Auswertung: Über Täuschung, Tugend und Teenager

Isch over

Auswertung: Über Täuschung, Tugend und Teenager

Storytelling in der ARD-Griechenlandberichterstattung 2015 – was bisher geschah…
Vorwort: Storytelling – die Kunst, Geschichten zu erzählen
Kapitel 1 – Das Trojanische Pferd
Kapitel 2 – Über griechische Helden, Märchen und Mythen
Kapitel 3 – Was Orwell nicht wusste
Kapitel 4 – Die Konstruktion wünschenswerter Welten
Kapitel 5 – The Hidden Persuaders
Greek Myths 1-3
Greek Myths 4-6
Greek Myths 7-9
Greek Myths 10-13
Greek Myths 14-16
Greek Myths 17-20

„…Weil er so glaubwürdig ist“

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble über den ARD-Korrespondenten Rolf-Dieter Krause, 2016

Im Februar dieses Jahres, ein Jahr nach der Eurogruppenvereinbarung vom 20. Februar 2015, bezeichnet Yanis Varoufakis im Interview mit Euronews die Unterzeichnung dieses Dokuments als seinen „wichtigste(n) Fehler“ als Finanzminister; er hätte sich bereits zu diesem Zeitpunkt sicher sein können, dass die Troika es nicht ernst meine mit dieser wichtigen Vereinbarung. [175]

Dies entspricht dem, was Varoufakis bereits am 27. Juni 2015 noch in seiner Funktion als griechischer Finanzminister auf einer Pressekonferenz als „wahren Grund“ für das Scheitern der monatelangen Verhandlungen genannt hatte: Die Verhandlungspartner hätten die von Griechenland als positiv bewertete Eurogruppenvereinbarung vom 20. Februar 2015 bereits wenige Tage nach ihrem Zustandekommen ignoriert und Griechenland seitdem wieder unter die Logik des alten Programmes unterwerfen wollen. [176]

Ironischerweise stützt ausgerechnet die ARD-Berichterstattung die These des ehemaligen Finanzministers Griechenlands.

So hatte die ARD die Zuschauer bereits am 20. Februar 2015 sachwidrig darüber informiert, Griechenland hätte sich mit der Verlängerung des zweiten „Hilfspakets“ verpflichtet, die im bisherigen Programm vorgesehenen Reformen ausnahmslos durchzuführen. Auch Ulrich Deppendorf verbreitete in seinem Kommentar vom 27. Februar 2015 die Falschinformation, dass Griechenland lediglich mehr Zeit erhalten hätte, um Reformen umzusetzen.

Ähnliches suggeriert auch die dem ARD-Deutschland-Trend-März zugrundeliegende Fragestellung: „Der Bundestag hat in der letzten Woche die Verlängerung des Hilfsprogramms für Griechenland um vier Monate beschlossen. Griechenland soll dadurch mehr Zeit bekommen, Reformen umzusetzen. Diese sind die Voraussetzung für die Auszahlung der letzten Tranche des bereits bestehenden Hilfspakets. Finden Sie die Verlängerung richtig oder nicht richtig?“ [177]

Und Rolf-Dieter Krause, zu diesem Zeitpunkt Leiter des ARD-Studios Brüssel, informiert auch in den Tagesthemen vom 9. März 2015, die Eurogruppe habe sich gar „nicht aufgehalten“ mit den neuen griechischen Reformvorschlägen, sie habe gesagt: „Es gibt eine Vereinbarung mit Griechenland, die ist schon alt, die umzusetzen hat es jetzt mehr Zeit gegeben“. Griechenland müsse nun mit der Umsetzung beginnen: „Diese Reformen sind politisch verabredet, eine Vereinbarung mit Griechenland […], die die griechische Regierung – allerdings die alte – unterschrieben hat“, behauptet der Korrespondent. [178]

Der Zuschauer kann, sofern er den eben genannten Darstellungen vertraut, nicht wissen, dass die Eurogruppenvereinbarung der griechischen Seite in Bezug auf die konkreten Reformauflagen Verhandlungsspielraum einräumte, und zwar ganz regulär zunächst bis Ende April (s. Geschichte 15). Stattdessen muss er annehmen, mit der am 20. Februar 2015 beschlossenen Verlängerung des zweiten „Hilfspakets“ habe sich die neue griechische Regierung verpflichtet, die mit der Vorgängerregierung vereinbarten Reformen ausnahmslos umzusetzen. In der Konsequenz wird er daher in den kommenden Wochen dem Irrtum unterliegen, dass Athen (erneut) den Fahrplan nicht einhält, im Zeitverzug ist, nicht liefert, seine Hausaufgaben nicht macht, tatsächlich reformunwillig ist und noch dazu die Vereinbarung vom 20. Februar 2015 gebrochen hat.

Der Täuschungsverdacht gegen die griechische Regierung ergibt sich daraus folgerichtig, und er wird von der ARD bereits einen Tag nach der Eurogruppenvereinbarung innerhalb der Tagesthemen angedeutet sowie in Form des Kommentars „Tsipras biegt sich die Wahrheit zurecht“ explizit geäußert (Geschichte 16).
Am Tag des vorläufigen Scheiterns der Verhandlungen, am 27. Juni 2015, spricht ARD-Moderator Roth schließlich im Gespräch mit dem Bundesfinanzminister das Urteil über die „Schurken“ (ARD-Korrespondent Alois Theisen): „Also ist es ’ne Täuschung!“.

Wer die Empörung eines Großteils der Zuschauer in diesen Wochen, ja Monaten gegenüber der Syriza-Regierung verstehen will, der möge sich vergegenwärtigen, dass der Topos vom solidarischen deutschen Volk, das Opfer von Trickbetrügern und faulen Schmarotzern zu werden droht, nicht erst nach der Vereinbarung vom 20. Februar 2015 mediale Verbreitung findet, sondern bereits innerhalb der ersten 4 Wochen der ARD-Berichterstattung über die neue griechische Regierung gleich einem Ostinato nahezu jeder der hier analysierten 20 Episoden zugrunde liegt.

Als Fürsprecher des kleinen Mannes bzw. der „Aldi-Verkäuferin und de(s) Realschullehrers“ wird vor allem der in diesem Jahr mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnete Korrespondent Krause einen Großteil der Zuschauer davon überzeugen, dass „der Grieche“ sich auf ihre Kosten bereichern will, oder in den Worten Krauses „es für das gottgegebene Recht seines Landes hält, auf Kosten anderer zu leben.“ (Tagesthemen-Kommentar vom 17. 02. 2015)

Dieser „Schuldenkrimi“ aktiviert in den Köpfen der Zuschauer den archetypischen Täter-Opfer-Retter-Frame sowie das durch diesen erzeugte Bedürfnis, dass die Werteordnung wiederhergestellt und der Gerechtigkeit genüge getan werden möge, indem die Täter ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Das „Ischover“ des „Retters“ Schäuble ist das Erlösungsversprechen, mit dem sich der Sieg des Guten über das Böse ankündigt. Kurz: Diese archetypische Dramaturgie läuft von Beginn an konsequent auf den Grexit zu.

Betrachtet man nun im Einzelnen die lediglich für die ersten vier Wochen zusammengetragenen Episoden dieser Langzeiterzählung und die in ihnen enthaltenen Fehlinformationen, Verzerrungen und sinnentstellenden Auslassungen, so ist erkennbar, dass die medial vermittelten Wahrnehmungs-und Beurteilungskategorien dieser Geschichten überwiegend die sog. Deutschen (Sekundär-)Tugenden bzw. deren angebliche Missachtung sind: Zuverlässigkeit, Ordnung, Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, Höflichkeit, Fleiß (hier im Sinne von Reformwilligkeit) und Sparsamkeit. Eigentlich fehlte der Berichterstattung nur noch der Aspekt der Sauberkeit (etwa in Form der Meldung über Fettflecken auf der Reformliste).

Diese gerade in Deutschland moralisch aufgeladenen, kollektiv identitätsstiftenden Werte laden den Zuschauer ein, sich mit der Verhandlungsseite der Gläubiger zu identifizieren. Der Zuschauer sieht die ihm wichtigen Werte einer permanenten Missachtung ausgesetzt, und zwar ausgerechnet seitens der Regierung jenes Landes, das im Rahmen von „Hilfspaketen“ eine „Milliardenhilfe“ seitens der „Geldgeber“ erhalten hat – also angeblich selbstlose Wohltaten, für die auch er als deutscher Steuerzahler haftet.

„Die Stärke der Narration ist, dass sie den Werte-Frame subtil transportiert – ohne ihn explizit zu nennen. Der Rezipient erkennt selbständig, dass das Thema einen für ihn bedeutsamen Grundwert tangiert“ [179], führt Herbert Flath in seiner Dissertation zu „Storytelling im Journalismus“ aus.

„Moral schlägt politische Inhalte“ [180]. Der vom US-amerikanischen Linguisten George Lakoff aufgestellten Kommunikationsmaxime, Fakten nur innerhalb moralischer Frames zu diskutieren, folgt die ARD-Berichterstattung ebenso wie das von Lakoff inspirierte Diskussionspapier der Bertelsmann Stiftung zu strategischer Regierungskommunikation aus dem Jahr 2006: „Gelungenes Framing zeichnet sich dadurch aus, dass Reformpolitik ihre Gestaltungsanliegen sprachlich mit gesellschaftlichen Sinn- und Wertzusammenhängen verknüpft.“ [181]

Ein solches stereotypenspezifisches Werte-Framing wirkt stark polarisierend. Es aktiviert und bestätigt zugleich das im Langzeitgedächtnis gespeicherte Stereotyp von den chaotischen (Geschichten 9, 11), unzuverlässigen (Geschichten 4, 5, 6, 7, 8, 11, 16, 19), trickreichen (Geschichten 2, 3, 5, 6, 7, 12, 16, 19), unpünktlichen (Geschichten 17, 18), unbeherrschten (Geschichten 2, 13), faulen (=reformunwilligen, Geschichten 5, 6, 8, 19) und verschwenderischen (Geschichten 1, 8 und 20) Südeuropäern, die angeblich die (nord-) „europäischen Gepflogenheiten“ (Rolf-Dieter Krause) missachten.

Es überrascht nicht, dass ausgerechnet Korrespondent Krause den Zuschauern in der Hart-aber-fair-Sendung vom 29. Juni 2015 das (vorläufige) Scheitern der Verhandlungen mit Griechenland so erklären will:

Hart aber fair Krause
„Wenn Sie in der Politik miteinander verhandeln wollen, dann müssen bestimmte Sekundärtugenden gewahrt sein: Das heißt, das, was man verabredet, muss verlässlich sein, man muss glaubwürdig sein, man muss sich die Wahrheit sagen.“

Die sachliche Debatte um ökonomische Lösungen für eine Schuldenkrise tritt in den Hintergrund zugunsten einer medial inszenierten Frage der Tugendhaftigkeit.

Mit Hilfe der so erzeugten „Illusion der Informiertheit“ wird das tatsächliche Informationsvakuum innerhalb der Berichterstattung verdeckt.

Die ökonomische Argumentation des international angesehenen Wirtschaftswissenschaftlers wird medial überklebt mit permanenten Meldungen über sein moralisch angeblich fragwürdiges Verhalten und die angebliche Undurchsichtigkeit seiner ökonomischen Pläne: Die Finanzierung der Wahlversprechen bleibe „ein Rätsel“, man wisse nicht, wie die Pläne der griechischen Regierung aussehen („Vielleicht hat er mündlich was vorgetragen“), angeblich wisse keiner der Finanzminister, „was die Griechen wirklich wollen“, denn Griechenland lasse sich „nicht in die Karten gucken“ und Varoufakis bleibe in jedem Fall „ein weiteres Mal rätselhaft“.

Der Faktor Kompetenz des griechischen Finanzministers wird auf diese Weise medial ausgeblendet und tendiert daher in der Wahrnehmung des Rezipienten gen Null.
Der Faktor Vertrauenswürdigkeit tendiert infolge permanent erfundener Trickster-Geschichten in der Wahrnehmung des Rezipienten ebenfalls gen Null.
Das Produkt aus diesen beiden Faktoren – Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit – ist laut Persuasionsforschung die (wahrgenommene) Glaubwürdigkeit eines Politikers: das strategisch entscheidende Feld jeder politischen Auseinandersetzung. Im Fall von Varoufakis erzielt die mediale Berichterstattung einen Glaubwürdigkeits-Wert, der ungefähr bei null liegen dürfte. Rufmord nennt es Varoufakis. „Schäuble ist beliebt wie nie“, ruft begeistert die ARD im Juli 2015 aus.

„Die neuen, auf die Maximierung der Aufmerksamkeit der Medienkonsumenten ausgerichteten Selektions- und Interpretationslogiken konstruieren den Lauf der Dinge wieder – wie die alte Geschichtsschreibung – als Produkt von Helden und Bösewichten, also als Ergebnis von Menschen und Taten und nicht von ‚Verhältnissen‘, welche die Menschen, ihre Taten und ihre Wirkungen erst erklären können.
Diese Regression medienvermittelter Kommunikation auf gut und böse ist ursächlich für den Wandel der seismographischen Funktion öffentlicher Kommunikation von der Problematisierung von Zuständen hin zur Skandalisierung von Personen. Der zivilisatorische Fortschritt gegenüber den öffentlichen Hinrichtungen der Vormoderne – in der das personalisierte Böse auch schon vor aller Augen getilgt werden musste – bemisst sich in der Spätmoderne daran, dass es ’nur‘ noch um den sozialen Tod des Delinquenten geht. Unterhaltend ist allemal beides.“
[182]

Neben der Polarisierung durch den Täter-Opfer-Retter-Frame und das nationalstereotypische Werte-Framing liefert die Berichterstattung eine dritte polarisierende Schablone, durch die hindurch der Zuschauer die Verhandlungen zwischen den Gläubigern und ihrem Schuldner betrachtet: das Erwachsenen-Teenager-Verhältnis, das den erwachsenen Teil im Gegenzug für die materielle Existenzsicherung des Minderjährigen zu dessen Erziehung, Ermahnung (Regeln müssen eingehalten , Hausaufgaben pünktlich abgegeben werden) und Disziplinierung/Bestrafung (die folgenreichste Androhung: der Grexit) berechtigt. Die Berichterstattung folgt 1:1 dem von George Lakoff dargestellten „Strenger-Vater-Moral-Frame“, der laut dem US-Linguisten die Kommunikationsstrategie konservativer Politik darstellt.

Wer sich nicht den Geldgebern „unterwerfen“ will, dem droht ein Donnerwetter. Das verdeutlicht Moderatorin Caren Miosga bereits am Tag der ersten Kabinettssitzung der Syriza-Regierung. Der Beitrag zum Außenministertreffen stellt den Außenminister eines souveränen Staates als „frischgebacken“ dar, der, weil er „querschoss“, „ins Gebet genommen“ werden musste. Die Ablehnung der Zusammenarbeit mit den Troika-Abgesandten in Athen wird als „ausgeheckter“ Streich eines sich „cool“ gebenden, rebellierenden Teenagers charakterisiert, der sich der Kontrolle (durch die Erwachsenen) entziehen will und vom Chef der Eurogruppe angeblich eine Lektion erteilt bekommt. Der Bundesfinanzminister ist Verfechter eines „strengen“ Reformprogramms, der Bundeswirtschaftsminister gibt sich „weniger streng“. Mit Griechenland „gab es schon wieder Ärger“, von einem richtigen „Halbstarken-Verhalten“ sei bereits die Rede, formuliert Nachrichtensprecher Claus-Erich Boetzkes. Korrespondent Thomas Bormann spricht vom „Spiel“ des „Schuljunge [n]“ und rät, die griechische Reformliste „streng“ zu überprüfen, und Ulrich Deppendorf fragt in seinem Kommentar vom 27. Februar 2015: „Verlieren wir die Geduld mit Griechenland?“

Auch durch den Strenger-Vater-Moral-Frame wird eine sachliche Auseinandersetzung mit den wirtschaftlichen und politischen Argumenten der griechischen Regierung umgangen: Statt den Zuschauer hierüber zu informieren, werden die Entscheidungen bzw. Standpunkte der griechischen Verhandlungsseite entweder als lachhaft dargestellt oder vor dem Hintergrund eines provokanten, rational nicht vernünftigen, ja unverantwortlichen Teenagerverhaltens erklärt, das konsequent auf einen selbstverschuldeten Graccident zusteuere:

„Die Eurofinanzminister glauben längst, sie seien im falschen Film. ‚Denn sie wissen nicht, was sie tun‘, könnte der Film heißen“, so Caren Miosga in ihrer Anmoderation vom 9. März 2015 auf den James-Dean-Klassiker anspielend, in dem Teenager als Mutprobe in Autos auf eine Klippe über dem Abgrund zurasen.
„Die griechische Regierung jedenfalls macht den Eindruck, als rase sie weiter sehenden Auges auf einen Abgrund zu“, urteilt die Moderatorin, während auf der Medienwand hinter ihr steile Meeresklippen emporragen, „der Fahrplan, den die Griechen […] vorgelegt haben, wird den Sturz in die Tiefe wohl kaum verhindern.“

Wer inmitten der Grexit-, später Graccident- Beschwörungen noch einwenden mochte, dass Griechenland als kulturelle Wiege Europas unverzichtbar für die EU sei, wurde eines Besseren belehrt: Der vom Finanzministerium übernommene Vergleich mit dem Trojanischen Pferd verdeutlicht die schon in der Mythologie verankerte (Kriegs-) List der Griechen, der Raub der Europa durch den in einen Stier verwandelten Zeus könnte in der Realität tödlich enden: „Manch einer hat inzwischen die Sorge, dass Europa vom Stier fällt und Schaden nimmt“, so der sichtlich bekümmerte Thomas Roth in den Tagesthemen vom 19. März 2015. Der Parthenon auf der Akropolis sei „Symbol für das gesamte Land: einst ein strahlender Tempel – heute eine Baustelle “ (Tagesthemen 6. März 2015). Das Wort „Chaos“, so warnt Korrespondentin Scharkus am 07. Juli 2015 den Zuschauer, ist griechischen Ursprungs und bedeutet laut Duden: „die Auflösung aller Ordnung“.

Auch eine „Semantik der Eskalation“ (Frank Schirrmacher), die aus Ausdrücken besteht wie „schrille Töne“, „Affront“, „aufeinanderprallende Welten“, „Eklat“, „heftiger Streit“ und „geballte Faust“ wird einen Großteil der Zuschauer davon überzeugen, dass diese „hemdsärmeligen“, „ruppigen“ (Thomas Roth 04.02.2015), „selbstverliebten“ (Ulrich Deppendorf 27.02.2015) „Halbstarken“ (Claus-Erich Boetzkes 12.02.2015), diese „Schuljungen“ (Thomas Bormann 21.02.2015) mit ihrer „Ruppigkeit-ich-will-nicht-sagen-Arroganz“ (Thomas Roth 16.02.2015), diese „unberechenbaren Teenager“ mit „frechem Grinsen im Gesicht“ (Angela Ulrich 08.07.2015), die ihre „Hausaufgaben“ (Caren Miosga 23.02.2015) nicht machen wollen und es als ihr „gottgegebenes Recht ansehen, auf Kosten anderer zu leben“ (Rolf-Dieter Krause 17.02.2015), „runter von den Bäumen“ (Ulrich Deppendorf 27.02.2015) müssen, „ins Gebet“ (Bettina Scharkus 29.01.2015) genommen werden müssen. Und wenn alle Ermahnung nicht hilft – „Ich-kann-gar-nicht-so-viel-fressen-wie-ich-kotzen-möchte“ [183] (Rolf-Dieter Krause, Presseclub, 14.06.2015) –, dann müssen diese „Schurken“ (Alois Theisen, 27.06.2015), vor allem dieser „irrlichternde Varoufakis“ [184] (Reinald Becker 29.06.2015) mal richtig diszipliniert, am besten „zum Teufel gejagt“[185] werden. (Rolf-Dieter Krause, Hart aber fair, 29.06.2015)

Schluss. Endlich. Isch over.

Den 27. Juni 2015, den Tag des vorläufigen Scheiterns der Verhandlungen, wird Moderator Roth, voreilig zwar, aber feierlich als „historischen Tag in der EU-Geschichte“ bezeichnen, da es das erste Mal nicht gelungen sei, ein Mitglied zu retten. Wer auf das Foto im Hintergrund des Moderators blickt, begreift schnell, dass die nicht geglückte „Rettung“ Griechenlands Tröstliches für den Rest der EU bereithält: den Sieg des Guten über das Böse. Während der Moderator die erlösenden Worte spricht, erstrahlt auf der großen Medienwand der Retter Europas in der Pose des Triumphators inmitten seiner Gefolgsleute:

Isch over

„Nun isch es also over, wie der deutsche Finanzminister bereits vor einiger Zeit gesagt und befürchtet hat. […]. Schäuble und seine Kollegen hatten am Ende einfach genug von den immer neuen griechischen Winkelzügen.“ [186]

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[175] Yanis Varoufakis. Interview mit Euronews, veröffentlicht am 23.02.2016.
[176] Yanis Varoufakis. Pressekonferenz vom 27.06.2015 (ab Min. 4:56).
[177] ARD-Deutschlandtrend März 2015.
[178] Tagesthemen 09.03.2015.
[179] Herbert Flath: a.a.O., S. 215.
[180] Lakoff/Wehling: The Little Blue Book, a.a.O., S. 37.
[181] Bertelsmann Stiftung: a.a.O., S. 8.
[182] Kurt Imhof: Der hohe Preis der Moral. Politik und Wirtschaft unter dem Diktat der Empörungskommunikation, in: NZZ, 07.06.2002.
[183] Rolf-Dieter Krause. Presseclub 14.06.2015.
[184] Reinald Becker. Tagesthemen-Kommentar 29.06.2015.
[185] Rolf-Dieter Krause. Hart aber fair. 29.06.2015.
[186] Tagesthemen 27.06.2015.

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Verzeichnis der Literatur und Internetquellen

Stand: Sämtliche Internetquellen wurden zuletzt am 20. Juli 2016 abgerufen.

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Wörter lügen manchmal, Bilder immer. Wissenschaft nach der Wende zum Bild, in: Wolf-Andreas Liebert, Thomas Metten [Hg.]: Mit Bildern lügen, Köln 2007, S. 29-49.
Altwegg, Jürg: Politische Rhetorik. Die Märchen der Macht, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. 01. 2009.
Online: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/geisteswissenschaften/politische-rhetorik-die-maerchen-der-macht-1754362.html
Ana-mpa (griechische Nachrichtenagentur): Lean living, but not ‚Ponzi austerity‘, FinMin Varoufakis says, 28.01.2015.
Online: //www.amna.gr/english/articleview.php?id=8310
ARD-Forschungsdienst: Werbewirkung: Storytelling, in: Media Perspektiven 4/ 2015, S. 215-217.
Online: http://www.ard-werbung.de/media-perspektiven/publikationen/fachzeitschrift/2015/artikel/werbewirkung-storytelling/
Aswestopoulos, Wassilis: Der Aufstand der Putzfrauen, in: Telepolis, 18.06.2014.
Online: http://www.heise.de/tp/artikel/42/42030/1.html
Barloewen, Constantin von: Clowns. Versuch über das Stolpern, München 2010.
Bertelsmann Stiftung: Diskussionspapier zum Expertendialog: Politische Reformkommunikation. Veränderungsprozesse erfolgreich vermitteln, 16. 11. 2006.
Bird, Mike: Europe’s finance ministers very nearly agreed to this provisional deal on Greece, in: The Business Insider, 12.02.2015.
Online: http://uk.businessinsider.com/europes-finance-ministers-very-nearly-agreed-to-this-provisional-deal-on-greece-2015-2?IR=T
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Online: https://publikumskonferenz.de/forum/viewtopic.php?f=30&t=414
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Online: http://elpais.com/diario/2008/10/19/domingo/1224388354_850215.html
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Publikumskonferenz: Programmbeschwerde zur ZDF-heute-Sendung vom 27.02.2015.
Online: https://publikumskonferenz.de/forum/viewtopic.php?f=30&t=505#p2014
Quintilian: Inst. orat., IX, 2, 65 f., übersetzt von Helmut Rahn [Hg.]: Marcus Fabius Quintilianus: Ausbildung des Redners, Bd. 2, Darmstadt 1975.
Renner, Karl N.: Storytelling im Fernsehjournalismus – Ein Zukunftskonzept mit offenen Fragen, Berlin 2008.
Renner, Karl N.: Journalistische Wirklichkeitserzählungen und fotografische Bilder, in: DIEGESIS 2, H. 2/ 2013.
Online: https://www.diegesis.uni-wuppertal.de/index.php/diegesis/article/view/140/172
Reuters (Nachrichtenagentur): EU-Außenminister ringen mit Athen um Russland-Politik, 29. 01. 2015.
Online: http://de.reuters.com/article/eu-russland-griechenland-idDEKBN0L21TO20150129
Reuters (Nachrichtenagentur): EU wins Greek backing to extend Russia sanctions, delay decision on new steps, 29. 01. 2015.
Online: http://www.reuters.com/article/2015/01/29/us-ukraine-crisis-idUSKBN0L22B720150129
Rößger, Danilo/Uhlenkamp, Rike: Die dramaturgische Trickkiste, in: Message-Podium 1-2014.
Online: http://www.message-online.com/message-podium/message-podium-1-2014/die-dramaturgische-trickkiste/
Salmon, Christian: Une machine à fabriquer des histoires, in: Le Monde diplomatique, Nov. 2006, S. 18-19.
Online: http://www.monde-diplomatique.fr/2006/11/SALMON/14124
Schäuble, Wolfgang: Interview mit dem DLF. „Bin sehr skeptisch“, 16.02.2015.
Online: http://www.deutschlandfunk.de/schuldenstreit-mit-griechenland-schaeuble-bin-sehr-skeptisch.694.de.html?dram:article_id=311734
Schicha, Christian: Inszenierte Berichterstattung in der politischen Bildung. Interpretationsangebote für die visuelle und rhetorische Analyse politischer Informationsangebote, in: Medienimpulse 1/2002, S. 14-24.
Schieritz, Mark: Wer ist schuld am Griechen-Gau? Herdentrieb [Weblog], 17.02.2015.
Online: http://blog.zeit.de/herdentrieb/2015/02/17/wer-ist-schuld-griechengau_8143
Schneider, Wolf: Die Wahrheit über die Lüge. Warum wir den Irrtum brauchen und die Lüge lieben, Reinbek bei Hamburg 2012.
Schnellbach, Ulrike: Wie in Tausendundeiner Nacht, in: DJV-Blickpunkt 3/2012.
Online: http://www.schreib-gut.de/texte/storytelling.html
Schönenborn, Jörg: Ein Beitrag für die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft, ard.de, 27.12.2012.
Online: http://www.ard.de/home/intern/presse/pressearchiv/253050/index.html
Schopenhauer, Arthur: Eristische Dialektik oder die Kunst, Recht zu behalten, Zürich 1985.
Schüttpelz, Erhard: Figuren der Rede: Zur Theorie der rhetorischen Figur, Philologische Studien und Quellen, H. 136, Berlin 1996.
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Online: http://www.tagesspiegel.de/politik/eurokrise-die-troika-macht-ohne-kontrolle/11406286.html
Schumann, Harald im Interview mit Telepolis, in: Marcus Klöckner: „Wenn man den Mächtigen nach dem Maul schreibt, bekommt man die besseren Honorare“, 20.05.2015. Online: http://www.heise.de/tp/artikel/44/44936/1.html
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Online: https://www.themediabriefing.com/article/weasel-words-and-journalism-its-either-true-or-it-isnt
Sturm, Simon: Digitales Storytelling: Eine Einführung in neue Formen des Qualitätsjournalismus, Wiesbaden 2013.
Süddeutsche Zeitung: EU-Parlament will Troika abschaffen, 13. März 2014.
Online: http://www.sueddeutsche.de/politik/abschlussbericht-eu-parlament-will-troika-abschaffen-1.1911472
Syriza: Thessaloniki-Programm, September 2014.
Online: http://www.syriza.gr/article/SYRIZA—THE-THESSALONIKI-PROGRAMME.html#.V1O6j63wDIU
Telebiss: Schiefe Optik, in: Die Zeit, 26.10.1979.
Online: http://www.zeit.de/1979/44/schiefe-optik
Toms, Michael: An Open Life, Interview mit Joseph Campbell, New York 1989.
Online: https://www.youtube.com/watch?v=JM10AvJ3bsM
Varoufakis, Yanis: Pressekonferenz vom 30.01.2015.
Online: https://www.youtube.com/watch?v=HhrpuPFzGTs
Varoufakis, Yanis: Interview mit der ARD vom 04./05.02.2015 (Englisch).
Online: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/interview-varoufakis-101.html
Varoufakis, Yanis: Pressekonferenz vom 05.02.2015.
Online: https://www.youtube.com/watch?v=hlbJHSsnOBs
Varoufakis, Yanis: Rede und Diskussionspapier zur Eurogruppensitzung vom 11.02.2015.
Online: http://www.tovima.gr/files/1/2015/02/18/eur.pdf
Varoufakis, Yanis: Interview mit ARD und ZDF nach der Eurogruppensitzung vom 11.02.2015.
Online: (ab Min. 2:14) https://www.youtube.com/watch?v=0HbkA6iILiI
Varoufakis, Yanis: Rede und Diskussionspapier zur Eurogruppensitzung vom 16.02.2015.
Online: http://www.tovima.gr/files/1/2015/02/18/eur.pdf
Varoufakis, Yanis: Pressekonferenz vom 16.02.2015 (Ausschnitt, deutsche Übersetzung).
Online: https://www.youtube.com/watch?v=eg_7NtspBRs
Varoufakis, Yanis: Pressekonferenz vom 16.02.2015 (vollständig, englisch).
Online: https://www.youtube.com/watch?v=9_8gKX5w8ko
Varoufakis, Yanis: Interview mit CNN am 23.02.2015.
Online: http://edition.cnn.com/videos/world/2015/02/23/intv-amanpour-greece-yanis-varoufakis-air.cnn
Varoufakis, Yanis: Interview mit dem griechischen Sender ANT1 am 27.02.2015.
Online https://www.youtube.com/watch?v=NMOyU-azw-0
Varoufakis, Yanis: Pressekonferenz vom 27.06.2015 (ab Min. 4:56).
Online: https://www.youtube.com/watch?v=–zbMROUEIA&list=PLmoF3eGf2PA0208Ms9k_-W-7MradCxI6n
Varoufakis, Yanis: Interview mit Euronews, veröffentlicht am 23.02.2016.
Online: http://de.euronews.com/2016/02/23/yanis-varoufakis-die-hochglanzfotos-waren-ein-fehler
Vogel, Hannes: Varoufakis war kein Großkotz, n-tv, 19.02.2015.
Online: http://www.n-tv.de/wirtschaft/Varoufakis-war-kein-Grosskotz-article14549236.html
Vogel, Ralf: Der Un-Sprechakt des Jahres. Zum Problem der Parteilichkeit in linguistischer Sprachkritik, 2014.
Vogler, Christopher: The Writer’s Journey, Mythic Structure for Storytellers and Screenwriters, Los Angeles 1992.
Walton, Douglas: Fallacies Arising from Ambiguity, Dordrecht 1996.
Wehling, Elisabeth/Lakoff, George: Die neue Sprache der Sozialdemokratie, hrsg. von der Friedrich-Ebert-Stiftung, April 2011.
Online: http://library.fes.de/pdf-files/id/08012-20110525.pdf
Wehling, Elisabeth/Lakoff, George: The Little Blue Book. The Essential Guide to Thinking and Talking Democratic, New York 2012.

