Die Urinprobe der Republik
Über Oliver Welke, Howard Carpendale und den öffentlich-rechtlichen Geruch der Verachtung. Es gibt Momente, in denen sich eine Gesellschaft nicht in Regierungserklärungen entlarvt. Nicht in Parteiprogrammen. Nicht in Talkshows, in denen vier Berufsmoralisten und ein Quotenabweichler so tun, als ginge es um Erkenntnis. Manchmal reicht ein schlechter Witz. Ein Witz, der so alt ist, dass er selbst Pflegegrad beantragen könnte. Ein Witz, der nicht komisch ist, sondern nur deshalb funktioniert, weil die Richtigen über die Falschen lachen dürfen.
Von Thomas Hoffbauer
Oliver Welke, Chefmoderator der gebührenfinanzierten Gewissheit, machte in der heute-show einen Scherz über die erste Reihe bei Howard Carpendale. Hundert Beine, Geruch nach Urin. Das sollte wohl lustig sein. Oder kritisch. Oder „altersgerecht“, wie man im ZDF vielleicht sagt, wenn einem gerade keine Pointe einfällt und man deshalb in jene Schublade greift, in der seit Jahrzehnten die vergilbten Witze über alte Leute liegen. Howard Carpendale fand das nicht komisch. Das ist zunächst einmal bemerkenswert. Schlagerstars gelten in Deutschland als Wesen, die vieles ertragen müssen: den Spott der Feuilletons, die Verachtung der Kulturredaktionen, das ironische Lächeln akademischer Milieus, die bei Wagner Ehrfurcht empfinden und bei Carpendale plötzlich so tun, als sei Musikgeschmack eine Frage der Menschenwürde. Carpendale reagierte verletzt, aber nicht einfältig. Er fragte sinngemäß: Warst du überhaupt einmal bei einem meiner Konzerte? Weißt du, über wen du da redest? Das ist die entscheidende Frage. Denn die öffentlich-rechtliche Satire weiß oft nicht, über wen sie redet. Sie weiß nur, auf wen sie herabsieht.
Die Moral kommt von oben
Man muss diese kleine Auseinandersetzung nicht größer machen, als sie ist. Aber man sollte sie auch nicht kleiner machen, als sie sein könnte. Denn sie zeigt etwas, das längst zum Grundton des deutschen Medienbetriebs geworden ist: eine Mischung aus Erziehungsanspruch, Milieuverachtung und pädagogischer Übergriffigkeit. Auf der einen Seite steht das moralische Betreuungspersonal der Republik: Welke, Hayali, Illner, Maischberger, Theveßen, Böhmermann, Bosetti, Kebekus und all die anderen Fernsehgesichter, die dem Bürger Abend für Abend erklären, wie Demokratie geht, wie Anstand geht, wie Vielfalt geht, wie Klima geht, wie Corona zu verstehen war, wie Ukraine zu sehen ist, wie Migration einzuordnen ist, wie rechts gefährlich ist, wie links sensibel ist und wie man überhaupt ein Mensch zu sein hat, ohne durch falsches Denken unangenehm aufzufallen. Auf der anderen Seite steht der Pöbel. Natürlich nennt man ihn nicht so. Man sagt: „die Menschen da draußen“, „die Verunsicherten“, „die Abgehängten“, „die Älteren“, „die Protestwähler“, „die Skeptiker“, „die mit Sorgen“. Das klingt sozialtherapeutisch. Und genau deshalb ist es so herablassend. Der Bürger wird nicht mehr als mündiges Subjekt behandelt, sondern als Patient mit Wahlrecht. Er darf alle vier Jahre ein Kreuz machen. Danach muss man ihm erklären, warum er es falsch gemacht hat. Und wenn dieser Bürger dann auch noch Howard Carpendale hört, ist offenbar endgültig alles verloren.
