch dem Mehrheitswahlrecht in den Distrikten, wo die geschlossene Hamas-Liste die zersplitterte Fatah überrundete. Umfragen nach der Wahl deuteten darauf hin, dass viele Wähler weniger für ein islamisches Programm oder für bewaffneten Widerstand stimmten als gegen eine als korrupt empfundene Fatah.

Die USA, die EU und Israel knüpften die Anerkennung der Hamas-geführten Regierung an drei Bedingungen: Anerkennung Israels, Gewaltverzicht, Anerkennung früherer Abkommen. Da die Hamas diese nicht erfüllte, wurden Hilfen ausgesetzt oder umgeleitet, Finanztransfers blockiert und Israel behielt palästinensische Steuereinnahmen zurück. Aus westlicher Sicht war es nicht hinnehmbar, eine Regierung normal zu finanzieren, deren Organisation Israel nicht anerkannte und weiter bewaffnete Angriffe trug. Aus Sicht vieler Palästinenser lautete die Erfahrung: Der Westen fordert Wahlen, akzeptiert das Ergebnis aber nur, wenn die gewünschte Partei gewinnt. Beide Sichtweisen gehören in eine ehrliche Darstellung.

Der Machtkampf mit der Fatah eskalierte 2007. Im Juni besiegten Hamas-Kräfte binnen Tagen die Fatah-nahen Sicherheitsapparate und übernahmen die vollständige Kontrolle über den Gazastreifen; Präsident Abbas setzte im Westjordanland eine eigene Regierung ein. Seitdem bestanden zwei getrennte palästinensische Herrschaftsräume. Bei den Kämpfen begingen beide Seiten schwere Menschenrechtsverletzungen, wie Human Rights Watch dokumentierte. Die Bezeichnung „Putsch“ greift zu kurz: Die Hamas hatte eine Wahl gewonnen, setzte sich 2007 aber mit Waffengewalt gegen rivalisierende Kräfte durch und errichtete anschließend eine Alleinherrschaft, die nie wieder durch eine Wahl bestätigt wurde.

Als Regierung übernahm die Hamas einen bestehenden Verwaltungsapparat und ergänzte ihn: Ministerien, Polizei, innere Sicherheit, Gerichte, Steuern, Schulen, Medien, Grenz- und Tunnelwirtschaft. Ihre Bilanz ist gemischt. Sie hielt unter Blockade und Krieg eine teils funktionsfähige Verwaltung und eine relative innere Ordnung aufrecht und bekämpfte gewöhnliche Kriminalität. Zugleich regierte sie autoritär: politische Repression, fehlende Neuwahlen, Korruption und Patronage, religiöser Druck, militärische Prioritäten, mangelnde Rechenschaft. Ihre demokratische Legitimation von 2006 war real – aber zeitlich begrenzt. Seither fanden keine palästinensischen Parlamentswahlen mehr statt; 2021 verschob Abbas geplante Wahlen erneut. Dasselbe Legitimationsproblem trifft die von ihm geführte Autonomiebehörde.

Die prägenden Ereignisse

Mehrere Episoden zeigen, was die Hamas im Kern ausmacht – und welchen Preis ihre Strategie forderte.

International bekannt wurde die Hamas in den 1990er- und 2000er-Jahren vor allem durch Selbstmordanschläge, den ersten im April 1993, fünf Monate vor der Unterzeichnung der Oslo-Abkommen. Sie richteten sich gegen Busse, Restaurants, Märkte und Cafés in Israel – ein einzelnes Beispiel verdeutlicht die Dimension: Beim Anschlag auf die Pizzeria Sbarro in Jerusalem im August 2001 töteten die Täter 15 Menschen und verletzten rund 130. Die Hamas erklärte solche Anschläge als Vergeltung und als Mittel einer militärisch unterlegenen Seite. Nach humanitärem Völkerrecht bleibt jedoch entscheidend: Der vorsätzliche Angriff auf Zivilisten ist unzulässig, unabhängig davon, ob die Täter selbst unter Besatzung leben. Strategisch verbreiteten die Anschläge Angst in Israel, stärkten dort die Hardliner und schwächten die Befürworter eines Verhandlungsfriedens – und erhöhten zugleich in Teilen der palästinensischen Gesellschaft das Ansehen der Hamas als handlungsfähige Widerstandsorganisation.