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Danksagung

Eine umfangreiche Arbeit wie diese benötigt die Unterstützung fleißiger Helfer, um zum Abschluss zu kommen. Unser Dank gilt daher allen Wegbegleitern, die uns bei der Umsetzung dieses Medienprojektes hilfreich zur Seite standen.

Besonderer Dank gebührt unserem Autor Otto Stern, unserem Lektor, unserem Sprachmittler und allen fleißigen Helfern bei der Bewältigung technischer Hürden.

Diese Arbeit wurde im Rahmen der medienkritischen Agenda des Vereins „Ständige Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien“ erstellt und erhielt keinerlei finanzielle Unterstützung Dritter.

Maren Müller
Vorsitzende

August 2016

Veröffentlicht in News

Greek Myths 17-20

Zeit bis zum Morgen

Kapitel 17 – Die unpünktlichen Griechen

Storytelling in der ARD-Griechenlandberichterstattung 2015 – was bisher geschah…
Vorwort: Storytelling – die Kunst, Geschichten zu erzählen
Kapitel 1 – Das Trojanische Pferd
Kapitel 2 – Über griechische Helden, Märchen und Mythen
Kapitel 3 – Was Orwell nicht wusste
Kapitel 4 – Die Konstruktion wünschenswerter Welten
Kapitel 5 – The Hidden Persuaders
Greek Myths 1-3
Greek Myths 4-6
Greek Myths 7-9
Greek Myths 10-13
Greek Myths 14-16

Analytischer Teil: Es war einmal…

17 Die Geschichte von den unpünktlichen Griechen – die Reformliste

tagesschau.de vom 24.02.2015 [160]

„Athen nimmt sich Zeit bis zum Morgen“ „Griechenland hält Frist nicht ein“.

Tagesthemen vom 23.02.2015, 22:15 Uhr [161]

Miosga 17
Caren Miosga (WDR) zur griechischen Reformliste: „Heute nun – ausgerechnet zum Beginn der orthodoxen Fastenzeit – war Abgabetermin. Doch seit dem Abend hören wir: Die Regierung schafft es erst morgen früh, diese außergewöhnlich schwere Hausaufgabe fertigzustellen […].“

Korrespondentenbeitrag von Peter Dalheimer (BR)/Off:

Unweit der Akropolis in Athen
Unweit der Akropolis 17Beginn Fastenzeit 17
wurde heute der Beginn der Fastenzeit gefeiert. Aschermontag heute in Griechenland –
und da lässt man traditionell Drachen steigen.
Drachen steigen 17Gute Stimmung Gute Stimmung trotz des Schuldenstreits […].

Fakten und Analyse:

Schlüsselbild: feiernde Griechen
Schlüsselwörter: ausgerechnet zum Beginn der orthodoxen Fastenzeit, schafft es erst, außergewöhnlich schwere Hausaufgabe, gute Stimmung

Falschinformation:

Die Reformliste ist fristgerecht am 23. Februar 2015 vor Mitternacht in Brüssel eingegangen, wie Jeroen Dijsselbloem am 24.02.2015 bestätigt. [162] Die griechischen Reformschläge sind bereits am Nachmittag bei der EU eingegangen, um Änderungswünsche der EU-Kommission berücksichtigen zu können. Darauf weist Christian Feld im Schaltgespräch korrekt hin.

Ob es zutrifft, dass die EU dann Griechenland bat, die offizielle/finale Liste erst am nächsten Morgen zuzusenden, wie Yanis Varoufakis am 23. Februar 2015 im CNN Interview erklärte, ist nicht überprüfbar. [163] In jedem Fall ging die griechische Reformliste rechtzeitig vor Mitternacht ein.
Die Nachrichtenlage zum Zeitpunkt der Tagesthemen deckte nicht die Behauptung der Moderatorin, dass Griechenland es „ausgerechnet zum Beginn der orthodoxen Fastenzeit“ nicht „schafft“, seinen „Hausaufgaben“ pünktlich nachzukommen.

Rekontextualisierung/Reframing

Durch Andeutung (Innuendo) stellt die Moderatorin eine Scheinkausalität her zwischen dem angeblichen Versäumnis der griechischen Verhandlungsseite, ihren Pflichten pünktlich nachzukommen, und dem Abgabetermin der Reformliste „ausgerechnet zum Beginn der orthodoxen Fastenzeit“ (Anspielung durch irreführende Akzentuierung), also zur Rosenmontagsfeier in Griechenland. Mit dem Begriff „Hausaufgaben“ ruft Miosga erneut den Erwachsenen-Teenager-Frame auf.

Im darauffolgenden Filmbeitrag bildet das traditionelle Drachensteigenlassen am Rosenmontag in Griechenland dann die Rahmenerzählung („Gute Stimmung trotz Schuldenstreit“), vor deren Hintergrund das Thema Reformliste erörtert wird (Klammergeschichte).

Zwar äußert der Korrespondent an einer Stelle des Beitrags seine Vermutung, dass trotz des Feiertags in Griechenland in manchen Regierungsbehörden „Hochbetrieb herrschen dürfte“. „Die Liste mit den Reformvorschlägen muss fertig werden“. Aber der Zuschauer wurde bereits von der Moderatorin auf den aktuellen Kenntnisstand gebracht, dass die griechische Regierung den Abgabetermin „ausgerechnet zum Beginn der orthodoxen Fastenzeit“ nun angeblich doch nicht einhalten werden könne.
In den Tagesthemen des darauffolgenden Tages wird an einer Stelle beiläufig erwähnt, dass die Liste pünktlich eingegangen ist. Eine ausdrückliche, d.h. transparente Korrektur fand nicht statt.

Auf der offiziellen Internetseite der Tagesschau steht bis heute: „Athen nimmt sich Zeit bis zum Morgen“ und „Griechenland hält Frist nicht ein“.

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[160] tagesschau.de. Athen nimmt sich Zeit bis zum Morgen, 24.02.2015.
[161] Tagesthemen 23.02.2015.
[162] Jeroen Dijsselbloem. Stellungnahme zum rechtzeitigen Erhalt der Reformliste.
[163] Yanis Varoufakis. Interview mit CNN am 23.02.2015.

Kapitel 18 – Noch einmal die unpünktlichen Griechen

Die Liste ist da!

Analytischer Teil: Es war einmal…

18 Die Geschichte von den unpünktlichen Griechen geht weiter – Griechenland lässt Frist verstreichen – bestätigt nun auch die Sprecherin der EU-Kommission?

„Die Liste aus Athen ist da“ von Andreas Meyer-Feist (HR), tagesschau.de am Morgen des 24.02.2015, 08:42 Uhr [164]

„[…] Aber auch bis Mitternacht lag in Brüssel noch nichts vor. Erst am frühen Morgen kam sie an, die Liste, die Athen vor der Pleite retten soll. […]“

Screenshot

Falschinformation:

Hier wird der boulevardeske Erzählstil des Storytelling besonders gut deutlich. Inhaltlich aber ist auch diese Meldung frei erfunden: Auch Mina Andreeva bestätigt auf Twitter den rechtzeitigen Erhalt der Reformliste. [165]

Tweet Liste

Auch dieser Fehler wurde – wie sämtliche vorhergenannten Falschinformationen – von der ARD bis heute nicht berichtigt.

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[164] Andreas Meyer-Feist: „Die Liste aus Athen ist da“, tagesschau.de, 24.02. 2015.
[165] Mina Andreeva. Tweet vom 24.02.2015.

Kapitel 19 – Der Trickster entlarvt sich selbst

fast zeitgleich Varou18

Analytischer Teil: Es war einmal…

19 Die Geschichte vom sich selbst entlarvenden Trickster – die Bundestagsentscheidung über die Verlängerung der Kreditvereinbarung

„Bei einer Behauptung des Gegners müssen wir suchen, ob sie nicht etwa irgendwie, nötigenfalls auch nur scheinbar im Widerspruch steht mit irgendetwas anderem, was er früher gesagt oder zugegeben hat […] oder mit seinem eigenen Tun und Lassen. […]. Es wird sich doch irgendwie eine Schikane herausklauben lassen“. [167]
Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik oder die Kunst, Recht zu behalten

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Tagesschau vom 27.02.2015 [166]

Korrespondentenbeitrag von Peter Dalheimer (BR):

Peter Dalheimer (BR)/Off: Finanzminister Varoufakis hatte heute die Debatte über die Reformunwilligkeit seiner Regierung befeuert: Er habe die Reformvorschläge bewusst unbestimmt formuliert, um die notwendige Zustimmung nicht zu gefährden.
fast zeitgleich Varou18gespaltene Zunge
George Tzogopoulos [Politikwissenschaftler]/On: Die griechische Regierung spricht offenbar mit gespaltener Zunge – Sie erzählt nach innen anderes als nach außen.

Tagesthemen vom 27.02.2015 [168]

Caren Miosga (WDR): „Griechenland wird weiter Geld aus Europa bekommen. Dafür hat der deutsche Bundestag heute mit überwältigender Mehrheit gestimmt. Aber – zwei Herzen wohnen, ach, in meiner Brust: Wolfgang Schäuble MUSSTE heute im Bundestag für ein verlängertes Hilfsprogramm werben, obwohl er sich über den mangelnden Reformwillen seines griechischen Kollegen mehrfach geärgert hat […].“
Miosga19
Wie die Anmoderation beginnt auch der folgende Korrespondentenbeitrag von Julia Krittian (MDR) mit einer empathisch-identifikatorischen Erzählhaltung:
es ist einen rede19
Julia Krittian/Off: Es ist eine Rede, die ihm wahnsinnig schwerfällt, sagt Wolfgang Schäuble, der doch selten um ein Wort verlegen ist, sei es mahnend, werbend oder tosend. Heute MUSS er von allem etwas liefern. Athen habe viel Vertrauen zerstört, so der Bundesfinanzminister, dennoch bittet er die Abgeordneten um eine Verlängerung der Griechenland-Hilfen. Keine neuen Milliarden, nur mehr Zeit: 4 Monate, um Reformen umzusetzen.
wir deutsche 19
Wolfgang Schäuble/On: Wir Deutsche sollten alles daran [sic] tun, dass wir Europa zusammenhalten […]. Natürlich heißt Solidarität nicht, dass man sich gegenseitig erpressen kann, sondern dass jeder seinen TEIL dazu beitragen muss.
Julia Krittian/Off: Der griechische TEIL besteht oft genug aus Provokationen: Fast zeitgleich erklärt Finanzminister Varoufakis im griechischen Fernsehen, seine Reformpläne seien bewusst schwammig formuliert, um die Zustimmung der Euro-Parlamente nicht zu gefährden. Das sei, Zitat: ‚produktive Undeutlichkeit.‘
fast zeitgleich Varou18
In Berlin produziert das wachsende Wut, vor allem in Schäubles Fraktion. 29 von 32 Nein-Stimmen kommen von CDU/CSU […].
berlin produzierte19Gebrauchtwagen
Klaus-Peter Willsch/On: Schauen Sie sich Tsipras an, schauen Sie sich Varoufakis an, würden Sie von denen einen Gebrauchtwagen kaufen?

Fakten und Analyse:

Schlüsselwörter: gespaltene Zunge (O-Ton), Reformunwilligkeit, befeuert, geärgert, Provokationen, wachsende Wut, Gebrauchtwagen (O-Ton)

Falschinformation und Dekontextualisierung

a) Der von Yanis Varoufakis verwendete Begriff „constructive ambiguity“ (auch „creative ambiguity“) bezeichnet eine Verhandlungstechnik im Bereich des Konfliktmanagements, die auf Henry Kissinger zurückgehen soll und auf der Überzeugung basiert, dass für den Fall, dass zwei Verhandlungspartner in einem Punkt (noch) nicht übereinstimmen, durch einen ambigue, also unbestimmt bzw. mehrdeutig formulierten Text beide Interessen berücksichtigt werden können. Manchmal ist dieser ambigue formulierte Text Ausgangspunkt für weitere Verhandlungen, in deren Verlauf das strittige Thema gelöst werden soll. Konstruktive Ambiguität war beispielsweise ein Markenzeichen des Oslo-Abkommens zwischen Israel und den Palästinensern.

b) Varoufakis spricht im Interview mit ANT1 von der Formulierung der gemeinsamen Eurogruppenvereinbarung vom 20. Februar 2015 und eben nicht von der griechischen Reformliste vom 23. Februar 2015. In Bezug auf den strittigen Punkt der Höhe des Primärüberschusses sei auf Wunsch der europäischen Partner keine genaue Zahl angegeben worden, sondern der Begriff „angemessener Primärüberschuss“ (s. dazu auch Geschichte 15).

Dies habe den europäischen Partnern erlaubt, die Vereinbarung durch das Parlament zu bringen. Auch Yanis Varoufakis begrüßt konstruktive Ambiguität als Verhandlungstechnik: „Ich werde keine Zahlen versprechen, solange ich nicht sicher bin, diese erzielen zu können.“ [169] Tatsächlich wurde in den folgenden Verhandlungsmonaten über den genauen Wert des Primärüberschusses intensiv verhandelt.

Mit Reformunwilligkeit oder Trickserei hat das nichts zu tun und hätte es nicht einmal gehabt, wenn der griechische Finanzminister tatsächlich von der Reformliste gesprochen hätte: Denn der Erfolg/die Anwendung dieser Verhandlungstechnik ist ihrer Natur nach immer auf gegenseitige Akzeptanz angewiesen, ihr Ziel ist immer die Konfliktentschärfung durch Berücksichtigung beider Interessen.

Und selbstverständlich lag dem Bundestag der von allen Vertragspartnern gemeinsam beschlossene Eurogruppenvertrag samt der in ihm enthaltenen Vagheit der Formulierung („angemessener Primärüberschuss“) VOR der Abstimmung vor.

c) Unwahr ist auch, dass Yanis Varoufakis den Begriff „constructive ambiguity“ erst zeitgleich mit der Bundestagsabstimmung im griechischen TV geäußert habe. Der griechische Finanzminister hatte diese Verhandlungstechnik bereits kurz nach der Eurogruppenvereinbarung transparent für alle auf Twitter in Englisch hervorgehoben. [170]

Rekontextualisierung und Bedeutungsreframing:

Die Aussage des griechischen Finanzministers wird als Beleg der ihm in der Anmoderation bereits unterstellten Reformunwilligkeit verwendet. Durch gezielte Zusammenstellung von Zitaten (Wolfgang Schäuble, Klaus-Peter Willsch), Falschinformation/-übersetzung, Bedeutungsreframing des Ausdrucks „constructive ambiguity“ sowie Begriffe wie „befeuert“ (Tagesschau) oder „Provokationen“ (Tagesthemen) wird Yanis Varoufakis‘ Aussage über die gemeinsame Anwendung einer Verhandlungstechnik aus dem Bereich des Konfliktmanagements als selbstentlarvendes Eingeständnis einer Gaunerei dargestellt (Strohmann-Argument). Damit bestätigt die ARD ihren nur einen Tag nach der Eurogruppenvereinbarung verbreiteten Verdacht, die griechische Regierung spiele ein „Spiel“ (s. Geschichte 16).

Sowohl in den Tagesthemen als auch in der Tagesschau zeigt sich die absichtsvolle Nutzung von Implikaturen innerhalb einer Dramaturgie, die es der ARD erlaubt, den griechischen Finanzminister der unlauteren Trickserei zu bezichtigen, ohne dies selbst explizit aussprechen zu müssen (ad hominem/Innuendo).

In der Tagesschau fungiert dabei der Politikwissenschaftler George Tzogopoulos als „opportuner Zeuge“ (Lutz M. Hagen) [171]. Der Experte, der Yanis Varoufakis‘ Aussage fälschlicherweise als Beleg für die „gespaltene () Zunge“ der griechischen Regierung bewertet, ist Element des klassischen Autoritätsarguments (argumentum ad verecundiam), das durch die gezielte Auswahl von „Expertenmeinungen“ die Legitimität eines politischen oder wirtschaftlichen Standpunkts untermauern soll. [172]

Dramaturgische Strategie

Die Tagesthemen vom 27. Februar 2015 zeigen eindrucksvoll, wie durch bestimmte Frames konventionalisierte Emotionen erzeugt werden können. Dass dem Helden Verletzungen seitens des Schurken zugefügt werden, führt, wie George Lakoff in seiner Theorie der konzeptuellen Metapher ausführt, immer zu Empörung und Ärger beim Rezipienten und dem Wunsch nach Bestrafung.

Dieser Ärger wird umso intensiver erlebt, je wehrloser und je moralischer das Opfer der Verletzung dargestellt wird: In einer empathisch-identifikatorischen Erzählhaltung stellen sowohl Moderatorin als auch Korrespondentin den Bundesfinanzminister als jemanden dar, der trotz seines Ärgers über die angebliche Reformunwilligkeit und „die Provokationen“ der Syriza-Regierung um die Verlängerung der Kreditvereinbarung werben „musste“ (gleiches Wort in Anmoderation und Beitrag) und bei den Bundestagsabgeordneten um Zustimmung „bittet“, obwohl es ihm so „wahnsinnig schwer fällt“.

Die edlen Motive des „bekennenden Europäers“ (s. Geschichte 8): der europäische Integrationsgedanke: „Wir Deutsche sollten alles daran tun, dass wir Europa zusammenhalten.“

Durch die aufsichtige Kameraperspektive des in der Anmoderation verwendeten Hintergrundbildes wirkt Wolfgang Schäuble verletzlich, fast isoliert und unterlegen. Dies alles bildet die dramaturgische Kontrastfolie zum schnöden Verrat des griechischen Finanzministers, der angeblich „fast zeitgleich“ vor der griechischen Öffentlichkeit mit seinem schändlichen Betrug prahlt.

Aufgrund der Falschübersetzung (Reformliste statt Eurogruppenvereinbarung) und der daraus von der ARD abgeleiteten Beschuldigung wurde Programmbeschwerde eingelegt. Eine diesbezügliche Programmbeschwerde des Wirtschaftsjournalisten Norbert Häring lehnte die ARD ab. [173]
Die diesbezüglich an das ZDF gerichtete Programmbeschwerde der Publikumskonferenz lehnte ZDF-Intendant Bellut ab. [174]

Beide Sender lehnten eine Korrektur ab.

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[166] Tagesschau 27.02.2015.
[167] Arthur Schopenhauer: a.a.O., S. 44.
[168] Tagesthemen 27.02.2015.
[169] Yanis Varoufakis. Interview mit dem griechischen Sender ANT1, 27.02. 2015.
[170] Yanis Varoufakis. Tweet vom 21.02.2015.
[171] Lutz M. Hagen: a.a.O.
[172] Vgl. z.B. Arthur Schopenhauer: a.a.O., Kunstgriff 30, Autoritäten statt Gründe angeben, S. 57.
[173] Norbert Häring: Programmbeschwerde zur Tagesschau vom 27.02.2015.
[174] Publikumskonferenz: Programmbeschwerde zur ZDF-heute-Sendung vom 27.02.2015.

Kapitel 20 – Die Nun-Ja-Freigiebigkeit der griechischen Mentalität

Babadaki20

Analytischer Teil: Es war einmal…

20 Die Geschichte von der Nun-Ja-Freigiebigkeit der griechischen Mentalität – wer zahlt die Rechnung für das üppige Babadaki?

Fortsetzung der Tagesthemen vom 27.02.2015 (Teil II)

Augenbrauen 20
Caren Miosga (WDR): „Wolfgang Schäuble ist übrigens in Freiburg im Breisgau geboren, also Badener – wird aber immer wieder zu Unrecht ins Schwabenland einsortiert: Denn der Finanzminister gilt als [Kopfbewegung zur Hervorhebung] geradezu vorbildlich fleißig und sparsam.“

So leitet die Moderatorin über zu den „ausgerechnet“ in Schwaben lebenden Griechen, die „den Schwaben in sich entdeckt haben“, „gute Geschäfte machen“ und „womöglich bald die Rechnung mit bezahlen müssen für ihre hellenischen Landsleute“.

In dem folgenden Beitrag von Korrespondentin Jenni Rieger (SWR) äußern sich fünf beruflich erfolgreiche Griechen mit „schwäbischer Lebensart“ aus dem Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt kritisch zum Sinn weiterer „Finanzhilfen“: Die Korrespondentin fasst die Aussagen so zusammen:

„Die Griechenschwaben – sie sind kritisch. Verständnisvoll, das schon, auch nicht knauserig, nur eben zweifelnd, ob immer mehr Geld auch wirklich die Probleme lösen kann.“

Was sind die Probleme? Die Mehrheit der in dem Beitrag zu Wort kommenden Griechen ist sich einig: „Es muss sich tiefgründig etwas ändern“ oder in den Worten des griechischen Kioskbesitzers, der am ausführlichsten zu Wort kommt:

Händler
„Das griechische Herz schlägt immer, aber ich bin auch Deutscher. Da sind zwei Herzen in meiner Brust: Wenn das Geld in die richtigen Töpfe kommt, richtig verwendet wird, spricht ja nichts dagegen- wenn es natürlich wieder läuft wie davor, verstehe ich natürlich, wenn die Leute sagen: ‚Nee, das ist viel zu viel.‘ Aber als Schwabe? Gut, ich hab auch ein bisschen die schwäbische Mentalität: Man guckt natürlich schon so jedem Groschen hinterher und guckt, ob er auch richtig verwendet wird.“

In der bedeutungsstarken Schlussposition fasst dann der griechische Karosseriebauer das mit noch so viel Milliarden nicht lösbare Problem zusammen:

langfristig schwarz20
„Ich seh‘ da langfristig schwarz, weil: Die Gesellschaft, die ist anders, die hat ’ne andere Mentalität, und das ist sehr, sehr schwer zu verändern.“

Den „Spagat“ (Jenni Rieger) der Mentalitätsunterschiede bringt die Korrespondentin am Ende des Beitrags noch einmal anschaulich auf den Punkt:

„Es ist eine schwierige Balance zwischen schwäbischer Sparsamkeit und griechischer Nun-Ja-Freigiebigkeit, zwischen
Früchtetörtchen20Babadaki20
kargem Früchtetörtchen und üppigem Babadaki.“

Analyse:

Funktion und Wirkkraft des Beitrags

a) Dieser Ergänzungsbeitrag zur Bundestagsentscheidung erfüllt v. a. drei Funktionen:

Zum einen erinnert er den Zuschauer am Beispiel der sparsamen und erfolgreichen „Griechenschwaben“ daran, dass die „üppigen Babadaki“ von fleißigen und sparsamen Steuerzahlern in Deutschland bezahlt werden. Das Thema „Rechnung zahlen“ wird in der Anmoderation sowohl verbal als auch visuell hervorgehoben, und zwar in Form der Serviettenaufschrift als Hintergrundbild.

Zweitens werden am Beispiel der „Griechenschwaben“ die Zweifel des Bundesfinanzministers veranschaulicht: „Finanzhilfen“ trotz Zweifel am Reformwillen, so hatte Caren Miosga den vorangegangenen Beitrag zur Bundestagsentscheidung anmoderiert und dabei auch die an Goethe angelehnte Formulierung des griechischen Kioskbesitzers von den „zwei Herzen“ in der Brust verwendet (s. Geschichte 19).

Und schließlich wird in Gestalt ausgewählter Griechen in Stuttgart auch (scheinbar) der Nachweis erbracht, dass die sozialen bzw. wirtschaftlichen Probleme Griechenlands ausschließlich auf die „Nun-Ja-Freigiebigkeit“ (ironisiert), also Verschwendungssucht der griechischen Mentalität zurückzuführen seien, was für den Zuschauer auch daran zu sehen ist, dass jene Griechen, die wie die Griechen in Bad Cannstatt die schwäbische Mentalität – also die deutsche Tugend der Sparsamkeit – verinnerlicht hätten, alle beruflich erfolgreiche Menschen seien. Caren Miosga spricht in ihrer Anmoderation von „guten Geschäften“, im Beitrag heißt es dann, dass das griechische Geschäft „floriert“.

Eine komplexe wirtschaftliche Problematik wird auf das triviale Niveau national-stereotypischer Klischees heruntergebrochen.

Dieser Beitrag bewirbt die Position der Bundesregierung. Er unterscheidet sich durch nichts von einem professionellen PR-Beitrag.

Nicht von ungefähr hebt Caren Miosga in ihrer Anmoderation einleitend den „vorbildlich fleißigen und sparsamen“ Bundesfinanzminister hervor. Mit diesem Beitrag werden Erinnerungen an Angela Merkels berühmten Leitsatz von der Schwäbischen Hausfrau und deren Lebensweisheit aktiviert:

„Man kann auf Dauer nicht über seine Verhältnisse leben“ (2008, Parteitag Stuttgart).

b) Das hohe Beeinflussungspotential dieses Beitrags basiert v. a. auf drei Faktoren:

Zum ersten verhindert das große Identifikationsangebot des Beitrags eine für die kritische Reflexion notwendige Distanz: Sowohl Wolfgang Schäuble als auch die „Griechenschwaben“ verkörpern hier in Abgrenzung zu den „hellenischen Landsleuten“ die deutsche Tugend der Sparsamkeit.

Des Weiteren wird eine für die kritische Reflexion notwendige Distanz durch narrative, reportage-ähnliche Elemente verhindert, die den Zuschauer in das Erlebnis von (erzählter) Realität, also tatsächlicher Erfahrung eintauchen lassen. So beginnt der Beitrag folgendermaßen: „Mittagspause in Deutschland. Ein Duft nach Mokka – stark und süß wie in der Heimat“ oder später „Es ist eine regnerische Mittagspause heute in Stuttgart/Bad Cannstatt. Kein guter Tag fürs Geschäft, auch nicht fürs griechische, das hier ansonsten floriert.“

Und schließlich steigert die Glaubwürdigkeit des Beitrags, dass die Personalisierung von Schäubles Position hier in Gestalt nicht etwa schwäbischer Hausfrauen, sondern im Schwabenland lebender Griechen erfolgt, die hier als „opportune Zeugen“ (Lutz M. Hagen) innerhalb der journalistischen Berichterstattung fungieren.

Es ist in diesem Fall eine Variation des Autoritätsarguments (argumentum ad verecundiam), das üblicherweise durch die gezielte Auswahl von Expertenmeinungen die Legitimität eines politischen oder wirtschaftlichen Standpunkts untermauern soll (s. Geschichte 19). Die glaubwürdigsten Experten in Fragen der griechischen Mentalität sind Griechen selbst. Welche Suggestivfragen gestellt, welche Antworten heraus- bzw. zusammengeschnitten worden sind, das weiß der Zuschauer nicht. Ihm wird suggeriert, die vermittelte Meinung sei repräsentativ für die „Griechenschwaben“.

Das Schlusskapitel folgt am 20.08.2016

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Greek Myths 14-16

Krause14

Kapitel 14 – Die Geschichte von der kompromisslosen griechischen Regierung

Storytelling in der ARD-Griechenlandberichterstattung 2015 – was bisher geschah…
Vorwort: Storytelling – die Kunst, Geschichten zu erzählen
Kapitel 1 – Das Trojanische Pferd
Kapitel 2 – Über griechische Helden, Märchen und Mythen
Kapitel 3 – Was Orwell nicht wusste
Kapitel 4 – Die Konstruktion wünschenswerter Welten
Kapitel 5 – The Hidden Persuaders
Greek Myths 1-3
Greek Myths 4-6
Greek Myths 7-9
Greek Myths 10-13

Analytischer Teil: Es war einmal…

14 Die Geschichte von der kompromisslosen griechischen Regierung – das Scheitern der Verhandlungen vom 16. Februar 2015 (Teil III)

Fortsetzung: Tagesthemen vom 16.02.2015(Teil III)

Im Schaltgespräch über die Eurogruppensitzung bestätigt und konkretisiert Korrespondent Rolf-Dieter Krause schließlich die im vorangegangenen Beitrag von Christian Feld im O-Ton gezeigte Einschätzung von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble:

„Griechenland hat sich offenbar gar nicht bewegt.“

Krause14
Rolf-Dieter Krause: „Wenn man dem griechischen Finanzminister zugehört hat, ist das lauter Zeugs, das er auf keinen Fall unterschreiben will„.

Folgende Forderungen der Eurozone hatte der ARD-Korrespondent aufgezählt:

a) keine Reformen, die bisher stattgefunden haben, zurückzudrehen,
b) neue Maßnahmen nur dann zu ergreifen, wenn sie voll finanziert sind,
c) mit den Institutionen zusammenzuarbeiten, die ehemals Troika hießen,
d) die laufende Überprüfung abzuschließen,
e) die Verpflichtung, die Schulden an alle Gläubiger zurückzuzahlen.

Fakten und Analyse

Falschinformation:

Der Korrespondent leitet seine Aussage mit einer sprachlichen Wendung ein, welche die Authentizität der nun folgenden Information unterstreichen soll („Wenn man dem griechischen Finanzminister zugehört hat“). Seine Meldung aber, dass der griechische Finanzminister die aufgezählten Forderungen der Eurozone alle für „Zeug“ hielt, das er „auf keinen Fall unterschreiben“ wolle, ist nachweislich unwahr (Strohmann-Argument).

Das ergibt allein schon die Kenntnis der Brüsseler Pressekonferenz (s. Geschichte 12), deren Inhalt dem Brüssel-Korrespondenten bekannt war.

Auch in seinen der Eurogruppe unterbreiteten Vorschlägen vom 11. und 16. Februar 2015 hatte Yanis Varoufakis folgende Bedingungen für eine Verlängerung der Kreditvereinbarung zur Auszahlung der ausstehenden Kredit-Tranche angeboten [147] [148]:

a) Aufzählung aller vereinbarten Reformen, deren Umsetzung die griechische Regierung auch weiterhin vorantreiben wird, Nennung von strittigen Punkten (Höhe des Primärüberschusses). Ablehnung von rezessionsverursachenden Maßnahmen wie Rentenkürzung und Erhöhung der Umsatzsteuer.
Privatisierungen würden weiter verfolgt, müssten gleichzeitig aber auch unter den Gesichtspunkten Meriten, Arbeitsverhältnisse und Umweltfragen geprüft werden.

b) Selbstverpflichtung, keine Maßnahmen zu ergreifen, die den bestehenden Haushaltsrahmen sprengen oder Auswirkungen auf die Finanzstabilität haben könnten.

c)/d) Volle Kooperation mit der EU-Kommission, der EZB und dem IWF („Institutionen“), aber Ablehnung der bisherigen Rolle der Troika in Griechenland (s. Geschichte 5).

e) Bekenntnis zu Finanzverpflichtungen mit allen Gläubigern.

Auch diese Falschinformation des Brüsseler Korrespondenten wurde im weiteren Verlauf der ARD-Berichterstattung nicht korrigiert.

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[147] Yanis Varoufakis. Reden und Diskussionspapiere, a.a.O.
[148] Norbert Häring: Das sind die verrückten Ideen der Griechen, a.a.O.

Kapitel 15 – Die Geschichte von Schäubles Sieg über Varoufakis

Krause15 neu

Analytischer Teil: Es war einmal…

15 Die Geschichte von Schäubles Sieg über Varoufakis – Eurogruppenvereinbarung vom 20.02.2015

Tagesthemen vom 20. Februar 2015 [Teil I] [149]

Thomas Roth (WDR): „Der griechischen Regierung drohte heute bei den Kreditverhandlungen in Brüssel heftiger Streit und außerdem stand da noch ein Trojanisches Pferd. Der Vergleich des Briefes aus Athen mit dem berühmten Trojanischen Pferd – ich muss es gestehen […]- ist nicht mir eingefallen, sondern dem gewöhnlich stocknüchternen deutschen Finanzministerium. […] Womit viele nicht gerechnet haben: Es kam offenbar doch zu einem guten Ende.“
Roth 15
Rolf-Dieter Krause (WDR) im Schaltgespräch:
„Um 4 Monate wird das Programm verlängert, und zwar auf der bisherigen Basis: Griechenland verpflichtet sich, die Reformen, die im bisherigen Programm vorgesehen sind, durchzuführen. […] Das Papier atmet völlig den Geist der 18 anderen Mitglieder der Eurogruppe“.
Krause15 neu
Einziges Zugeständnis an Griechenland seien laut Krause die Umbenennung der Troika in ‚Institutionen‘ sowie ein wahrscheinlich nicht ganz so hoher Primärüberschuss für das laufende Jahr 2015.