Die letzte erlaubte Menschenverachtung
Das Interessante an Welkes Witz ist nicht, dass er derb war. Derbheit kann großartig sein. Ohne Derbheit gäbe es keine Satire, keine Komödie, kein Wirtshaus und vermutlich auch keine Ehe, die länger als acht Jahre hält. Das Problem ist nicht die Derbheit. Das Problem ist die Richtung. Satire darf viel. Sie darf übertreiben, verzerren, beleidigen, verletzen. Aber moderne Mediensatire hat sich eine merkwürdige Selektivität angewöhnt. Sie tritt gegen oben, wenn oben gerade aus den falschen Leuten besteht. Sie tritt gegen unten, wenn unten aus den richtigen Leuten besteht. Der Rentner in der ersten Reihe beim Carpendale-Konzert ist offenbar Freiwild. Er gehört zu keiner geschützten Kategorie, jedenfalls zu keiner, die im Moralhaushalt des ZDF besonders hoch bewertet wird. Wäre der Witz über eine andere Gruppe gegangen, hätte es binnen Minuten eine Debatte über „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ gegeben. Man hätte Expertinnen eingeladen, die erklären, dass Sprache Gewalt ist. Es gäbe eine Stellungnahme des Senders, ein betroffenes Gesicht, vielleicht sogar einen kleinen Brennpunkt der Gefühle. Aber alte Schlagerfans? Bitte. Die riechen nach Urin. Da darf man noch einmal ganz unbeschwert verächtlich sein. Alter ist eine der letzten Diskriminierungskategorien, bei der sich die Diskriminierer für besonders modern halten. Man darf alte Menschen als rückständig, peinlich, senil, körperlich defekt und kulturell minderbemittelt darstellen, solange sie nicht in einem Diversity-Programm vorkommen. Der alte Mensch als Träger von Würde interessiert nur, wenn er in einer Kampagne gegen Einsamkeit auftaucht. Sitzt er hingegen in der ersten Reihe bei Carpendale, wird er zur Pointe.
Betreutes Lachen
Die heute-show ist seit Jahren ein interessantes Phänomen. Sie ist eine Satiresendung für Menschen, die gern lachen möchten, aber vorher wissen wollen, ob das Lachen politisch zertifiziert ist. Man bekommt dort selten Überraschung. Man bekommt Bestätigung. Die Pointe ist nicht Erkenntnis, sondern Absolution. Das Publikum lacht nicht, weil es aus dem Konzept gebracht wird. Es lacht, weil es sich wiedererkennt: Ja, so sehen wir das auch. Rechts ist doof. Trump ist irre. Die AfD ist gefährlich. Die FDP ist kaltherzig. Die CDU ist rückständig. Klimaskepsis ist dumm. Corona-Kritik war Schwurbelei. Und alte Leute bei Carpendale riechen nach Urin. Das ist keine Satire im klassischen Sinn. Das ist betreutes Lachen. Gute Satire müsste dem Publikum den Boden unter den Füßen wegziehen. Deutsche Fernsehsatire legt ihm eher eine Heizdecke über die Knie und sagt: Du bist auf der richtigen Seite. Das Böse sitzt woanders. Falls du doch einmal zweifelst, erklären wir es dir nach der Werbung noch einmal. Hier beginnt das Problem des öffentlich-rechtlichen Moralbetriebs. Natürlich sind Welke, Hayali, Illner, Maischberger, Theveßen, Böhmermann oder Bosetti nicht alle gleich. Sie haben unterschiedliche Rollen, Formate, Temperamente. Der eine macht Satire, die andere moderiert, der nächste kommentiert, die nächste fragt. Aber gemeinsam erzeugen sie einen bestimmten Klangraum: den Klangraum der betreuten Öffentlichkeit. Dort wird nicht nur informiert. Dort wird eingeordnet.Und Einordnung heißt in Deutschland inzwischen oft: Der Zuschauer soll nicht allein mit den Fakten gelassen werden. Wer weiß, was er sonst daraus macht.
Der Bürger als Erziehungsfall
Die öffentlich-rechtliche Grundhaltung lautet zu oft: Der Bürger ist gefährlich, wenn er unbeaufsichtigt denkt. Er könnte aus hohen Energiepreisen schließen, dass die Energiewende schlecht gemanagt wurde. Er könnte aus innerer Unsicherheit schließen, dass Migration nicht nur Bereicherung, sondern auch Konflikt bedeutet. Er könnte aus Corona-Protokollen schließen, dass Wissenschaft und Politik nicht immer dasselbe waren. Er könnte aus Wahlumfragen schließen, dass eine Regierung nicht deshalb unbeliebt ist, weil die Bevölkerung zu dumm ist, sondern weil die Regierung schlecht arbeitet. Also muss man helfen. Man muss erklären, einordnen, warnen, sensibilisieren, kontextualisieren. Das ist der neue Journalismus: nicht sagen, was ist, sondern sagen, was man davon zu halten hat. Und wehe, der Bürger hält trotzdem etwas anderes davon. Dann wird aus dem „mündigen Bürger“ sehr schnell der „verunsicherte Bürger“. Aus Kritik wird „Ressentiment“. Aus Widerspruch wird „Desinformation“. Aus einem politischen Gegner wird ein „Problem für die Demokratie“. Und aus dem Zuschauer, der seit Jahrzehnten Gebühren zahlt, wird ein Fall für pädagogische Nachbetreuung. Das öffentlich-rechtliche System liebt den Bürger ungefähr so, wie ein Heimleiter seine Bewohner liebt. Er will nur das Beste. Vor allem Ruhe.