Die zweite Intifada ab 2000 war stärker militarisiert als die erste. 2004 tötete Israel zunächst Yassin und wenige Wochen später seinen Nachfolger Abd al-Aziz al-Rantisi; die dezentrale Organisation brach dennoch nicht zusammen. 2005 räumte Israel seine Siedlungen und permanente Militärpräsenz innerhalb des Gazastreifens. Die Hamas stellte das als Erfolg des bewaffneten Widerstands dar; juristisch blieb umstritten, ob Gaza damit „unbesetzt“ war, da Israel weiterhin Luftraum, Seezugang, große Teile der Außengrenze, Bevölkerungsregister und Warenverkehr kontrollierte. Nach der Machtübernahme verschärften Israel und Ägypten die Abriegelung Gazas. Israel begründete die Blockade mit der Verhinderung von Waffenlieferungen und dem Schutz vor Raketenangriffen; Kritiker werten sie als kollektive Bestrafung, da sie über Jahre den gesamten Warenverkehr, die Wirtschaft und die Lebensbedingungen der Bevölkerung traf. Es folgten wiederkehrende Gaza-Kriege – 2008/09, 2012, 2014, 2021 – nach einem ähnlichen Muster aus Eskalation, Raketenbeschuss, Luftangriffen, teils Bodenoffensiven, hohen zivilen Verlusten, Waffenruhe, Wiederaufbau und erneuter Aufrüstung. Keine dieser Runden löste die politischen Ursachen.

Ein Ereignis von 2011 erklärt die Logik, die zwölf Jahre später wiederkehren sollte. Im Juni 2006 hatten Qassam-Kämpfer durch einen Tunnel den israelischen Soldaten Gilad Schalit entführt; nach mehr als fünf Jahren und deutscher wie ägyptischer Vermittlung kam er im Oktober 2011 frei – im Austausch gegen 1.027 palästinensische Häftlinge, von denen 280 lebenslängliche Strafen verbüßten. Unter den Freigelassenen war Yahya Sinwar, der spätere Hamas-Chef in Gaza und mutmaßliche zentrale Planer des 7. Oktober. Der Austausch zeigt zweierlei: Die Frage der Gefangenen besitzt in der palästinensischen Gesellschaft enorme Bedeutung – viele Familien haben Angehörige in israelischer Haft -, und die Geiselnahme einzelner Soldaten erwies sich aus Sicht der Hamas als wirksames Druckmittel. Genau dieses Kalkül, in weit größerem Maßstab, lag dem 7. Oktober zugrunde.

Der 7. Oktober 2023 brach dann jeden Rahmen. Am Morgen feuerten die Hamas und weitere Gruppen Tausende Raketen auf Israel und durchbrachen an zahlreichen Stellen die Grenzanlagen. Bewaffnete griffen Militärstützpunkte, Grenzposten, Kibbuzim, Städte und ein Musikfestival an. Nach korrigierten israelischen Angaben wurden rund 1.200 Menschen getötet, ein erheblicher Teil davon Zivilisten; etwa 250 wurden als Geiseln nach Gaza verschleppt. Die UN-Untersuchungskommission (COI) stellte fest, dass die militärischen Flügel der Hamas und des Palästinensischen Islamischen Dschihad sowie beteiligte Zivilisten die Kriegsverbrechen der vorsätzlichen Angriffe auf Zivilisten und der Geiselnahme begingen, vielfach verbunden mit weiteren schweren Übergriffen. Zur sexualisierten Gewalt kam die Kommission zu dem Ergebnis, es gebe vernünftige Gründe für die Annahme, dass am 7. Oktober an mehreren Orten – darunter das Nova-Festival, mehrere Kibbuzim und der Stützpunkt Nahal Oz – sexualisierte Gewalt verübt wurde; für Geiseln in Gaza fand sie nach eigener Einschätzung klare Hinweise auf sexualisierte Gewalt und Folter. Die Hamas bestreitet, ihre Kämpfer hätten Zivilisten gezielt getötet oder sexualisierte Gewalt verübt. Nicht jede früh verbreitete Einzelbehauptung wurde bestätigt, und die genaue organisatorische Verantwortlichkeit bedarf weiterer Ermittlung – doch die von der UN gestützten Befunde sind belastbar genug, um weder die eine noch die andere Extremaussage zuzulassen.