Falschinformationen:

Die Aussagen des Korrespondenten sind falsch. Zum wiederholten Mal in nur 3 Wochen werden im Korrespondenten-Schaltgespräch, das gemäß dem journalistischen Authentizitätsanspruch eigentlich dazu dient, der beitragsfinanzierenden Öffentlichkeit unmittelbar Informationen vor Ort bereitzustellen, wesentliche Informationen ausgespart oder/und Falschinformationen verbreitet (s. auch Geschichten 3, 8, 9, 11, 13, 14).

a) In Bezug auf den strittigen Punkt des Primärüberschusszieles (Sparvorgaben) wurde Griechenland nicht nur für das laufende Jahr 2015 eine neue Flexibilität zugestanden, zudem wurde für die zukünftigen Überschüsse die vage Formulierung „angemessener Primärüberschuss“ gewählt. Das bedeutet im Vergleich zu der vorherigen Vereinbarung Verhandlungsspielraum für die griechische Seite in den folgenden Monaten. [150]

b) Griechenland hat sich nicht verpflichtet, sämtliche Reformen, die im bisherigen Programm vorgesehen waren, durchzuführen. Als weiteres wichtiges Zugeständnis an Griechenland wurde die Erlaubnis erteilt, in Absprache Maßnahmen der alten Vereinbarung zu ersetzen und Änderungen vorzunehmen, solange das nicht die Finanzziele oder die Finanzstabilität gefährdet. Damit wird Griechenland ermöglicht, Maßnahmen des alten Programms durch ein neues Maßnahmenbündel zu ersetzen. Genau das war das Anliegen der griechischen Seite in Bezug auf die von ihr als rezessionsverursachend beurteilten Maßnahmen. [151] [152]

Bis zum 23. Februar 2015 soll die griechische Regierung eine erste Reformliste vorlegen, die im kontinuierlichen Verhandlungsprozess mit den Kreditgebern bis Ende April spezifiziert und dann Ende April von den Kreditgebern endgültig akzeptiert werden muss als Voraussetzung für die Auszahlung der letzten Tranche.

Aufgrund des erlangten Verhandlungsspielraums wird diese Vereinbarung zur Verlängerung der Kreditvereinbarung von der griechischen Regierung als Erfolg gefeiert (Yanis Varoufakis: „Wir sind Co-Autoren unseres Schicksals“, Alexis Tsipras spricht von einer „gewonnenen Schlacht“).

Der Wirtschaftsjournalist Norbert Häring kommt nach einer vergleichenden Analyse sogar zum Schluss, „dass die Vereinbarung sehr nahe an dem ist, was Varoufakis 9 Tage vorher angeboten hat“ [153]. Norbert Häring bezieht sich hierbei auf Yanis Varoufakis‘ Vorschläge vom 11. Februar 2015, über die die ARD ihre Zuschauer nicht informiert hatte (Rolf-Dieter Krause: „Vielleicht hat er mündlich was vorgetragen“, Geschichte 9).

Die Falschinformationen über die Eurogruppenvereinbarung wurden im weiteren Verlauf der ARD-Berichterstattung nicht korrigiert, sondern stattdessen kontinuierlich wiederholt:

„Schäubles Sieg über Varoufakis“ von Ralph Sina, tagesschau.de vom 21.02.2015 [154]

„Dabei kann der Bundesfinanzminister mit dem vor allem von ihm Erstrittenen durchaus zufrieden sein. Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras und sein Finanzminister Yanis Varoufakis müssen ausnahmslos alle von der Vorgängerregierung unterzeichneten Spar- und Reformverpflichtungen einhalten.

„Mehr Zeit und harte Auflagen für Athen“ von Ralph Sina, tagesschau.de vom 21.02.2015 [155]

Zitat Sina

https://www.tagesschau.de/multimedia/audio/audio-11579.html

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[149] Tagesthemen 20.02.2015.
[150] Eurogroup Statement on Greece, 20.02.2015.
[151] Ebd.
[152] Norbert Häring: Was Athen jetzt zusagte, hatte es schon lange vorher angeboten. Norbert Häring. Geld und mehr [Weblog], 23.02.2015.
[153] Ebd.
[154] Ralph Sina: Schäubles Sieg über Varoufakis. tagesschau.de 21.02.2015.
[155] Ralph Sina: Mehr Zeit und harte Auflagen für Athen. tagesschau.de 21.02.2015.

Kapitel 16 – Die Geschichte vom klaren Verhandlungssieger Schäuble geht weiter

Roth16

Analytischer Teil: Es war einmal…

16 Die Geschichte vom klaren Verhandlungssieger Schäuble geht weiter – das Täuschungsverhalten des Schuljungen

„Tsipras biegt sich die Wahrheit zurecht“ von Thomas Bormann – tagesschau.de vom 21.2.2015 [156]

„Der griechische Regierungschef Tsipras nennt die Einigung mit der Eurogruppe eine gewonnene Schlacht. In Wahrheit ist er nach vier Wochen im Amt bereits gescheitert. […]
Denn in Wirklichkeit musste die griechische Regierung gestern am Verhandlungstisch in Brüssel voll und ganz einlenken: Die Sparpolitik wird ohne Abstriche fortgesetzt.

[…] Die griechische Regierung muss bis Montagabend genau das tun, was ihr eigentlich völlig gegen den Strich geht: Sie muss haarklein auflisten, wie sie die Sparauflagen umsetzen wird, und muss dann wie ein Schuljunge diese Liste den Kontrolleuren von EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds vorlegen.

Die Kontrolleure tun gut daran, diese Liste strengzu überprüfen. Denn Alexis Tsipras hat mit seiner gewagten Rede von einer ‚gewonnenen Schlacht‘ am Verhandlungstisch Vertrauen verspielt. Er nährt damit den Verdacht, dass er sich gar nicht an die Vereinbarung halten will. Doch dieser Schuss geht nach hinten los: Die anderen Euro-Länder haben dieses Spiel längst durchschaut […].“

Wirklichkeit

Fakten und Analyse:

Schlüsselwörter: In Wahrheit, in Wirklichkeit, gescheitert, voll und ganz einlenken, ohne Abstriche, Schuljunge, streng überprüfen, Vertrauen verspielt, Verdacht, Spiel längst durchschaut

An der sprachlichen Form auch dieses ARD-Kommentars wird deutlich, was der Journalist Michalis Pantelouris als den „konsequenten Ton der Demütigung“ innerhalb der Berichterstattung über Griechenland bezeichnet. [157]

Erneut wird der Erwachsenen-Teenager-Frame aktiviert, hier durch den Schuljungen-Vergleich und die Forderung nach „strenger“ Überprüfung. Mit der Unterstellung, die griechische Regierung habe Vertrauen verspielt, nähre den Verdacht, sich nicht an die Vereinbarungen halten zu wollen und spiele ein „Spiel“, wird der Trickster-Mythos weitergeführt.

Falschinformation:

Die dem Täuschungsverdacht zu Grunde liegende Tatsachenbehauptung, dass die Fortsetzung der Sparpolitik ohne Abstriche vereinbart worden sei, ist falsch (s. Geschichte 15) und wurde ebenso wie die vorhergenannten Falschmeldungen bis heute nicht korrigiert.

Auch Kommentare unterliegen der im RStV festgeschriebenen journalistischen Wahrheits-und Sorgfaltspflicht von Nachrichten (§ 10, 1 RStV):

„Unter Nachrichten in dem hier erwähnten Sinn sind nicht nur Informationen der Nachrichtensendungen zu verstehen, sondern sämtliche Äußerungen des Rundfunks auch in Unterhaltungssendungen u.a… Denn § 10 Abs. 1 ist Grundnorm für die journalistische Berichterstattung und gilt damit schrankenlos für alle Sendeinhalte.“ [158]

Auch in den Tagesthemen desselben Tages wird der griechischen Regierung eine Täuschungsabsicht unterstellt: [159]

Thomas Roth: „[…] Der griechische Regierungschef hat – ganz nüchtern betrachtet – keinen großartigen Verhandlungssieg in Brüssel errungen – Tsipras sieht es aber trotzdem anders“:

Tsipras strahltTsiprras strahlt
Natalie Amiri /Off: Ein erleichterter Gesichtsausdruck war bei Alexis Tsipras zu sehen, als er zur heutigen Kabinettssitzung erschien. Den Durchbruch in der Eurogruppe gestern in Brüssel verkaufte er im Land als einen klaren Sieg […]. Die Regierung will nun Programme für die Ärmsten zur Verfügung stellen, den Mindestlohn anheben, die Renten erhöhen und Arbeitsplätze schaffen – weg von den Sparplänen, die sie gestern erst zusagte. […]

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[156] Thomas Bormann: Tsipras biegt sich die Wahrheit zurecht, tagesschau.de 21.02.2015.
[157] Michalis Pantelouris: Die andere Seite. Der Journalist. Das Medienmagazin, 01.04.2015.
[158] Werner Hahn, Thomas Vesting: Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht, München 2012, Seite 442.
[159] Tagesthemen 21.02.2015.

Fortsetzung folgt am 19.08.2016

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Greek Myths 10-13

Raute

Kapitel 10 Die Geschichte von der guten Mutter (Teil I)

Storytelling in der ARD-Griechenlandberichterstattung 2015 – was bisher geschah…
Vorwort: Storytelling – die Kunst, Geschichten zu erzählen
Kapitel 1 – Das Trojanische Pferd
Kapitel 2 – Über griechische Helden, Märchen und Mythen
Kapitel 3 – Was Orwell nicht wusste
Kapitel 4 – Die Konstruktion wünschenswerter Welten
Kapitel 5 – The Hidden Persuaders
Greek Myths 1-3
Greek Myths 4-6
Greek Myths 7-9

Analytischer Teil: Es war einmal…

10 Die Geschichte von der guten Mutter (Teil I) – ernsthaftes Bemühen und hohes Arbeitspensum auf der einen Seite…

Tagesthemen vom 12. Februar 2015 (Teil I) [127]

Caren Miosga (WDR) leitet über von den Minsker Verhandlungen zu den Verhandlungen über Griechenland:

Raute
„Die Dauer der Verhandlungen in Minsk darf auch als Indiz für das ernsthafte Bemühen der Beteiligten gelten […]. Nehmen wir nur mal das Pensum der Bundeskanzlerin – Anfang der Woche noch Staatsbesuche in Washington und Kanada, dann gestern erst Berlin, Trauerstaatsakt für Altbundespräsident von Weizsäcker, dann Minsk und von dort ging es für Merkel – [Moderatorin schüttelt verneinend den Kopf] – nicht etwa nach Hause – [Betonung durch Sprechpause] sondern nach Brüssel, zum Treffen der Staats- und Regierungschefs der EU […].“

Analyse:

Das beiläufig daherkommende („Nehmen wir nur mal“) Lob für die ernsthaften Bemühungen und das Arbeitspensum der Bundeskanzlerin bildet den kontrastiven Hintergrund für die im folgenden Beitrag von Korrespondentin Bettina Scharkus kolportierten Gerüchte über die (angebliche) Unzuverlässigkeit und chaotische Unprofessionalität der griechischen Verhandlungsseite. Damit betritt der Archetypus der guten, aufopferungsvollen Mutter, die sich unermüdlich um das Gemeinwohl kümmert, die Bühne des griechischen Dramas.

Dass die Moderatorin während ihres annähernd halbminütigen Lobes für Angela Merkel fast durchgehend die Hände zur Raute faltet, ist ebenso wie das Kopfschütteln und die Betonung durch die Sprechpause Element einer kontextspezifischen nonverbalen Kommunikation. Der untrainierte Zuschauer nimmt solche paralinguistischen Signale (Tonfall und -höhe, Sprechmelodie, Wortbetonung, Sprechtempo, Rhythmus einschließlich Pausengestaltung, Gestik, Mimik) meist nur vorbewusst wahr. Sie liegen außerhalb seines kritischen Bewusstseins.

Im vorliegenden Fall wendet Caren Miosga eine NLP-Technik (Neuro-Linguistisches Programmieren) an: Sie verankert die durch die Hervorhebung von Merkels Aufopferungsbereitschaft erzeugten positiven Emotionen/Wahrnehmungen mit der typischen Geste der Kanzlerin.

Caren Miosgas Geste muss in ihrem emotionalisierenden Kontext bewertet werden: die rhetorisch eindringliche Würdigung der Aufopferungsbereitschaft der Bundeskanzlerin, deren sorgenvolles Gesicht die ARD zeitgleich im Großformat, also dem „Prototyp des Affektbildes“, auf die große Medienwand projiziert.

„Bilder dieses Typs sind in gewissem Sinne aus dem zeitlich-räumlichen Zusammenhang eines Geschehens herausgehoben und fokussieren sich ganz auf eine emotionale Qualität.“ [128]

Wie wichtig der ARD das Erzeugen positiver Gefühle für die Bundeskanzlerin ist, zeigt die Vielzahl an Lobeshymnen, die – gekleidet in unterschiedliche Textsorten – zeitgleich auch andere ARD-Anstalten veröffentlichen.

Hier eine Auswahl:

Deutschlandradio, 13.02.2015
Schlaf. „Zum Glück müssen Politiker keine Lastwagen fahren.“ Liane von Billerbeck:
Schlaf (2)
„Donnerstag Minsk, Poroschenko, Freitag Moskau, Putin, Samstag München, Sicherheitskonferenz, Sonntag Flug nach Washington, Montag bei Obama und fix in Ottawa bei Harper, Dienstag Flug zurück nach Berlin, Mittwoch Berlin, Staatsakt für Weizsäcker, danach Flug nach Minsk, Mittwochnachmittag bis Donnerstagmorgen 16 Stunden lang durchverhandelt, Donnerstag nach Brüssel, Treffen der europäischen Regierungschefs, und Freitag – ja, was macht Frau Merkel eigentlich freitags? Wie geht so was eigentlich? Wie kann man so leben und arbeiten, ohne ausreichend Schlaf? Das will ich jetzt den Experten dafür fragen, nämlich Professor Achim Kramer. Er leitet an der Berliner Charité die Arbeitsgruppe Chronobiologie und ist ein mit dem Leibniz-Preis ausgezeichneter Biochemiker, der unsere inneren Uhren erforscht. Herr Kramer, guten Morgen! (…)“

WDR 4, 12.02.2015:
„Angela allgegenwärtig“ Von Thomas Spickhofen
Angela allgegenwärtig (2)
„Merkel in Moskau, Merkel in München, Merkel in Minsk – der Kalender der Kanzlerin zeugt von einer akuten Allgegenwart an den Krisenherden der internationalen Politik. Oder ist da etwa ein Double im Spiel? (…)
Es ist erstaunlich und, ja: bewundernswert, mit welchem Pensum die Kanzlerin im Moment unterwegs ist und wie sie persönliche Verantwortung wahrnimmt. Aber wie das wohl wird, wenn sie mal wieder ein paar Tage am Stück in Berlin ist und sich zum Beispiel um die PKW-Maut kümmern muss.
Obwohl: Vielleicht hat sie ja tatsächlich ein Double. Und vielleicht wünscht sie sich das manchmal sogar sehr. Zum Beispiel, wenn es um die Maut geht.“

NDR, 13.02.2015:
„Wie oft gibt es Angela Merkel?“ Eine Glosse von Dietmar Riemer, Leiter des NDR Info Hauptstadtstudios in Berlin*
„Von Moskau über Washington nach Minsk – und dann noch nach Brüssel, bevor es nach Hause geht nach Berlin: Neun Flüge in sieben Tagen – da braucht unsere Kanzlerin schon eine stramme Kondition. Es sei denn, man schickt einen Doppelgänger auf die Reise … Also fragen wir an dieser Stelle: Ist Angela Merkel wirklich einmalig? (…).“
* Dieser Beitrag wurde aus dem Onlineangebot des NDR entfernt. Auf Anfrage teilte man uns mit: „Wir erhielten eben die Rückmeldung aus der Redaktion von NDR-Info, dass der gewünschte Beitrag nicht mehr vorliegt.
Mit freundlichen Grüßen
Publikumsservice ARD-aktuell“

MDR, aktualisiert am 15.02.2015:
„Merkels Männer – sie haben’s nicht leicht“ von Uwe Jahn, Hauptstadt-Korrespondent und Kolumnist für MDR INFO *
„Die Kondition der Kanzlerin ist weltweit gefürchtet. Vor allem in dieser Woche hat Angela Merkel ein imposantes Arbeitsprogramm hingelegt und damit die Männer in ihrem Umfeld alt aussehen lassen. (…).“
* Dieser Beitrag wurde aus dem Onlineangebot des MDR entfernt. Auf Anfrage teilte man uns mit:
Vorbehaltlich der Rechteklärung sowie der redaktionellen Freigabe beträgt der Lizenzpreis für den Beitrag, zur Nutzung auf Ihrer Webseite 300,00 Euro zzgl. MwSt…
Die Lizenzzeit beträgt ein Jahr. Eventuell enthaltene Musik wäre Ihrerseits bei der GEMA/GVL zu klären. Über eine kurze Mitteilung, ob das Angebot interessant für Sie ist, würde ich mich freuen und bei Zustimmung alles Notwendige veranlassen.
Mit freundlichen Grüßen
Administration of Telepool Leipzig

Deutschlandradio, 14.02.2015
„Die Marathonfrau“, Kommentar von Peter Lange, Chefredakteur von Deutschlandradio Kultur:
Marathonfrau (2)
„Was für eine Woche! Zwei parallele Dramen in Minsk und in Brüssel, zwei Krisenherde, die es einzuhegen gilt, beide mit großer zerstörerischer Energie und dem Potential zu Kettenreaktionen, deren Folgen von niemandem absehbar sind.
Und mittendrin und vorneweg: Die deutsche Bundesregierung mit Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier an der Spitze. Vom Bundespräsidenten abwärts ist in den letzten Jahren immer wieder eine größere Verantwortung Deutschlands in der Weltpolitik beschworen worden. In dieser Woche ist das handfeste Realität geworden und so deutlich wie kaum jemals zuvor. Europa muss sich selber kümmern – um den kriegerischen Konflikt zwischen der Ukraine und Russland, um das Verhältnis zu Griechenland, wo eine vom Wahlsieg berauschte neue Regierung wohl erst einmal ausgenüchtert werden musste. Da waren sie bei der deutschen Kanzlerin an der richtigen Adresse. Wenn Angela Merkel angesichts dieser besonderen Woche für ihre physische Belastung bedauert und für ihre Kondition bewundert wird – das geht bald 10 Jahre so…“

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[127] Tagesthemen 12.02.2015.
[128] Christian Schicha: a.a.O., S.21.

Kapitel 11 – Die Geschichte von der guten Mutter (Teil II)

Merkel Kompromisse

Analytischer Teil: Es war einmal…

11 Die Geschichte von der guten Mutter (Teil II): Chaos und ein Eklat auf der anderen Seite

Tagesschau vom 12.02.2015 (12:18 Uhr) [129]

Claus-Erich Boetzkes (BR): „… und mit Griechenland gab es erneut Ärger. Von einem richtigen Halbstarken-Verhalten der Griechen ist bereits die Rede, Rolf-Dieter Krause in Brüssel, was hat für Unmut bei den EU-Finanzministern gestern gesorgt?“
Krause
Rolf-Dieter Krause (WDR): „Naja, es war ein zumindest ungewöhnliches Verhalten. Der griechische Finanzminister hat mit seinen 18 Partnern lange und hart verhandelt. Er hatte alle gegen sich, auch Zypern. Und am Ende war eine Vereinbarung auf dem Tisch. Und dann haben alle anderen zugestimmt. Und dann hat er seine Zustimmung, obwohl er Verhandlungsführer war, zurückgezogen.“

Tagesthemen vom 12.02.2015 (Teil II) [130]

Korrespondentenbeitrag von Bettina Scharkus (WDR)

Bettina Scharkus/Off: Angela Merkel hat noch keinen Besuch bekommen vom neuen griechischen Regierungschef. Mit ihr suchte er noch nicht das Vier-Augen-Gespräch.
In Brüssel treffen die beiden nun erstmals nach der Griechenland-Wahl persönlich aufeinander.

Die Begrüßung ist freundlich, der Ton konziliant:

Tsipras merkelMerkel Kompromisse
Angela Merkel/On: Kompromisse geht man dann ein, wenn die Vorteile die Nachteile überwiegen. Und Deutschland ist dazu bereit – allerdings muss man auch sagen, dass Europas Glaubwürdigkeit natürlich auch darauf beruht, dass wir Regeln einhalten und dass wir verlässlich zueinander sind.

Bettina Scharkus/Off: Die Forderung der EU nach verlässlicher Politik wird lauter, denn gestern kam es beim Treffen der Finanzminister kurz vor Mitternacht zum Eklat:
Verärgerter V 11Verärgerter V2
Der Finanzminister aus Athen wollte ein gemeinsam entwickeltes Papier plötzlich dann doch nicht mehr unterschreiben […]. Eine griechische Krisendiplomatie, die manch einer hinter vorgehaltener Hand so beschreibt: als ziemlich chaotisch und unprofessionell.

Fakten und Analyse:

Schlüsselbild: verärgerter Yanis Varoufakis
Schlüsselwörter: ernsthafte Bemühungen (s. Geschichte 10), verlässlich/ verlässliche Politik, freundlich konziliant vs. Eklat, Ärger, Halbstarken-Verhalten, chaotisch, unprofessionell.

Mit dem Archetypus der Mutter betritt eine weitere Figur die Bühne im Drama der griechischen Heldenreise. Anmoderation und Beitrag versehen die Figur der Bundeskanzlerin mit den entsprechenden Attributen: aufopferungsvoller Dienst an der Gemeinschaft, freundlich, konziliant und kompromissbereit.
Angela Merkels Forderung nach Verlässlichkeit wird von der Korrespondentin zunächst in die „lauter“ werdende Forderung der gesamten EU nach „verlässlicher Politik“ eingeordnet. Die Berechtigung dieser Forderung wird in Form eines Rückblicks belegt, der den sich am Vortag (angeblich) ereignenden „Eklat“ in der Gestalt eines sichtlich verärgerten griechischen Finanzministers vor Augen führt („Wahrheitsbeweis“, Authentizitätsnachweis).

Damit wird gleichzeitig dem als „freundlich und konziliant“ hervorgehobenen Verhalten der guten Mutter die (angebliche) Ruppigkeit des griechischen Teenagers gegenübergestellt. Auch im Schaltgespräch der Tagesschau (Mittagsausgabe) wird der Erwachsenen-Teenager-Frame erzeugt: „Mit Griechenland gab es wieder Ärger“.

Claus-Erich Boetzkes fragt den Korrespondenten nicht, welche inhaltlichen Differenzen es zwischen den Verhandlungspartnern gibt, sondern danach, welches „Halbstarken-Verhalten“ „den Unmut“ der anderen EU-Finanzminister erregt hat.

Von Yanis Varoufakis‘ ökonomischer Argumentation, dass das Troika-Programm rezessionsverursachend sei, wird damit ein weiteres Mal abgelenkt (Red Herring) durch einen Angriff auf seine Vertrauenswürdigkeit (ad hominem). Statt den Zuschauer über den Inhalt der Verhandlungen zu informieren, wird das angebliche Verhalten des griechischen Finanzministers thematisiert.

Rekontextualisierung/Reframing

Der Ärger des Finanzministers darüber, nicht unbehelligt von Kameras telefonieren zu können, wird aus seinem situativen Sinnzusammenhang gelöst und als visueller Beleg für die kolportierten Gerüchte (Wieselwort: „hinter vorgehaltener Hand“) über einen Eklat und eine chaotische und unprofessionelle Krisendiplomatie verwendet (Bildmanipulation durch Kontextfälschung). Tatsächlich steigert die Aufnahme des verärgerten Yanis Varoufakis die Glaubwürdigkeit des Off-Textes. Der Zuschauer meint fälschlicherweise, mit eigenen Augen den Eklat gesehen zu haben („Wahrheitsbeweis“, Augenzeugenillusion).

Varoukamera
Das ZDF, das dieselbe Szene zeigt, ordnet den Kontext mittels Übersetzung von Yanis Varoufakis‘ Worten zumindest korrekt ein:

„‚Ich telefoniere gerade‘, ruft Yanis Varoufakis genervt den Reportern zu.“ [131]

Auslassung

Der Zuschauer erfährt nicht, dass Yanis Varoufakis diesem auch von anderen Medien verbreiteten Gerücht, wonach er der Erklärung zugestimmt hatte, bereits widersprochen hatte. [132]

Der Zuschauer erfährt auch nicht, dass Yanis Varoufakis nachts nach Sitzungsende auf offener Straße ARD und ZDF exklusiv ein Interview gegeben hatte, dessen Inhalt, obwohl wichtig zum Verständnis der Verhandlungssituation, keinerlei Eingang in die Berichterstattung gefunden hat. Dem „hinter vorgehaltener Hand“ Kolportierten misst die ARD einen größeren Nachrichtenwert zu als dem direkt mit Varoufakis geführten Interview.

Im Gespräch mit ARD und ZDF hob er als Ergebnis der Sitzung hervor, sich „besser zu verstehen“ als noch am Morgen. Er erklärte aber auch, weshalb Griechenland der Verlängerung des laufenden Programms nicht zustimmen kann:

„Weil für uns das Programm katastrophal ist. […] Das Gerücht, dass sich die griechische Wirtschaft in der zweiten Hälfte 2014 erholt habe, ist stark übertrieben. Das reale Wachstum des BIP war bloß eine Fata Morgana: In Wirklichkeit sank das nominelle BIP, das nominelle Einkommen, und der einzige Grund, weshalb das reale BIP stieg, war, dass die Preise schneller fielen. Das ist nicht der Fall, wenn man sich erholt, das ist der Fall in einer großen Depression, wie in den 1930er Jahren […]. Das Experiment ist gescheitert. Was macht nun ein Wissenschaftler, wenn ein Experiment gescheitert ist? Er überarbeitet es […].

Die Tatsache, dass wir ein frisches Mandat haben, gibt uns nicht das Recht zu tun, was wir wollen, aber es gibt uns das Recht, gehört zu werden. Und so hat heute der Prozess des Gehörtwerdens begonnen und hoffentlich wird bald ein neuer Vertrag zwischen Griechenland und Europa sein, so dass wir endlich Griechenland aus den Schlagzeilen nehmen und sicherstellen, dass Sie nicht wieder hier draußen in der Kälte warten müssen, um mit mir, dem griechischen Finanzminister, zu sprechen. Und das ist mein Traum. Danke […].“[133]

Der Zuschauer wird auch in den Tagesthemen vom 16. Februar 2015 nicht erfahren, dass Yanis Varoufakis auf seiner Pressekonferenz noch einmal in Bezug auf die Eurogruppen-Sitzung vom 11. Februar 2015 erläutert, weshalb er die an ihn gestellte Forderung abgelehnt hat, eine Erklärung zu unterschreiben, die Griechenland dazu verpflichtet hätte, „das laufende Programm zu verlängern und erfolgreich abzuschließen“: Den europäischen Partnern zu versprechen, ein Programm erfolgreich zu beenden, dessen Logik die griechische Regierung in Zweifel zieht, wäre laut Yanis Varoufakis ein Trick, also unehrlich gewesen. [134]

Stattdessen wird in den Tagesthemen vom 16. Februar 2015 der griechische Finanzminister für das Scheitern der Verhandlungen auch vom 16. Februar 2015 verantwortlich gemacht. Als Ursache genannt werden dieses Mal: sein angebliches Pokerspiel (Geschichte 12), seine angebliche Arroganz und Chuzpe (Geschichte 13) sowie seine angebliche Kompromisslosigkeit (Geschichte 14).

All diese Zuschreibungen dienen dazu, erneut die Vertrauenswürdigkeit des griechischen Finanzministers in Zweifel zu ziehen (ad hominem) und damit vom inhaltlichen Stand der Verhandlungen abzulenken (Red Herring).

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[129] Tagesschau 12.02.2015, Mittagsausgabe.
[130] Tagesthemen 12.02.2015.
[131] ZDF-heute 12.02.2015.
[132] Mike Bird: Europe’s finance ministers very nearly agreed to this provisional deal on Greece, in: Business Insider, 12.02.2015.
[133] Yanis Varoufakis. Interview mit ARD und ZDF nach der Eurogruppensitzung vom 11.02.2015 (ab Min. 2:14).
[134] Yanis Varoufakis. Pressekonferenz vom 16.02.2015.

Kapitel 12 Der rätselhafte Herr Varoufakis

Poker12

Analytischer Teil: Es war einmal…

12 Die Geschichte vom rätselhaften Herrn Varoufakis – das Scheitern der Verhandlungen vom 16. Februar 2015 (Teil I)

Tagesthemen vom 16.02.2015 [I] [135]

Thomas Roth (WDR): „Droht nun doch der sogenannte Grexit? […] In Brüssel war die Stimmung beim Milliardenpoker um die griechischen Schulden heute Abend jedenfalls ziemlich düster.“
Anmoderation 12Poker12
„Besonders die griechische Seite ließ sich beim Pokern um den Schuldendienst nicht in die Karten schauen, und das führte am Ende dazu, dass alle anderen Finanzminister der Eurogruppe bei ihrem heutigen Treffen in Brüssel gar nicht mehr wussten, was die Griechen wirklich wollen […].“

Im folgenden Beitrag erzählt Korrespondent Christian Feld die Geschichte des Scheiterns der Verhandlungen in Form einer Rückblende:

Christian Feld (NDR)/ Off: Kurz nach 18 Uhr – Athen lehnt neues Angebot der Eurostaaten als absurd ab. Eine Eilmeldung, die das Scheitern ankündigt, aber der Reihe nach:

[…] Als der griechische Finanzminister heute in Brüssel vorfährt, fehlt offenbar noch immer eine gemeinsame Grundlage. Der Ton beim Rest der Eurogruppe wird schärfer.

Wolfgang Schäuble/On: Die griechische Regierung hat sich offenbar gar nicht bewegt.

Christian Feld/Off: Die Sitzung in Brüssel bringt keine Annäherung, im Gegenteil: Die Kluft scheint immer größer zu werden. Fast alle im Raum halten eine Verlängerung des bestehenden Programms für den richtigen Weg – um Zeit zu gewinnen; alle – bis auf einen:

Yanis Varoufakis – auf dem Weg zu seiner Pressekonferenz. Er sagt, Griechenland sei mit einer untragbaren Vereinbarung konfrontiert worden, aber man könne sich auf halber Strecke einigen, innerhalb von 48 Stunden:

Yanis Varoufakis/ On: Europa macht einen schwierigen Prozess durch, nämlich sich darauf einzustellen, dass da jetzt eine neue griechische Regierung ist, die das bisherige Programm in Frage stellt. Das lief 5 Jahre und ist gescheitert. […].