Howard Carpendale als unerwarteter Klassenkämpfer
Und dann kommt ausgerechnet Howard Carpendale. Nicht ein Philosoph. Nicht ein Medienkritiker. Nicht ein Verfassungsrechtler. Nicht ein Publizist mit Leberwerten und Zornvorrat. Sondern Howard Carpendale. Der Mann, den das deutsche Feuilleton vermutlich immer für eine Art musikalischen Einrichtungsgegenstand hielt: freundlich, harmlos, nostalgisch, irgendwie cremefarben. Und dieser Carpendale sagt: Moment mal. So redest du nicht über mein Publikum. Das ist stärker, als es zunächst wirkt. Denn Carpendale verteidigt Menschen, die in der kulturellen Hackordnung nicht besonders weit oben stehen. Seine Fans sind keine symbolisch aufgeladenen Opfer des Zeitgeistes. Sie sind keine Masterseminar-Kategorie. Sie haben keine Lobby in Redaktionskonferenzen. Sie gehen auf Konzerte. Sie kaufen Alben. Sie singen mit. Sie erinnern sich an Liebe, Abschied, Jugend, an Ehen, die gehalten haben, und an Ehen, die nicht gehalten haben. Sie sind nicht hip. Sie sind nicht diskursfähig. Sie sind einfach da. Und genau das scheint zu stören. Denn der moderne Medienmensch kann vieles ertragen. Nur keine Leute, die ohne seine Erlaubnis glücklich sind. Der Schlagerfan begeht das schlimmste denkbare Verbrechen gegen die Kulturklasse: Er braucht sie nicht. Er braucht keine Rezension. Keine Haltungsnote. Kein politisches Begleitseminar. Er will einen Abend mit Musik. Das ist subversiver, als man denkt.
Verachtung im Gewand der Empathie
Das Wort „woke“ wird inzwischen inflationär verwendet, oft unscharf, manchmal als Keule. Aber in diesem Zusammenhang beschreibt es eine reale Haltung: eine moralisch aufgeladene Wachsamkeit, die ständig nach Diskriminierung sucht, aber die eigene Verachtung nicht erkennt. Man ist sensibel für jede sprachliche Mikroverletzung, solange sie die richtigen Gruppen betrifft. Man achtet auf Pronomen, Repräsentation, Triggerwarnungen, Sichtbarkeit und Safe Spaces. Aber wenn es gegen ältere Leute geht, gegen Ostdeutsche, Arbeiter, Dorfmenschen, Schlagerfans, Autofahrer, Fleischesser, Handwerker, Rentner, Vereinsmenschen, Leute mit schlechten Zähnen und gutem Gedächtnis, dann wird die Empathie plötzlich rationiert. Dann darf man lachen. Nicht mit ihnen. Über sie. Das ist die eigentliche Pointe. Die selbsternannte Empathieklasse ist selektiv empathisch. Sie liebt „die Menschen“ als abstraktes Kollektiv, aber verachtet viele konkrete Menschen, sobald sie falsch wählen, falsch sprechen, falsch essen, falsch heizen, falsch fahren oder falsch Musik hören. Der Mensch ist gut. Die Leute sind das Problem. Der öffentlich-rechtliche Hochsitz. Oliver Welke ist nicht allein das Problem. Er ist ein Symptom. Die eigentliche Frage lautet: Wie konnte sich ein Milieu bilden, das täglich Moral produziert und dabei nicht merkt, wie hässlich es selbst klingen kann? Die Antwort ist einfach: Monopol macht bequem. Moralisches Monopol macht hochmütig. Wer sich für die Stimme der Vernunft hält, muss nicht mehr zuhören.