Dieselbe Kommission bewertete die israelische Kriegsführung in Gaza, die auf den 7. Oktober folgte: massive Zerstörung, sehr hohe palästinensische Opferzahlen, großflächige Vertreibung, Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung. Die COI sah darin Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, darunter die gezielte Zerstörung des Gesundheitssystems und die Misshandlung von Gefangenen. Israel weist diese Befunde wie die zum 7. Oktober zurück und wirft der Kommission systematische Voreingenommenheit vor. Für ein objektives Dossier ist die Symmetrie entscheidend: Dieselbe unabhängige Untersuchung trägt beide Spalten; in beiden Fällen weist die beschuldigte Seite den Bericht zurück. Die Verbrechen der einen Seite heben die Verantwortung der anderen nicht auf. Der 7. Oktober rechtfertigt keine unbegrenzte Gewalt gegen die Bevölkerung Gazas; die Zerstörung Gazas macht die Tötung israelischer Zivilisten nicht nachträglich rechtmäßig.

Menschenrechtsbilanz

Auch gegenüber der eigenen Bevölkerung steht die Hamas in der Kritik. Ihr und ihren Sicherheitsapparaten werden willkürliche Festnahmen, Folter und Misshandlungen, Einschränkung der Pressefreiheit, Unterdrückung der Opposition, Todesurteile und die Verfolgung mutmaßlicher Kollaborateure zugerechnet. Eine UN-Untersuchung dokumentierte für die Jahre 2024 und 2025 Fälle schwerer Gewalt und öffentlicher Hinrichtungen gegen Palästinenser, denen Zusammenarbeit mit Israel oder Plünderung vorgeworfen wurde; Teile davon wurden als mögliche Kriegsverbrechen bewertet.

Der Kontext ist wichtig, ohne als Entschuldigung zu dienen: Auch die von der Fatah geführte Palästinensische Autonomiebehörde im Westjordanland wird wegen Folter, politischer Verfolgung und Einschränkung der Meinungsfreiheit kritisiert. Das entlastet die Hamas nicht, verhindert aber die falsche Vorstellung, innerpalästinensische Repression gehe nur von einer Seite aus.

Verbündete und Gegner

Die Hamas ist nur im palästinensischen und regionalen Geflecht zu verstehen. Ihre wichtigste innerpalästinensische Rivalin ist die Fatah, die stärkste Fraktion der säkular-nationalistischen PLO; der Konflikt zwischen beiden ist für das Verständnis der Hamas mindestens so wichtig wie der mit Israel. Der kleinere Palästinensische Islamische Dschihad ist enger an den Iran gebunden, stärker auf den bewaffneten Kampf konzentriert und ohne vergleichbaren Regierungs- und Sozialapparat; als Regierung versuchte die Hamas zeitweise sogar, ihn von Eskalationen abzuhalten, und geriet so in die widersprüchliche Doppelrolle aus Widerstandsorganisation und Ordnungsinstanz. Mit der libanesischen Hisbollah verbindet sie die Gegnerschaft zu Israel und die Beziehung zum Iran, doch das Verhältnis ist partnerschaftlich, nicht hierarchisch wie das zwischen Iran und Hisbollah – die konfessionellen und nationalen Unterschiede sind erheblich. Am 7. Oktober waren neben der Hamas weitere Gruppen beteiligt, darunter der PIJ und die Volksfront; nicht jede Einzeltat ist daher einer bestimmten Hamas-Einheit zuzurechnen. Die Hamas plante und führte jedoch die Gesamtoperation an und trug als dominierende Organisation die zentrale Verantwortung.