Christian Feld/Off: Auf dem Weg raus, fliegt ihm [Varoufakis] noch eine Frage entgegen: ‚Sich auf halber Strecke treffen, was bedeutet das für Griechenland?‘
V zur PK 12halbe Strecke12 Yanis Varoufakis/On: Benutzen Sie Ihre Phantasie
Christian Feld/Off: … sagt er und bleibt für seine Zuhörer ein weiteres Mal rätselhaft.

Fakten und Analyse

Schlüsselbild: Spielkarten (Einblendung erst ab Erwähnung der „griechischen Seite“)
Schlüsselwörter: Stimmung ziemlich düster, Milliardenpoker, pokern, nicht in die Karten schauen lassen, rätselhaft

Falschinformationen, Dekontextualisierung und Auslassung

Undurchsichtig. Ausweichend. Pokernd. Hier klingt erneut der Trickster-Mythos an. Es sind dramaturgische Zuschreibungen, die mit der Realität allerdings nichts zu haben:

a) Zur Anmoderation Thomas Roths:

Die von Griechenland als Reaktion auf solche Gerüchte veröffentlichten Dokumente (Reden des griechischen Finanzministers vom 11. und 16. Februar 2015 samt jeweiliger schriftlicher Diskussionspapiere) widerlegen die Aussage Thomas Roths. Alle anderen Finanzminister wurden von Yanis Varoufakis in den Eurogruppensitzungen zweifelsfrei darüber informiert, was „die Griechen wirklich wollen“. [136]

Der Moderator gibt hier die Perspektive des Bundesfinanzministers wieder: „Niemand der Kollegen hat bisher verstanden, was Griechenland am Ende wirklich will“ [137] sowie die von diesem am selben Tag noch vor Verhandlungsbeginn im Interview mit dem Deutschlandfunk getroffene Aussage vom „großen Pokerspiel dieser neuen Regierung“. [138]

So wird in der Anmoderation das Spielkarten-Symbolbild just in dem Moment eingeblendet, als Thomas Roth auf die „griechische Seite“ zu sprechen kommt.

b) Zum Korrespondentenbeitrag: Christian Feld/Off:

Auf dem Weg raus fliegt ihm noch eine Frage entgegen: ‚Sich auf halber Strecke treffen, was bedeutet das für Griechenland? Yanis Varoufakis/On: Benutzen Sie Ihre Phantasie, … Christian Feld/Off: … sagt er und bleibt für seine Zuhörer ein weiteres Mal rätselhaft.

Die Aufnahme der rätselhaften Antwort des griechischen Finanzministers auf die ihm nach der Pressekonferenz entgegen „fliegende“ Frage hat Beweischarakter: Sie soll die Behauptung der Anmoderation stützen, Griechenland lasse sich nicht in die Karten gucken. Der Zuschauer meint, Zeuge davon zu werden, wie der griechische Finanzminister der Frage ausweicht („Wahrheitsbeweis“/Authentizitätsnachweis, Augenzeugenillusion).

Was der Zuschauer nicht weiß: Yanis Varoufakis hatte diese Frage, die ihm beim Verlassen des Gebäudes medienwirksam „zuflog“, gerade eben erst auf der im Beitrag gezeigten Pressekonferenz in aller Ausführlichkeit beantwortet und rät dem Fragesteller deshalb nur, seine Vorstellungskraft zu nutzen („Use your imagination“).
halbe Strecke12

Die ARD aber hatte ihren Zuschauern einen anderen Ausschnitt der Pressekonferenz gezeigt.
Für die Zuschauer der ARD muss Yanis Varoufakis infolgedessen tatsächlich „ein weiteres Mal rätselhaft“ bleiben, nicht aber für den ARD-Korrespondenten selbst, der den Inhalt der Pressekonferenz kannte. „Seinen Zuhörern“ hatte der griechische Finanzminister nämlich konkret erläutert, was er unter „halber Strecke“ versteht:

Yanis Varoufakis war bereit gewesen, eine vor der Sitzung zwischen ihm und EU-Kommissar Pierre Moscovici ausgehandelte Vereinbarung zu unterschreiben (s. Geschichte 13). Die Vereinbarung hat die Verlängerung der Kreditvereinbarung enthalten, nicht aber die Vollendung des laufenden – laut griechischer Regierung wirtschaftlich gescheiterten – Reformprogramms. Diese Verlängerung sollte eine Art Zwischenvereinbarung darstellen bis zu einem neuen, stärker auf Wirtschaftswachstum setzenden Vertrag zwischen der EU und Griechenland. In dieser Zwischenzeit hätte die EU-Kommission technische Assistenz zur verstärkten und beschleunigten Umsetzung von Reformen in Griechenland geleistet. Griechenland war zudem bereit, sich zu verpflichten, keine Maßnahmen zu ergreifen, die den bestehenden Haushaltsrahmen sprengen oder Auswirkungen auf die Finanzstabilität haben könnten. Griechenland war bereit, sich zu den Finanzverpflichtungen mit allen Gläubigern zu bekennen.

Im Gegenzug erwartete Griechenland, „dass wir nicht aufgefordert werden, Maßnahmen anzuordnen, die eindeutig rezessionsverursachend sind […] wie etwa Kürzung von niedrigen Renten sowie Mehrwertsteuererhöhungen“, insbesondere in den Touristengebieten Griechenlands, die ein wichtiger Motor der griechischen Wirtschaft seien. [139]

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[135] Tagesthemen 16.02.2016.
[136] Yanis Varoufakis. Reden und Diskussionspapiere zu den Eurogruppen-Sitzungen vom 11. und 16.02.2015.
[137] Wolfgang Schäuble zur Eurogruppensitzung vom 16.02.2015. Audio: Hörbeitrag.
[138] Wolfgang Schäuble im Interview mit dem DLF. „Bin sehr skeptisch“, 16.02.2015.
[139] Yanis Varoufakis. Pressekonferenz vom 16.02.2015 (Ausschnitt, deutsche Übersetzung).

Kapitel 13 Der arrogante Herr Varoufakis

Roth V 13

Analytischer Teil: Es war einmal…

13 Die Geschichte vom arroganten Herrn Varoufakis – das Scheitern der Verhandlungen vom 16. Februar 2015 (Teil II)

Fortsetzung: Tagesthemen vom 16.02.2015 (Teil II)

„Den überaus selbstbewussten griechischen Finanzminister zeichnet außerdem das Talent aus, mit beeindruckender Chuzpe in den größtmöglichen rhetorischen Fettnapf zu springen, der irgendwie erreichbar ist. Finanzielles Waterboarding sei das, wie die EU mit Griechenlands Schuldenrückzahlung umgehe, tönte er schon im Wahlkampf […]. Auch deshalb verwundert es nicht, dass die Verhandlungen in Brüssel am Abend erst einmal geplatzt sind.“
Roth V 13

Aus dem Korrespondentenbeitrag von Christian Feld:

Christian Feld/Off: Er [Yanis Varoufakis] sagt, Griechenland sei mit einer untragbaren Vereinbarung konfrontiert worden, aber man könne sich …
er sagt griechenlandhalbe Strecke2
              … auf halber Strecke einigen – innerhalb von 48 Stunden.

Yanis Varoufakis/On: Europa macht einen schwierigen Prozess durch, nämlich sich darauf einzustellen, dass da jetzt eine neue griechische Regierung ist, die das bisherige Programm in Frage stellt. Das lief fünf Jahre und ist gescheitert.

Thomas Roth im anschließenden Schaltgespräch:

„Rolf Dieter, was ja auffällt, wenn man das so beobachtet, was der griechische Finanzminister allenthalben äußert, dann fällt ja die Ruppigkeit in der Sprache auf, ich will nicht sagen Arroganz, erregt das nicht enormen Unmut in Brüssel?“
Ruppigkeit
Rolf-Dieter Krause: „Unmut auch, aber vor allem Unverständnis. Denn die griechische Regierung reagiert so, als würde sie sich ernsthaft einbilden, dass 18 andere Länder […] über das Stöckchen springen, dass die griechische Regierung ihnen hinhält.“

Fakten und Analyse:

Schlüsselbild: Gesichtsfoto von Yanis Varoufakis
Schlüsselwörter: Chuzpe, tönte, Ruppigkeit, ich-will-nicht-sagen-Arroganz, sich ernsthaft einbilden, über das Stöckchen springen lassen

Dekontextualisierung/ Auslassung:

a) Laut Yanis Varoufakis wurde das zwischen ihm und dem EU- Währungskommissar Pierre Moscovici vor der Sitzung ausgehandelte Papier kurz vor der geplanten Unterschrift des griechischen Finanzministers von Jeroen Dijsselbloem durch ein anderes ersetzt. [140]
Die ARD zeigt in dem der Anmoderation Roths folgenden Beitrag sogar einen Ausschnitt aus jener Pressekonferenz vom 16. Februar 2015, in der Varoufakis diesen Vorgang bekannt macht – sie präsentiert ihren Zuschauern aber einen anderen Ausschnitt.

Die griechische Regierung hat beide Dokumente nur wenige Tage später (Moscovici-Entwurf sowie Dijsselbloem-Entwurf) veröffentlicht. [141]

Die Tagesthemen informieren ihre Zuschauer über Yanis Varoufakis‘ Vorwürfe nicht. Die Aussage des Korrespondenten, Athen lehne „das neue Angebot der Eurostaaten als absurd ab“ (Geschichte 12), muss damit für den Zuschauer unverständlich bleiben.

Mark Schieritz, wirtschaftspolitischer Korrespondent der „Zeit“ am 17.02.2015:

„Entweder läuft hier ein abgekartetes Spiel oder irgendjemand agiert extrem stümperhaft und setzt damit die Zukunft der Währungsunion aufs Spiel. Warum wurde der Entwurf von Moscovici zurückgezogen? Und auf Druck von wem? Diese Fragen müssen beantwortet werden.“ [142]

Rekontextualisierung/Reframing

a) Stattdessen gibt die ARD im O-Ton eine Aussage von Varoufakis wieder, die aus ihrem Sinnzusammenhang losgelöst, in einen fremden eingebettet wurde (contextomy) und so seine in der Anmoderation behauptete Chuzpe und Arroganz zu bestätigen scheint. [143] Der Korrespondent hatte den O-Ton nämlich so angetextet, dass seitens des Zuschauers die Erwartungshaltung entstehen musste, der griechische Finanzminister konkretisiere seine Behauptung, man könne sich auf halber Strecke einigen. Varoufakis‘ Äußerung enthält dann aber arroganterweise keinerlei Konzessionen von griechischer Seite.

Christian Feld/Off: Er sagt, er sei mit einer untragbaren Vereinbarung konfrontiert worden, aber man könne sich auf halber Strecke einigen, binnen 48 Stunden.

Yanis Varoufakis/On: Europa macht einen schwierigen Prozess durch, nämlich sich darauf einzustellen, dass da jetzt eine neue griechische Regierung ist, die das bisherige Programm in Frage stellt. Das lief fünf Jahre und ist gescheitert.

Was der Zuschauer nicht weiß: Yanis Varoufakis hatte an anderer Stelle der Pressekonferenz erläutert, was er unter „halber Strecke“ versteht (s. Geschichte 12). An dieser Stelle der Pressekonferenz beantwortet er die Frage eines Journalisten, der die Stellungnahme der übrigen Eurogruppenländer zum Scheitern der Verhandlungen als Beweis dafür bewertete, dass der Grexit bevorstehe. [144]

Frage des Journalisten: „Ist das nicht ein Beweis dafür, dass Griechenland die Eurozone verlassen muss?“

Yanis Varoufakis: „Alles, was heute Abend bewiesen wurde, ist, dass Europa einen schwierigen Prozess durchmacht, nämlich sich darauf einzustellen, dass da jetzt eine neue griechische Regierung ist, die das bisherige Programm in Frage stellt. Das lief fünf Jahre und ist gescheitert. […] Und unser Problem ist, unsere Partner davon zu überzeugen, dass Europa dem Programm, das nicht funktioniert, ein Ende bereiten muss, um weitere Verluste zu vermeiden. […].“

Varoufakis entkräftet im Folgenden das Argument, dass Griechenland „über den Berg“ sei und das Reformprogramm zu einem Wirtschaftswachstum geführt habe (s. Geschichte 11) und endet mit den Worten: „Griechenland ist ein Mitglied der Eurozone und wird es bleiben. Europa ist unteilbar.“

Dafür, dass der Zuschauer Yanis Varoufakis‘ Aussage in dem von der ARD präsentierten falschen Kontext kritisch beurteilt, sorgt auch ein wichtiger Darstellungseffekt (optische Kommentierung):

Während der Korrespondent den O-Ton von Yanis Varoufakis mit dessen Aussage antextet, „man könne sich auf halber Strecke einigen innerhalb von 48 Stunden“, zeigt die Kameraeinstellung 3 Sekunden lang eine demonstrativ negative „Publikumsreaktion“, wie sie – sollte sie überhaupt authentisch sein – in einem Filmbeitrag über eine Pressekonferenz des Bundesfinanzministers wohl kaum gezeigt würde.

halbe Strecke13Gesichtsfasching

Off: Man könne sich auf halber Strecke einigen innerhalb von 48 Stunden.

„Selbst kleinste Veränderungen in der Darstellung, z.B. das Zeigen oder Nichtzeigen von Nervosität, Zoomen auf einen Sprecher, das Einschneiden von positiven oder negativen Publikumsreaktionen kreieren beim Publikum verschiedene Eindrücke einer Person […]. Die Möglichkeiten des Fernsehens, mit Hilfe von Darstellungstechniken Images von Politikern zu beeinflussen, sind praktisch unbegrenzt.“ [145] (Wolfgang Donsbach).

b) Das in der Anmoderation verwendete Foto von Varoufakis wurde als Standbild aus einer Filmsequenz mit dem entsprechenden Kontext herausgelöst(Dekontextualisierung):

Durch die neue Bedeutungsverknüpfung („Chuzpe“) gewinnt das Bild eine Bedeutung, die es im Bewegtbildablauf nicht gehabt hatte (Bildmanipulation durch Kontextfälschung).

Das zeigt die Original-Aufnahme [146]:

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[140] Yanis Varoufakis. Pressekonferenz vom 16.02.2015 (Ausschnitt, deutsche Übersetzung).
[141] Vertragsentwürfe von Pierre Moscovici und Jeroen Dijsselbloem
[142] Mark Schieritz: Wer ist schuld am Griechen-Gau? Herdentrieb [Weblog], 17.02.2015.
[143] Hannes Vogel: Varoufakis war kein Großkotz, n-tv, 19.02.2015.
[144] Yanis Varoufakis. Pressekonferenz vom 16.02.2015 (vollständig, Englisch).
[145] Wolfgang Donsbach: a.a.O.
[146] Varoufakis vor Beginn der Pressekonferenz vom 16.02.2015.

Fortsetzung folgt am 18.08.2016

Veröffentlicht in News

Greek Myths 7-9

Flieger

Kapitel 7 – Zwei griechische Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle

Storytelling in der ARD-Griechenlandberichterstattung 2015 – was bisher geschah…
Vorwort: Storytelling – die Kunst, Geschichten zu erzählen
Kapitel 1 – Das Trojanische Pferd
Kapitel 2 – Über griechische Helden, Märchen und Mythen
Kapitel 3 – Was Orwell nicht wusste
Kapitel 4 – Die Konstruktion wünschenswerter Welten
Kapitel 5 – The Hidden Persuaders
Greek Myths 1-3
Greek Myths 4-6

Analytischer Teil: Es war einmal…

7 Die Geschichte von zwei griechischen Himmelhunden auf dem Weg zur Hölle – Antrittsbesuche von Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis

„Zum Lachen sind die Leute gleich bereit.“
(Arthur Schopenhauer, Eristische Dialektik oder die Kunst, Recht zu behalten) [106]

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Tagesthemen vom 04.02.2015 [107]

Die Tagesthemen vom 04.02.2015 stellen die griechischen Pläne als Versuch der Schuldenprellerei dar. Die Anschuldigung wird nicht explizit ausgesprochen, sondern als Schlussfolgerung aus dem Kontext nahegelegt (Innuendo).

Der Journalist Brooks Jackson (ehemals AP, Wall Street Journal, CNN) rät in seinem Buch „Finding Facts in a world of disinformation“:

„Wenn du siehst oder hörst, dass etwas stark angedeutet, aber nicht geradeheraus ausgesprochen wird, frag dich: Weshalb müssen sie es derart zwischen die Zeilen legen, warum kommen sie damit nicht heraus und sagen es? Oft gibt es einen guten Grund: Wovon der Sprecher dich überzeugen will, ist nicht wahr.“ [108]

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Roth7
Moderator Thomas Roth (WDR), nachdem er den Zuschauer an die „ziemlich hemdsärmelig und ruppig“ auftretenden Griechen erinnert hat, die „ziemlich cool“ (ironisch-spöttisch) der Troika eine „Abfuhr erteilt“ haben:
„Die EU-Länder wollen ihre geliehenen Milliarden nämlich wiedersehen, aber die Griechen werben auf ihrer fliegenden Eurotour für die etwas andere Art, mit den Schulden umzugehen.“

Die musikalisch untermalte Cartoon-Darstellung der „fliegenden Eurotour“ im Beitrag von Korrespondent Christian Feld (NDR) greift das zentrale Motiv der Helden-„Reise“ auf und bildet im Korrespondentenbeitrag die Basiserzählung, von der ausgehend episodenhaft die einzelnen Stationen der Antrittsbesuche des griechischen Ministerpräsidenten und des griechischen Finanzministers erzählt werden (Gondelbahn-Erzählstruktur). Die Erzählhaltung im Korrespondentenbeitrag ist der satirischen Cartoon-Darstellung entsprechend ironisch-spöttisch.

Fakten und Analyse:

Symbolbild: Gesichtsfoto-Cartoon-Montage
Schlüsselwörter: hemdsärmelig, ruppig, ziemlich cool (ironisiert), fliegende Eurotour (ironisiert)
Soundtrack: Bud Spencer/Terence Hill-Film „Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle“/“Flying Through the Air“

Kontextualisierung/Framing:

Der Zuschauer kann die Leerstelle (Unbestimmtheitsstelle) in der Anspielung Thomas Roths („die etwas andere Art, mit den Schulden umzugehen“) durch folgende Kontexthinweise ohne Probleme füllen:

a) die Ironie sowohl in der Anspielung: „für die etwas andere Art, mit den Schulden umzugehen“ als auch im Begriff „fliegende Eurotour“,

b) den durch die adversative Konjunktion „aber“ formulierten Gegensatz zu dem Wunsch der Kreditgeber, ihre Milliarden „wiedersehen“ zu wollen,

c) die vorangegangenen Attributierungen „hemdsärmelig“, „ruppig“, „cool“ (ironisch-spöttisch),

d) den im Beitrag satirisch verwendeten Soundtrack („Flying Through the Air“) des Bud Spencer/Terence Hill-Films „Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle“ und

e) die satirische Gesichtsfoto-Cartoon-Montage.

Neben der erneuten Aktivierung des Erwachsenen-Teenager-Frames („hemdsärmelig“, „ruppig“, „cool“) werden Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis zudem durch die Dramaturgie des Beitrags als unseriöse Schuldenpreller und damit ein weiteres Mal als vertrauensunwürdig dargestellt (ad hominem), ohne dass die Tagesthemen dies direkt aussprechen müssen (Innuendo, gezielte Nutzung von Implikaturen).

Auch in der auditiven Anspielung auf das chronisch pleite Trickbetrüger-Paar Terence Hill/Bud Spencer wird ein weiteres Mal das Trickster-Motiv verarbeitet.

Die Verwendung von Innuendo „ist ein Mittel, eine Person, eine Gruppe oder eine Idee anzugreifen, wenn es wenige oder gar keine Belege gibt, um eine direkte Behauptung oder Anschuldigung zu rechtfertigen. Die Kraft der Suggestion dient somit dazu, einen Mangel an Beweisen zu kompensieren.“ [109]

Durch die klamaukhafte Darstellungsform werden der griechische Ministerpräsident und sein Finanzminister der Lächerlichkeit preisgegeben. Es ist jene Form des aggressiven Humors (Spott), der durch die Herabwürdigung des Gegners die eigene Dominanz betont und der – sozialpsychologisch gesehen – die Solidarisierung zwischen Sprecher und Zuhörer bzw. Zuschauer gegen einen verlachenswerten Dritten zum Ziel hat.

Rekontextualisierung/ Reframing

Damit ist Humor in dem hier aufgezeigten Kommunikationskontext einer politischen Informationssendung auch eine Form des Red Herrings: „eine sehr effektive Ablenkungstaktik. Er kann das Publikum schnell auf die eigene Seite ziehen, auch wenn es dafür keine logische Begründung gibt.“ [110]

Eine logische Begründung für den Vorwurf der Schuldenprellerei wird in dem der Anmoderation folgenden Beitrag von Christian Feld nicht angeführt. Die zitierte Bitte von Alexis Tsipras nach neu zu verhandelnden Rahmenbedingungen des Kreditprogramms sowie die zitierte Bitte von Yanis Varoufakis: „Gebt uns Zeit bis Ende Mai […], damit wir unsere Vorschläge auf den Tisch bringen können, um mit unseren Partnern darüber zu beraten und im Sommer neue Absprachen zwischen Griechenland und Europa zu treffen“, werden rekontextualisiert: Die Äußerungen erscheinen als Bestätigung des in der Anmoderation implizit geäußerten Schuldenpreller-Vorwurfs.

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[106] Arthur Schopenhauer: a.a.O., S. 53.
[107] Tagesthemen 04.02.2015.
[108] Brooks Jackson, Kathleen Hall Jamieson: Unspun. Finding facts in a world of disinformation, New York 2007, S. 62.
[109] T. Edward Damer: a.a.O., S. 225.
[110] Ebd.

Kapitel 8 – Zwei aufeinanderprallende Welten

Schäuble

Analytischer Teil: Es war einmal…

8 Die Geschichte von den zwei aufeinanderprallenden Welten – auf Werbetour beim strengen Vater in Berlin

Im Zentrum der Berichterstattung steht eines der zentralen Motive der Heldenreise: das Motiv der gegensätzlichen Welten, das sich in der vom Korrespondenten Oliver Mayer-Rüth (BR) verwendeten Metapher der zwei aufeinanderprallenden Welten widerspiegelt.

In der Vormittagsausgabe der Tagesschau wird das Motiv konkretisiert durch die antithetische Gegenüberstellung vom „Brücke bauen[den] Europäer“ Wolfgang Schäuble und der „Insel der Griechen mit ihren Radikalforderungen“, in der Abendausgabe sprachlich vor allem durch die begriffliche Opposition „streng“ und „weich“. Als Gegenspieler der griechischen Antihelden betritt mit Wolfgang Schäuble der wahre Held die Bühne des Griechenland-Dramas: Es ist die archetypische Figur des Herrschers/Königs, der die bestehende (Werte-)Ordnung verteidigt und damit gleichzeitig den Archetypus des strengen Vaters verkörpert, der Regeln aufstellt und ihre Einhaltung überwacht.

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Tagesschau vom 05.02.2015, (11:14 Uhr) [111]

Korrespondent Oliver Mayer-Rüth: „Zwei Welten prallen aufeinander“:
Sprecherin8
Auf der einen Seite der deutsche Finanzminister mit seiner „Forderung nach Reformen“ und auf der anderen Seite, so der Korrespondent, „sein griechischer Amtskollege und dessen Regierungschef“: „Er hat Wahlgeschenke versprochen, er will keine Reformen – und dafür braucht Griechenland Geld.“
Ellen Arnhold (SR): „Sie sagen, zwei Welten prallen aufeinander, gibt es denn überhaupt Kompromissmöglichkeiten?“

Oliver Mayer-Rüth: „Schäuble ist ja auch ein bekennender Europäer und versucht natürlich auch eine Brücke zu bauen zu der Insel der Griechen und ihren Radikalpositionen […].“

Der Korrespondent führt nun die bloße Umbenennung (!) der Troika in „Institutionen“ und die Unterstützung der griechischen Pläne zur Reichenbesteuerung als Kompromissmöglichkeiten an.

Tagesschau vom 05.02.2015, (20:00 Uhr) [112]

Der Korrespondentenbeitrag setzt ein mit dem „Aufeinanderprallen“ der beiden „Welten“, d. h. mit der Begegnung der beiden Kontrahenten (Akt 2) und ihren angeblich unvereinbaren Positionen (strenges vs. weicheres Reformprogramm).

„Griechenland könnte Ende Februar das Geld ausgehen. Europa will neues nur geben, wenn Griechenland Reformen nach Plan umsetzt.“

Mit dieser Aussage erklärt der Korrespondent Anlass und zentralen Konflikt der Begegnung (1. Akt).
Yanis Varoufakis‘ Motivation, sich auf seiner „Werbetour“ für ein „weicher(es)“ Reformprogramm auch noch mit dem sich „weniger streng“ gebenden SPD-Chef zu treffen, wird in Form eines Rückblicks erläutert: Die EZB hatte am Vortag angekündigt, keine griechischen Staatsanleihen mehr zu kaufen, aber die Gewährung von Notfallkrediten in Aussicht gestellt.

Die Konsequenz/Auflösung (3. Akt) der „Werbetour“ formuliert der Korrespondent in Form eines problematisierenden Ausblicks: „Damit endet die Werbetour des griechischen Finanzministers. Ob sie Erfolg hat und zu einem weicheren Reformprogramm führt, zeigt sich in den nächsten Wochen. Doch zumindest in den Reihen der CDU/CSU ist die Ablehnung gegen die griechische Forderung groß […].“

In der Eingangsszene der 20-Uhr-Tagesschau wird dem Zuschauer die Metapher von der Gegensätzlichkeit der „zwei Welten“ auch durch unterschiedliche Kameraeinstellungen vor Augen geführt. Im Kontrast zu Schäuble wird Varoufakis in großer Distanz zum Zuschauer gezeigt, was den Eindruck der Isolation und Ferne hervorruft und damit an die vom Korrespondenten in der Mittagsausgabe der Tagesschau verwendete Metapher von der „Insel der Griechen“ anknüpft.

Einer der ersten deutschen Wissenschaftler, die die Wirkung von Kameraperspektiven auf die Personenwahrnehmung untersucht haben, war der Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger mit seiner Studie zum Bundestagswahlkampf 1976. Laut Kepplinger war die visuelle Kandidatendarstellung („optische Kommentierung“ durch Kameraleute) ein mitentscheidender Faktor des Wahlausgangs.

Ein Ergebnis seiner Studie war: „Die vorteilhafteste Einstellung sei die, bei der die Kamera den Politiker „in Augenhöhe“ und ihn „nicht zu fern (‚verloren‘) oder zu nah (‚leer‘) ablichtet“. [113]

Als Vergleichsmaßstab kann die folgende Aufnahme dienen:

Schäu-Va

Korrespondent Oliver Mayer-Rüth:
Off: Zwei Welten prallen aufeinander:
Auf der einen Seite Finanzminister Schäuble,
Schäuble
auf der anderen Seite sein griechischer Amtskollege Varoufakis.
Varouf
Schäuble, der Verfechter eines strengen griechischen Reformprogramms, Varoufakis seit Tagen bemüht, das Programm aufzuweichen. Das Ergebnis des Gesprächs war absehbar:
Wolfgang Schäuble/On: We agree to disagree. Oliver Mayer-Rüth/Off: Man ist sich also einig, uneinig zu sein […].

Fakten und Analyse:

Schlüsselbild: weit entfernter Yanis Varoufakis (Eingangsszene der 20-Uhr-Ausgabe)
Schlüsselwörter: aufeinanderprallende Welten, bekennender Europäer, Brücke bauen vs. Insel der Griechen (Vormittagsausgabe), streng vs. aufweichen, weicheres (20 Uhr)

Falschinformation, Dekontextualisierung, Auslassung:

Die in der Vormittagsausgabe aufgestellte, in der Abendausgabe dann entschärfte Behauptung, die griechische Regierung wolle keine Reformen, trifft nicht zu. (Strohmann-Argument)

a) Im „Thessaloniki-Programm“ der Syriza (2014) werden vier Hauptreformbereiche aufgezählt: Reformen zur Begegnung der humanitären Krise, zur Ankurbelung der Wirtschaft und Herstellung von Steuergerechtigkeit, zum Wiedergewinnen von Arbeitsplätzen sowie zur politischen Umgestaltung: Vertiefung der Demokratie.

b) Zwar zeigt die ARD in der Abendausgabe einen Ausschnitt aus der Pressekonferenz der beiden Finanzminister; sie unterlässt es aber, ihren Zuschauern jene Passagen zu zeigen oder auch nur inhaltlich wiederzugeben, die die Einstellung des griechischen Finanzministers gegenüber der Notwendigkeit von Reformen verdeutlichen:
„Unsere Regierung wird alles dafür tun, Korruption, Steuerhinterziehung, Steuerimmunität, Unwirtschaftlichkeit und Verschwendung zu bekämpfen.“

„60 – 70 % des laufenden Programms enthält Maßnahmen, die wir selbst vorantreiben wollen.“ [114]

Bei den Verhandlungen über die Verlängerung des Ende Februar auslaufenden zweiten Kreditprogramms sollte es eben u.a. darum gehen: Wird es einen Kompromiss zwischen Kreditgeberländern und Griechenland geben, der Griechenland zugesteht, einen Teil der vereinbarten Reformen, den Griechenland als rezessionsverursachend beurteilt, mit eigenen Reformvorschlägen zu ersetzen? Die griechische Regierung nennt dieses Verhandlungsziel mehrfach einen „ehrenvollen Kompromiss“.

Rekontextualisierung/Reframing:

Durch das Begriffspaar ’streng‘ und ‚weich‘ wird erneut der Erwachsenen-Teenager-Frame erzeugt, der Yanis Varoufakis als Teenager darstellt, der gegen die „Strenge“ eines Elternteils aufbegehrt und hierzu die Hilfe eines anderen Erwachsenen (Sigmar Gabriel) sucht, der sich „weniger streng gibt“. Über das, was Yanis Varoufakis sachlich zu sagen hat, dringt dagegen erneut kein Wort zum Ohr des Zuschauers. Der Zuschauer erfährt weder von Yanis Varoufakis‘ Plädoyer für tiefgreifende Reformen noch von seiner ökonomischen Kritik am Troika-Programm, das rezessionsverursachend sei und deswegen zu einer nicht tragfähigen Schuldenlast und zu einem Schuldenkreislauf geführt habe. Der Begriff „Schuldentragfähigkeit“ taucht in dem „Erwachsenen-Teenager-Frame“ erst gar nicht auf.

Damit ist das zentrale ökonomische Argument des Wirtschaftswissenschaftlers Yanis Varoufakis für eine Veränderung des Reformprogramms und eine Reduktion der Schuldenlast auf ein tragfähiges Maß unkenntlich gemacht zugunsten einer einseitigen Fokussierung auf die Argumentation des Juristen Wolfgang Schäuble, dass Vereinbarungen eingehalten werden müssen. In der Konsequenz kann der Zuschauer Varoufakis‘ Forderung nach Veränderung des Programms nur als bloßen Unwillen Griechenlands deuten, sich an Vereinbarungen zu halten und seine Schulden zurückzuzahlen.

Die mit der Metapher der aufeinanderprallenden Welten zum Ausdruck kommende Unvereinbarkeit bzw. Unversöhnlichkeit der Standpunkte und Charaktere ist der zentrale Deutungsrahmen für die Schilderung der Begegnung der beiden Finanzminister, deren Ergebnis für den Korrespondenten schon „absehbar“ war.

Wohl auch aus diesem Grund behält er diese Metapher, die er in der Vormittagsausgabe der Tagesschau (vor Beginn der Pressekonferenz) verwendet hat, auch in seinem Beitrag für die 20-Uhr-Tagesschau bei – unabhängig von der tatsächlich geäußerten Haltung des griechischen Finanzministers.