Wer glaubt, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, braucht keine Argumente mehr, sondern nur noch Gegner. Wer sich als Bollwerk gegen Populismus versteht, merkt irgendwann nicht mehr, dass er selbst populistische Muster benutzt: Verkürzung, Gruppenspott, Feindmarkierung, Verächtlichmachung. Nur eben mit besserer Garderobe. Der öffentlich-rechtliche Hochsitz erlaubt einen wunderbaren Blick auf das Land. Von dort oben sieht man alles: Rentner, Bauern, Handwerker, Pendler, Schlagerfans, Zweifler, Falschwähler, Ungeimpfte, Wutbürger, kleine Leute, die immer dann „kleine Leute“ heißen, wenn man groß über sie sprechen will. Man sieht sie nur nicht auf Augenhöhe. Entschuldigung? Aber wofür denn? Wird Oliver Welke sich entschuldigen? Vielleicht. Vielleicht mit einem ironischen Halbsatz, der gleichzeitig Entschuldigung und Selbstverteidigung ist. Vielleicht auch gar nicht. Vielleicht wird man erklären, es sei Satire gewesen, und wer Satire nicht verstehe, habe eben ein Problem. Das ist die bequemste Ausrede der Satiriker: Wenn der Witz nicht funktioniert, ist das Publikum schuld. Aber gute Satire erkennt man nicht daran, dass sie sich hinter dem Wort Satire verstecken muss. Gute Satire trifft präzise. Schlechte Satire spritzt breit und erklärt den Getroffenen anschließend, sie sollten sich nicht so anstellen.
Carpendale hat im Grunde wenig verlangt: Respekt vor seinem Publikum. Das ist nicht übertrieben. Es ist sogar erstaunlich bescheiden. Er hat nicht gefordert, die heute-show abzusetzen. Er hat keinen Rundfunkstaatsvertrag bemüht. Er hat nicht von Hassrede gesprochen. Er hat nur gesagt: Entschuldige dich. In einem Zeitalter, in dem sich ständig irgendwer für irgendetwas entschuldigen soll, wäre das eigentlich eine Kleinigkeit. Aber vielleicht liegt genau darin das Problem. Entschuldigen sollen sich immer die anderen: der Bürger für seine Vorurteile, der Rentner für seine Ölheizung, der Autofahrer für seine Mobilität, der Ostdeutsche für seine Wahlergebnisse, der Mann für seine Männlichkeit, der Deutsche für seine Geschichte, der Steuerzahler für seinen Wohlstand. Dass sich einmal das moralische Betreuungspersonal entschuldigen soll, ist offenbar eine Zumutung. Der Geruch kommt woanders her. Am Ende bleibt von diesem Vorgang tatsächlich ein merkwürdiger Geruch. Aber es ist nicht der Geruch der ersten Reihe bei Carpendale. Es ist der Geruch einer medialen Klasse, die sich an ihre eigene Überlegenheit gewöhnt hat. Der Geruch von Studios, in denen man über Menschen spricht, denen man nie begegnet. Der Geruch von Satire, die mutig ist, solange sie nichts riskiert. Der Geruch einer Empathie, die immer dort endet, wo der eigene Milieugeschmack beginnt. Howard Carpendale hat unbeabsichtigt einen kleinen Vorhang weggezogen. Dahinter sieht man nicht viel Neues. Aber man sieht es klarer. Die Verachtung der besseren Leute für die gewöhnlichen Leute ist nicht verschwunden. Sie hat nur eine neue Sprache gelernt. Früher sagte man: Pöbel. Heute sagt man: problematische Milieus. Der Unterschied ist kosmetisch. Und Oliver Welke? Er könnte aus der Sache lernen. Er könnte entdecken, dass alte Menschen nicht deshalb komisch sind, weil sie alt sind. Dass Schlagerfans nicht weniger Würde haben als Fernsehsatiriker. Dass eine Pointe nicht automatisch klug ist, nur weil sie im ZDF fällt. Und dass Empathie nicht darin besteht, sie ständig anderen zu predigen, sondern sie gelegentlich selbst aufzubringen. Vielleicht ist das zu viel verlangt. Denn wer jeden Freitag das Land erklärt, hat selten Zeit, es kennenzulernen.