Ein eigener, hochumstrittener Streitpunkt ist der Vorwurf, die Hamas nutze die eigene Bevölkerung als menschliche Schutzschilde. Hier teilt sich die Quellenlage deutlich, und beide Seiten gehören attribuiert nebeneinander. Amnesty International, Human Rights Watch und eine UN-Fact-Finding-Mission von 2009 fanden für die früheren Gaza-Kriege keine Belege für die spezifische Absicht, Zivilisten zum Schutz militärischer Ziele einzusetzen – wohl aber, dass die Hamas aus zivilen Gebieten Raketen abfeuerte und militärisches Gerät nahe Wohnhäusern platzierte, was die Bevölkerung gefährdet und gegen das Völkerrecht verstößt, ohne den juristischen Tatbestand des Schutzschilds zu erfüllen. Andere Analysen – etwa von Lawfare, der Foundation for Defense of Democracies und unter Verweis auf eine US-Geheimdienstbewertung zum al-Shifa-Krankenhaus – argumentieren, die Hamas habe Kämpfer, Kommandostrukturen und Waffen systematisch in ziviler Infrastruktur eingebettet und damit den Tatbestand erfüllt. Der juristische Begriff verlangt die bewusste Nutzung von Zivilisten zum Schutz eines militärischen Ziels; nicht jede militärische Präsenz in einer der dichtest besiedelten Regionen der Welt beweist diese Absicht. Entscheidend bleibt in beide Richtungen: Selbst wenn eine Seite Zivilisten rechtswidrig als Schutzschilde nutzt, bleibt die angreifende Seite an Unterscheidung, Vorsorge und Verhältnismäßigkeit gebunden – die Zivilbevölkerung verliert ihren Schutz nicht. Die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem dokumentiert im Übrigen, dass auch israelische Sicherheitskräfte Palästinenser wiederholt für militärische Aufgaben zwangsverwendet haben.

Beide Spalten beschreiben dieselbe Organisation. Die Tabelle löst den Widerspruch nicht auf – sie hält ihn fest.

Die häufigsten Fehlannahmen

„Israel hat die Hamas gegründet.“ Falsch in dieser Pauschalität. Israel duldete und begünstigte zeitweise islamische Sozialstrukturen als Gegengewicht zur PLO. Die Hamas selbst entstand aus der palästinensischen Muslimbruderschaft und entwickelte eine eigene Führung. Duldung ist nicht Gründung.

„Die Hamas ist nur ein iranisches Werkzeug.“ Zu einfach. Der Iran ist ein wichtiger Unterstützer, aber die Hamas hat eigene Wurzeln, eine sunnitische Ideologie, eine palästinensische Basis und eigene Entscheidungsstrukturen – der Syrien-Bruch von 2012 belegt es.

„Die Hamas repräsentiert alle Palästinenser.“ Falsch. Sie besitzt realen Rückhalt, aber weder alle Palästinenser noch alle Menschen in Gaza unterstützen sie.

„Die Menschen in Gaza haben 2006 für den 7. Oktober gestimmt.“ Falsch. Die Wahl fand 17 Jahre zuvor unter völlig anderen Bedingungen statt; ein großer Teil der heutigen Bevölkerung war damals minderjährig oder nicht geboren.

„Die Hamas gewann 2006 mit überwältigender Stimmenmehrheit.“ Falsch. Sie gewann eine klare Sitzmehrheit, aber nur 44 Prozent der Stimmen; das Wahlsystem verstärkte das Ergebnis.

„Die Charta von 1988 ist bedeutungslos.“ Zu einfach. Sie ist ein zentrales Gründungsdokument und enthält echten Antisemitismus.

„Das Dokument von 2017 hat nichts verändert.“ Ebenfalls zu einfach. Es veränderte Sprache und Positionierung erheblich, ohne alle alten Ziele eindeutig aufzugeben.

„Jeder palästinensische Widerstand ist Terrorismus.“ Falsch. Angriffe auf militärische Ziele sind rechtlich anders zu bewerten als gezielte Angriffe auf Zivilisten.

„Wenn die Hamas aus zivilen Gebieten operiert, ist jeder israelische Angriff erlaubt.“ Falsch. Israel bleibt an humanitäres Völkerrecht, Unterscheidung und Verhältnismäßigkeit gebunden.

„Ohne die Hamas gäbe es Frieden.“ Nicht beweisbar und wahrscheinlich zu einfach. Besatzung, Siedlungsbau, Flüchtlingsfrage, der Status Jerusalems und die palästinensische Staatlichkeit bestanden vor der Hamas und verschwänden nicht automatisch mit ihr.