Diese Polarisierung zwingt den Zuschauer in eine Entweder-oder-Entscheidungssituation, in der er kaum eine andere Möglichkeit hat, als die Position des Bundesfinanzministers zu befürworten:

Denn der Begriff „Reform“, auch in den folgenden Wochen und Monaten der Berichterstattung für die Charakterisierung der Position Wolfgang Schäubles vereinnahmt und zur Abgrenzung von der griechischen Position verwendet, ist nicht nur positiv konnotiert, sondern enthält in seiner Bedeutung als eine dem allgemeinen Verständnis nach auf Verbesserung zielende Veränderung eine klar positive Deontik, d.h. die normative Handlungsaufforderung: Reformen sollte man durchführen.

Leitvokabeln wie „Reform“ haben überdies aufgrund ihres Abstraktionsgrades die Eigenschaft, dass sie „am besten gegen Klarheit und Klärung abgeschirmt sind.“ [115]. Erst die Konkretisierung der strittigen Reformen würde es dem Zuschauer erlauben, sich ein eigenes Urteil zu bilden:
Man kann beispielsweise für oder gegen Rentenkürzungen sein, für oder gegen Massenentlassungen, für oder gegen die Erhöhung der Mehrwertsteuer, für oder gegen Zwangsversteigerungen von Wohnhäusern zur Schuldentilgung, aber: Welcher vernünftige Mensch kann angesichts der Krisensituation in Griechenland allgemein gegen Reformen sein und damit die Notwendigkeit einer auf Verbesserung zielenden Veränderung bezweifeln?

Das „Besetzen von Begriffen“ – ein Ausdruck, der in Deutschland durch den ehemaligen Generalsekretär der CDU Kurt Biedenkopf geprägt wurde – ist eine wesentliche Kommunikationsstrategie, um in einer politischen Auseinandersetzung als Sieger hervorzugehen.

„Die positive Besetzung des Reformbegriffs“ ist Teil einer „akzeptanzstiftenden Kommunikationsstrategie“ zur „Überwindung von Beharrungstendenzen und einer generellen Protesthaltung der Bürger gegenüber Neuerungen“, heißt es im Diskussionspapier der Bertelsmann Stiftung zur politischen Reformkommunikation: Als gelungenes Beispiel lasse sich „der Ansatz der britischen Labour-Regierung oder der US-amerikanischen Clinton-Administration anführen, Reformmaßnahmen immer als ‚Modernisierung‘ zu kommunizieren und mit positiven Zielvisionen zu verknüpfen.“ [116]

Die Vereinnahmung des Begriffs „Reform“ für die Austeritätspolitik Wolfgang Schäubles und die Bezeichnung der griechischen Reformvorhaben als populistische „Verheißungen“ (s. Geschichte 1) oder „Wahlgeschenke“ zielen darauf ab, die Gunst des Publikums für die deutsche Verhandlungsseite zu gewinnen. Gleichzeitig soll Empörung über die griechische Regierung ausgelöst werden, die angeblich weiteres, durch den Fleiß europäischer Arbeitnehmer verdientes Geld für „Wahlgeschenke“ verlange, ohne Reformen durchsetzen, also ohne selbst dafür einen Finger krumm machen zu wollen.

„Ein Redner verrät oft schon im Voraus seine Absicht durch die Namen, die er den Begriffen gibt. Unter allen Kunstgriffen wird dieser am häufigsten gebraucht, schon rein instinktmäßig und aus der menschlichen Schlechtigkeit.“
[117] Arthur Schopenhauer, Eristische Dialektik oder die Kunst, Recht zu behalten, Kunstgriff 12, Benennungen gehässig umkehren

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[111] Tagesschau 05.02.2015, Mittagsausgabe.
[112] Tagesschau 05.02.2015, Abendausgabe.
[113] Telebiss: Schiefe Optik, in: Die Zeit, 26.10.1979.
[114] Yanis Varoufakis. Pressekonferenz vom 05.02.2015 (vollständig).
[115] Wolf Schneider: Die Wahrheit über die Lüge: Warum wir den Irrtum brauchen und die Lüge lieben. Reinbek bei Hamburg 2012, S.172.
[116] Bertelsmann Stiftung: Diskussionspapier zum Expertendialog: a.a.O., S. 5 ff.
[117] Arthur Schopenhauer: a.a.O., S. 40.

Kapitel 9 – Südeuropäer, die gegen europ. Gepflogenheiten verstoßen

Krause9

Analytischer Teil: Es war einmal…

9 Die Geschichte von den Südosteuropäern, die gegen europäische Gepflogenheiten verstoßen – Eurogruppentreffen in Brüssel am 11.02.2015

Tagesthemen vom 11.Februar 2015 [118]

Caren Miosga (WDR): „Rolf-Dieter Krause hat die Verhandlungen heute in Brüssel beobachtet. Herr Krause, alle wollen wissen, wie die griechischen Pläne aussehen. Wissen Sie’s?“
Miosga9
Rolf-Dieter Krause (WDR): „Nein, ich weiß es nicht […]. Man hat erfahren können, dass die griechische Regierung weder in der Vorbereitungssitzung für die heutige Sitzung noch in der Sitzung ein Papier vorgelegt habe, und nach den europäischen Gepflogenheiten ist erst ein Vorschlag, der auf Papier steht, auch wirklich verhandlungsfähig […].
Vielleicht hat er mündlich was vorgetragen.“

Fakten und Analyse:

Schlüsselwörter: europäische Gepflogenheiten

Falschinformation:

Sowohl in einem schriftlichen Diskussionspapier als auch in seiner Rede vom 11. Februar 2015 erläutert der griechische Finanzminister, welche vereinbarten Reformen Griechenland auch weiter umsetzen wird und welche Bedingungen es aus welchen Gründen ablehnt und durch Maßnahmen ersetzen möchte, die es in Zusammenarbeit mit der OECD umsetzen wird. Als Reaktion auf die Streuung solcher Gerüchte (negative campaigning durch die Strategie des leaking [119]) reagierte die griechische Regierung mit der Veröffentlichung der Dokumente. [120] [121]

Dennoch wurde die Aussage des Korrespondenten im weiteren Verlauf der Berichterstattung von der ARD nicht korrigiert.

Harald Schumann („Der Tagesspiegel“) dazu im Interview mit Telepolis:

„Ein Beispiel für den schlimmen Verfall journalistischer Sitten war die Berichterstattung in Sachen Griechenland in den zwei Monaten nach der Wahl der neuen Regierung in Athen. Dabei ist es regelmäßig vorgekommen, dass auf Basis anonymer Quellen (wo es dann heißt, aus Regierungskreisen oder ein hoher EU-Diplomat hat gesagt, also das, was man branchenintern als ‚unter 2‘ deklariert, das heißt, man darf zitieren, aber nicht sagen, wer das Zitierte gesagt hat) die Grundlagen dafür bildeten zu berichten, dass die griechische Regierung wahlweise unfähig, planlos, arrogant oder frech ist.

Jeder Journalistenschüler lernt schon in den ersten 6 Wochen: Wenn solche Vorwürfe in die Welt gesetzt werden, muss der Autor die andere Seite anrufen und fragen: ‚Uns oder mir ist erzählt worden, dass… Was sagen Sie dazu?‘ Und dann muss diese andere Seite zitiert werden. Wenn sie nicht erreichbar ist, sich nicht äußern will oder nur Beschimpfungen ausstößt, dann schreibt man genau das: War nicht erreichbar. Wollte sich nicht äußern. Aber in allen großen deutschen Medien fand vielfach die Berichterstattung nur auf Basis anonymer Quellen statt, ohne der griechischen Seite auch nur die Möglichkeit zu geben, Stellung zu nehmen. Das war eine schlimme Verletzung journalistischer Standards.“ [122]

Wer die Quelle dieser rufschädigenden Gerüchte ist, bleibt unklar. Korrespondent Rolf-Dieter Krause selbst wird erst gut vier Monate später, am 22.06.2015, das erste Mal offen über die Arbeit von Spin-Doktoren sprechen. [123]

Charakteristisch für die leaking-Strategie ist, dass der Verbreitung solcher Gerüchte keinerlei Nachrecherche bzw. Korrektur folgt.

Ein weiteres entscheidendes Kennzeichen dieser Form des Innuendo, also dieser indirekten Form, den Kontrahenten ad hominem zu beschuldigen, ist laut dem kanadischen Kommunikationsforscher Douglas Walton „das Verschieben der Beweislast“:

Weder die Quelle des Gerüchts noch der Verbreiter des Gerüchts müssen die Verantwortung für ihre Beschuldigungen und deren Wirkung übernehmen. [124]

Dafür sorgt im vorliegenden Fall nicht nur der sorgsam verwendete Konjunktiv („kein Papier vorgelegt habe“), sondern auch die Verwendung von sog. Wieselwörtern (engl. weasel words): „Man hat erfahren können“.

Integraler Bestandteil dieser Form der indirekten Beschuldigung ist laut Walton also eine Absicherungstaktik in Form einer argumentativen Rückzugsmöglichkeit: ein Fluchtweg („escape route“) [125], der es dem Sprecher im Fall von Kritik ermöglicht, die Verantwortung für das, was er weitergibt, abzulehnen.

Im Interview mit der BBC warnt die Investigativjournalistin Heather Brooke vor der Gefahr medialer Informationskontrolle durch Anonymisierung von nicht belegbaren Beschuldigungen: [126]



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[118] Tagesthemen 11.02.2015. https://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/tt-3493.html
[119] Vgl. auch Robert Misik: Varoufakis benimmt sich echt unmöglich, behaupten anonyme Quellen. Misik.at [Weblog], 30.04.2015.
http://misik.at/2015/04/varoufakis-benimmt-sich-echt-unmoeglich-behaupten-anonyme-quellen/
[120] Yanis Varoufakis: Rede und Diskussionspapier zur Eurogruppensitzung vom 11.02.2015.
[121] Norbert Häring: Das sind die verrückten Ideen der Griechen. Norbert Häring. Geld und mehr [Weblog], 18.02.2015.
[122] Harald Schumann im Interview mit Telepolis, in: Marcus Klöckner: „Wenn man den Mächtigen nach dem Maul schreibt, bekommt man die besseren Honorare“, 20.05.2015.
[123] Norbert Häring: ARD-Brüssel-Korrespondent Krause entlarvt Spin-Doktor-ausgerechnet. Norbert Häring. Geld und mehr [Weblog], 22.06.2015.
[124] Douglas Walton: a.a.O., S. 189 ff.
[125] Ebd., S. 186.
[126] Heather Brooke im Interview mit der BBC. 26.01.2010.

Fortsetzung folgt am 17.08.2016

Veröffentlicht in News

Greek Myths 4-6

Aufgeräumter

Kapitel 4 – Kotzias einsam in Brüssel

Storytelling in der ARD-Griechenlandberichterstattung 2015 – was bisher geschah…
Vorwort: Storytelling – die Kunst, Geschichten zu erzählen
Kapitel 1 – Das Trojanische Pferd
Kapitel 2 – Über griechische Helden, Märchen und Mythen
Kapitel 3 – Was Orwell nicht wusste
Kapitel 4 – Die Konstruktion wünschenswerter Welten
Kapitel 5 – The Hidden Persuaders
Greek Myths 1-3

Analytischer Teil: Es war einmal…

4 Die Geschichte von Nikos Kotzias einsam in Europa – Außenministertreffen in Brüssel

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„Durch derart dramaturgisch aufgebaute Geschichten kann auch im Journalismus ein Lernprozess beim Rezipienten ausgelöst werden.“ [82]
(Simon Sturm: Digitales Storytelling: Eine Einführung in neue Formen des Qualitätsjournalismus)

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Tagesthemen vom 29.01.2015 [83]

Den politischen Kontrahenten als isoliert darzustellen, ist ein Mittel, sich den sog. Bandwagoneffekt zunutze zu machen: die Neigung der meisten Menschen, sich u.a. aus Isolationsfurcht der Mehrheit bzw. den „Siegern“ anzuschließen.

Die Geschichte vom angeblich isolierten griechischen Außenminister wird im folgenden Filmbeitrag von Korrespondentin Bettina Scharkus (WDR) linear im Mini-Format der „Heldenreise“ inklusive des aristotelischen Dreiaktschemas erzählt:

1. Akt (Exposition samt Charakterisierung des Helden, Vorstellung des Konflikts),

2. Akt (steigende Handlung sowie Höhe- und Wendepunkt, hier inkl. Aufeinandertreffen der Kontrahenten) sowie

3. Akt (Konsequenz oder Auflösung, im vorliegenden Fall in Form der Läuterung des Helden und des Zuschauers, Katharsis).

Caren Miosga (WDR): „Es ist nicht nur die griechische Abkehr vom Sparkurs, der die Europäer sorgt, nun dürfte es auch einen außenpolitischen Schlagabtausch gegeben haben […]: Athen hatte nämlich überraschend verkündet, es mache nicht mit, wenn die EU Russland neue Sanktionen androht. Brüssel reagierte irritiert. Gehört das jetzt zum Geldpoker mit der EU oder steckt dahinter tatsächlich ein russlandfreundlicher Kurs? Dann würde die neue griechische Regierung mal eben die gemeinsame europäische Außenpolitik in Frage stellen […].“
1. Akt
Nikos Kotzias/On: Ich muss jetzt verhandeln, haben Sie eine gute Zeit.
Bettina Scharkus/Off: … ruft ein sichtlich aufgeräumter Nikos Kotzias den Reportern vor dem Treffen zu.
Aufgeräumter
Schlechte Stimmung dagegen bei den anderen Außenministern: Bisher zeigte sich Europa gegenüber Russland erstaunlich geschlossen, bis die neue Regierung aus Athen querschoss.
Schlechte Stimmung2
Frank-Walter Steinmeier/On: Es ist Ihnen nicht verborgen geblieben, dass durch die neue Haltung der griechischen Regierung die Debatte heute auch nicht einfacher geworden ist.
Steini3
2. Akt
Bettina Scharkus/Off: Drinnen wurde der linkspopulistische Grieche dann kräftig von den Ministern ins Gebet genommen, u. a. in einem Vier-Augen-Gespräch mit Frank-Walter Steinmeier.
ins gebet
3. Akt
Am Abend klang der frischgebackene Außenminister dann auch ganz anders:
Nikos Kotzias/On: […] Wir Griechen waren dabei mit im Mainstream, wir sind nicht der böse Junge gewesen.
böse Junge5

Der Mainstream, so erklärt die Korrespondentin, bestehe darin, dass die Sanktionen erst einmal nur „vorsichtig verschärft“ würden (weitere Einreiseverbote und Kontosperrungen für Einzelpersonen und Einrichtungen).

Das Fazit der Korrespondentin:

Bettina Scharkus/Off: Am Ende steht heute ein Minimalkonsens. Kein großer Wurf, immerhin: Trotz der schrillen Töne von Alexis Tsipras‘ neuer Regierung – Europa hat auch heute mit einer Stimme gesprochen.
Europa6

Fakten und Analyse:

Schlüsselbilder: Gesichtsausdruck als Reflexion des Konflikts: lachender („sichtlich aufgeräumt“) vs. ernst dreinblickender Außenpolitiker („schlechte Stimmung dagegen bei den anderen Außenministern“), letzte Kameraeinstellung: wehende EU-Flagge unter bewölktem Himmel

Schlüsselwörter: Schlagabtausch, Geldpoker, russlandfreundlich, frischgebackener Außenminister, querschoss, schlechte Stimmung, linkspopulistischer Grieche, kräftig ins Gebet genommen (Assoziationen: Unartigkeit, rügen, ermahnen, disziplinieren, zur Vernunft bringen…)

Falschinformationen:

a) In der am 27. Januar 2015 verbreiteten EU-Erklärung zu neuen Russland-Sanktionen waren aufgrund von Kämpfen in Mariupol (Ukraine) neue Wirtschaftssanktionen gegen Russland angedroht worden (s. Anmoderation Caren Miosga). Beim zwei Tage später stattfindenden Außenministertreffen wurden – wie Bettina Scharkus berichtet – dann aber doch keine neuen Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängt. Die Entscheidung hierüber wurde vertagt. Stattdessen wurden lediglich Sanktionen gegen weitere Einzelpersonen und Einrichtungen ausgeweitet.

Der Grund: Anders als die Tagesthemen behaupten, war die EU in der Frage der Verhängung neuer Wirtschaftssanktionen gegen Russland nicht einig. Diejenigen, die dagegen waren (inklusive Griechenland), haben sich schließlich gegen v. a. Großbritannien und die baltischen Staaten durchgesetzt. Von einem ins Gebet genommenen und deswegen von seiner Position abgewichenen Nikos Kotzias kann also keine Rede sein.

b) „Die gemeinsame europäische Außenpolitik“ hatte vor Griechenland schon Deutschland „mal eben“ (Caren Miosga) in Frage gestellt. Die Positionen des deutschen Außenministers vom Dezember 2014 und des deutschen Vizekanzlers von Anfang Januar 2015 stimmen jedenfalls mit den „schrillen Tönen“ (Bettina Scharkus), wie sie der griechische Außenminister geäußert haben soll, „erstaunlich“ überein:

„Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier rückt von der Sanktionspolitik des Westens gegenüber Russland ab. In einem Interview mit dem ‚Spiegel‘ warnte er vor den Folgen der Strafmaßnahmen. Auf die Frage, ob er besorgt sei, dass Russland destabilisiert werde, falls Europa die Sanktionen nicht lockere, erklärte der Minister: ‚Die Sorge habe ich.‘ Wer Russland wirtschaftlich in die Knie zwingen wolle, werde damit nicht mehr Sicherheit in Europa schaffen. ‚Ich kann davor nur warnen‘, bekräftigte Steinmeier.“ [84]

„Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat den Westen vor einer weiteren Schwächung Russlands durch noch schärfere Sanktionen gewarnt.
’Wer das will, provoziert eine noch viel gefährlichere Lage für uns alle in Europa‘, sagte der Vizekanzler und SPD-Vorsitzende der Zeitung ‚Bild am Sonntag‘. ‚Diejenigen, die Russland jetzt wirtschaftlich und politisch noch mehr destabilisieren wollen, verfolgen ganz andere Interessen‘, warnte er.“
[85]

c) Im Vorfeld des Außenministertreffens hatten Österreich, Italien und die Slowakei Bedenken geäußert:

„Neben Griechenland haben jedoch auch andere EU-Regierungen wie Österreich, Italien oder die Slowakei Vorbehalte. ’Sanktionen und die Verschärfung von Sanktionen sind nur, im besten Fall, Notfalllösungen, die aber niemals einen Friedensplan ersetzen können‘, sagte der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann. Außenminister Sebastian Kurz sprach sich dafür aus, weitere Personen oder Einrichtungen mit Sanktionen zu belegen, statt wirtschaftliche Strafmaßnahmen gegen Russland zu verhängen.“ [86]

Dekontextualisierung/Auslassung:

„Andere Länder wie etwa Italien und Österreich“ (Reuters) hatten der Verhängung neuer Wirtschaftssanktionen ebenfalls nicht zugestimmt bzw. für eine Verschiebung der Entscheidung gestimmt.

„While the Greeks did call for the decision on tighter sanctions to be delayed, they were not alone: other countries such as Italy and Austria also favored a delay, diplomats said, while Britain and the Baltic states wanted a clearer commitment to imposing new sanctions quickly.“ [87]

Rekontextualisierung/Reframing:

a) Dem Zuschauer wird das Außenministertreffen durch den Erwachsenen-Teenager-Frame vermittelt: Durch die Eingangsszene des Beitrags wird der „sichtlich aufgeräumte []“ neue griechische Außenminister als infantil charakterisiert. Diese Charakterisierung wird mit dem Begriff „querschießen“ fortgeführt und liefert die Legitimation dafür, dass der „frischgebackene“ Außenminister von seinen Kollegen später angeblich „kräftig ins Gebet genommen“ wird.

Dass bei allen übrigen Außenministern „schlechte Stimmung“ geherrscht haben soll, illustriert der Film anhand einer Momentaufnahme des Gesichtsausdrucks des irischen Außenministers Charles Flanagan.
Schlechte Stimmung2
Off: „Schlechte Stimmung dagegen bei den anderen Außenministern…“

Das Etablieren narrativer Zusammenhänge durch eine metaphorische Text-Bild-Beziehung innerhalb journalistischen Erzählens erläutert Karl N. Renner folgendermaßen:

„Bei der metaphorischen Vorgehensweise wird ein illustrierendes Bild benutzt, um das sprachlich beschriebene Geschehen im Sinne des narrativen Musters zu interpretieren, das durch das Symbolbild induziert wird“. [88]

„Derartige Beziehungen zwischen Sprache und Bild lassen sich auch beim Off-Kommentar journalistischer Filmbeiträge beobachten. Dort bilden sie das Einfallstor für Manipulationen aller Art.“ [89]

b) Dass die griechische Delegation nicht isoliert gewesen war, äußert der griechische Außenminister nach der Abstimmung gegenüber Journalisten, wenn er sagt: „Wir waren dabei mit im Mainstream. Wir sind nicht die bösen Jungs, wie Sie gesagt haben.“ [90] [Nikos Kotzias greift hier den ihm gegenüber verwendeten Erwachsenen-Teenager-Frame auf.]

Die Tagesthemen aber setzen den O-Ton in einen sachwidrigen Kontext (contextomy), so dass der Zuschauer annehmen muss, Nikos Kotzias‘ Aussage sei ein „Wahrheitsbeweis“, also ein Authentizitätsnachweis dafür, dass er, nachdem er „kräftig ins Gebet genommen“ worden sei, von seinem ursprünglichen Standpunkt abgewichen sei („klang der frischgebackene Außenminister ganz anders“): „Wir Griechen waren dabei im Mainstream, wir sind nicht der böse Junge gewesen.“

Funktion des Beitrags:

a) Der Beitrag ist ein aussagekräftiges Beispiel für Aufmerksamkeitsmanagement durch Ablenkung (Red Herring): Die Tatsache, dass sich die EU auf die Verhängung neuer Wirtschaftssanktionen gegen Russland nicht einigen konnte, wird von der Korrespondentin als Minimalkonsens bezeichnet, der den Beleg dafür liefere, dass die EU trotz der „schrillen Töne“ der neuen griechischen Regierung „auch heute mit einer Stimme gesprochen“ habe.

Die letzte Kameraeinstellung zeigt dementsprechend als Symbolbild die wehende EU-Flagge, über der sich die Sonne durch eine Wolkendecke kämpft. Tatsächlich lautete die ursprüngliche Behauptung aber, dass sich die EU mit Ausnahme von Griechenland über die Verhängung neuer Wirtschaftssanktionen gegen Russland einig sei (vgl. Anmoderation Caren Miosga). Diese Behauptung wurde durch das Außenministertreffen aber widerlegt.

Die Dramaturgie des Tagesthemen-Beitrags folgt der politischen Inszenierung. Der deutsche Außenminister hatte in seinem oben zitierten Statement die Aufmerksamkeit gekonnt auf die Außenseiterrolle Griechenlands gelenkt und damit von der Frage abgelenkt, ob er selbst bzw. Deutschland überhaupt die Verhängung neuer Wirtschaftssanktionen gegen Russland befürwortet.

b) Der Beitrag ist auch ein anschauliches Beispiel für die Funktionsweise narrativer Persuasion. Die Aussage, dass der griechische Außenminister von seinen Kollegen „kräftig ins Gebet genommen wurde“ und daraufhin seine Meinung ändert, läuft zwar dem journalistischen Faktizitätsanspruch zuwider, ist aber dramaturgisch gesehen zwingende Voraussetzung für die bezweckte Läuterung (Katharsis):

„Unter Katharsis ist nicht die des Helden gemeint, sondern die des Zuschauers. […]. Auch beim Drama lernt der Zuschauer aus den Fehlern des Helden nämlich“, [91] erklärt der Storytelling-Trainer der ARD.ZDF Medienakademie Christian Friedl in seinem Ratgeber „Hollywood im journalistischen Alltag“.

Die Lernpsychologie bezeichnet diesen Vorgang als Lernen am Modell oder Beobachtungslernen (Albert Bandura). In diesem Fall lernt der Zuschauer: „Quertreiber waren und sind in der EU-Außenpolitik und -wirkung nicht erwünscht.“ (Bandwagon-Argument, s. o.). Mit dieser Moral von der Geschicht‘ beendet Korrespondentin Mira Barthelmann ihren sich in denselben Tagesthemen anschließenden Beitrag über die Reaktion der EU auf die griechisch-russischen Beziehungen.

Anhand des Minidramas über das Außenministertreffen lernt der Zuschauer gleichzeitig eine als erfolgreich dargestellte Lösungsmöglichkeit für den aktuellen Konflikt mit Griechenland: Griechenland muss diszipliniert werden („kräftig ins Gebet genommen“). Das verdeutlicht dann auch Korrespondent Rolf-Dieter Krause dem Zuschauer in seinem abschließenden Kommentar derselben Tagesthemen:

kühl und hart
Dass aus Europa kein großes Griechenland wird, das müsse man Griechenland „jetzt ganz schnell klarmachen. Freundlich, aber bestimmt und notfalls auch ganz kühl und hart.“

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[82] Simon Sturm: Digitales Storytelling. Eine Einführung in neue Formen des Qualitätsjournalismus, Wiesbaden 2013, S. 35.
[83] Tagesthemen vom 29.01.2015. In der Mediathek gelöscht, auf YouTube verfügbar.
[84] N-tv: Steinmeier warnt vor Folgen der Sanktionen, 19.12.2014.
[85] Frankfurter Allgemeine Zeitung: Gabriel warnt vor Destabilisierung Russlands, 04.01.2015.
[86] Reuters (Nachrichtenagentur): EU-Außenminister ringen mit Athen um Russland-Politik, 29.01.2015.
[87] Reuters (Nachrichtenagentur): EU wins Greek backing to extend Russia sanctions, delay decision on new steps, 29.01.2015.
[88] Karl N. Renner: Journalistische Wirklichkeitserzählungen und fotografische Bilder, in: DIEGESIS 2, H. 2/ 2013.
[89] Ebd.
[90] Euronews: EU extends Russian Sanctions, 29.01.2015.
[91] Christian Friedl: Hollywood im journalistischen Alltag, Wiesbaden, 2013, S. 204

Kapitel 5 Ein Jungenstreich-Troika adé

Grinse

Analytischer Teil: Es war einmal…

5 Die Geschichte eines Jungenstreichs: Der Trickster lacht sich ins Fäustchen – Troikakontrolle adé

Tagesschau vom 30.01.2015 [92]

Im folgenden Beitrag wird besonders gut deutlich, wie Bild und Off-Text zu einem narrativen Zusammenhang gefügt werden, der Wirklichkeit neu konstruiert.

Schauplatz: Athen.
Datum: 30.01.2015
Die Kontrahenten: der Chef der Eurogruppe Jeroen Dijsselbloem und Yanis Varoufakis, der neue griechische Finanzminister.

Der Konflikt (1. Akt): Griechenland plant heimlich einen Streich („ausgeheckt“), den der Chef der Eurogruppe in Erfahrung bringen will.
Der Höhepunkt des Mini-Dramas (2. Akt): Ein „Affront“: Griechenland lehnt die Zusammenarbeit mit der Troika ab.

Die Konsequenz (3. Akt) formuliert die Korrespondentin am Ende des Beitrags in Form eines Problems/Ausblicks: „Ohne Troika – keine neue Kredittranche“.

Es folgt die Analyse des Höhepunkts („der Affront“).

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„Die Stunde der Wahrheit schlägt im Schnitt“
Ausschreibung zum Seminar „Cut, Content + Energy: Dramaturgie durch Montage“, ARD.ZDF Medienakademie [93]

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Ende des 1. Aktes
Mira Barthelmann (BR)/Off: […] Der Chef der Eurogruppe war vor allem gespannt auf die Zukunftspläne, die derzeit im griechischen Finanzministerium ausgeheckt werden.
2. Akt
Das Zusammentreffen mit Yanis Varoufakis endete mit einem Affront:
Yanis Varoufakis/On: Unsere Regierung wird mit größtem Engagement mit der Eurozone, der EU und dem IWF zusammenarbeiten, aber mit der Troika, die ein Programm umsetzen will, dessen Idee wir als antieuropäisch betrachten, die auch das europäische Parlament für nicht demokratisch legitimiert hält, wollen wir nicht zusammenarbeiten.
ausgeheckt
Mira Barthelmann/Off: Die Troika – entsandt von der EZB, IWF und der EU-Kommission: Sie kontrolliert in Griechenland seit 2010 den Reformwillen und die Einhaltung der Sparvorgaben in Griechenland. […].

Fakten und Analyse:

Schlüsselbild: Sich angeblich ins Fäustchen lachender Varoufakis
Schlüsselwörter: ausgeheckt (Assoziationen: heimlich, im Verborgenen, frech, listig, einen Streich/Unerwünschtes vorbereiten), Affront, Troika kontrolliert

Dekontextualisierung/ Auslassung:

Dem Zuschauer wird ein zum Verständnis von Yanis Varoufakis‘ Aussage unbedingt notwendiger Kontext aus dem Jahr 2014 vorenthalten:

„EU-Parlament will Troika abschaffen – Sparen statt Wachstum, zu viel Diktat, zu wenig Transparenz: Das EU-Parlament übte scharfe Kritik an der Geldgeber-Troika […] Das Dreier-Gremium soll abgeschafft werden.“ [94]

In dem im Jahr 2014 verabschiedeten Untersuchungsbericht kritisiert das EU-Parlament die unzureichende juristische und demokratische Legitimation der Troika. Weiterhin wurde u.a. kritisiert, dass das Gremium einseitig auf Sparmaßnahmen gesetzt und damit Wirtschaftsimpulse vernachlässigt habe. Der Bericht plädiert für eine Abschaffung der Troika.

Retextualisierung/Reframing:

Stattdessen wird Varoufakis‘ Aussage folgendermaßen eingeordnet:

a) Die Absage an die Zusammenarbeit mit der Troika sei im Finanzministerium „ausgeheckt“ worden.
b) Die Ablehnung der Zusammenarbeit mit der Troika wird als „Affront“ bezeichnet.
c) Die Troika wird als reines Kontrollgremium charakterisiert: „Die Troika kontrolliert […] den Reformwillen und die Einhaltung der Sparvorgaben in Griechenland.“
d) Die Videoaufnahme von der Pressekonferenz dokumentiert einen sich unmittelbar nach seiner Aussage ins Fäustchen lachenden Yanis Varoufakis.

„Die hierzulande weitgehend unkritische Darstellung der Troika-Institutionen als solche, die einfach nur die Einhaltung von bereits ausgehandelten Verträgen überwachen, sorgt dafür, dass jeder ihr Widersprechende automatisch als Vertragsbrecher wahrgenommen werden muss.“ [95]
(Michalis Pantelouris, siehe zur weiteren Einordnung auch die Dokumentation „Macht ohne Kontrolle“ von Harald Schumann [96]).

Als „fallacy of Misleading Accent“ bezeichnet der Philosoph T. Edward Damer die Strategie, jemanden zu einer unberechtigten Schlussfolgerung zu verleiten, „indem man eine unsachgemäße oder unübliche Betonung/Gewichtung auf ein Wort, eine Phrase oder einen einzelnen Aspekt eines Themas oder einer Behauptung“ [97] legt.