Gesamturteil

Die Hamas entstand nicht, weil eine Gruppe von Menschen eines Tages beschloss, Israel oder Juden grundlos zu hassen. Sie entstand aus Besatzung, staatenloser Existenz, Flüchtlingserfahrung, religiöser Mobilisierung, der Schwäche und Korruption der Fatah, dem Scheitern diplomatischer Prozesse und einer über Jahrzehnte aufgebauten islamischen Sozialbewegung. Diese Ursprünge sind real und politisch nachvollziehbar, und sie verliehen Teilen der palästinensischen Bevölkerung Organisation, Versorgung, religiöse und nationale Identität und das Gefühl, der Besatzung nicht vollständig ausgeliefert zu sein.

Zugleich enthält ihre Gründungsideologie Antisemitismus, griff sie wiederholt Zivilisten an, verübte Selbstmordanschläge und wahllosen Raketenbeschuss, nahm Geiseln, errichtete in Gaza eine autoritäre Herrschaft, unterdrückte palästinensische Gegner und stellte ihre militärische Strategie häufig über die unmittelbare Sicherheit der Bevölkerung. Der Westen ist dabei kein neutraler Beobachter: Die USA und europäische Staaten unterstützen Israel politisch, militärisch und wirtschaftlich, prägten die regionale Ordnung, schützten lange einen Friedensprozess, der keinen palästinensischen Staat hervorbrachte, und reagierten auf den Wahlsieg von 2006 mit Isolation. Das bestätigte die Erzählung der Hamas, Verhandlungen und westlich organisierte Demokratie brächten keine palästinensische Selbstbestimmung – und macht ihre Angriffe auf Zivilisten dennoch nicht rechtmäßig.

Die knappste belastbare Einordnung lautet deshalb: Die Hamas ist eine eigenständig entstandene palästinensische islamisch-nationalistische Widerstands-, Partei- und Sozialbewegung mit realem gesellschaftlichem Rückhalt, die sich nach ihrem Wahlsieg zu einer autoritären De-facto-Regierung entwickelte, eng mit dem Iran kooperiert, ohne dessen Befehlsorganisation zu sein, und neben Angriffen auf militärische Ziele wiederholt Zivilisten angegriffen und Geiseln genommen hat. Sie nur „Terrororganisation“ zu nennen, verhindert das Verständnis ihrer Entstehung, ihrer Basis und ihrer Funktion. Sie nur „Widerstandsbewegung“ zu nennen, verschweigt ihre Verbrechen, ihre Herrschaft und ihre Machtinteressen. Sie nur als „iranischen Stellvertreter“ zu beschreiben, ignoriert ihre palästinensischen Wurzeln. Und sie mit der gesamten Bevölkerung Gazas gleichzusetzen, macht mehr als zwei Millionen Menschen für Entscheidungen einer Organisation verantwortlich, die seit zwanzig Jahren keiner allgemeinen Wahl mehr gegenüberstand. Die Hamas ist beides zugleich: Produkt des ungelösten Palästinakonflikts und ein Akteur, dessen eigene Entscheidungen zu dessen Fortdauer und Brutalisierung beigetragen haben.

Stand: 30. Juni 2026 Nach zwei Jahren Krieg ist die Hamas militärisch und organisatorisch schwer geschädigt: Getötet wurden zahlreiche Kommandeure sowie die Führungsfiguren Ismail Haniyeh (2024) und Yahya Sinwar (2024); große Teile Gazas sind zerstört. Ein US-vermittelter Waffenstillstand trat am 10. Oktober 2025 in Kraft und beendete die zweijährige Hauptphase des Krieges. Auf Grundlage des 20-Punkte-Plans von US-Präsident Trump und unter Aufsicht eines „Board of Peace“ laufen seither Verhandlungen über die zweite Phase: Entwaffnung der Hamas, eine technokratische Übergangsverwaltung für Gaza und die Stationierung einer internationalen Stabilisierungstruppe. Die Hamas verweigert die Entwaffnung weiterhin, solange Israel Gaza nicht verlässt; Israel hält die sogenannte „Yellow Line“ im Osten des Gebiets und führt fortgesetzte Angriffe. Die Zahl der seit Beginn der Waffenruhe getöteten Palästinenser wird unterschiedlich angegeben – von mehreren Hundert (israelische Lesart, frühere Phase) bis nahe eintausend (Angaben des Gaza Government Media Office, Mitte 2026); eine unabhängig bestätigte Gesamtzahl liegt nicht vor. Die Führungsfrage blieb Mitte 2026 ungeklärt: Seit Sinwars Tod wird die Hamas durch einen kollektiven Rat geführt (unter anderem Khaled Meshaal, Khalil al-Hayya, Zaher Jabarin, Mohammed Darwish und Nizar Awadallah); die Wahl an die Spitze des Politbüros galt als umstritten, mit al-Hayya und Meshaal als wichtigsten Kandidaten und internen Differenzen über die Zukunft in Gaza und die regionalen Bündnisse.