Durch die Dramaturgie des Beitrags wird der Eindruck erweckt, dass Griechenland sich durch einen Trick bzw. Jungenstreich der Kontrolle seines Reformwillens entziehen wolle (irreführende Akzentuierung). Von Varoufakis‘ Kritik an der Troika als „antidemokratisch“ und seinem Hinweis auf den Untersuchungsbericht des EU-Parlaments wird damit sofort abgelenkt (Red Herring) durch einen Gegenangriff (Rapid Response), der nicht nur die Reformwilligkeit Griechenlands, sondern erneut die Vertrauenswürdigkeit des griechischen Finanzministers in Zweifel zieht (ad hominem/innuendo).

Die Rekontextualisierung erfolgt dabei vor allem durch die Verwendung der Begriffe „aushecken“ und „Affront“ sowie den manipulativen Einsatz einer Montagetechnik, die dem Zuschauer vorspiegelt, Yanis Varoufakis habe sich unmittelbar nach Bekanntgabe seines ausgeheckten Troika-Streiches in der Pressekonferenz öffentlich ins Fäustchen gelacht. Durch eine solche sinnstiftende Montage wird ein Ursache-(Troika-Absage) Folge- (triumphierendes Grinsen) Zusammenhang konstruiert (Kausalschnitt).

Yanis Varoufakis/On: Aber mit der Troika […]
ausgehecktwollen wir nicht zusammenarbeiten.

„Die Stunde der Wahrheit schlägt im Schnitt“, heißt es in der Seminarausschreibung der ARD.ZDF Medienakademie zum Thema „Dramaturgie durch Montage“ und „[…] jedes Detail beeinflusst das Zusammenspiel von Information und Emotion.“

Das ungeschnittene Ausgangsmaterial beweist: Yanis Varoufakis lacht nicht nach seiner Troika-Aussage. Deutlich ist zu sehen, dass er danach auf eine Stellungnahme von Jeroen Dijsselbloem wartet, sich wundert, dass diese ausbleibt, mit einer Geste freundlich bedeutet, sich zu äußern, und dann, als er sich bewusst wird, dass Jeroen Dijsselbloem ja – nicht griechisch sprechend – erst noch das Ende der Übersetzung abwarten muss, erst dann lacht Varoufakis, offenbar verlegen über die eigene Ungeduld. [98]
Varoufilm

Visuelle Manipulation ist sehr wirkmächtig, da Bilder – abgesehen von ihrer Emotionalisierungsfunktion – in besonderem Maße auch als Authentizitätsnachweise gelten („Augenzeugenillusion“) und damit dem Glaubwürdigkeitsanspruch – vor allem von Fernsehjournalismus – dienen.

Bildern wird „wie keinem anderen Medium eine verlässliche und nachhaltige Dokumentationsleistung zugeschrieben. Sie zeigen uns detailgetreu Szenen aus aller Welt, bringen uns sozusagen Eindrücke der Welt ins Wohnzimmer. Journalistische Bilder werden dabei als ‚Zeugen‘ einer Situation, als ‚wahr‘ und ‚objektiv‘ gesehen. Teilweise wird ihnen – im Sinne von ‚Sehen ist glauben‘ – sogar mehr Glauben geschenkt als dem gedruckten journalistischen Bericht“. [99]

Dieses Beispiel zeigt anschaulich, durch welche dramaturgischen Mittel im Storytelling nicht-fiktionale Figuren „gezeichnet“ werden können. Eine bloße Momentaufnahme eines lachenden Gesichtsausdrucks, dramaturgisch instrumentalisiert als mimischer Ausdruck der Provokation, wird zum augenfälligen Beweis der vermeintlichen Chuzpe der Syriza-Regierung.

Wie das Motorrad, die Lederjacke oder die fehlende Krawatte wird das „Trickster-Grinsen“ zu einem, auch visuell dargestellten, Leitmotiv der Berichterstattung über die neue griechische Regierung. Diese medial vermittelten Wahrnehmungs- und Beurteilungskategorien stellen innerhalb des Erwachsenen-Teenager-Frames ein wesentliches Element des medial vermittelten Images der Syriza-Regierung dar:

„Die griechische Regierung handelt wie ein unberechenbarer Teenager. Sie provoziert, bricht Spielregeln und hat dazu noch ein freches Grinsen“ – so ARD-Korrespondentin Angela Ulrich einige Monate später in einem Kommentar. [100]
bricht Spielregeln
Bereits im Beitrag zum Außenministertreffen wurde im Rahmen des Erwachsenen-Teenager-Frames der „querschießende“ Außenminister als gut gelaunt charakterisiert.
Aufgeräumter
Hier ein weiteres Beispiel für die Funktionsweise dieser indirekten Form der Charakterisierung:
Tsipras provoziert die EU

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[92] Tagesschau 30.01.2015.
[93] Ausschreibung zum Seminar „Cut, Content + Energy: Dramaturgie durch Montage“, ARD.ZDF Medienakademie.
[94] Süddeutsche Zeitung: EU-Parlament will Troika abschaffen, 13.03.2014.
[95] Michalis Pantelouris: Vom Mythos der technischen Institution. Michalis Pantelouris [Weblog], 05.04.2015.
[96] Harald Schumann: Troika. Macht ohne Kontrolle, in: Der Tagesspiegel, 24.02.2015.
[97] T. Edward Damer: a.a.O., S. 135.
[98] Yanis Varoufakis: Pressekonferenz vom 30.01.2015.
[99] Katharina Lobinger: Welche Rolle spielen Bilder in der Medienberichterstattung? In: Fragen. Antworten, 50 Jahre DGPUK, 2013, S. 18-19.
[100] Angela Ulrich: Rettet Griechenland, auch wenn es weh tut. Artikel-Version des Kommentars vom 08.07.2015. Von der ARD gelöscht.

Kapitel 6 – Die Geschichte vom Jungenstreich geht weiter

Lachen1

Analytischer Teil: Es war einmal…

6 Die Geschichte vom Jungenstreich geht weiter: Wer zuletzt lacht, lacht am besten – und hat die Lacher auf seiner Seite

Tagesthemen vom 30.01.2015 [101]

In den Tagesthemen wird dem griechischen Finanzminister explizit die Motivation in den Mund gelegt, sich einer Kontrolle des Reformwillens durch die Troika entziehen zu wollen (irreführende Akzentuierung).

Dabei wird auch die journalistische Schreibregel verletzt, dass der indirekten Rede „wie im Grunde jeder indirekten Wiedergabe nicht entgegen der Intention des Redners eigenes Wortmaterial unterlegt werden“ [102] darf:

Ellen Trapp/Off: Varoufakis gibt sich wieder cool, erklärt, dass zukünftig keine Kontrolleure von EU, EZB und IWF mehr die Reformen der Regierung überwachen dürfen […].

Die Korrespondentin übernimmt die Rolle eines allwissenden Erzählers, der seine Figuren kommentiert und über deren Gedanken- bzw. Gefühlswelt Auskunft gibt.

An der ironisch-spöttischen Erzählhaltung gegenüber Yanis Varoufakis wird die Darstellung der eigenen Dominanz durch die Herabwürdigung des politischen Gegners deutlich.

„Das ist der griechische Finanzminister – ganz schön cool [Anm.: ironisch-spöttisch] unterwegs, kurz bevor er sich mit dem Chef der Eurogruppe trifft […].
Motorad
Zum Lachen ist nur einem zumute.
Lachen1
Der andere findet in Athen gar nichts mehr witzig.
Lachen4
Varoufakis gibt sich wieder cool, erklärt, dass zukünftig keine Kontrolleure […] mehr die Reformen der Regierung überwachen dürfen […].“
cool V
Yanis Varoufakis/On: Unsere Regierung wird mit größtem Engagement mit der Eurozone, der EU und dem IWF zusammenarbeiten, aber mit der Troika, die ein Programm umsetzen will, dessen Idee wir als antieuropäisch betrachten, die auch das europäische Parlament für nicht demokratisch legitimiert hält, wollen wir nicht zusammenarbeiten.

Fakten und Analyse

Schlüsselbilder: Motorrad fahrender Finanzminister, lachender Gesichtsausdruck von Yanis Varoufakis und Lächeln von Jeroen Dijsselbloem
Schlüsselwörter: ganz schön cool, gibt sich wieder cool, Kontrolleure, überwachen

Dekontextualisierung/Auslassung

Wie zuvor in der Tagesschau, unterbleibt auch in den Tagesthemen eine Einordnung der argumentativen Aussage von Yanis Varoufakis. Dem Zuschauer wird ein zum Verständnis seiner Aussage notwendiger Kontext vorenthalten:
In einem 2014 verabschiedeten Untersuchungsbericht kritisiert das EU-Parlament die unzureichende juristische und demokratische Legitimation der Troika. Weiterhin wurde u.a. kritisiert, dass das Gremium einseitig auf Sparmaßnahmen gesetzt und damit Wirtschaftsimpulse vernachlässigt habe. Der Bericht plädiert für eine Abschaffung der Troika.

Rekontextualisierung/Reframing

a) Wie die Tagesschau durch den Begriff „aushecken“ und die visuelle Hervorhebung eines sich angeblich amüsierenden Yanis Varoufakis Assoziationen zum frechen Streichespielen Minderjähriger aktiviert hatte,
(re-)kontextualisiert auch Korrespondentin Ellen Trapp durch das Zusammenspiel von Off-Text und Bild-Erzählen die Entscheidung des griechischen Finanzministers als freches Teenagerverhalten, in dem sich auch das Trickster-Motiv erneut widerspiegelt.

Der Erwachsenen-Teenager-Frame wird v.a. durch die zweimalige Verwendung des Begriffs ‚cool‘ aktiviert („ganz schön cool“ und „gibt sich cool“), das Zeigen einer ca. 14 Sekunden lang andauernden Videosequenz, die den griechischen Finanzminister beim Motorradfahren zeigt (visuelles Framing),
sowie durch die Varoufakis in den Mund gelegte Absicht, sich der Kontrolle seiner Pflichten entziehen zu wollen („keine Kontrolleure“, „überwachen dürfen“).

Erneut wird eine Momentaufnahme eines lachenden Gesichtsausdrucks dramaturgisch als mimischer Ausdruck der Provokation rekontextualisiert (visuelles Framing). Die Übergänge zwischen Symbolbild und dokumentarischem Bild sind dabei fließend.

b) Mit Yanis Varoufakis‘ Absage an die Zusammenarbeit mit der Troika endet in Wirklichkeit die Pressekonferenz, wie die ungeschnittene Aufnahme der Pressekonferenz beweist [103].

Doch die Dramaturgie der Tagesthemen sieht ein anderes Ende vor: eine überraschende Pointe. Durch Videomontage führen die Tagesthemen die Geschichte weiter, so dass der Chef der Eurogruppe das letzte Wort zu haben scheint.

Während der Film die Fortsetzung der Pressekonferenz vorspiegelt, informiert die Korrespondentin über den griechischen Wunsch nach einer Schuldenkonferenz. Jeroen Dijsselbloems dann im O-Ton gezeigte Ablehnung einer Schuldenkonferenz erscheint wie ein schlagfertiger Konter auf Varoufakis‘ Absage an die Troika: eine Art Zurechtweisung des übermütigen Teenagers.

Tatsächlich hatte Jeroen Dijsselbloem diese Aussage als Antwort auf die Frage eines Journalisten aber VOR Varoufakis‘ Äußerung getroffen. Dijsselbloem spricht hier nicht Yanis Varoufakis an, sondern eben diesen Journalisten.

Ellen Trapp/Off: ‚Nein‘ sagen kann aber auch der Eurogruppen-Chef.
Dijsselbloem2
Jeroen Dijsselbloem/On: Zum Wunsch einer Schuldenkonferenz müssen Sie erkennen, dass diese Konferenz bereits existiert. Sie heißt Eurogruppe.

Aber Jeroen Dijsselbloem lacht nicht nur dank der Tagesthemen-Dramaturgie zuletzt, er scheint mit seiner Pointe auch die Lacher auf seiner Seite zu haben: Da die ARD die Übersetzung seiner Aussage frühzeitig enden lässt, kann der Zuschauer kurz Beifallgelächter aus dem „Publikum“ der Journalisten hören.

„Selbst kleinste Veränderungen in der Darstellung, z.B. das Zeigen oder Nichtzeigen von Nervosität, Zoomen auf einen Sprecher, das Einschneiden von positiven oder negativen Publikumsreaktionen kreieren beim Publikum verschiedene Eindrücke einer Person […]. Die Möglichkeiten des Fernsehens, mit Hilfe von Darstellungstechniken Images von Politikern zu beeinflussen, sind praktisch unbegrenzt.“ [104]

Ob die Tonspur an dieser Stelle nachbearbeitet worden ist, bleibt unklar. Fest steht: Weder in der Aufnahme von ZDF-heute [105] noch in der ungeschnittenen Aufnahme der Pressekonferenz sind akustische Signale von derartiger Lautstärke unmittelbar nach Jeroen Dijsselbloems Aussage zu hören.

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[101] Tagesthemen 30.01.2015.
[102] Josef Kurz, Daniel Müller u.a. [Hg.]: a.a.O.
[103] Yanis Varoufakis. Pressekonferenz vom 30.01.2015.
[104] Wolfgang Donsbach: a.a.O.
[105] ZDF-heute vom 30.01.2015.

Fortsetzung folgt am 16.08.2016

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Greek Myths 1-3

Blitz Miosga

Kapitel 1 – Das ernste Spiel (I) – linker Ministerpräsident provoziert die Götter

Storytelling in der ARD-Griechenlandberichterstattung 2015 – was bisher geschah…
Vorwort: Storytelling – die Kunst, Geschichten zu erzählen
Kapitel 1 – Das Trojanische Pferd
Kapitel 2 – Über griechische Helden, Märchen und Mythen
Kapitel 3 – Was Orwell nicht wusste
Kapitel 4 – Die Konstruktion wünschenswerter Welten
Kapitel 5 – The Hidden Persuaders

„Lügenfernsehen. So manche scheinbar wahre Fernseh-Geschichte ist in Wirklichkeit frei erfunden, wie zahlreiche Beispiele zeigen.“
Anja Reschke (ARD) über das Privatfernsehen, 2011

Analytischer Teil: Es war einmal…

1 Die Geschichte vom ernsten Spiel (Teil I) – linker Ministerpräsident macht Ernst und provoziert die Götter

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„Storytelling heißt, ein Gefühl für starke Symbole zu entwickeln, für die Zeichensprache, mit der unser Unbewusstes das Komplexe reduziert.“
(Werner Fuchs: Warum das Gehirn Geschichten liebt: Mit Storytelling Menschen gewinnen und überzeugen) [73]

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Tagesthemen vom 28.01.2015 [74]

Die ersten Ankündigungen der neuen griechischen Regierung werden in der Erzählstruktur der sog. Oxymoron-Technik dargestellt, d. h. durch die Kontrastierung zweier sich widersprechender Begriffe. Erzählt wird die Geschichte vom „ernsten Spiel“ der neuen griechischen Regierung am Beispiel ihrer Ankündigung, angeblich 10.000 Bedienstete des öffentlichen Sektors wieder einstellen zu wollen.

Der erste Teil des Filmbeitrags zeigt die Ankündigungen der Syriza-Regierung als ernste Provokation: Sie will „Putzfrauen“ wieder in den Staatsdienst einstellen. Die Finanzierung bleibe allerdings „ein Rätsel“.
Mit der durch den Begriff „Rätsel“ geschaffenen Leerstelle leitet die Korrespondentin über zum zweiten Teil des Beitrags (s. Geschichte 2), in dem das „Rätsel“ um die Finanzierung gelöst wird: Der neue griechische Finanzminister wird als Spieler vorgestellt im Milliardenpoker mit den europäischen Kreditgebern.

Caren Miosga (WDR): „Was Zeichen von oben angeht, da soll man ja eigentlich vorsichtig sein.
Blitz Miosga
Aber was war denn dieser Blitz, der am Tag nach der Wahl im Zentrum von Athen in der Nähe des Parlaments einschlug, anderes als ein Symbol aus dem Himmel? Nun macht es täglich Rumms in Griechenland, denn der linke Ministerpräsident macht wohl Ernst mit seinen Wahlversprechen. Privatisierungen stoppen, entlassene Beamte wieder einstellen, sich nicht mehr den Geldgebern aus der EU unterwerfen. Und obwohl man sich äußerlich in Brüssel noch gelassen gibt, […] liegt auch dort ein Gewitter in der Luft.

Mira Barthelmann (WDR)/Off: Despina Kostopoulou protestiert seit 8 Monaten tagtäglich vor dem Athener Finanzministerium.
Putzfrau
Sie ist Putzfrau. Eine ehemalige Staatsangestellte. Vor 1,5 Jahren wurde sie entlassen. Im Wahlkampf hatte das Links-Bündnis Syriza versprochen, sie und ihre Kolleginnen wieder einzustellen […].
Und es sieht ganz danach aus, als ob Alexis Tsipras Ernst macht. Er will 10.000 Staatsbedienstete wieder einstellen.
Sein 4-Punkte-Programm: eine lange Liste voller Verheißungen.
Doch wie die neue Regierung sie finanzieren will, bleibt auch heute ein Rätsel.

Fakten und Analyse:

Schlüsselbild: Blitzeinschlag in Athen
Schlüsselworte: Blitzeinschlag in Athen als Symbol des Himmels (Assoziationen: Zorn des Göttervaters Zeus, Bedrohlichkeit), Rumms, Ernst machen, drohendes Gewitter in Brüssel, Wahlversprechen, Verheißungen, Putzfrau vs. Beamte/ehemalige Staatsangestellte, Rätsel

Falschinformationen:

a) Zur angeblich rätselhaften Finanzierung:

Auf der der ARD bekannten Pressekonferenz, die derselbe Tagesthemen-Beitrag in einem anderen Ausschnitt zeigt (s. Geschichte 2), kündigt Yanis Varoufakis Ausgabenkürzungen in seinem eigenen Ministerium an, um die Wiedereinstellung der Reinigungskräfte zu ermöglichen.

„He said, change in this direction will begin at the ministry itself, where one of the first moves will aim to save funds by reducing spending on advisors, associates and others, which will allow the ministry to rehire laid-off cleaning staff.“ [75]

b) Zur angeblichen Gesamtzahl der wieder Einzustellenden:

Nicht 10.000, sondern bis zu 3.500 Personen (Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes, darunter auch die im Beitrag gezeigten Reinigungskräfte) sollten wieder eingestellt werden, kündigte Verwaltungsminister Giorgos Katroungalos am 29. Januar 2015 in einem Interview mit Skai-TV an. [76] Am 28. Januar 2015 war noch gar keine Zahl genannt worden.

Mit Bekanntgabe der Gesamtzahl der Wiedereinstellungen legte Giorgos Katroungalos zugleich die weitere Finanzierung offen:

So werde sich die noch von der Vorgängerregierung für den Haushalt 2015 bereits beschlossene Zahl der Neueinstellungen um die eben genannte Zahl verringern. (Die Zahl der Neueinstellungen war mit der Troika abgesprochen: für je 5 Ausgeschiedene 1 Neueinstellung)

c) Zur Behauptung, dass es angeblich ein Rätsel bleibe, wie die griechische Regierung ihr 4-Punkte-Programm „finanzieren will“: Die Finanzierungspläne des 4-Punkte-Programms (Thessaloniki-Programm der Syriza) waren seit September 2014 kein „Rätsel“: Mehreinnahmen u.a. durch Wirtschaftswachstum (infolge von Investitionen), Bekämpfung von Steuerhinterziehung, Einführung einer Vermögenssteuer, Anpassung der Steuerkurve. [77]

Dekontextualisierung/Auslassung:

Dem Zuschauer fehlt der Kontext zum Verständnis der angekündigten Wiedereinstellung der Reinigungskräfte: Die neue griechische Regierung folgte hiermit einem Gerichtsurteil aus dem Jahr 2014, wonach die Bediensteten gesetzeswidrig entlassen worden waren. In seinem Urteil hatte das Gericht u. a. auch kritisiert, dass die anstelle der als Sparmaßnahme entlassenen Reinigungskräfte in Anspruch genommenen privaten Anbieter sehr viel teurer waren. [78] Auf dieses Gerichtsurteil bezieht sich Despina Kostopoulou am Ende des Beitrags: „Wir haben unser Recht bekommen“ (s. Geschichte 2).

Rekontextualisierung/Reframing

Mit dem Hinweis auf das drohende Donnerwetter der Geldgeber, denen sich die neue griechische Regierung „nicht mehr unterwerfen“ will, ruft die Moderatorin den Erwachsenen-Teenager-Frame (vgl. Lakoff: Strenger-Vater-Familien-Frame) auf. Dass die neue griechische Regierung „Ernst macht“ (gleicher Wortlaut in Anmoderation und Off-Kommentar) mit ihren Wahlversprechen, wird im Kontext des symbolisch gedeuteten Blitzeinschlags („Rumms“), des drohenden „Gewitter[s]“ in Brüssel und der angeblich rätselhaften Finanzierung der Reformen („Verheißungen“) als ernste Provokation gegenüber den „Geldgeber[n]“ dargestellt.

Sprachlich wird diese Provokation auch durch die Kontrastierung der Begriffe ‚Putzfrau‘ auf der einen Seite sowie ‚Beamte’/’Staatsangestellte’/’Staatsbedienstete‘ auf der anderen Seite verdeutlicht. Hierdurch wird an das Vorwissen der Zuschauer vom „aufgeblähten Beamtenapparat“ in Griechenland angeknüpft. Die in Deutschland als „Staatsangestellte“ tätigen Reinigungskräfte werden üblicherweise Angestellte im öffentlichen Dienst genannt. Dagegen spricht Caren Miosga in ihrer Anmoderation sogar ausschließlich von der Wiedereinstellung von „Beamte[n]“. Provokativ setzt der Beitrag dann mit der „Putzfrau“ Despina Kostopoulou ein.

Auch in den Tagesthemen des darauffolgenden Tages wird die Moderatorin im Interview mit Martin Schulz behaupten, es gehe um „Tausende, Zehntausende [sic] neue [sic] Beamte“, und dabei im selben Atemzug die Summe der angekündigten Wiedereinstellungen sachwidrig ein weiteres Mal um ein Vielfaches erhöhen.

Eine Korrektur all dieser Falschmeldungen fand nicht statt.

Der vollständige kommunikative Sinn erschließt sich bereits an dieser Stelle durch die Berücksichtigung des situativen, hier politisch-wirtschaftlichen Kontextes des Beitrags (hochverschuldetes Griechenland braucht Milliarden). Die Implikatur bzw. der Sub-Text lautet:

Deutsche Steuerzahler sollen für Wahlgeschenke, konkret: für einen aufgeblähten Beamtenapparat, aufkommen.
Explizit wird dies nur einen Tag später ARD-Korrespondent Rolf-Dieter Krause (WDR) in seinem Kommentar formulieren:

Krause 29.01.2015
„Arbeiter und Angestellte in Europa sollen also dafür einstehen, dass in Griechenland ein eh schon aufgeblähter Beamtenapparat noch weiter aufgebläht wird.“

Und zwei Wochen später noch einmal (Tagesthemen vom 17.02.2015):
Krause 17.02.2015
„Wieso eigentlich sollten die Aldi-Kassiererin und der Realschullehrer, also die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen, mit ihren Steuern dafür einstehen, dass Griechenlands aufgeblähter Beamtenapparat noch weiter vergrößert wird? – Das ist es, was Athen will.“

Die Rhetorik des ARD-Korrespondenten entspricht der Rhetorik der Bundesregierung. Als Beispiel sei der Vizekanzler zitiert:

„Wir werden nicht die überzogenen Wahlversprechen einer zum Teil kommunistischen Regierung durch die deutschen Arbeitnehmer und ihre Familien bezahlen lassen.“
(Sigmar Gabriel am 14.06.2015)

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[73] Werner T. Fuchs: Warum das Gehirn Geschichten liebt. Mit Storytelling Menschen gewinnen und überzeugen, Freiburg 2015, S. 49.
[74] Tagesthemen 28.01.2015.
[75] Ana-mpa (griechische Nachrichtenagentur), 28.01.2015.
[76] Ekathimerini: Tsipras won’t act unilaterally, 29.01.2015.
[77] Syriza: Thessaloniki-Programm, September 2014.
[78] Wassilis Aswestopoulos: Der Aufstand der Putzfrauen, in: Telepolis, 18.06.2014.

Kapitel 2 – Das ernste Spiel (II) – das Spiel des Tricksters

Varou4

Analytischer Teil: Es war einmal…

2 Die Geschichte vom ernsten Spiel (Teil II) – das Spiel des Tricksters um Milliarden beginnt…

Fortsetzung der Tagesthemen vom 28. Januar 2015

Der zweite Teil des Beitrags gibt dem Zuschauer die notwendigen Informationen, um die mit dem Begriff (Finanzierungs-)“Rätsel“ geschaffene Leerstelle zu füllen. Die durch contextomy erzeugte Widersprüchlichkeit in den Aussagen des griechischen Finanzministers wird ihn als taktischen, unehrlichen Spieler im Kampf um Milliarden entlarven (Strohmann, ad hominem/Innuendo). Der O-Ton aus der Pressekonferenz dient dabei als „Wahrheitsbeweis“ bzw. Authentizitätsnachweis.

Der Nachweis von Scheinwidersprüchen in den Aussagen eines Kontrahenten ist ein gängiges Mittel, seine Glaubwürdigkeit zu untergraben.

„Bei einer Behauptung des Gegners müssen wir suchen, ob sie nicht etwa irgendwie, nötigenfalls auch nur scheinbar im Widerspruch steht mit irgendetwas anderem, was er früher gesagt oder zugegeben hat […] oder mit seinem eigenen Tun und Lassen. […]. Es wird sich doch irgendwie eine Schikane herausklauben lassen.“ (Schopenhauer, Eristische Dialektik oder die Kunst, Recht zu behalten, Kunstgriff 16, Schikane herausklauben) [79]

Mira Barthelmann/Off: […] Doch wie die neue Regierung sie finanzieren will, bleibt auch heute ein Rätsel.
Varou1
Der neue Finanzminister, Autor mehrerer Bücher über die Spieltheorie, lässt die Würfel jeden Tag neu fallen: Kürzlich noch bezeichnete er die Sparpolitik und den Umgang Europas mit Griechenland als finanzielles Waterboarding –
Varou2
Heute spricht er von Griechenlands ‚europäischen Partnern‘ und bedauert, dass so viele Milliarden an EU-Hilfszahlungen in schwarzen Löchern verschwunden seien. Yanis Varoufakis weiß, dass in einem Monat das letzte Hilfspaket aus Brüssel ausläuft.
Varou3
Yanis Varoufakis/On: Ich hatte vorausgesagt, dass die harschen Töne aus dem Ausland, diese Drohkulisse, die Verunsicherung des griechischen Durchschnittswählers […] der Vernunft, der Bereitschaft zur Zusammenarbeit weichen würde.
Off: Wie weit wird Varoufakis gehen?
Ist der Spieltheoretiker ein Player?[…]

Fakten und Analyse:

Schlüsselbilder: Yanis Varoufakis im Blitzlichtgewitter, Athen bei Nacht (Rückbezug zum Hintergrundbild der Moderation)
Schlüsselwörter: Spieltheorie, lässt Würfel jeden Tag neu fallen, Spieltheoretiker, Player, sein Einsatz … ist hoch, verspielen

Dekontextualisierung:

Der zum Verständnis von Varoufakis‘ Aussage über „schwarze Löcher“ unbedingt notwendige Kontext wird ausgespart:

Die von Yanis Varoufakis auch in den folgenden Monaten regelmäßig verwendete Metapher „schwarze Löcher“ spiegelt seine Kritik wider, die Kredite seien hauptsächlich zur Bankenrettung, in den Finanzsektor geflossen und größtenteils nicht in Griechenland als Hilfe zum Wirtschaftsaufbau verwendet worden. Varoufakis‘ Kritik an den „schwarzen Löchern“ ist also Teil seiner Kritik an dem seiner Auffassung nach zerstörerischen, weil rezessionsverursachenden Troikaprogramm, das zu einem Schuldenkreislauf führe.

Rekontextualisierung/Reframing:

Varoufakis‘ Kritik an den „schwarzen Löchern“ wird von der ARD in einen falschen Kontext gestellt (contextomy), und zwar derart, dass der „Autor mehrerer Bücher zur Spieltheorie“, nachdem er „kürzlich noch“ der EU den Vorwurf des finanziellen Waterboardings gemacht hatte, „heute“ nun angeblich im Widerspruch dazu („lässt Würfel jeden Tag neu fallen“) „bedauert“, dass „so viele Milliarden der EU-Hilfszahlungen“ in Griechenland „verschwunden“ seien.

Aus dem gegebenen Kontext heraus kann der Zuschauer Varoufakis‘ Aussage über die „schwarzen Löcher“ nur auf Griechenland beziehen (gezielte Nutzung von Implikaturen) und als bedauerndes (Schuld-)Eingeständnis des griechischen Finanzministers interpretieren, das im Gegensatz steht zu seinem kürzlich vorgebrachten harschen Vorwurf gegen das Troikaprogramm („finanzielles Waterboarding“).

Das Motiv für die angebliche Verhaltensänderung des „Autor[s] mehrerer Bücher zur Spieltheorie“ gegenüber den „europäischen Partnern“ ist im Kontext der am selben Tag angekündigten angeblich unfinanzierten „Verheißungen“ (s. Geschichte 1) für den Zuschauer leicht als Strategie in einem Spiel um Milliarden deutbar.

„Varoufakis weiß, dass in einem Monat das letzte Hilfspaket aus Brüssel ausläuft“, so lautet die Deutungshilfe der Korrespondentin im Duktus eines allwissenden Erzählers.

Der nun folgende O-Ton aus der Pressekonferenz entlarvt Yanis Varoufakis endgültig als unehrlich:

„Ich hatte vorausgesagt, dass die harschen Töne aus dem Ausland, diese Drohkulisse, die Verunsicherung des griechischen Durchschnittswählers […] der Vernunft, der Bereitschaft zur Zusammenarbeit weichen würde.“

Der Zuschauer kann die „harschen Töne“ der Vergangenheit, die Varoufakis hier dem „Ausland“ zuschreibt, mangels kontextueller Einordnung nur auf Varoufakis‘ eigene „harsche Töne“
(rück-)beziehen: („finanzielles Waterboarding“). Seine Worte fallen wie ein Bumerang auf ihn selbst zurück.

Die logische Schlussfolgerung aus den (scheinbar) widersprüchlichen Aussagen des griechischen Finanzministers formuliert die Korrespondentin am Ende des Beitrags in Form einer Frage an die Zuschauer “ […] Ist der Spieltheoretiker ein Player?“. Dabei zeigt sie den griechischen Finanzminister inmitten eines Blitzlichtgewitters von Pressefotografen (Symbolbild).

Die Schlusssequenz vereint beide Teile des Oxymorons: den „Ernst“ der angeblich unfinanzierten Wiedereinstellung von angeblich 10.000 Staatsbediensteten mit dem angeblichen taktischen „Spiel“ des griechischen Finanzministers:

Mira Barthelmann/Off: Wie weit wird Varoufakis gehen? Ist der Spieltheoretiker ein Player?
Sein Einsatz, die 10.000 Staatsbediensteten wieder in den Dienst zu stellen, er ist hoch.
Varou4
Despina Kostopoulou fühlt sich nach all den Monaten des Protests jedenfalls bestätigt. Despina Kostopoulou/On: Wir haben unser Recht bekommen […].
Despina
Mira Barthelmann/Off: Die neue Regierung von Athen […] darf auf dem Weg zur Lösung der Schuldenkrise keine Zeit mehr verspielen.
Athen

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[79] Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik oder die Kunst, Recht zu behalten, Zürich 1985, S.44.

Kapitel 3 – Das ernste Spiel (III) – ein Profi fürs Zocken

Krause Mund offen

Analytischer Teil: Es war einmal…

3 Die Geschichte vom ernsten Spiel (Teil III) – der Trickster – ein Profi fürs Zocken auf allerhöchstem Niveau

Fortsetzung der Tagesthemen vom 28. Januar 2015

Im anschließenden Schaltgespräch liefert dann Korrespondent Rolf-Dieter Krause (WDR) explizit die Antwort auf die in der Schlusssequenz des vorangegangenen Beitrags gestellte Frage: „Ist der Spieltheoretiker ein Player?“: Varoufakis wird als „Profi für’s Zocken auf allerhöchstem Niveau“ dargestellt.

Mira Barthelmann (BR)/Off: Wie weit wird Varoufakis gehen? Ist der Spieltheoretiker ein Player? Sein Einsatz, die 10.000 Staatsbediensteten wieder in den Dienst zu stellen, ist hoch. […] Die neue Regierung darf zur Lösung der Schuldenkrise keine Zeit mehr verspielen. [Anm.: Die neue Regierung ist seit einem Tag im Amt, Vereidigung der Minister am 27.Januar 2015].

Caren Miosga (WDR) im Schaltgespräch: „[…] Rolf-Dieter Krause, ist man denn in Brüssel immer noch so gelassen […]?“
Krause
Rolf-Dieter Krause (WDR): „Naja, die Gelassenheit ist ein bisschen verflogen, in der Tat. Gerade dieser Finanzminister, der eben als Spieltheoretiker sozusagen ein Profi fürs Zocken auf allerhöchstem Niveau ist – sowohl in der Wirtschaft wie der Politik – der hat viele nachdenklich gemacht. Und es sieht so aus, als ob die neue Regierung wirklich mit einem sehr hohen Einsatz zockt. Sie deutet ja an, z.B. durch ihre Kritik an möglichen weiteren Sanktionen und ihren Widerstand dagegen – und das geht nur einstimmig -, dass sie ja vielleicht auch noch einen Plan B hat […] mit Russland zusammenzuspielen„.

Fakten und Analyse:

Schlüsselwörter: Spieltheoretiker, Profi fürs Zocken auf allerhöchstem Niveau, zockt mit hohem Einsatz, mit Russland zusammenspielen

Falschinformation:

“ […] Spieltheorie ist nicht etwa eine Anleitung fürs Spielcasino, sondern ein vor allem auf der Mathematik basierendes, auch in der Ökonomie verbreitetes Erkenntnisinstrument, bei dem komplexe Entscheidungssituationen mathematisch abgebildet werden. Der deutsche Spieltheoretiker Reinhard Selten hat für seine Leistungen auf dem Gebiet der Spieltheorie sogar den Wirtschaftsnobelpreis erhalten. Mit „Zocken“ – wie Krause meint – hat das nun wirklich nichts zu tun […].“ [80] (Wolfgang Lieb)

Bedeutungsreframing:

Hier wird eine Technik des negative campaigning angewandt: die Umkehrung von Stärken des politischen Kontrahenten in Schwächen – in diesem Fall durch eine semantische Umdeutung (Bedeutungsreframing): Die Stärke des griechischen Finanzministers, ein international anerkannter Wirtschaftswissenschaftler zu sein, dessen Expertise zu Ursachen und Lösungen der griechischen bzw. europäischen Wirtschaftskrise unter Experten auf weit mehr Beachtung stoßen dürfte als diejenige des Juristen Wolfgang Schäuble, wird argumentativ gegen ihn gerichtet. Yanis Varoufakis‘ Fachkompetenz wird unter semantischer Umdeutung des Begriffs „Spieltheorie“ umgemünzt in einen Mangel an Vertrauenswürdigkeit: „Zocker auf höchstem Niveau“ (ad hominem), den der Korrespondent in der oben zitierten Äußerung generalisierend auf die gesamte neue griechische Regierung überträgt („Und es sieht so aus, als ob die neue griechische Regierung wirklich mit einem sehr hohen Einsatz zockt. Sie deutet ja an, […] vielleicht mit Russland zusammenzuspielen“).

Dass diese Umdeutung nicht zufällig vom Korrespondenten geäußert wird, zeigt die feine semantische Abstimmung zwischen Schaltgespräch und vorangegangenem Beitrag von Mira Barthelmann (s. o.), in dem die Umdeutung begrifflich vorbereitet worden war: „Autor mehrerer Bücher zur Spieltheorie“, „lässt Würfel jeden Tag neu fallen“, Spieltheoretiker als „Player“, „hoher Einsatz“ sowie „verspielen“. Diese hohe framespezifische Metaphern-Dichte aus dem Wortfeld „Spielen“ zielt darauf ab, dass der Beitrag überwiegend auf der Gefühlsebene rezipiert wird.

Die diesbezügliche Beschwerde der Publikumskonferenz hat WDR-Intendant Tom Buhrow mit der Begründung abgelehnt, bei dem Ausdruck „Zocker auf allerhöchstem Niveau“ handele es sich nicht um Polemik, sondern um eine „pointierte Beschreibung“ der ersten Amtshandlungen von Yanis Varoufakis. Es sei „nicht Anliegen“ des Korrespondenten, „innerhalb der Tagesthemen eine wissenschaftliche Abhandlung zur Spieltheorie zu liefern.“ [81]

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[80] Wolfgang Lieb: Rubrik: Das Letzte, in: Nachdenkseiten, Hinweise des Tages, 29.01.2015.
[81] Tom Buhrow: Antwort auf die Programmbeschwerde der Publikumskonferenz zu den Tagesthemen vom 28.01.2015.

Fortsetzung folgt am 15.08.2016

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Kapitel 5 – The Hidden Persuaders

Titelbild

„Storytelling in der ARD-Griechenlandberichterstattung 2015“ – was bisher geschah…
Vorwort: Storytelling – die Kunst, Geschichten zu erzählen
Kapitel 1 – Das Trojanische Pferd
Kapitel 2 – Über griechische Helden, Märchen und Mythen
Kapitel 3 – Was Orwell nicht wusste
Kapitel 4 – Die Konstruktion wünschenswerter Welten

Allgemeiner Teil: Die Kunst, Geschichten zu erzählen

Kapitel 5 – The Hidden Persuaders – Techniken der verdeckten Argumentation

5.1 Verdeckte Argumentation durch die Erzählhaltung des Journalisten (Erzählerfigur): affirmativ-nah oder kritisch-distanziert

a) affirmativ-nah/identifikatorisch-empathisch: zur Bestätigung eines politischen Akteurs oder einer bestimmten politisch-gesellschaftlichen Position.

Beispiele aus den Tagesthemen vom 27.02.2015:

Caren Miosga: „Griechenland wird weiter Geld aus Europa bekommen. Dafür hat der Deutsche Bundestag heute mit überwältigender Mehrheit gestimmt. Aber – zwei Herzen, ach, in meiner Brust: Wolfgang Schäuble musste heute im Bundestag für ein verlängertes Hilfsprogramm werben, obwohl er sich über den mangelnden Reformwillen seines griechischen Kollegen mehrfach geärgert hat.“

Julia Krittian: „Es ist eine Rede, die ihm wahnsinnig schwerfällt, sagt Wolfgang Schäuble, der doch selten um ein Wort verlegen ist, sei es mahnend, werbend oder tosend. Heute muss er von allem etwas liefern. Athen habe viel Vertrauen zerstört, so der Bundesfinanzminister, dennoch bittet er die Abgeordneten um eine Verlängerung der Griechenland-Hilfen. Keine neuen Milliarden, nur mehr Zeit: 4 Monate, um Reformen umzusetzen.“

b) kritisch-distanziert: z. B. in Form von spöttischer Ironie, der „Waffe der Parteilichkeit“ (Heinrich Lausberg), die die Demonstration der eigenen Überlegenheit bezweckt sowie die Solidarisierung zwischen Sprecher und Hörer gegen einen verlachenswerten Dritten. Die kritisch-distanzierte Erzählhaltung dient der Abwehr/Abwertung einer Position oder einer Person. Nicht selten ist sie eingebunden in die Rapid-Response-Strategie (urspr. Wahlkampftechnik: schnelle Zurückweisung der Kritik des politischen Gegners, meist durch Konterattacke und Reframing, s.u.)

Beispiele:

Bettina Scharkus, Tagesthemen 29.01.2015: „Drinnen wurde der linkspopulistische Grieche kräftig von den Ministern ins Gebet genommen, u.a. in einem Vier-Augen-Gespräch mit Walter Steinmeier. Am Abend klang der frischgebackene Außenminister dann auch ganz anders.“

Marita Knipper, tagesschau.de. 09.02.2016: „Bühne frei für Yanis Varoufakis. Er ist zurück. Gewohnt galant flötet er in Kameras und Mikrofone, dass es eine „Ehre“ und ein „großes Privileg“ sei, an diesem Tag im Herzen von Europa zu sein – in Berlin. Griechenlands linker Ex-Finanzminister als Leitwolf einer neuen paneuropäischen Bewegung.“

5.2 Verdeckte Argumentation durch die Anwendung rhetorischer Strategien

Der Journalist kann sich je nach Argumentationsziel populärer Scheinargumentationen (=logischer Fehlschlüsse) bedienen.

„Derartige Strategien finden sich oftmals in Kombination mit einer Diffamierung der Position des politischen Gegners, um ihn zu diskreditieren.“ [61]

Sie dienen dazu, von einer sachlich-rationalen Auseinandersetzung mit dem Streitgegenstand abzulenken. Diese rhetorischen Ablenkungsmanöver werden unter dem Begriff Red Herring zusammengefasst (benannt nach stark riechenden Heringen, die Spürhunde auf die falsche Fährte lenken sollen).

5.2.1 Strohmann

Die These des Kontrahenten wird verzerrt, übertrieben oder falsch dargestellt, um ihr die Glaubwürdigkeit zu entziehen und sie umso leichter widerlegen zu können. Man argumentiert gegen einen Strohmann. Häufig verwendetes Mittel zur Verzerrung der Aussage: Contextomy: Zitate werden aus ihrem ursprünglichen Sinnzusammenhang gelöst und in einen fremden eingebettet, wodurch ihr Sinn unkenntlich bzw. verfälscht wird (s.u. Reframing).

Beispiel aus den Tagesthemen vom 05.02.2015:

Thomas Roth: „Ruppige Absagen von Seiten des Griechen gab’s ja im Vorfeld schon genug: Keine Zusammenarbeit mehr mit der Troika z.B. – Schuldenschnitt? Ja bitte, aber man kann ihn gern auch anders nennen. [ironisch-spöttischer Tonfall].“

Das hatte Varoufakis tatsächlich gesagt: Varoufakis äußerte, dass es die europäischen Regierungen seien, die den Begriff Schuldenschnitt mit Rücksicht auf ihre Wähler vermeiden würden, obwohl sie sich über dessen Notwendigkeit bewusst seien und inhaltlich bereits über einen solchen verhandeln würden. Auch der ARD gegenüber hatte er dies am 04.02.2015 in einem Interview (auf tagesschau.de veröffentlicht) ausführlich erläutert:

„Was uns vorgeschlagen wurde, was uns unsere Partner in den Gesprächen sagen, ist: Bittet uns nicht um einen Schuldenschnitt! Wir geben euch eine Laufzeitverlängerung und Zinssenkungen. Wissen Sie, was das heißt? Das ist ein Schuldenschnitt: Ein Schuldenschnitt, der den Wert der eigentlichen Rückzahlung drückt, die wir erbringen müssen. Als Finanzminister von Griechenland ist es meine moralische Pflicht, die Verluste unserer Partner zu minimieren und nicht vorzugeben, dass es keine Verluste geben würde, wenn der Nominalwert erhalten bliebe.
Nun, wenn unsere europäischen Partner in der Eurogruppe und anderswo das Wort ‚Schuldenschnitt‘ nicht mögen, dann sollte ich das respektieren.“
[62]

Trotz dieser deutlichen Erklärung des griechischen Finanzministers wird die ARD auch im weiteren Verlauf ihrer Berichterstattung Griechenlands Aussagen zu Umschuldungs- bzw. Restrukturierungsmaßnahmen als unlauteren rhetorischen Trick Griechenlands darstellen, einen Schuldenschnitt durch die Hintertür zu erwirken.

5.2.2 Autoritätsargument (ad verecundiam) /Berufung auf „opportune Zeugen“

Die Legitimität eines Standpunkts soll durch Berufung auf eine Autorität bewiesen werden. Wenn die Expertenauswahl interessengeleitet und unter Ausblendung der Gegenargumentation erfolgt, handelt es sich um ein Scheinargument. Mit dem Ausdruck „opportune Zeugen“ bezeichnet der Medienwissenschaftler Lutz M. Hagen die parteiische Auswahl von zitierten Einschätzungen/Meinungen, durch die mediale Beiträge mit bestimmten Tendenzen versehen werden, ohne dass der Journalist selbst Position beziehen muss. [63]
In der Werbung wird hierfür der Begriff „Testimonials“ verwendet: Experten, Prominente oder auch Laien, die Zeugnis ablegen für ein bestimmtes Produkt.

Beispiel aus der Tagesschau vom 27.02.2015:

Peter Dalheimer: „Finanzminister Varoufakis hatte heute die Debatte über die Reformunwilligkeit seiner Regierung befeuert: Er habe die Reformvorschläge bewusst unbestimmt formuliert, um die notwendige Zustimmung nicht zu gefährden.“
George Tzogopoulos (Politikwissenschaftler): „Die griechische Regierung spricht offenbar mit gespaltener Zunge – sie erzählt nach innen anderes als nach außen.“

5.2.3 Bandwagon-Argument (ad populum, auch „Mitläufer- oder Gewinnereffekt“ genannt)

Die Legitimität eines Standpunkts soll durch Berufung auf eine relevante Mehrheit von Personen, z.B. unter Berufung auf die „öffentliche Meinung“ bewiesen werden. Der Bandwagon-Effekt kann als Sonderform des Autoritätsarguments betrachtet werden. Man beruft sich auf die Autorität der vielen, unabhängig davon, ob der vertretene Standpunkt tatsächlich oder nur vermeintlich der Standpunkt der Mehrheit ist.

Beispiele:

Caren Miosga, Tagesthemen 29.01.2015: „Athen hatte nämlich überraschend verkündet, es mache nicht mit, wenn die EU Russland neue Sanktionen androht. Brüssel reagierte irritiert. […] Dann würde die griechische Regierung mal eben die gemeinsame europäische Außenpolitik in Frage stellen.“

Bettina Scharkus, Tagesthemen 29.01.2015: „Bisher zeigte sich Europa gegenüber Russland erstaunlich geschlossen, bis die neue griechische Regierung querschoss.“

Rolf-Dieter Krause, Tagesthemen 16.02.2015: „Die griechische Regierung agiert so, als würde sie sich ernsthaft einbilden, dass 18 andere Länder – denn da sind alle einig, auch Zypern und alle anderen Länder am Mittelmeer – als würden 18 Länder über das Stöckchen springen, das die griechische Regierung ihnen hinhält.“

5.2.4 Gefühlsappell (Appell an Gefühle wie Bewunderung, Mitleid, Neid, Furcht, Hass, Spott, Hoffnung)

Beispiel für eine an Humor und Spott appellierende Darstellung: Tagesthemen vom 04.02.2015:

Flying

Beispiel für eine an Neid (ad invidiam) und Hass (ad odium) appellierende Rhetorik:

Rolf-Dieter Krause, Tagesthemen 17.02.2015: „So arrogant redet einer [Bezug: „der Grieche“] daher, der es offenkundig für das gottgegebene Recht seines Landes hält, auf Kosten anderer zu leben. Wieso sollten eigentlich die Aldi-Kassiererin und der Realschullehrer, also die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen, mit ihren Steuern dafür einstehen, dass Griechenlands aufgeblähter Beamtenapparat noch weiter vergrößert wird? – Das ist es, was Athen will.“

5.2.5 Innuendo: indirekte Form der ad- hominem-Strategie durch Anspielung oder Andeutung (‚Insinuieren‘ oder durch ‚die Blume reden‘)

Am populärsten zur Denunziation politischer Gegner ist die ad-hominem-Argumentation. Von der inhaltlichen Argumentation des politischen Kontrahenten wird abgelenkt durch einen Angriff auf seine Glaubwürdigkeit (z.B. Verhalten, Motive, Charakter). Die ad-hominem-Argumentation ist die in der ARD-Griechenlandberichterstattung am häufigsten verwandte: Von Varoufakis‘ ökonomischer Argumentation, dass das Troikaprogramm rezessionsverursachend sei, wird permanent abgelenkt (Red Herring) durch Angriffe auf seine Vertrauenswürdigkeit.

Beispiel eines direkten ad-hominem-Angriffs:

Angela Ulrich, tagesschau.de 08.07.2015: „Die griechische Regierung handelt wie ein unberechenbarer Teenager. Sie provoziert, bricht Spielregeln und hat dazu noch ein freches Grinsen im Gesicht.“

bricht Spielregeln

Im Unterschied zur direkten ad-hominem-Argumentation bezweckt die Verwendung von Innuendo laut dem kanadischen Kommunikationswissenschaftler Douglas Walton immer, eine Anschuldigung zu verbreiten und sich gleichzeitig der Verantwortung dafür durch Umgehung der Beweislast zu entziehen. Die Wirkkraft von Innuendo besteht in der Suggestivkraft: Wo Rauch ist, dort ist auch Feuer, sagt der Volksmund, oder auch: Semper aliquid haeret (Etwas bleibt immer hängen). [64]

Wer Innuendo verwendet, der hält sich immer eine Hintertür offen, einen rhetorischen Fluchtweg („escape route“): Im Fall von Kritik kann er jede Verantwortung abstreiten.

Folgende 3 Varianten von Innuendo führt Douglas Walton an:

Erstens: Innuendo durch die bewusste Nutzung von nicht ausdrücklich (explizit) formulierten, sich aber aus dem Kontext ergebenden (impliziten) Schlussfolgerungen.

Die linguistische Pragmatik bezeichnet diese mitgemeinten Aussagen als Implikaturen. Die bewusste Nutzung von Implikaturen ermöglicht es dem Sprecher, im Fall von Kritik abzustreiten, die Aussagen jemals gemacht zu haben (rhetorischer Fluchtweg). Innuendo ähnelt der in der Antike als oratio figurata bezeichneten rhetorischen Figur:

„[…] die Figur nämlich, bei der wir in einer Art von Argwohn das verstanden wissen wollen, was wir nicht sagen, […], etwas Verstecktes und dem Spürsinn des Hörers zum Suchen Überlassenes“. Quintilian [65]

Zum Beispiel Caren Miosga zur griechischen Reformliste: „Heute nun – ausgerechnet zum Beginn der orthodoxen Fastenzeit [Rosenmontagsfeier in Griechenland] – war Abgabetermin. Doch seit dem Abend hören wir: Die Regierung schafft es erst morgen früh, diese außergewöhnlich schwere Hausaufgabe fertigzustellen.“

Zweitens: Innuendo durch die Berufung auf andere, auch anonyme Quellen

Die Verbreitung von nicht belegbaren Beschuldigungen unter Berufung auf andere kann entweder mithilfe „opportuner Zeugen“ (Lutz M. Hagen) erfolgen, wodurch die Beweislast und damit Verantwortung auch für die Wirkung der verbreiteten Anschuldigungen umgangen werden können (s.o. Autoritätsargument).

Oder man beschuldigt den politischen Kontrahenten durch Berufung auf anonyme Quellen und erzielt damit laut Walton „das Verschieben der Beweislast“. Resultat: Weder die Quelle des Gerüchts noch sein Verbreiter müssen die Verantwortung für ihre Beschuldigungen und deren Wirkung übernehmen. Der Sprecher kann im Fall von Kritik darauf verweisen, dass er nur die Aussage Dritter wiedergibt (rhetorischer Fluchtweg).

Beispiel aus der Tagesschau vom 27.02.2015

Innuendo durch Berufung auf „opportune Zeugen“:

Peter Dalheimer: „Finanzminister Varoufakis hatte heute die Debatte über die Reformunwilligkeit seiner Regierung befeuert: Er habe die Reformvorschläge bewusst unbestimmt formuliert, um die notwendige Zustimmung nicht zu gefährden.“
George Tzogopoulos (Politikwissenschaftler): „Die griechische Regierung spricht offenbar mit gespaltener Zunge – sie erzählt nach innen anderes als nach außen.“

Innuendo durch Berufung auf anonyme Quellen:

Rolf-Dieter Krause, Tagesthemen 11.02.2015: „Man hat erfahren können, dass die griechische Regierung weder in der Vorbereitungssitzung noch in der heutigen Sitzung ein Papier vorgelegt habe, und nach den europäischen Gepflogenheiten ist erst ein Vorschlag, der auf dem Papier steht, auch wirklich verhandlungsfähig.“

Claus-Erich Boetzkes, Tagesschau 12. 02.2015: „Und mit Griechenland gab es erneut Ärger. Von einem richtigen Halbstarken-Verhalten ist bereits die Rede.“

Bettina Scharkus, Tagesthemen 12.02.2015: „Der Finanzminister aus Athen wollte ein gemeinsam entwickeltes Papier plötzlich dann doch nicht mehr unterschreiben […]. Eine Krisendiplomatie, die manch einer hinter vorgehaltener Hand so beschreibt: als ziemlich chaotisch und unprofessionell.“

Im Zusammenhang mit dieser zweiten Form von Innuendo werden häufig sog. Wieselwörter (engl. weasel words) eingesetzt [66]: Wie man Wieseln nachsagt, in der Lage zu sein, ein Ei auf eine Weise auszusaugen, dass die Schale äußerlich intakt bleibt, so „saugen“ diese Wörter die Substanz aus einer Nachricht: Die leere, weil unbewiesene Behauptung/Beschuldigung erscheint aber – oberflächlich betrachtet – als substantielle, bedeutungsvolle Nachricht. Wieselwörter entlasten den Sprecher davon, seine Behauptung belegen zu müssen, und ermöglichen es ihm, sich ggf. schnell von der getroffenen Aussage zu distanzieren:

Gern verwendete Wieselwörter sind: Viele kritisieren…. so mancher weist darauf hin…. Beobachter, unabhängige Beobachter meinen…. Kritiker warnen…. aus gut informierten Kreisen ist zu hören…. vertrauliche Quellen…. offizielle Stellen…. Bürgerrechtler berichten…. Aktivisten oder Menschenrechtler werfen vor…. hinter vorgehaltener Hand ist die Rede von…. wir hören…. erfahren…. es heißt…. Medienberichten, Gerüchten, Insidern zufolge…. soll…. könnte…. möglicherweise…. offenbar…. wohl usw.

Drittens: Innuendo durch Verbreitung einer Anschuldigung, von der man sich gleichzeitig ausdrücklich distanziert:

Thomas Roth, Tagesthemen 16.02.2015: „Rolf Dieter, was ja auffällt, wenn man das so beobachtet, was der griechische Finanzminister allenthalben äußert, dann fällt ja die Ruppigkeit in dieser Sprache auf, ich will nicht sagen Arroganz. Erregt das nicht enormen Unmut in Brüssel?“

Kai Gniffke: „Wir wollen es uns nicht zu einfach machen und alles als gesteuerte Kampagnen und Spielwiese für Verschwörungstheoretiker abtun.“ (ARD-Chefredakteur zur Medienkritik an der Tagesschau, tagesschau-Blog 29.09.2014, inzwischen von der ARD aus dem Netz entfernt)

„Solche rhetorischen Selbstkommentare und Kniffe gehören zum Alltag wie zur historischen Überlieferung der Rhetorik und ihrer Gedankenführung. […] Ein typisches, im Alltag oft unverdächtiges Beispiel ist: ‚Um nicht zu sagen: F‘. Natürlich sagt man damit ‚F‘, man sagt es aber indirekt. […]. Auf jeden Fall: Man stellt es ‚in den Raum‘. Und man kann unter Umständen die Verantwortung durch ein solches Manöver von sich weisen“. [67]

5.3 Verdeckte Argumentation durch interessengeleitetes Framing

a) interessengeleitete Falschinformation

b) interessengeleitete Selektion und Dekontextualisierung: Auslassung von wesentlichen Fakten, durch die wichtige Sinnzusammenhänge verlorengehen.

„Eine Halbwahrheit ist eine ganze Lüge.“ (Jüdisches Sprichwort).

c) interessengeleitete Rekontextualisierung (Reframing): Einbetten von Fakten in einen fremden Sinnzusammenhang, „der sie als etwas anderes erscheinen lässt als das, was sie tatsächlich sind.“ Rainer Mausfeld [68]

Besonders schwerwiegend ist Reframing dort, wo es speziell die journalistischen Authentizitätsnachweise (O-Töne sowie Bildaufnahmen) betrifft, da diese aus Sicht des Rezipienten den Status von „Wahrheitsbelegen“ haben.

Erstens: Reframing durch Verstöße gegen das Gebot der Zitattreue

  • Falsche Wiedergabe/Übersetzung

Beispiel aus der Tagesschau vom 27.02.2015:

Peter Dalheimer: „Finanzminister Varoufakis hatte heute die Debatte über die Reformunwilligkeit seiner Regierung befeuert: Er habe die Reformvorschläge bewusst unbestimmt formuliert, um die notwendige Zustimmung nicht zu gefährden.“

Das hatte Varoufakis tatsächlich gesagt: Varoufakis sprach in Bezug auf die gemeinsame Eurogruppenvereinbarung vom 20.02.2015 über die Anwendung einer Verhandlungstechnik aus dem Bereich des Konfliktmanagements („Constructive Ambiguity“).

  • contextomy

Zitate werden aus ihrem ursprünglichen Sinnzusammenhang gelöst und in einen fremden eingebettet, wodurch ihr Sinn unkenntlich bzw. verfälscht wird.

Der Begriff „contextomy“ geht auf den amerikanischen Journalisten Milton Mayer (They thought they were free: The Germans 1933-45) zurück. Er bezeichnete damit die Vorgehensweise Julius Streichers, Talmudzitate aus ihrem ursprünglichen Sinnzusammenhang herauszureißen und seiner Leserschaft als Beleg für Ritualmord, Gier usw. zu präsentieren, um antisemitische Ressentiments zu schüren. An der Universität von Texas, Austin, forscht der Kommunikationswissenschaftler Matthew McGlone zu modernen Verwendungsformen und Wirkungen von contextomy, auch innerhalb von Kampagnen. Seinen Studien zufolge dauere der durch contextomy hervorgerufene falsche Eindruck selbst dann noch an, wenn der Rezipient über den ursprünglichen Sinnzusammenhang aufgeklärt worden ist.

Beispiel aus den Tagesthemen vom 05.02.2015:

Thomas Roth: „Ruppige Absagen von Seiten des Griechen gab’s ja im Vorfeld schon genug: Keine Zusammenarbeit mehr mit der Troika z.B. – Schuldenschnitt? Ja bitte, aber man kann ihn gern auch anders nennen. [ironisch-spöttischer Tonfall].“

Das hatte Varoufakis tatsächlich gesagt: Varoufakis äußerte, dass es die europäischen Regierungen seien, die den Begriff Schuldenschnitt mit Rücksicht auf ihre Wähler vermeiden würden, obwohl sie sich über dessen Notwendigkeit bewusst seien und inhaltlich bereits über einen solchen verhandeln würden.

„Was uns vorgeschlagen wurde, was uns unsere Partner in den Gesprächen sagen, ist: Bittet uns nicht um einen Schuldenschnitt! Wir geben euch eine Laufzeitverlängerung und Zinssenkungen. Wissen Sie, was das heißt? Das ist ein Schuldenschnitt: Ein Schuldenschnitt, der den Wert der eigentlichen Rückzahlung drückt, die wir erbringen müssen. Als Finanzminister von Griechenland ist es meine moralische Pflicht, die Verluste unserer Partner zu minimieren und nicht vorzugeben, dass es keine Verluste geben würde, wenn der Nominalwert erhalten bliebe. Nun, wenn unsere europäischen Partner in der Eurogruppe und anderswo das Wort ‚Schuldenschnitt‘ nicht mögen, dann sollte ich das respektieren.“

  • Verzerrung durch der Sprecherabsicht zuwiderlaufendes Wortmaterial: Bei der indirekten Wiedergabe darf „nicht entgegen der Intention des Redners eigenes Wortmaterial unterlegt werden“ [69]:

Beispiel aus den Tagesthemen vom 30.01.2015:

Ellen Trapp: „Varoufakis gibt sich wieder cool, erklärt, dass zukünftig keine Kontrolleure von EU, EZB und IWF mehr die Reformen der Regierung überwachen dürfen.“

Das hatte Varoufakis gesagt: „Unsere Regierung wird mit größtem Engagement mit der Eurozone, der EU und dem IWF zusammenarbeiten, aber mit der Troika, die ein Programm umsetzten will, dessen Idee wir als antieuropäisch betrachten und die auch das europäische Parlament nicht für demokratisch legitimiert hält, wollen wir nicht zusammenarbeiten.“

  • Verzerrung durch falsche Akzentuierung (innerhalb der Wiedergabe oder Einordnung einer Aussage): Als „Fallacy of Misleading Accent“ bezeichnet der Philosoph T. Edward Damer die Strategie, jemanden zu einer unberechtigten Schlussfolgerung zu verleiten, „indem man eine unsachgemäße oder unübliche Betonung/Gewichtung auf ein Wort, eine Phrase oder einen einzelnen Aspekt eines Themas oder einer Behauptung“[70] legt.

Beispiel aus den Tagesthemen vom 30.01.2015:

Ellen Trapp: „Varoufakis gibt sich wieder cool, erklärt, dass zukünftig keine Kontrolleure von EU, EZB und IWF mehr die Reformen der Regierung überwachen dürfen.“

Durch die irreführende Akzentuierung wird der Eindruck erweckt, dass Griechenland sich der Kontrolle seines Reformwillens entziehen wolle. Von Varoufakis‘ Kritik an der Troika als „antidemokratisch“ und seinem Hinweis auf den Untersuchungsbericht des EU-Parlaments aus dem Jahr 2014 wird damit sofort abgelenkt (Red Herring) durch einen Gegenangriff (Rapid Response), der nicht nur die Reformwilligkeit Griechenlands, sondern erneut die Vertrauenswürdigkeit des griechischen Finanzministers in Zweifel zieht (ad hominem).

Zweitens: Reframing durch Bildmanipulation [71]

  • Bildmanipulation durch Interpretationsfälschung oder nicht gekennzeichnete Symbolbilder
  • Bildmanipulation durch Kontextfälschung
  • Bildmanipulation durch Materialfälschung
  • Bildmanipulation durch Inszenierung

5.4 Verdeckte Argumentation durch semantische, visuelle und auditive Frame-Trigger:
Schlüsselwörter, Schlüsselbilder und Schlüsselmusik:

  • Beispiel für die Aktivierung des Trickster-Frames durch ein semantisches Netzwerk (Schlüsselwörter):
  • Mira Barthelmann, Tagesthemen 28.01.2015: „Der neue griechische Finanzminister, Autor mehrerer Bücher über die Spieltheorie, lässt die Würfel jeden Tag neu fallen: Kürzlich noch bezeichnete er die Sparpolitik und den Umgang Europas mit Griechenland als finanzielles Waterboarding – heute spricht er von Griechenlands ‚europäischen Partnern‘ und bedauert, dass so viele Milliarden an EU-Hilfszahlungen in schwarzen Löchern verschwunden seien. Yanis Varoufakis weiß, dass in einem Monat das letzte Hilfspaket aus Brüssel ausläuft. […] Wie weit wird Varoufakis gehen? Ist der Spieltheoretiker ein Player? Sein Einsatz, die 10.000 Staatsbediensteten wieder in den Dienst zu stellen, ist hoch. […] Die neue Regierung von Athen […] darf zur Lösung der Schuldenkrise keine Zeit mehr verspielen.