Quellenverzeichnis

  1. The Avalon Project, Yale Law School – Hamas Covenant 1988 (Primärtext der Charta, inkl. Artikel 22 und 32): https://avalon.law.yale.edu/20th_century/hamas.asp
  2. Federation of American Scientists (FAS) – The Covenant of the Hamas, Main Points (Charta-Auszüge): https://irp.fas.org/world/para/docs/880818a.htm
  3. Wilson Center – Doctrine of Hamas (Charta 1988, Dokument 2017 im Wortlaut): https://www.wilsoncenter.org/article/doctrine-hamas
  4. Combating Terrorism Center at West Point – Inside Hamas: How It Thinks, Fights, and Governs (Gründung, Yassin, al-Majd/al-Mujahideen): https://ctc.westpoint.edu/inside-hamas-how-it-thinks-fights-and-governs/
  5. Israel Institute of New Zealand – How Hamas Was Founded and Why the „Israel Created It“ Narrative Fails (Duldung ≠ Gründung; Filiu, Milton-Edwards, Gunning): https://israelinstitute.nz/2025/11/how-hamas-was-founded-and-why-the-israel-created-it-narrative-fails/
  6. Britannica – Hamas: Definition, History, Ideology (Gründung 1987, Charta, 7. Oktober): https://www.britannica.com/topic/Hamas
  7. PBS NewsHour – What is Hamas? Origins, leaders and funding: https://www.pbs.org/newshour/world/what-is-hamas-what-to-know-about-its-origins-leaders-and-funding
  8. Middle East Institute – Hamas (Backgrounder; Ideologie, Fatah-Rivalität, Gaza-Kriege): https://mei.edu/backgrounder/hamas/
  9. Wikipedia – 2006 Palestinian legislative election (Wahlergebnis, NDI/Carter Center): https://en.wikipedia.org/wiki/2006_Palestinian_legislative_election
  10. US-Senat / Government Publishing Office – Palestinian Legislative Council Elections: Challenges of Hamas‘ Victory (Sitz-/Stimmenverteilung): https://www.govinfo.gov/content/pkg/CPRT-109SPRT26018/html/CPRT-109SPRT26018.htm
  11. Konrad-Adenauer-Stiftung – Results of the Elections of the Palestinian Legislative Council 2006 (44,45 %; 56,1 % der Sitze): https://www.kas.de/c/document_library/get_file?uuid=c0e0eae4-3c84-3a20-81aa-24099c7da11e&groupId=252038
  12. Council on Foreign Relations – Hamas Breaks From Syria (Bruch mit Assad 2012): https://www.cfr.org/articles/hamas-breaks-syria
  13. Wilson Center – The Marriage and Divorce of Hamas and Hezbollah (Verlegung nach Doha, Iran reduziert Unterstützung): https://www.wilsoncenter.org/article/the-marriage-and-divorce-hamas-and-hezbollah
  14. TIME – Hamas Signals a Break With Iran (Damaskus-Abzug, Solidarität mit syrischer Opposition): https://world.time.com/2012/02/29/hamas-signals-a-break-with-iran-but-is-that-good-for-israel/
  15. UN – Bericht der Independent International Commission of Inquiry (A/HRC/56/26), Mai/Juni 2024 (Kriegsverbrechen 7. Oktober und Befunde gegen Israel): https://www.un.org/unispal/document/coi-report-a-hrc-56-26-27may24/
  16. OHCHR – UN Commission finds war crimes and crimes against humanity (Oktober 2024; Geiseln, sexualisierte Gewalt, beide Seiten): https://www.ohchr.org/en/press-releases/2024/10/un-commission-finds-war-crimes-and-crimes-against-humanity-israeli-attacks
  17. UN News – Gaza: Hamas, Israel committed war crimes, independent rights probe (Israel weist Bericht zurück): https://news.un.org/en/story/2024/06/1150946