  • Beispiel für die Aktivierung des Strenger-Vater-Moral-Frames durch semantische Trigger:
  • Bettina Scharkus, Tagesthemen 29.01.2015: „Drinnen wurde der linkspopulistische Grieche kräftig von den Ministern ins Gebet genommen, u.a. in einem Vier-Augen-Gespräch mit Walter Steinmeier. Am Abend klang der frischgebackene Außenminister dann auch ganz anders.“

  • Beispiel für die Aktivierung des Trickster-Frames durch auditive Trigger:
  • Verwendung des Soundtracks „Flying Through The Air“ des Bud Spencer/Terence Hill-Films „Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle (Tagesthemen, 04.02.2015) zur musikalischen Untermalung der Antrittsbesuche von Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis.

  • Beispiel für die Aktivierung des Trickster-Frames durch visuelle Trigger:
  • Tsipras provoziert die EU

    Beispiel für ein rein affektives visuelles Framing: Insgesamt vier Mal wird in den Tagesthemen vom 19.03.2015 folgendes Fotopaar kurz eingeblendet (Himmelsymbolik)

    Ach Athen„Ach, Athen“
    Ach Berlin„Ach,Berlin“

    Darstellungseffekte zur jeweiligen Image-Konstruktion:

    „Selbst kleinste Veränderungen in der Darstellung, z.B. das Zeigen oder Nichtzeigen von Nervosität, Zoomen auf einen Sprecher, das Einschneiden von positiven oder negativen Publikumsreaktionen kreieren beim Publikum verschiedene Eindrücke einer Person […]. Die Möglichkeiten des Fernsehens, mit Hilfe von Darstellungstechniken Images von Politikern zu beeinflussen, sind praktisch unbegrenzt.“ [72].
     

    Schaubild: The Hidden Persuaders – Techniken der verdeckten Argumentation

    Schaubild

    PDF: The Hidden Persuaders

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    [61] Christian Schicha: Inszenierte Berichterstattung in der politischen Bildung. Interpretationsangebote für die visuelle und rhetorische Analyse politischer Informationsangebote, in: Medienimpulse 1/2002, S. 14-24, hier S. 15.
    [62] Yanis Varoufakis im Interview mit der ARD am 04.02.2015 (Englisch).
    [63] Lutz M. Hagen: Die opportunen Zeugen, in: Publizistik, Jg. 37 (1992), H. 4, S. 444-460.
    [64] Douglas Walton: Fallacies Arising from Ambiguity, Dordrecht 1996, S. 186 ff.
    [65] Quintilian: Inst. orat., IX, 2, 65 f., übersetzt von Helmut Rahn [Hg.]: Marcus Fabius Quintilianus: Ausbildung des Redners, Bd. 2, Darmstadt 1975, S. 298 f.
    [66] Patrick Smith: Weasel words and Journalism. It’s either true or it isn’t. MediaBriefing [Weblog] 14.02.2011.
    [67] Erhard Schüttpelz: Figuren der Rede: Zur Theorie der rhetorischen Figur. Philologische Studien und Quellen, H. 136, Berlin 1996, S. 497.
    [68] Rainer Mausfeld: Warum schweigen die Lämmer? a.a.O.
    [69] Josef Kurz, Daniel Müller u.a.: Stilistik für Journalisten, Wiesbaden 2000, S. 190.
    [70] T. Edward Damer: Attacking Faulty Reasoning, Boston 2013, S. 135.
    [71] Die Unterteilung der Bildmanipulationen in Material-, Kontext- und Interpretationsfälschungen stammt von dem Soziologen Clemens Albrecht. Clemens Albrecht: Wörter lügen manchmal, Bilder immer. Wissenschaft nach der Wende zum Bild, in: Wolf-Andreas Liebert, Thomas Metten [Hg.]: Mit Bildern lügen, Köln 2007, S. 29-49.
    [72] Wolfgang Donsbach: Mit kleinen Schritten voran. Zum Stand der Medienwirkungsforschung zu Beginn der neunziger Jahre, in: Otfried Jarren [Hg.]: Medien und Journalismus. Eine Einführung, Bd. 2, Opladen 1995, S. 52-75, hier S. 64.

    Fortsetzung folgt am 14.08.2016

    Veröffentlicht in News

    Kapitel 4 – Die Konstruktion wünschenswerter Welten

    Titelbild

    „Storytelling in der ARD-Griechenlandberichterstattung 2015“ – was bisher geschah…
    Vorwort: Storytelling – die Kunst, Geschichten zu erzählen
    Kapitel 1 – Das Trojanische Pferd
    Kapitel 2 – Über griechische Helden, Märchen und Mythen
    Kapitel 3 – Was Orwell nicht wusste

    Allgemeiner Teil: Die Kunst, Geschichten zu erzählen

    Kapitel 4 – Die Konstruktion wünschenswerter Welten

    „Die Überzeugungswirkung fiktiver Medienbotschaften (z. B. Geschichten) wird seit einigen Jahren unter dem Schlagwort ‚Narrative Persuasion‘ untersucht. Wenn Personen sich auf eine Geschichte einlassen und in sie hineingezogen werden, wird die mediale Welt zum kognitiven Bezugsrahmen und die erhaltenen Informationen können zu Einstellungsänderungen führen.“ [53]

    Dieser vom ARD-Forschungsdienst als Werbewirkung hervorgehobene Persuasionseffekt des Geschichtenerzählens gilt auch für Politik, Wirtschaft und Militär: Der Narrationsforscher Christian Salmon hält Narrationen für eine der wirkungsvollsten Methoden zur Veränderung von Einstellungen und zur Kontrolle der öffentlichen Meinung (Narrative Persuasion): eine Kommunikationswaffe in den Händen von Spin Doktoren, Lobbyisten und anderen PR-Profis.
    Damit stellt sich dringender denn je die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem zur Neutralität verpflichteten Journalismus, insbesondere des ÖRR, und PR (Öffentlichkeitsarbeit), deren Ziel die „Konstruktion wünschenswerter Welten“ [54] ist.

    Bereits Mitte der 1980er Jahre formulierte die Kommunikationswissenschaftlerin Barbara Baerns als Ergebnis ihrer Studien zum Verhältnis zwischen PR und journalistischer Berichterstattung, dass Öffentlichkeitsarbeit Themen und Timing der Medien unter Kontrolle hat.

    „Die Studie wurde wohl vor allem deshalb so kontrovers diskutiert, weil sie, wie die Autorin selbst bemerkt, im Widerspruch steht ‚zu journalistischen Selbsteinschätzungen und zu artikulierten Zielen, […] zu normengebundenen Möglichkeiten und gesellschaftlichen Erwartungen.'“ [55]

    Baerns‘ These von der großen Einflussnahme von PR auf die journalistische Berichterstattung wurde in zahlreichen Nachfolgestudien größtenteils bestätigt. Zunehmend werden auch Modelle diskutiert, die die wechselseitigen Wirk- bzw. Abhängigkeitsmechanismen zwischen PR und Journalismus betonen, wie etwa das Intereffikationsmodell. [56]
    Mit Blick auf den Storytelling-Trend warnt der Medienwissenschaftler Jürg Häusermann Journalisten vor der „Gefahr, professionellen Storys auf den Leim zu gehen“:

    „Geschichten sind längst nicht mehr nur, was Journalistinnen und Journalisten durch gründliche Recherche erarbeiten. Viele Geschichten werden ihnen von Werbern und Öffentlichkeitsarbeitern pfannenfertig serviert. […] Jede Geschichte, die eine PR-Abteilung verbreitet, steht in Konkurrenz zu einer alternativen, journalistischen Aussage. Wenn du die vorgefertigte Geschichte der Werbung oder PR übernimmst, überlässt du deine eigene Recherche-Arbeit deinen Akteuren.“ [57]

    Geschichten sind „sehr gut geeignet, Einstellungen auf subtile Art zu verändern. Rezipienten übernehmen auch schwache Argumente oder offensichtlich unsinnige Aussagen, wenn diese in eine Narration integriert sind“, schreibt Herbert Flath in seiner Dissertation „Storytelling im Journalismus“ [58]. Vor dem Hintergrund verschiedener Forschungsansätze nennt er hierfür vor allem 2 Gründe:

    1. Narrationen besitzen die Stärke, den natürlichen psychischen Widerstand (Reaktanz) zu umgehen, mit dem der Mensch sich gegen Versuche wehrt, seine Freiheiten etwa durch Beeinflussungsversuche einzuschränken. Denn narrative Elemente werden im Unterschied zu einer offenen Argumentation nicht als Beeinflussungsversuche wahrgenommen. Wird sich der Rezipient des Zusammenhangs zwischen Narration und Persuasion aber bewusst, so reagiert er mit stärkerem Widerstand darauf, als er auf einen offenen, expliziten Beeinflussungsversuch, z.B. in Form eines Kommentars reagieren würde. Das Wissen über das Persuasionspotential von Narrationen kann deren Beeinflussungspotential also einschränken. [59]

    2. Narrationen umgehen den „stärksten Schutzschild“ gegen Beeinflussungsversuche: das Anzweifeln/Prüfen von Aussagen und das Gegenargumentieren. Neben der spezifisch narrativen Rezeption, die einer gleichzeitigen kritischen Reflexion entgegensteht, führt Flath v.a. die „Erfahrungshaftigkeit“ und damit verbunden das Fehlen expliziter Argumente an. [60]

    —————————————————————————————————————

    [53] ARD-Forschungsdienst: Werbewirkung: Storytelling, in: Media Perspektiven 4/ 2015, S. 215-217, hier: S. 215.
    [54] Klaus Merten, Joachim Westerbarkey: Public Opinion und Public Relations, in: Klaus Merten, Siegfried Schmidt und Siegfried Weischenberg [Hg.]: Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft, Wiesbaden 1994, S. 208 ff.
    [55] Romy Fröhlich: Baerns. Öffentlichkeitsarbeit oder Journalismus? In: Christina Holtz-Bacha, Arnulf Kisch [Hg.]: Schlüsselwerke für die Kommunikationswissenschaft, Wiesbaden 2002, S. 37-39, hier S. 39.
    [56] Ebd.
    [57] Jürg Häusermann: Storytelling Teil 7, Storytelling im Journalismus? Häusermanns Schreibtraining [Weblog], 10.03.2014.
    [58] Herbert Flath: Storytelling im Journalismus, Formen und Wirkungen narrativer Berichterstattung, Dissertation 2013, S. 211.
    [59] Ebd., S. 218.
    [60] Ebd., S. 216.

    Fortsetzung folgt am 12.08.2016


    Veröffentlicht in News

    Kapitel 3 – Was Orwell nicht wusste

    Titelbild

    „Storytelling in der ARD-Griechenlandberichterstattung 2015“ – was bisher geschah…
    Vorwort: Storytelling – die Kunst, Geschichten zu erzählen
    Kapitel 1 – Das Trojanische Pferd
    Kapitel 2 – Über griechische Helden, Märchen und Mythen

    Allgemeiner Teil: Die Kunst, Geschichten zu erzählen

    Kapitel 3 – Was Orwell nicht wusste

    3.1 Warum Fakten und rationale Argumente für die politische Meinungsbildung nebensächlich sind

    George Orwell ging davon aus, dass Menschen vernünftig urteilen, wenn man ihnen mit klarer Sprache die durch propagandistischen Sprachgebrauch verschleierten Fakten wieder zugänglich macht.

    Falsch, sagt der US-amerikanische Linguist und Politikberater George Lakoff in seinem Essay „What Orwell didn’t know about the brain, the mind and language“. Fakten und rationale Argumente allein ändern keine Einstellung. Der aus der Aufklärung stammende Glaube an den Menschen als vernunftbegabtes, rational denkendes und urteilendes Wesen sei ein Mythos, der von den Neuro- und Kognitionswissenschaften längst entlarvt worden sei: Denken laufe überwiegend unbewusst und emotionsbasiert ab, und zwar in Form von kognitiven Deutungsmustern (Frames), die wiederum meist durch Metaphern strukturiert würden. [32]

    Metaphern sind laut Lakoff dabei nicht als bloße rhetorische Stilmittel im klassischen Sinn zu verstehen, sondern stellen Denkphänomene dar (Theorie der konzeptuellen Metapher). Wir verstehen neue Sachverhalte (Zielbereich) in Begrifflichkeiten eines vertrauten, konkreten Erfahrungsbereiches (Herkunftsbereich). Gerade abstrakte und komplexe Sachverhalte können wir laut Lakoff nur in Metaphern denken (metaphorisches Verstehen).

    Deswegen gewinne in politischen Auseinandersetzungen nicht derjenige, der auf Faktenvermittlung und rationale Argumentation setzt, sondern derjenige, der die unbewussten kognitiven Deutungsmuster in den Köpfen der Wähler aktiviert. Mittel hierfür seien bestimmte Bilder und Wörter, die als Hinweise (cues) bzw. Trigger fungieren und permanent wiederholt werden.
    Konservative Politiker, häufig in Techniken des Marketings bewandert, hätten dies längst verstanden, linke Politiker unterlägen noch zu häufig der Illusion, mit rationalen Argumenten die Wähler überzeugen zu können.

    „Wir alle müssen verstehen, wie das Gehirn, das Denken und die Sprache wirklich funktionieren. Wir müssen dieses Wissen effektiv anwenden, um Wahrheiten bedeutsam zu machen und um Wahrheiten die Kraft zu geben, Gehirne zu verändern.“ [33]

    In dem 2006 veröffentlichten Diskussionspapier der Bertelsmann Stiftung wird unter Berufung auf Lakoff als Teil einer strategischen Regierungskommunikation ausdrücklich empfohlen, „Narrative [zu] entwickeln“:

    „Für jeden politischen Reformakteur ist es essentiell, eine verbindende Erzählung (ein „Narrativ“) zu entwickeln. […] Sprachlich ist bei der Vermittlung von Reformvorhaben zu bedenken, dass Wähler meist in „Frames denken“. Mentale Konzepte lassen sich nicht einfach durch Fakten ändern. Dem kommunikativen Framing, dem Besetzen bestimmter Begriffe im Rahmen eines positiven Reformdiskurses, kommt deshalb ein zentraler Stellenwert zu. […] Wie der US-Linguist George Lakoff in seinem Buch „Don’t think of an Elephant“ eindrucksvoll darlegt, hat die US-Politik die Möglichkeiten des sprachlichen Framing schon lange für sich entdeckt.“ [34]

    3.2 Wie man mit Wörtern das Gehirn der Wähler verändert

    Ein Beispiel für ein Trigger-Wort zur Aktivierung unbewusster Deutungsmuster ist der in Deutschland verwendete Begriff „Rettungsschirm“ für die Maßnahmen der EU, die ab 2010 in der Euro-Krise die Stabilität im Euro-Raum gewährleisten sollen.
    Der Schirm als Sonnen- oder Regenschirm wendet Nässe oder gefährliche Sonnenstrahlen ab. Schutz und Sicherheit stehen auch bei der Deutung des Schirms als Fallschirm im Vordergrund. Der neue abstrakte Sachverhalt des Europäischen Finanzstabilisierungsmechanismus oder der Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität (Zielbereich) wird also durch die konkrete, vertraute Erfahrung des Schutz und Sicherheit bietenden Schirms (Herkunftsbereich) verstehbar gemacht. Damit aktiviert der Begriff „Rettungsschirm“ gleichzeitig ein vollständiges Deutungsmuster (Frame): eine spezifische Rollenstruktur, ein narratives Erzählmuster mit emotionalem und moralischem Gehalt sowie einer Handlungsempfehlung.

    „To frame is to select some aspects of a perceived reality and make them more salient in a communicating text, in such a way as to promote a particular problem definition, causal interpretation, moral evaluation, and/or treatment recommendation for the item described.“ [35]

    Dass durch einzelne Trigger-Wörter vollständige Deutungsmuster aktiviert werden, verdeutlicht Georg Diez eindrücklich in seiner Analyse des dem Begriff „Schirm“ vorangestellten Begriffs „Rettung“:

    „Seit Jahren ist ‚Rettung‘ das Wort, das viele Journalisten benutzen, um die Geschichte dieser Krise zu erzählen: Mit einem Wort wird etabliert, wer etwas tut und wer nichts tut, wer aktiv ist und wer passiv, wer am Abgrund steht und wer mit der helfenden Hand herbeieilt.
    Mit einem Wort werden Schuld und Abhängigkeit hergestellt, mit einem Wort werden Dankbarkeit und Versagen festgelegt, mit einem Wort wird moralisch gerichtet – die Analyse kommt nicht mehr hinterher, wenn erst mal die emotionale Ebene erreicht ist.
    Der Retter ist ja im Recht, das suggeriert dieses Wort, er ist im Besitz der Wahrheit, er hat das Gute auf seiner Seite, er handelt aus höheren Motiven – ‚Rettung‘ ist deshalb ein Wort, das im Politischen an sich oder im politischen Journalismus als solchem nichts verloren hat, denn es verschleiert die Motive und Interessen, aus denen Politik besteht.
    Ich habe zum Beispiel noch keine Schlagzeile gelesen, die lautete: ‚Merkel rettet die Banken‘ – dabei wäre auch das eine sehr plausible Verkürzung dessen, was in Europa spätestens seit 2010 passiert ist.“
    [36]

    Was passiert, wenn Metaphern wie „Rettungsschirm“ oder „Hilfspaket“ permanent wiederholt werden? Sie verändern das Gehirn und werden Teil des Bewusstseins: „Du kannst nicht das Denken von jemandem verändern, ohne sein Gehirn zu verändern.“ [37]

    „Was sind Wörter? Wörter sind neuronale Verknüpfungen zwischen gesprochenen und geschriebenen Ausdrücken und Frames, Metaphern und Narrationen. Wenn wir Wörter hören, werden nicht nur ihre unmittelbaren Frames und Metaphern aktiviert, sondern auch all die Weltsichten und assoziierten Narrationen mit ihren Emotionen werden aktiviert. Wörter sind nicht nur Wörter. Sie aktivieren einen riesigen Bereich an Gehirnmechanismen […]. Wenn Sie tagtäglich wiederholt werden, werden ausgedehnte Bereiche des Gehirns immer und immer wieder aktiviert- und das führt zu Gehirnveränderungen. Nicht löschbare Gehirnveränderungen. Einmal gelernt, kann die neue neuronale Struktur nicht einfach gelöscht werden. […] Jedes Mal, wenn diese Wörter wiederholt werden, werden all die Deutungsmuster und Metaphern und Weltsicht-Strukturen erneut aktiviert und gestärkt.“ [38]

    3.3 Wie man durch das Geschichtenerzählen Emotionen und politische Einstellungen steuert

    Zu den unbewussten, metaphorischen Deutungsmustern (Frames), die unser Denken und Handeln bestimmen, gehören laut Lakoff auch kulturelle Narrative wie z.B. dasjenige vom Kampf des Guten gegen das Böse (overwhelming the evil) mit den spezifischen semantischen Rollen (Schurke, Held, Opfer), einem narrativen Erzählmuster, einer moralischen Lehre sowie einer emotionalen Struktur. Diese nicht selten archetypischen Narrative (s. vorangegangenes Kapitel) erzeugen laut Lakoff konventionalisierte Emotionen: Auf die Verletzung des Helden bzw. Opfers reagieren wir mit Ärger und dem Wunsch danach, dass das Gute siegen und das Böse bestraft werden möge, den Kampf zwischen Gut und Böse beobachten wir mit Spannung, der Sieg des Guten erfüllt uns schließlich mit Freude. [39]

    Politik, die den Frame solcher Narrative aufruft, kann auf diese Weise gezielt spezifische Emotionen im Wähler erzeugen, z.B. Ärger, Furcht, Bewunderung:

    „Tell a story. Find stories where your frame is built into the story. Build up a stock of effective stories“, rät George Lakoff in seinem Buch „Don’t think of an elephant!“. [40]

    3.4 Warum man Kindheitserinnerungen im Wähler aktivieren sollte

    Zu den meist in der Kindheit erlernten narrativen Deutungsmustern (Frames) gehören auch Familienmetaphern. Unsere früheste Erfahrung mit Regierung bzw. mit dem Regiertwerden ist das Aufwachsen in einer Familie. Auch dieser vertraute, konkrete Erfahrungsbereich der Wähler wird in der politischen Kommunikation genutzt, um politische Themen entsprechend dem eigenen Wertemodell zu framen. Lakoff nennt zwei konkurrierende Familienframes [41]:

  • Der „Strenger-Vater-Moral-Frame“ sei ein Deutungsmuster, das konservative Politik laut Lakoff zur Stärkung konservativer Werte verwendet: Die Welt ist eine Familie oder auch der Staat ist eine Familie, in der einer mehr zu sagen hat als die anderen. Der „Vater“ ist unangefochtene Autorität, er entscheidet über Richtig oder Falsch, stellt für die aufrührerischen Kinder (andere Nationen oder eigene Bevölkerung) die Regeln auf. Disziplin ist ein hoher Wert. Das Scheitern in diesem System wird unzureichend entwickelter Selbstdisziplin zugeschrieben. Innerhalb dieses Frames werden die väterliche Strenge und die Bestrafung abweichenden Verhaltens als Stärke bewertet.
  • Im „Fürsorgliche-Familie-Moral-Frame“, das laut Lakoff eher zum Framen linker Politik geeignet ist, tritt der Dialog an die Stelle des hierarchischen Gehorsams. Die Eltern zeigen und lehren Empathie und Übernahme von Verantwortung. Die Mitglieder der Gesellschaft sollen Verantwortung für sich selbst und andere übernehmen lernen. Nicht staatliche Strenge, sondern Empathie und Fürsorge sind die vorherrschenden Werte.
  • Die meisten Wähler, so Lakoff, haben aufgrund des kulturellen Kontextes beide Familienmodelle als Deutungsmuster zur Verfügung. Ein und derselbe Mensch kann außenpolitisch z.B. der Strenger-Vater-Moral anhängen (Russland hat gegen die Regeln verstoßen, Russland muss bestraft werden), in Fragen der Innenpolitik dagegen das Wertemodell der Fürsorgliche-Familie-Moral anwenden (z.B. Empathie und Übernahme von Verantwortung als Grundüberzeugung in der Flüchtlingspolitik).

    „Die Frage ist: Welches Wertemodell wenden sie – überwiegend unbewusst und reflexiv – auf die Politik an? Die Antwort: Dasjenige, das über Sprache in ihren Köpfen aktiviert wird.“ [42]

    Es ist offensichtlich, dass die Griechenlandpolitik der Bundesregierung im Jahr 2015 vor allem durch den „Strenger-Vater-Moral-Frame“ kommuniziert wurde („Regeln, Vereinbarungen müssen eingehalten werden“), wohingegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung im selben Jahr überwiegend durch den „Fürsorgliche-Familie-Moral-Frame“ vermittelt wurde („freundliches Gesicht zeigen“, „Wir schaffen das“, vergleichbar auch mit Obamas Wahlslogan „Yes, we can“).

    3.5 Weshalb moralische Empörung wirksamer ist als sachliche Auseinandersetzung

    Unter keinen Umständen sollte man, warnt Lakoff, die Sprache des politischen Gegners übernehmen, auch nicht, um den gegnerischen Frame zu negieren. Dies führe nur zur Aktivierung und Stärkung des negierten Frames, da trotz Negation der Frame im Gehirn aufgerufen werde. „Denken Sie nicht an einen Elefanten“, mit dieser Aufforderung demonstriert Lakoff die Unmöglichkeit, nicht an etwas gleichzeitig durch Sprache Benanntes zu denken: „Wenn du versuchst, nicht an einen Elefanten zu denken, wirst du an einen Elefanten denken.“ [43] Stattdessen sei es zielführender, das jeweilige strittige Thema der eigenen Weltsicht und dem eigenen Wertemodell entsprechend zu reframen, also sprachlich umzudeuten bzw. umzuwerten.
    Da Menschen nie außerhalb von moralischen Frames urteilen würden, sollte (Re-)Framing immer moralbasiert erfolgen (Werte-Framing): „Moral schlägt politische Inhalte.“ [44]

    Auch Lakoffs Mitarbeiterin Elisabeth Wehling rät anlässlich einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung zum Thema „Politisches Framing“: „Niemals den Frame des Gegners aufgreifen, sondern dort angreifen, wo man ehrlich moralisch empört ist“. Am Beispiel des Vorwurfs der „Lügenpresse“ erläutert die Politik- und Medienberaterin, wie Reframing praktisch umgesetzt werden kann:

    „Wenn die Lügen-Presse ein Konstrukt ist, das von rechtspopulistischen Strömungen in die Welt gesetzt wird, die Frage stellen: Wieso ist der Rechtspopulismus darauf angewiesen, dass wir keine gute transparente Berichterstattung haben? Wieso ist er angewiesen auf die Diffamierung? Was versucht er da? Er versucht, die vierte Gewalt im Staat zu demontieren, weil langfristig der Rechtspopulismus oder zumindest seine extremen Ausprägungen nicht überleben können in einer wirklich freien demokratischen Debatte. Das wäre also eine Geschichte dazu.“ [45]

    Wehlings Rat an Journalisten, den Begriff „Lügenpresse“ in Form einer solchen Geschichte zu reframen, stößt bei Journalisten auf dankbare Ohren, wie z.B. ZDF-Chefredakteur Peter Frey im medienpolitik.net-Interview beweist:

    „Ich ordne auch den auf die Nazi-Ideologie zurückgehenden Begriff ‚Lügenpresse‘ so ein – als Angriff auf die liberale und pluralistische Presse als Grundpfeiler einer funktionierenden Demokratie. Das müssen wir als Verantwortliche erkennen. Es geht hier nicht um handwerklich ernsthaft gemeinte Kritik, es geht darum, mit pauschalen Angriffen auf die Presse die Demokratie selbst zu attackieren.“ [46]

    Die von Lakoff vertretene Technik des kommunikativen „Reframing“ auch in Form des Geschichtenerzählens gehört zu den zentralen Techniken des NLP, dessen Vertreter aus gutem Grund Lakoffs Forschungsarbeiten als wissenschaftliche Referenz verwenden.
    Dass der Begriff NLP weder bei Lakoff noch im Strategiepapier der Bertelsmann Stiftung auftaucht, rührt daher, dass NLP noch immer – ob berechtigt oder nicht – das Image einer Manipulationstechnik anhaftet. Dabei sind NLP-Kommunikationsschulungen längst nicht nur in den Bereichen Verkauf und Lobbyismus weit verbreitet, sondern auch in der Aus-und Weiterbildung von Führungskräften aus Wirtschaft, Politik und (auch öffentlich-rechtlichen) Medien. [47]

    Ausdrücklich warnt die Bertelsmann-Expertenkommission vor der „Missbrauchsanfälligkeit“ solcher „nicht unumstritten[er]“ Methoden im Hinblick auf „Desinformation oder Propaganda“ [48]. Lakoffs Vorschlag etwa, den Begriff „Steuer“ durch den Begriff „Mitgliedsbeitrag“ zu ersetzen, um die Bedeutung der Abgabe für das Gemeinwohl hervorzuheben, sei ein „Orwellscher Ratschlag“, der nicht einmal den „Kichertest“ bestehe, kritisiert der Linguist Steven Pinker. [49]

    Es sei in diesem Zusammenhang an den Versuch von ARD-Chefredakteur Schönenborn erinnert, die GEZ-Gebühr als „Demokratie-Abgabe“ zu reframen, da die Abgabe „ein Beitrag zur Funktionsfähigkeit der Gesellschaft“ sei. [50]
    Auch wenn Schönenborns Reframing-Versuch den „Kichertest“ nicht bestanden hat, lieferte er doch die Legitimation für die am 1. Januar 2013 erfolgte Umwandlung der GEZ-Gebühr in einen Rundfunkbeitrag.

    Der Psychologe Rainer Mausfeld bewertet in seinem viel beachteten Vortrag „Warum schweigen die Lämmer?“ die Technik des Reframings (auch Rekontextualisierung genannt) als eine wesentliche Strategie des medialen Meinungs- und Empörungsmanagements. [51]

    Lakoff selbst verteidigt seine Methode folgendermaßen:

    „Ist es legitim, die tatsächlichen Mechanismen des Denkens zu benutzen – Weltsichten, Frames, Metaphern, Emotionen, Bilder, persönliche Geschichten – um wichtige Wahrheiten zu erzählen? Ja, zur Hölle! Es ist gewöhnlich der einzig funktionierende Weg.“ [52]

    —————————————————————————————————————

    [32] George Lakoff: What Orwell didn’t know about the brain, the mind and language, in: András Szántó: What Orwell didn’t know. Propaganda and the New Face of American Politics, New York 2007, S. 67-74, hier S. 68.
    [33] Ebd., S. 74.
    [34] Bertelsmann Stiftung: a.a.O., S. 8.
    [35] Robert Entmann: Framing: Toward Clarification of a Fractured Paradigm, in: Journal of communication 43 (4) 1993, S. 51-58, hier S. 52.
    [36] Georg Diez: Merkels Propagandamaschine, in: Der Spiegel, 26.06.2015.
    [37] George Lakoff: How to make Friends and manipulate Irrational Voters. Vortrag an der New America Foundation, 02.06.2008.
    [38] Ders.: What Orwell didn’t know, a.a.O., S. 70 f.
    [39] Ders.: Retaking political discourse. Vortrag am International House, U.C. Berkeley, 01.12. 2011.
    [40] Ders.: Don’t think of an elephant, a. a. O.
    [41] s. zum Folgenden: George Lakoff: Retaking political discourse, a.a.O.
    [42] Elisabeth Wehling und George Lakoff: Die neue Sprache der Sozialdemokratie, hrsg. von der Friedrich-Ebert-Stiftung, April 2011, S. 5.
    [43] Dies.: The Little Blue Book. The Essential Guide to Thinking and Talking Democratic, New York 2012, S. 36.
    [44] Ebd., S. 37.
    [45] Elisabeth Wehling auf einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung zum Thema „Politisches Framing“ am 02.03.2016.
    [46] Peter Frey im Interview mit medienpolitik.net: „Die Empörung hat Methode“, 20.06.2016.
    In derselben Weise reframed auch der feste freie ARD-Mitarbeiter und Vorsitzende des Deutschen Journalisten Verbandes Frank Überall den Begriff „Lügenpresse“: Hinter dem Vorwurf stehe die Ablehnung einer Systempresse, die wiederum die Ablehnung des Systems Demokratie bedeute. Träger des Lügen-Presse-Vorwurfs ordnet Überall deshalb dem „Rechtsextremismus, Linksextremismus und Islamismus“ zu. Frank Überall auf dem 2. Kölner Forum für Journalismuskritik 2016.
    [47] s. z.B. die Kundenliste eines großen Anbieters von NLP-Seminaren
    [48] Bertelsmann Stiftung: a.a.O.
    [49] Steven Pinker: Block that Metaphor! TNR, 09.10.2006.
    [50] Jörg Schönenborn: Ein Beitrag für die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft, ard.de, 27.12.2012.
    [51] Rainer Mausfeld: Warum schweigen die Lämmer? Psychologie, Demokratie und Empörungsmanagement. Vortrag an der Christian-Albrechts-Universität Kiel, 22.06.2015.
    [52] George Lakoff: What Orwell didn’t know, a.a.O., S. 74.

    Fortsetzung folgt am 11.08.2016


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