  18. Human Rights Watch – „I Can’t Erase All the Blood from My Mind“: Palestinian Armed Groups‘ October 7 Assault on Israel (Qassam-Brigaden führend; Planung): https://www.hrw.org/report/2024/07/17/i-cant-erase-all-the-blood-from-my-mind/palestinian-armed-groups-october-7
  19. Amnesty International UK – Q&A on Gaza (Raketen aus Wohngebieten als Völkerrechtsverstoß; Schutzpflicht Israels bleibt): https://www.amnesty.org.uk/knowledge-hub/all-resources/gaza-questions/
  20. Wikipedia – Use of human shields by Hamas (Amnesty/HRW/UN 2009 fanden keine Schutzschild-Belege; B’Tselem zu israelischer Praxis): https://en.wikipedia.org/wiki/Use_of_human_shields_by_Hamas
  21. Lawfare – The Dangerous Failure to Hold Hamas Accountable for Using Human Shields (Gegenposition; al-Shifa, US-Geheimdienst): https://www.lawfaremedia.org/article/the-dangerous-failure-to-hold-hamas-accountable-for-using-human-shields
  22. Middle East Institute – Human shields or shielding Israel from accountability? (Bevölkerungsdichte, Intent-Problem): https://mei.edu/publication/human-shields-or-shielding-israel-accountability/
  23. EU-Rat (Consilium) – Sanctions against terrorism / EU Terrorist List (gesamte Hamas seit 2003; Sanktionsregime 2024): https://www.consilium.europa.eu/en/policies/sanctions-against-terrorism/
  24. US-Außenministerium – Foreign Terrorist Organizations (Hamas seit 1997): https://www.state.gov/foreign-terrorist-organizations
  25. Wikipedia – List of leaders of Hamas (Politbüro-Vorsitz seit Sinwars Tod vakant, Fünfer-Rat): https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_leaders_of_Hamas
  26. The Times of Israel – Hamas leadership vote / al-Hayya und Mashaal als Kandidaten (Mai 2026): https://www.timesofisrael.com/as-hamas-chooses-first-leader-since-sinwar-fate-of-postwar-gaza-hangs-in-the-balance/
  27. Wikipedia – Gaza peace plan (Waffenstillstand 10. Oktober 2025, Board of Peace, Yellow Line, Opferzahlen): https://en.wikipedia.org/wiki/Gaza_peace_plan
  28. Al Jazeera – Hamas leader rejects disarmament while Israeli occupation of Gaza continues (Februar 2026): https://www.aljazeera.com/news/2026/2/8/hamas-leader-rejects-disarmament-while-israeli-occupation-of-gaza-continues
  29. Wikipedia – Gilad Shalit prisoner exchange (1.027 Häftlinge, 280 lebenslänglich, Sinwar): https://en.wikipedia.org/wiki/Gilad_Shalit_prisoner_exchange
  30. Wikipedia – Al-Qassam Brigades (Struktur, fünf Brigaden, ~30.000 Kämpfer, Führung): https://en.wikipedia.org/wiki/Al-Qassam_Brigades
  31. Wikipedia – Palestinian tunnel warfare in the Gaza Strip (drei Tunneltypen, ~360 km Eigenangabe, Fadschr-5, Deif/Jabari): https://en.wikipedia.org/wiki/Palestinian_tunnel_warfare_in_the_Gaza_Strip
  32. Asharq Al-Awsat (English) – Al-Qassam Brigades: Militant Force Shaking Israel (Brigadenstruktur, Stärke vor 2023): https://english.aawsat.com/features/4884096-al-qassam-brigades-militant-force-shaking-israel-what-do-we-know

Michael Hollister unterstützen: https://www.michael-hollister.com/de/spenden/